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LAIRE/1340: CRISPR-Cas - fachkundige Täuschungen ... (SB)



Nach der Bekanntgabe eines Eingriffs in das Genom von Embryonen mittels der Gen-Schere CRISPR-Cas9 im November vergangenen Jahres in China setzte weltweit Empörung über den Vorstoß ein [1]. Von dem verantwortlichen Wissenschaftler, He Jiankui von der Southern University of Science and Technology in Shenzhen, hat man bald darauf nichts mehr gehört. In der anschließenden Debatte über die ethischen und medizinischen Implikationen dieser Art der genomischen Menschenzüchtung wurde deutlich, wie weit die Forschungen mittels dieser noch sehr jungen biomedizinischen Technik bereits gediehen war. Auch wenn China offenbar am weitesten vorgeprescht ist, Forschungen an menschlichen Embryonen mit Hilfe der Gen-Schere waren auch in den USA bereits durchgeführt worden. Allerdings ohne sie in eine Gebärmutter einzupflanzen.

Inzwischen besteht der Verdacht, daß He Jiankui nicht nur, wie von ihm behauptet, bei den von ihm behandelten Embryonen eine HIV-Resistenz erzeugen wollte, sondern daß auch eine Steigerung der kognitiven Fähigkeiten der behandelten Menschen beabsichtigt war, wie Florian Rötzer vom Onlinemagazin telepolis berichtete [2].

Ein HI-Virus kann nur dann in eine Zelle eindringen, wenn ihm dafür der Co-Rezeptor CCR5 zur Verfügung steht. Wird dieser ausgeschaltet bzw. mit der Gen-Schere herausgeschnitten, sollte die Zelle theoretisch immun sein. Ob das für die beiden in China geborenen Säuglinge Lulu und Nana gilt, ist nicht bekannt. Ohnehin bewegt man sich hier viel im Bereich des Spekulativen. Was nicht bedeutet, daß nicht entsprechende Fragen gestellt, Mutmaßungen vorgebracht und Folgerungen gezogen werden können. Zumindest von Versuchen an Mäuseembryonen weiß man, daß die Tiere, die eine Überexpression des Gen-Abschnitts CCR5 besaßen, der herausgeschnitten worden war, eine höhere Gedächtnisleistung besaßen [3].

In anderen Forschungsarbeiten war jedoch festgestellt worden, daß ein Mangel an CCR5 die Immunabwehr schwächt und beispielsweise die Empfänglichkeit für das West-Nil-Virus begünstigt [4].

Jetzt ließe sich spekulieren, ob He Jiankui die kognitiven Fähigkeiten von Menschen verbessern wollte und die HIV-Unempfänglichkeit womöglich nur als Vorwand benutzt hat, um den zu erwartenden öffentlichen Aufschrei abzumildern. Aber eigentlich müßte die Frage allgemeiner gestellt werden: Sind Menschen bereit, so etwas zu tun? Selbstverständlich! He Jiankui hat nicht isoliert vom übrigen Wissenschaftsbetrieb gearbeitet, sondern ist sein Produkt. Und was die implizite Frage betrifft, ob Menschen ein Interesse daran haben, leistungsfähigere Artgenossen hervorzubringen oder auch sich selbst einem "Enhancement" (Verbesserung) zu unterziehen, ist nicht mal mehr Spekulation. Es wird schon längst praktiziert.

Die Bandbreite von Maßnahmen, mittels derer Menschen ihre Leistungsfähigkeit steigern wollen, reicht von harmlosen Gewohnheiten wie Kaffeetrinken über Yoga bis zur Einnahme von Methamphetaminen. Doping im Sport ist im übrigen ein seit Jahrzehnten befeuertes Dauerthema. (Beim "Wunder von Bern" der Fußballweltmeisterschaft 1954 kam nach Ansicht der gegen Deutschland unterlegenen Ungarn ebenfalls Doping ins Spiel.) Daß auch beim Militär auf Befehl von oben mit pharmazeutischen Mitteln wie Pervitin gearbeitet wurde, ist hinlänglich bekannt. Im zweiten Weltkrieg wurde das Mittel von den deutschen Soldaten massenhaft eingenommen. Diese enthemmenden, angstunterdrückenden Substanzen besaßen Spitznamen wie "Hermann-Göring-Pillen", "Stuka-Tabletten" oder "Panzerschokolade" [5].

Doping und Enhancement gründen sich auf das gleiche Interesse wie der weitreichendere Eingriff mittels der Gen-Schere. Vor diesem Hintergrund war es nur eine Frage der Zeit, wann am embryonalen Erbgut des Menschen danach geforscht würde, wie man diesem naturgegebenem heranwachsendem Fleisch seinen genomischen Stempel "enhanced!" aufdrücken könnte. Die Forderung nach weltweit gültigen ethischen Standards läuft den vollendeten Tatsachen hinterher.

Weil in dem Wunsch zur Leistungssteigerung (unter anderem aufgrund der hier besprochenen erhöhten kognitiven Fähigkeiten) in der Regel der Vergleich nicht nur zur eigenen Leistung, sondern auch zur Leistung anderer Menschen steckt, kann man von einem prinzipiellen Interesse an solchen Forschungen sprechen. Die umstrittene Frage dürfte wohl eher lauten, wer über diese Technologie verfügt und wer führend in der Forschung ist. Westliche Unternehmen und Nationen wollen das Feld nicht China überlassen und umgekehrt China nicht dem Westen.

Ein verwandtes Beispiel: Forschende der Pflanzenzüchtung und Agrowirtschaft der Europäischen Union waren geradezu entsetzt, als der Europäische Gerichtshof im Sommer vergangenen Jahres entschieden hat, daß (pflanzliche) Organismen, an denen ein genomischer Eingriff vorgenommen wurde, der vergleichsweise strengen EU-Gentechnikgesetzgebung unterliegen [6]. Unter Forscherinnen und Forschern, die in diesem Fall nicht mit der Grünen, sondern der Roten Gentechnik zu tun haben - zumal wenn sie in der Industrie tätig sind -, dürften ähnliche Bedenken anzutreffen sein. Das bedeutet aber, daß auch hier eine wesentliche Bedingung erfüllt ist, nämlich das Interesse an Menschenzüchtung. Zu dieser Kategorie kann auch das Heilen von Erbkrankheiten mittels der Gen-Schere CRISPR-Cas gerechnet werden.

Ein kurzer Exkurs ergänzt die Behauptung, daß Menschenzüchtung stattfindet: Schon vor langem wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß Menschen ihre Artgenossen beherrschen konnten. Man könnte auch von "zurichten" sprechen, was dem Züchten schon nahe kommt. Beispielsweise findet eine fundamentale Indoktrination - frei übersetzt: in jemanden ideologisch eindringen und in ihm herumdoktern, um ihn zu einem gewünschten Verhalten zu bewegen - bereits in der Schule statt. Dabei macht es keinen prinzipiellen Unterschied, ob jemand mit allen Mitteln der pädagogischen Kunst auf den Konsumismus der kapitalistischen Warenwelt, den großen Führer Kim, das "Make America Great Again!" eines Donald Trump oder, noch allgemeiner und viel weniger angreifbar, das Dasein als Lohnempfänger orientiert wird. Im Ergebnis kommen dabei folgsame Menschen heraus, denen die Fähigkeit, sich der Zurichtung zu entziehen, erfolgreich ausgetrieben wurde.

Nun kommt das Genome-Editing als weiteres Mittel, um ein herrschaftsförmiges Menschenbild tief in den biologischen Strukturen zu verankern, hinzu.


Fußnoten:

[1] http://schattenblick.de/infopool/politik/meinung/pola1335.html

[2] http://www.heise.de/-4315756

[3] https://elifesciences.org/articles/20985

[4] http://jem.rupress.org/content/203/1/35

[5] http://www.taz.de/!336058/

[6] http://schattenblick.de/infopool/umwelt/redakt/umge-313.html

22. Februar 2019


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