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MILITÄR/921: Israel - Stolperrüstung ... (SB)


Israel - Stolperrüstung ...


1993 nahm das Projekt zum Bau eines Kampfjets der fünften Generation, der die F-15 und F-16 des Pentagons ersetzen sollte, seinen Lauf. Herausgekommen ist der F-35 Lightning II von Lockheed Martin. Der Stückpreis für die Tarnkappen-Maschine liegt bei sage und schreibe 100 Millionen Dollar. Mit geschätzten Kosten von 1400 Milliarden Dollar für Entwicklung, Herstellung und Betrieb gilt die F-35 als teuerstes Rüstungsvorhaben der Militärgeschichte. Daran wird sich vermutlich nichts ändern. Denn Amerikas vermeintliche Wunderwaffe ist derart störanfällig, daß man den Abschluß der reguläre Testphase nicht abgewartet, sondern bereits 2017 die ersten Exemplare an die US-Armee ausgeliefert hat. Insgesamt sollten Heer, Luftwaffe, Marine und Marineinfanterie sowie Luftwaffe 2.457 Exemplare des Flugzeugs - jeweils in einer eigenen Konfiguration pro Teilstreitkraft - erhalten. Hunderte weitere Maschinen sollen die US-Verbündeten Australien, Dänemark, Großbritannien, Israel, Italien, Kanada, die Niederlande, Norwegen, Südkorea und die Türkei erhalten. Derzeit droht Washington Ankaras Bestellung von 100 F-35 allerdings aus Verärgerung darüber, daß die Türkei das russische Abwehrsystem S-400 Triumpf bestellt hat, zu stornieren.

Über die umfangreichen Probleme und Pannen beim F-35 ärgern sich Amerikas Rüstungsprüfer seit Jahren. Weil die Maschine nur einen Motor hat, erzeugt dieser soviel Druck, daß giftige Gase ins Cockpit eindringen und die Piloten bewußtlos machen. Die Software zur Steuerung der Avionik ist derart kompliziert, daß die Bordcomputer im Schnitt nach bereits vier Stunden abstürzen und einen Reboot am Boden erforderlich machen. Des weiteren sollen die Flugeigenschaften des F-35 die in sie gesetzten Erwartungen nicht annähernd erfüllen. Bei bestimmten drastischen Manövern besteht die Gefahr, daß das Flugzeug einfach vom Himmel fällt. 2015 mußte sogar der erste öffentliche Auftritt des F-35 auf der Farnborough International Airshow in England abgesagt werden, weil wenige Tage zuvor ein F-35-Kampfjet unmittelbar vor dem Trainingsflug in Florida auf der Startbahn plötzlich in Flammen aufgegangen war.

Auch 2018 reißt die Pannenserie beim F-35 nicht ab. Im April hat das US-Verteidigungsministerium die Annahme weiterer F-35-Maschinen vorübergehend gestoppt. Anlaß war ein Disput mit Lockheed Martin, wer die Kosten für die Behebung eines Produktionsfehlers, der in 200 Maschinen gefunden worden war, tragen sollte. Am 22. Mai hat die Fachzeitschrift Ars Technica die jüngste Hiobsbotschaft gemeldet. Demnach geht aus dem Bericht des Verteidigungsausschusses des Repräsentantenhauses über den Wehretat, den 2019 National Defense Authorization Act (NDAA), hervor, daß die Marineversion des F-35 Lightning II, auch Joint Strike Fighter (JSF) genannt, wegen seiner kleinen Treibstofftanks über eine zu kurze Reichweite verfügt und sich folglich als Waffe zur Überwindung zum Beispiel der Abwehrraketenbatterien an der chinesischen Küste nicht eignet.

Die F-35C hat eine Reichweite von 1200 Seemeilen, kann also Ziele in bis zu 600 Meilen Entfernung angreifen und es zurück zum Flugzeugträger schaffen. Seit 2010 verfügt die Volksarmee über die ballistische Anti-Schiff-Rakete Dong Feng 21D, auch DF-21D genannt, die feindliche Kriegsschiffe in einer Entfernung von 900 Seemeilen treffen und versenken kann. Also müßte das Pentagon ein Tarnkappen-Tankflugzeug entwickeln und bauen lassen - wegen der Größe vermutlich eine extrem schwierige Aufgabe -, damit die F-35C überhaupt chinesische Küstenstellungen angreifen könnte, während der Flugzeugträger den nötigen Abstand zum Festland der Volksrepublik hält. Derzeit basteln Boeing, Lockheed Martin, General Atomics und Northrop Grumman jeweils an eigenen Prototypen eines solchen Flugzeugs, das derzeit die Bezeichnung MQ-25 Stingray trägt, so Ars Technica.

Schützenhilfe für Lockheed Martin kommt derweil aus Israel, dessen Luftwaffe als erster Auslandskunde bereits Ende 2016 neun F-35-Maschinen erhalten hat. Statt wie die meisten anderen Vertragspartner ihre Piloten zwecks Probeflügen in die USA zu schicken, hat Israel in Absprache mit Hersteller und Pentagon die Flugtests der F-35 im eigenen Land durchgeführt. Ende 2017 hat das israelische Verteidigungsministerium die Aufnahme der F-35 in den regulären Dienst gemeldet. Am 22. Mai hat Kommandeur Amikam Norkin von der israelischen Luftwaffe auf einer Konferenz, an der Militärs aus 20 Staaten teilnahmen, von der Durchführung der ersten Kampfeinsätze der F-35 "gleich an zwei Fronten" berichtet. Genauere Details wurden nicht preisgeben. Man geht davon aus, daß es sich um Luftangriffe der letzten Tage gegen Tunnels der Hamas im Gazastreifen und gegen iranische Stellungen in Syrien handelt.

In einem Beitrag über die spektakuläre Enthüllung Norkins berichtete Anshel Pfeffer am 24. Mai auf der Website der liberalen israelischen Tageszeitung Ha'aretz und erwähnte dabei die Anwesenheit von Lockheed-Martin-Vorstandschef Marillyn Hewson auf der Luftwaffenkonferenz. Entlarvend für die dem F-35-Projekt zugrunde liegende Motivlage war der Absatz, mit dem Pfeffer seinen Artikel abschloß:

Norkins Bekanntmachung war nicht nur an Israels Feinde, sondern auch an seine Freunde adressiert. Die Nachricht, daß die F-35 inzwischen im Kampf erfolgreich getestet worden ist, dürfte Musik in Hewsons Ohren gewesen sein. "Lockheed Martin brauchte diesen Schub", sagte ein Offizier der israelischen Luftwaffe diese Woche. "Deshalb waren sie bereit, uns alle Wünsche zu erfüllen und die Flugzeuge vor jeden anderen Käufern an Israel auszuliefern."

26. Mai 2018


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