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ASIEN/663: Nachschub der NATO für Afghanistan unter Beschuß (SB)


Besatzungsmächte suchen fieberhaft nach alternativen Routen


Die Kriegsführung der NATO in Afghanistan ist mit einem ungeheuren Aufwand verbunden, der den mächtigsten Aggressionskomplex der Welt nicht zuletzt mit Blick auf den Nachschub vor immer schwerer zu bewältigende finanzielle, logistische und militärische Probleme stellt. Wie das Transatlantische Bündnis in Brüssel mitgeteilt hat, ist erstmals ein Konvoi über Rußland nach Afghanistan gebracht worden. Nachdem man Monate damit zugebracht hatte, über alternative Routen zu verhandeln, konnte die erste Lieferung auf Gleisen am 14. Mai die lettische Hauptstadt Riga verlassen, worauf sie am 9. Juni in Afghanistan ankam. Nach Angaben der NATO enthielt der Konvoi 27 Container mit Baumaterial und Nahrung, wobei man plant, in den kommenden Monaten weitere Konvois auf diesem Weg zu befördern. [1]

Bislang führten die Transporte mit Nachschub für die internationalen Besatzungstruppen in Afghanistan meist über Pakistan. Dort sahen sich die Konvois jedoch immer wieder Angriffen ausgesetzt, wobei es Rebellen erst vor wenigen Tagen gelungen ist, in einem Vorort von Islamabad mindestens 140 Fahrzeuge zu zerstören. Dabei hatten mutmaßliche Taliban-Kämpfer einen Konvoi der NATO erstmals in unmittelbarer Nähe der pakistanischen Hauptstadt angegriffen, die bis dahin als sicher galt. Wie die Polizei mitteilte, attackierten mehr als zehn Angreifer auf Motorrädern einen Rastplatz, wo sie das Feuer eröffneten und parkende Lastwagen in Brand steckten. Dabei wurden sechs Fahrer erschossen, während ein weiterer in seinem Fahrzeug verbrannte. Der Feuerwehr gelang es erst nach Stunden, den anschließenden Großbrand unter Kontrolle zu bringen. Bei dem Angriff wurden etwa 60 Lastwagen samt 80 Militärfahrzeugen auf den Ladeflächen zerstört. Bislang hat sich niemand zu der Tat bekannt. [2]

Rund 20 Prozent ihres militärischen Nachschubs für Afghanistan haben die US-Streitkräfte bislang über den US-Luftwaffenstützpunkt auf dem Flughafen Manas nahe der kirgisischen Hauptstadt Bischkek abgewickelt. So wurden allein im Jahr 2009 insgesamt 460.000 US-Soldaten von oder nach Afghanistan über Manas transportiert. Für Washington stellt es daher eine unabwendbare Notwendigkeit dar, sich den Zugriff auf diesen Stützpunkt zu erhalten. Dem Vernehmen nach traf sich der für diese Region zuständige US-General David Petraeus am 17. März mit dem innenpolitisch bedrängten Präsidenten Bakijew, um ihm im Gegenzug für die Errichtung eines "Antiterrorzentrums" der NATO im Süden des Landes 5,5 Millionen US-Dollar anzubieten. Wenig später wurde Bakijew jedoch gestürzt, worauf Rosa Otunbajewa in die entstandene Lücke stieß, die sich in den Reihen der Opposition einen Führungsanspruch verschafft hatte. Die demokratisch bislang nicht legitimierte Interimspräsidentin wurde umgehend von Moskau anerkannt und scheint derzeit ihre Vorteile in einer stärkeren Kooperation mit Rußland zu suchen, was die USA dazu veranlassen könnte, einen erneuten Führungswechsel in Bischkek zu betreiben. [3]

Wie aus aktuellen Berichten hervorgeht, beauftragen die USA, die den überwiegenden Teil ihres Nachschubs auf dem Landweg nach Afghanistan transportieren, private Sicherheitsunternehmen mit dem Schutz der Transportrouten. Da diese durch Gebiete verlaufen, die ganz oder teilweise von den Taliban oder anderen Gruppierungen des Widerstands kontrolliert werden, fließen enorme Bestechungsgelder, damit die Konvois unbeschadet passieren können. Dies führt dazu, daß erhebliche Summen, die in die Aufrechterhaltung des Nachschubs investiert werden, mehr oder weniger direkt die Kriegskasse der Rebellen füllen. Zugleich profitieren lokale Machthaber von diesem Geschäft, die sich nicht nur Kämpfe mit Konkurrenten um die begehrten Aufträge liefern, sondern im Zweifelsfall sogar ihrerseits US-Konvois angreifen, um ihre Unentbehrlichkeit nachdrücklich unter Beweis zu stellen. Bei einigen führenden Akteuren dieser Branche handelt es sich offenbar um Verwandte Präsident Hamid Karsais, so daß die Verstrickung mit der Marionettenregierung in Kabul für zusätzliche Verwirrung der Verhältnisse sorgt.

Daß dieser Krieg für die Besatzungsmächte sehr viel schwerer zu führen ist, als sie das bislang zugegeben haben, mußten USA und NATO dieser Tage in Brüssel einräumen. "Niemand würde leugnen, daß die Anzeichen für Fortschritte zu diesem Zeitpunkt nur vorläufig sind, daß sie fast anekdotisch sind", erklärte US-Verteidigungsminister Robert Gates, der dennoch behauptete, es würden langsam nachhaltige Fortschritte erzielt. Er bat zugleich um Geduld und unterstrich, daß sich Erfolge weder schnell, noch ohne hohe Kosten einstellten. Aufkeimende Kritik an der US-amerikanischen Strategie wies er mit dem Hinweis zurück, die Verstärkung sei schließlich erst einige Monate im Land, und ein Kampf gegen Aufständische benötige recht viel Zeit. Die Islamisten leisteten "erbitterten Widerstand", stieß NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen vor Vertretern der Allianz ins selbe Horn. So mochten die Verteidigungsminister der NATO-Staaten in einer gemeinsamen Erklärung nur von "verhaltenen Erfolgen" sprechen, ja sie räumten sogar ein, daß der Sieg "noch nicht sicher" sei. [4]

Ungeachtet der schwierigen Lage in Afghanistan hält Generalsekretär Rasmussen an dem Plan fest, zum Jahreswechsel mit der Übergabe der Sicherheitsverantwortung an einheimische Kräfte zu beginnen. Dies sei immer noch ein realistisches Ziel, behauptete er beim Treffen der 46 Länder, die Soldaten für die Internationale Afghanistan-Schutztruppe ISAF stellen. Um keine defätistische Stimmung zuzulassen, die allzu rasch auf die Bevölkerung der Mitgliedsländer übergreifen und zur galoppierenden Kriegsmüdigkeit an der Heimatfront führen könnte, verkündete der Oberkommandierende in Afghanistan, US-General Stanley McChrystal, forsch, man werde bis Jahresende Fortschritte vorweisen können. Auch US-Verteidigungsminister Robert Gates erwartet in den kommenden Monaten Erfolge gegen die Taliban, da die Verbündeten wieder die militärische Initiative hätten. [5]

Mit knapp neun Jahren ist der Kampf in Afghanistan einer der längsten Kriege in der Geschichte der USA. US-Präsident Barack Obama hat weitere 30.000 Soldaten an den Hindukusch entsandt, wo sie vor allem beim Angriff auf die Taliban-Hochburg Kandahar eingesetzt werden. Laut offiziellem Zeitplan gilt der Sieg in Kandahar als eine wesentliche Voraussetzung für den angekündigten Beginn des Abzugs der ausländischen Truppen im Juli 2011. In jüngsten Meldungen zum Verlauf der Großoffensive ist von erheblichen Problemen und Verzögerungen die Rede, da in der ansässigen Bevölkerung heftige Ablehnung der Kampagne um sich greift. Die klare Unterscheidung zwischen Zivilisten, die man schützen, und aufständischen Taliban, die man mit Waffengewalt verfolgen und besiegen will, existiert nur als Fiktion in der Doktrin der Besatzungsmächte. De facto handelt es sich um einen Krieg gegen die Afghanen, deren Land die Okkupationsmächte dauerhaft in Beschlag nehmen wollen.

Anmerkungen:

[1] Neue Nachschub-Route (12.06.10)
http://www.sueddeutsche.de/x5b38f/3387293/Neue-Nachschub-Route.html

[2] 140 Fahrzeuge der Nato zerstört, sieben Fahrer tot (10.06.10)
http://www.welt.de/die-welt/politik/article7981187/140-Fahrzeuge-der-Nato-zerstoert-sieben-Fahrer-tot.html

[3] DILJA/1282: Bürgerkriegsgefahr in Kirgisien alles andere als ethnisch begründet (SB) (11.06.10)
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/meinung/polm1282.html

[4] USA und Nato - Kommen in Afghanistan nur langsam voran (11.06.10)
http://de.reuters.com/article/worldNews/idDEBEE65A0KS20100611

[5] NATO hält an Afghanistan-Zeitplan fest (11.06.10)
http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_5677418,00.html

12. Juni 2010