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KRIEG/1644: Angriff auf Mariupol - Es war nicht das erste Massaker ... (SB)




Es sollte schon zu denken geben, wenn der Angriff auf die ostukrainische Hafenstadt Mariupol, dem 30 Menschen zum Opfer fielen und durch den 100 weitere verletzt wurden, derzeit von Politikern der NATO-Staaten zu einem außergewöhnlichen und verbrecherischen Akt einer von den ostukrainischen Rebellen und Rußland zu verantwortenden Kriegführung hochstilisiert wird. So erklärte US-Außenminister John Kerry, "den schrecklichen Angriff von Rußland unterstützter Separatisten auf von Zivilisten bewohnte Stadteile Mariupols in den stärksten Worten zu verdammen", und drohte eine Verschärfung des Drucks auf Rußland an. Da noch nicht vollends geklärt ist, wer die Verantwortung für den Abschuß der Raketen trägt, wird das Ereignis für Interessen instrumentalisiert, die sicherlich nicht aus Trauer um die Opfer des Angriffs gespeist sind.

Auch wird das Ereignis in den Medien auf so breite Weise gewürdigt, wie man es sich auch für das Abfackeln des Gewerkschaftshauses in Odessa am 2. Mai 2014 gewünscht hätte. Der Anschlag, der mindestens 42 zum Teil grausam verbrannte Menschen das Leben kostete und durch neofaschistische Gruppen verursacht wurde, ist umfassend dokumentiert, doch wird das absichtliche Legen von Feuer an dem Gebäude in vielen großen Medien bis heute mit den Worten, das Gewerkschaftshaus habe "Feuer gefangen", unterschlagen.

Auf nicht annähernd gleiche Weise verurteilt wurde auch der Angriff ukrainischer Truppen, die von der durch neofaschistische Kämpfer durchsetzten Nationalgarde und dem Rechten Sektor begleitet gewesen sein sollen, auf das von Aufständischen besetzte Polizeipräsidium der Stadt Mariupol am 9. Mai 2014. Obwohl damals bis zu 30 Personen ums Leben kamen und weitere verletzt wurden, gelangte die Nachricht über das Ereignis in den großen Sendern und Zeitungen der Bundesrepublik kaum über eine Randnotiz hinaus. Das könnte auch damit zu tun gehabt haben, daß der 9. Mai als Tag der Befreiung der Sowjetunion und damit auch der Ukraine vom Faschismus unter den neuen Kiewer Machthabern nicht mehr auf traditionelle Weise begangen werden sollte. Darüber, ob der damalige Angriff auf Mariupol in diesem Kontext zu verorten ist, kann zwar nur gemutmaßt werden. Es sprechen jedoch einige Indizien dafür, daß auf diese Weise an den Aufständischen und der Bevölkerung der Stadt, die der neuen Führung in Kiew nur bedingt Folge leistet, ein Exempel statuiert werden sollte. [1]

Die revisionistische Umdeutung der Geschichte, von der der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk kürzlich in der ARD Zeugnis ablegte [2], kann der Bundesregierung und den an vorderster Stelle für das Kiewer Regime trommelnden Grünen nur peinlich sein. Obwohl sie in der historischen Verantwortung der Täter stehen, werden der in der Ukraine staatsoffiziell begangene Heldenkult um den NS-Kollaborateur Stepan Bandera wie auch die Umtriebe neofaschistischer Milizen weitgehend ignoriert.

Die Entwicklung in Mariupol als bloße Aggression der ostukrainischen Volksrepubliken und Rußlands zu deuten, greift auch deshalb zu kurz, als die Oligarchen in dieser verkehrs- und wirtschaftsstrategisch wichtigen Stadt so fest im Sattel sitzen, als habe es nie einen gegen ihre Herrschaft gerichteten Aufstand auf dem Maidan gegeben. Daß dieser schon bald von rechten Gruppierungen dominiert wurde, deren Kämpfer sich heute in Milizen verdingen, die im Sold nämlicher Industriellen und Banker stehen, kann auch als frühzeitige Wandlung eines sozialen Aufstands in eine bunte Konterrevolution mit geostrategischem Hintergrund verstanden werden. Die ostukrainischen Oligarchen haben sich auch auf die Seite der Kiewer Putschregierung geschlagen, weil sie den Aufstand der von ihnen abhängigen Arbeiterinnen und Arbeiter fürchten mußten. Wer erfahren will, wie diese zur Dominanz der westukrainischen Eliten in Kiew und dem gescheiterten Versuch, ihre Lebensbedingungen gegen den Willen der herrschenden Kleptokratie zu verbessern, stehen [3], ist ebenfalls auf Medien angewiesen, die sich nicht daran beteiligen, jeden Anlaß zur Rechtfertigung künftiger Maßnahmen gegen Rußland auszuschlachten.


Fußnoten:

[1] Massaker in Mariupol - Ukraine: Panzer attackieren Demonstranten am Tag des Sieges über den Faschismus.
http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Ukraine1/mariupol.html

[2] PROPAGANDA/1481: Der Russe kommt ... Jazenjuk schürt deutschen Revanchismus (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/kommen/prop1481.html

[3] Die Vision der New York Times von "Demokratie" in der Ukraine
https://www.wsws.org/de/articles/2014/05/24/nyti-m24.html

25. Januar 2015