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BERICHT/268: Initiativvorschläge - koordinierte Effizienz ... (SB)



Und du weißt, das wird passieren,
wenn wir uns organisieren.

Ton Steine Scherben - Allein machen sie dich ein

Siebenmal werden die letzten beiden Zeilen, die von der Notwendigkeit des Organisierens künden, im Refrain des Liedes "Allein machen sie dich ein" wiederholt. Vor 45 Jahren verliehen die Scherben in ihrem mit trockener Unerschrockenheit vorgetragenen Song "Allein machen sie dich ein" dem Vorhaben, sich durch die Übermacht der herrschenden Kräfte nicht einschüchtern zu lassen, sondern sich zusammenzuschließen, musikalischen Ausdruck. "Nicht allein sein" läßt sich auch mit "stärker werden" übersetzen. An der Einsicht, daß die Atomisierung und Spaltung der Menschen ihre Ohnmacht besiegelt, hat sich fast ein halbes Jahrhundert später nicht nur nichts verändert. Die andere Seite, als die sich der Kapitalismus mit seinen Geld- und Funktionseliten, mit seinen unternehmerischen Verwertungsstrategien, staatlichen Gewaltimperativen und sozialen Verelendungsdiktaten aus der Sicht derjenigen, die diese Vormachtstellung nicht akzeptieren, darstellt, hat die gescheiterten Versuche seiner Abschaffung genutzt, um das System der Isolation und Sozialkontrolle wenn nicht unumkehrbar zu machen, dann zumindest in furchterregender Perfektion auszubauen.

Dieser Sachstand muß hier nicht weiter ausgeführt werden, er kann jeden Tag in den Nachrichten über neue technologische Entwicklungen und den Ausbau exekutiver Vollmachten studiert werden. Der Totalität dieser global wirkmächtigen Offensive gegen die verbliebenen Potentiale unbeherrschbarer und unkontrollierbarer Subjektivität etwas entgegenzustellen, was nicht auf den ersten Metern repressiv niedergemacht oder sozialstrategisch vereinnahmt wird, ist das Anliegen einer radikalen Linken, die ein außerhalb spektakulärer Aktionen gesellschaftlich kaum mehr wahrgenommenes Dasein in den Reservaten alternativer Lebens- und Sozialkultur fristet.

Wie dies anzustellen sei, ist Gegenstand eines seit Jahren währenden Diskussionsprozesses, der von Menschen, die den daran beteiligten Gruppen nicht angehören, anhand im Netz verfügbarer Problemanalysen und Positionsbestimmungen nachvollzogen werden kann [1]. Dieses vielstimmige Gespräch wurde vom 28. bis 30. April im Rahmen eines von diversen Basisinitiativen und politischen Gruppen veranstalteten Kongresses fortgesetzt. "Selber machen - Konzepte von Basisorganisierung, Gegenmacht und Autonomie" lautete das Motto des Treffens, an dem auch Aktivistinnen und Aktivisten aus Italien, Griechenland, Lateinamerika, Kurdistan und der Türkei teilnahmen. Es fand im einstmals besetzten Bethanien in Berlin-Kreuzberg statt. Der weitläufige, im 19. Jahrhundert als Krankenhaus errichtete Gebäudekomplex dient heute als offenes Zentrum für selbstverwaltete Projeke, öffentliche Einrichtungen, Sozial- und Kunstinitiativen. Im "Rauch-Haus-Song" haben die Scherben die Besetzung des ehemaligen Schwesternwohnheims im Bethanien und dessen gewaltsame Räumung 1972 verewigt.

Vorab wurden Fragen [2] formuliert, die als Leitlinien in diversen Workshops über Beispiele praktizierter Selbstorganisation dienen und auf dem Abschlußplenum im Ergebnis des Treffens diskutiert werden sollten. In ihnen wird auf wesentliche Inhalte der Debatte eingegangen, die nicht nur für die anwesenden Gruppen bedeutsam sind, sondern die linke Bewegung bei aller Heterogenität zumindest in ihren kritischen Implikationen als Ganzes betreffen. Daß diese Fragen im zeitlich begrenzten Rahmen des Kongresses nicht beantwortet werden konnten, war den an seiner Ausrichtung Beteiligten sicherlich im Vorwege klar. Sie verliehen im Aufruf denn auch der Hoffnung Ausdruck, daß auf dem Kongreß "Impulse für die langwierigen Aufbauprozesse zustande kommen, denen wir alle uns in den kommenden Jahren widmen werden müssen - wenn wir gegen Staat, Kapital und reaktionäre Krisenlösungsstrategien wirkliche Alternativen von links zur Debatte stellen wollen" [3].

Diese Impulse wurden zweifellos gegeben, wie sich auf dem im Freien mit rund 200 Leuten abgehaltenen Abschlußplenum zeigte. Zwei kurze Eingangsreferate eröffneten eine Diskussion, in der vieles angesprochen wurde, was das ganze Ausmaß der Notwendigkeit unterstrich, einen zwischen Theorie und Praxis vermittelnden Aufbauprozeß zu initiieren, der der radikalen Linken wieder größeren gesellschaftlichen Einfluß eröffnet und eine Gegenmacht formiert, die diesen Anspruch auch dadurch erfüllt, sich gegen die bekannten Integrationsschritte der Professionalisierung, Akademisierung und Institutionalisierung immun zu machen.


Plakat zur Konferenz 'Selber Machen' - Foto: 2017 by Schattenblick

Ankündigung auf der Konferenz "Die kapitalistische Moderne herausfordern III" in Hamburg
Foto: 2017 by Schattenblick

Von Basisorganisierung in Südeuropa lernen

Ein Vertreter des Malaboca-Medienkollektivs aus Frankfurt/Main berichtete über Organisierungsansätze in Spanien, Italien und Griechenland, wohin die Gruppe gereist war, um sich angesichts der verbreiteten Ratlosigkeit inspirieren zu lassen. In den Worten eines spanischen Aktivisten gegen Zwangsräumungen, die dort von einer Vielzahl von Menschen, die die horrenden Mieten nicht mehr zahlen können, bekämpft und verhindert werden, wiedergegeben bestehe auf allen Feldern des Kampfes um Wohnen, Bildung, Gesundheit und Nahrung die wichtigste politische Aufgabe darin, auf der Grundlage alltäglicher Widerspruchserfahrungen kollektive und potentiell revolutionäre Subjektivitäten aufzubauen. Indem sich die Linke in diese Kämpfe einmische, könne sie von dort aus versuchen, ein Vertrauensverhältnis zu den Betroffenen aufzubauen, was auch deren politisches Denken und Bewußtsein verändert.

Die Erkenntnisse, die die Aktivistinnen und Aktivisten von Malaboca auf ihren Reisen gemacht haben, wurden in vier Punkten zusammengefaßt. Zuerst sei sehr wichtig, bei den konkreten Problemen der Leute anzusetzen als Ausgangspunkt der Organisierung in der politischen Arbeit. Die alltäglichen Probleme des Mangels an Wohnraum oder Gesundheitsversorgung seien wesentlich einfacher zu vermitteln als die abstrakten Mechanismen, die diese Probleme hervorbringen. Zum zweiten gehe es darum, nicht eine anonyme Öffentlichkeit über Medien anzusprechen oder ein Problem im luftleeren Raum zu thematisieren, sondern soziale Kontakte herzustellen und ein von gegenseitigem Vertrauen getragenes Arbeitsverhältnis zu entwickeln. Bei Kampagnen hierzulande habe man es eigentlich immer mit einer anonymen Öffentlichkeit zu tun, von der man nicht wisse, wie man sie am besten anspreche und die meistens auch nicht zuhöre. Im Mailänder Stadtteil Giambellino, wo die Gruppe ein Nachbarschaftskomitee besuchte, würden hingegen Freundschaften und Verbindungen geschaffen, die vorher nicht existierten. Erst auf der Grundlage, Menschen zu erreichen, die ohnehin viel Zeit miteinander verbringen, sei politische Arbeit erfolgreich, dann hörten die Leute auch zu.

Zum dritten gehe es darum, konkrete, selbstorganisierte Lösungswege für die Probleme anzubieten, mit denen die Menschen zu kämpfen haben. So habe das Nachbarschaftskomitee in Mailand mit Familien, die keine Wohnung hatten und sich keine leisten konnten, leerstehende Wohnungen besetzt, also zu einem konfrontativen Mittel gegriffen, mit dem auch noch das herrschende Eigentumsverständnis angegriffen wurde. Auch habe das Nachbarschaftskomitee für Familien, die zu arm sind, um sich einen Urlaub leisten zu können, ein Wochenende in einem besetzten Haus in Genua organisiert. 35 Leute aus allen Generationen seien zusammen dorthin gefahren, was das Vertrauen unter den Leuten, etwas unternehmen zu können, was sonst nicht möglich wäre, ohne daß es mit einem politischen Inhalt beladen war, enorm verstärkt habe.

Zum vierten unterstrich der Aktivist von Malaboca den Primat einer politischen Praxis, die nicht aus dem Studium an der Universität oder aus Büchern, sondern aus der direkten Erfahrung hervorgehe. Für die deutsche Linke gelte es zu lernen, in den jeweils eigenen Lebensverhältnissen und Orten Widersprüche und Konfliktfelder auszumachen, die für eine selbstorganisierte Politik geeignet sind. Bei aller Faszination, die von den sozialen Bewegungen Südeuropas ausgehe, bestehe auch dort das Problem, die auf lokaler Ebene erreichten Erfolge auf eine höhere Ebene zu bringen, wo sich eine politische Kraft formieren lasse, die über den lokalen Rahmen hinausgeht und gemeinsames Lernen ermöglicht. Der Gefahr, daß die Aktivitäten auf lokaler Ebene alle Zeit und Kraft in Beschlag nehmen, darüberhinaus tätig zu werden, müsse auch hierzulande entgegengetreten werden.

Zuguterletzt sei es am wichtigsten, aber auch am schwersten für alle, eine ernsthafte und echte Lernbereitschaft zu entwickeln, neue Aktionsfromen auszuprobieren, auf neue Leute zuzugehen, längst nicht mehr hinterfragte Ideen zu kritisieren und neue Vorschläge zu machen, wie es weitergehe und was zu erreichen sei. Eine Genossin aus Mailand habe erklärt, daß sie in den letzten fünf Jahren die Hälfte ihrer Freunde durch den politischen Prozeß des Umdenkens verloren, aber in der selben Zeit mindestens doppelt so viele neue dazugewonnen hätten, lautete das ermunternde Wort zum Schluß seines Vortrages.


Fronttransparent 'Veränderung selbermachen' - Foto: © 2017 by Schattenblick

Organize!-Demo am 30. April im Berliner Wedding
Foto: © 2017 by Schattenblick

Selber machen - nicht der einzige Schritt im sozialen Kampf

Vermutlich bedarf die Aktivistin vom Kollektiv Bremen keiner weiteren Ermutigung, den angestrebten Veränderungsprozeß in Angriff zu nehmen, zeichnet ihre Gruppe doch für das im Sommer 2016 veröffentlichte Papier "11 Thesen für eine grundlegende Neuausrichtung linksradikaler Politik" verantwortlich. Der darin trotz massiver gesellschaftlicher Krisenentwicklung als weitgehend irrelevant beschriebene Sachstand linksradikaler Politik, die schonungslose Analyse der Probleme, die diesen seit langem beklagten Zustand bedingen und die für erforderlich gehaltenen Schritte, zu neuer Geschlossenheit und Kampfkraft zu gelangen, sind ein exemplarisches Zeugnis konstruktiver Selbstkritik. Sie regte dazu an, den Zusammenhang von Basisorganisierung und gesamtgesellschaftlicher Veränderung noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Halte man, wie sie es tun, am Ziel einer grundlegenden emanzipatorischen Gesellschaftveränderung fest und strebe eine Gesellschaft an, die nicht von oben regiert oder diktiert wird, sondern sich in welcher Form auch immer von unten organisiert, dann sei dieses Ziel nicht mit einer marginalisierten Minderheit zu erreichen. Dies müsse, ob sie es wollten oder nicht, von einem breiten und kontinuierlichen gesellschaftlichen Prozeß getragen werden. Basisorganisierung als Strategie, mehr Menschen die Möglichkeit zu geben, ein kritisches Bewußtsein und die Motivation zu entwickeln, sich an dem Kampf gegen dieses System zu beteiligen, wie als Methode der Gesellschaftsveränderung und eines kollektiven Prozesses, in dem sich Subjektivität entwickeln kann, sei dazu das Mittel der Wahl.

Da sie nach der Veröffentlichung der "11 Thesen" bei der Diskussion mit anderen Gruppen festgestellt hätten, daß unter dem Konzept der Selbst- und Basisorganisierung immer noch unterschiedliche Dinge verstanden werden, während sich zudem Fragen zur historischen Bestimmung revolutionärer Bewegungen auf der Basis der Analyse heutiger Bedingungen stellten, wolle ihr Kollektiv drei für den aktuellen Stand wesentliche Fragen benennen. So sei der Anspruch, der dem Vorhaben der Basis- und Selbstorganisierung zugrunde liegt, zu präzisieren. Es sei nicht geklärt, ob es um die Selbstorganisierung der radikalen Linken in ihrem eigenen Alltag gehe oder einer revolutionären Bewegung, die Analysen der gesellschaftlichen Bedingungen anstellt und daraus ableitet, wo Potentiale für Basisorganisierung in der Gesellschaft zu finden sind, wie Strategien entwickelt werden, die diesen Prozeß anstoßen, und wo sich Hindernisse auftun.

Wie sei eigentlich das Verhältnis zwischen Initiativkräften wie dem Kollektiv Bremen, dessen Mitglieder die Möglichkeit hatten, sich ein kritisches Bewußtsein anzueignen, um hier und jetzt gegen dieses System zu kämpfen, und den Leuten, die sich erst einmal aus einer materiellen Notlage heraus wehren, bestimmt? Ihr Kollektiv wolle diese Frage jedenfalls nicht, wie in der Vergangenheit häufig üblich, auf autoritäre Weise beantworten, sondern die eigenen politischen Werte darin wiederfinden.

Als zweites stelle sich die Frage nach der Form gesellschaftlicher Basisorganisierung, die unter anderem auch wesentlich dafür sei, nicht im Endeffekt soziale Arbeit zu verrichten und die revolutionäre Perspektive darüber aus den Augen zu verlieren. Dabei sei auch die Organisationsform der Räte zu diskutieren. Diese spezifische Form sei zum dritten auch für die Bewältigung des Problems erforderlich, daß etwaige Potentiale der Gesellschaftsveränderung tagtäglich sehr organisiert und strategisch verschleiert, zerstört und gespalten werden. Die Erfordernis eigener Organisierung ergebe sich zudem aus der Instrumentalisierung rechter, rassistischer oder religiös-fundamentalistischer Ideologien für Herrschaftszwecke.

In Reaktion auf autoritäre Organisierungsansätze und durch den Verlust an Wissen über antiautoritäre Alternativen, die bereits versucht wurden, bedingt sei die Skepsis in der radikalen Linken gegenüber dem Anspruch auf Selbstorganisieurng weit verbreitet. Um so dringlicher sei die Diskussion darüber zu führen, wie sich Gruppen organisieren können, die Basisarbeit als Methode der Gesellschaftsveränderung nutzen wollen. Auch angesichts ideologischer Unterschiede sei die Bereitschaft, sich Mühe zu geben, einander zuzuhören und um eine gemeinsame Strategie zu ringen, zentral. Viele Gruppen seien unzufrieden mit ihrer Praxis und befänden sich in einem Suchprozeß. Ihr verbindendes Element bestehe in der Erkenntnis, eine gesellschaftliche Verankerung zu benötigen, auf keine vorschnellen Lösungen hereinzufallen oder neue Dogmen zu erschaffen, sondern die offenen Fragen tief und ernsthaft zu diskutieren, um eine Bewegung zu werden, die auch als gesellschaftliche Kraft in Erscheinung tritt.


Verschiedene Mobilisierungs-Plakate auf dem Fußboden - Foto: © 2017 by Schattenblick

Mobilisierung von unten
Foto: © 2017 by Schattenblick

Kritik und Selbstkritik produktiv gemacht

In der anschließenden Diskussion mit dem Plenum, die trotz der vielen Anwesenden sehr solidarisch und damit produktiv verlief, wurden Fragen aufgeworfen, die zum Teil an den Referenten und die Referentin gerichtet waren, es wurde aber auch ganz allgemein diskutiert oder eine eigene Position in den Raum gestellt. Wie beim gesamten Verlauf des Kongresses, der durch die Arbeit zahlreicher Aktivistinnen und Aktivisten möglich gemacht wurde, die simultan in mehrere Sprachen übersetzten, veganes Frühstück und Mittagessen zubereiteten, den Ablauf in den verschiedenen Räumen gewährleisteten oder das Gelände für den Fall einer überraschenden Intervention im Blick hatten, konnte auch das Abschlußplenum als Beispiel für bereits gelingende Selbstorganisation verstanden werden.

So wurde die Bedeutung der Solidarität für die Basisorganisierung am Beispiel von Menschen illustriert, die in Mailand aus der Situation heraus, aus ihrer Wohnung vertrieben zu werden und sich dagegen zu wehren, Interesse für andere Kämpfe wie beispielsweise den No-TAV-Widerstand im norditalienischen Susatal gegen den Ausbau einer überdimensionierten, Natur und Region stark beeinträchtigenden Verkehrstrasse entwickelten. In dem jahrelangen Kampf hat sich eine große soziale Bewegung entwickelt, in der die bürgerliche Bevölkerung der Region Seite an Seite mit radikalen Aktivistinnen und Aktivisten Widerstand leistet. Menschen aus anderen Teilen der Welt seien dort sehr willkommen, selbst wenn sie nicht italienisch sprechen. Wer solidarische Unterstützung in bedrängter Lage erfährt, sei um so bereiter, diesen Streit auch an anderer Stelle zu führen, habe man dort erleben können.

Auf die Frage, wie auf einer theoretischen Metaebene zu argumentieren sei, ohne paternalistisch aufzutreten, gab der Aktivist von Malaboca zu bedenken, daß es in Deutschland ein großes Übergewicht an Theoriearbeit gebe, deren Ergebnisse jedoch Leuten, die keine entsprechende Vorbildung haben oder auch keine langen Texte lesen wollen, nicht vermittelbar sei. Bei ihren Reisen in den Krisenstaaten Südeuropas hätten sie hingegen erfahren, daß die konkrete Erfahrung, der Besitzer meiner Wohnung ist die Bank, die mit Steuergeldern gerettet wurde, weshalb wir jetzt keine Sozialhilfe mehr bekommen und ich deshalb aus meiner Wohnung raus muß, am Ende viel mehr wert sei als ein Regal voller Bücher zur Analyse des Kapitalverhältnisses. Abstrakte Analysen könnten allerdings im Bewußtsein dieser Erfahrung fruchtbar gemacht werden, auch wenn der betroffene Mensch zuvor dafür kein Ohr hatte.

Die Aktivistin vom Kollektiv Bremen hingegen wollte den Unterschied zwischen dem Privileg, sich ein kritisches Bewußtsein aneignen zu können, und der Abneigung, dies überhaupt in Erwägung zu ziehen, gar nicht erst aufmachen. Alle seien vom herrschenden System betroffen und gleichermaßen vergesellschaftet, auch wenn unterschiedliche Leute unterschiedliche Möglichkeiten haben. Ihr gehe es darum, einen gemeinsamen Kampf zu führen, und ihre Gruppe verstehe sich als Initiativkraft, die widerständige Bewegungen anschiebt. Selbstorganisierung für sich genommen sei noch keine Errungenschaft, schließlich betrieben Rechte, die gegen Flüchtlinge vorgehen, auch eine Form der Basisorganisierung. Um Motivation für eine kontinuierliche Gesellschaftsveränderung zu entwickeln, sei politische Bildungsarbeit im Sinne einer Bildung von unten unerläßlich. Es sei auf jeden Fall wichtig, über Erfahrungen zu lernen, eben dazu verhelfe Basisorganisierung. Doch auch diese Form der politischen Arbeit könne nicht das Ende der Entwicklung sein.

Eine Aktivistin kritisierte die vollzogene Selbstkritik an der Unorganisiertheit und Schwäche der linksradikalen Bewegung in der Bundesrepublik. Seit 50 Jahren gehe die radikale Linke davon aus, im gesellschaftlichen Maßstab eine Minderheit zu sein. Dieser Minderheit habe aber unglaublich viele Menschen erreicht und verändere die Gesellschaft, das gelte auch für heute. Warum also beschränke sie ihre Möglichkeiten bei Mobilisierungen gegen große Gipfeltreffen der Mächtigen mit Begriffen wie Event-Hopping, anstatt dies als Akte konkreten Widerstandes zu verstehen, der vorbereitet sein und durchgeführt werden will? Auch Mobilisierungen wie derzeit gegen den G20-Gipfel in Hamburg stellen einen Prozeß der Organisierung dar, so die Aktivistin unter Verweis auf die Position Rosa Luxemburgs, daß Organisierung im Kampf entsteht [4].

Darauf antwortete die Aktivistin vom Kollektiv Bremen, daß der Fehler schon darin bestehe, als radikale Linke die Frage der Basisorganisierung aufzuwerfen und sich damit den unorganisierten "Normalen" gegenüberzustellen, um sie zu organisieren. Es gehe nicht darum, einmal die Woche Plenum machen und dann nach Hause zu gehen, sondern in Hausprojekten, Gemeinschaftsökonomien, Arbeitskollektiven, Care-Kollektiven und anderen Bereichen des Lebens Basisarbeit zu leisten. Erst dann handle es sich um einen gemeinsamen Kampf, ansonsten sei die radikale Linke eine Avantgarde, wozu sich ihr Kollektiv nicht zähle. Zudem müsse in der Bundesrepublik nicht alles neu erfunden werden, so die Aktivistin, die dem Versuch, sich etwa am Beispiel der Zapatistas zu orientieren, bevor man nicht die eigenen Möglichkeiten ausgelotet habe, nicht viel abgewinnen kann.

So gebe es seit 50 Jahren eine Kommunenbewegung und Arbeitskollektive, auf deren Erfahrungen man zurückgreifen könne. Selbst wenn sie gescheitert seien, so hätten sie doch daraus gelernt und könnten einen wichtigen Beitrag zur Selbstorganisierung unter den alltäglichen Lebensbedingungen in Deutschland leisten. Es gehe darum, offene gesellschaftliche Strukturen aufzubauen, denn neben spontane Erhebungen gebe es wie etwa in Rojava Kämpfe und Strukturen, die Ergebnis langjähriger organisierter Arbeit seien. Viele Aufstände scheiterten daran, daß es bei ihrem spontanen Ausbruch zu spät sei, die Strukturen zu etablieren, die sich gegen die organisierten Angriffe der Konterrevolution behaupten könnten.

Ein Aktivist meinte, daß es nicht zu wenig Basisarbeit gebe, sondern zu wenig Orientierung in ihr. So werde viel Solidaritätsarbeit für Geflüchtete geleistet, was über die radikale Linken hinaus durch die Beteiligung vieler Bürgerlicher eine reale gesellschaftliche Bewegung sei. Das Problem sei allerdings, daß dort kein radikaler Antagonismus aufgemacht werde und diese Basisarbeit eher in Gemeinnützigkeit erstarrt ist. Dem sei mit radikalen Positionen im Vorfeld entgegenzuwirken, die mit der Analyse konkreter gesellschaftlicher Situationen unterfüttert werden. Daß die großen Protestbewegungen in Südeuropa hierzulande ausgeblieben sind, habe handfeste ökonomische Gründe. Das sei aber kein Grund, sich diesen Bewegungen nicht zuzuwenden, denn sie seien ganz entscheidend für die Arbeit der radikalen Linken. Gibt es große Bewegungen, in die interveniert werden kann und in denen der Antagonismus der Gesellschaft sichtbar wird, oder gibt es sie nicht, und was heißt das für mich, lautete seine abschließende Frage.

Ergänzt wurde der Blick auf revolutionäre Entwicklung in der Bundesrepublik durch die Erinnerung an die Häuserbewegung Anfang der 1980er Jahre. 170 bis 180 gleichzeitig besetzte Häuser in Berlin, in denen drei. bis viertausend Leute wohnten, die einen hohen Grad an Selbstorganisierung erreicht hatten. Häuserräte, Blockräte, Arbeitskollektive, Gesundheitszentren - all das wurde als reale Utopie bereits ausprobiert. Zudem sei es eine Bewegung der Bewegung gewesen, in der viele andere Kämpfe ihren Platz hatten wie diejenigen der Anti-Akw-Bewegung oder der Proteste gegen den Besuch des US-Präsidenten Ronald Reagan 1982 in Berlin. Mehr miteinander zu reden und in die Diskussion zu kommen, um die Fragmentierung der radikalen Linken mit all ihren unterschiedlichen Teilbereichskämpfen zu überwinden, dann wäre die Organisierung auf einem guten Weg, so dieser Genosse.

Es sei zwingend notwendig, revolutionäres Bewußtsein herauszubilden, so ein anderer Aktivist. Auf der Arbeit, im Sportverein und wo auch immer treffe er auf Leute, die die ganze Zeit motzen, die permanent über die Scheiße klagen, die ihnen angetan wird, über die Arbeit, den Chef, die Regierung und so weiter. Um Lösungen anbieten zu können, müsse die radikale Linke die Bücher lesen, die dazu etwas zu sagen haben. Sie müsse rausgehen und das Gelesene so übersetzen, daß die Menschen es verstehen. Es sei nicht schwer, mit "normalen Leuten" zu sprechen, die man überall treffen könne. Er habe manchmal den Eindruck, Linke schämten sich ihrer Einstellung und trauten sich nicht, zu ihrer revolutionären Antwort zu stehen. Doch das kannst du ändern, denn wenn wir uns zusammenschließen, können wir diese Scheiße abschaffen, machte er den Genossinnen und Genossen Mut.


Transparent 'Wer ist dieser Eigentum?' - Foto: © 2017 by Schattenblick

Keine Antwort auf einfache Frage
Foto: © 2017 by Schattenblick

Vieles mehr kam zur Sprache, was an dieser Stelle schon aus Platzgründen nicht ausgeführt werden kann. Selbst der so entscheidende, aber aus Gründen weitreichender Implikationen meist ausgesparte Begriff der "Machtfrage" fiel, sind doch allen Bemühungen um gesellschaftliche Veränderung enge Grenzen durch einen Staat gesetzt, der die privatwirtschaftliche Ordnung der Klassengesellschaft nicht kampflos preisgibt und sich, durch den Fadenschein rechtstaatlicher Liberalität kaum mehr gebunden, immer invasivere Formen exekutiver Ermächtigung anmaßt. Über neue Möglichkeiten, sozialrevolutionäre Kämpfe zu initiieren, nachzudenken und diese dort anzusiedeln, wo die sozialchauvinistische Demütigung am größten ist, ist ein folgerichtiger Schritt aus der Analyse von Gewaltverhältnissen, die sich nicht von selbst entschärfen werden, sondern mit der Intelligenz sozialwissenschaftlich geschulter Technokraten zur systematischen Überforderung aller Menschen ausgebaut werden, die ihre Lage nicht auf einen antagonistischen Begriff bringen.

Um zu verhindern, daß aus revolutionärer Basisorganisierung soziale Arbeit wird, die letztlich auf einen sozialen Frieden abzielt, in dem die Subjekte kapitalistischer Mangelverwaltung Empowerment erleben, ohne daß die sie unterdrückenden Verhältnisse dadurch tangiert würden, bietet die Eigentumsfrage sicherlich eine verläßliche inhaltliche Richtschnur. Sie nicht im sozialdemokratischen Anspruch auf eine gerechtere Verteilung, bei der es sportlich fair zugeht und der globale Süden von vornherein ausgeklammert wird, sondern mit dem Ziel der Aufhebung der herrschenden Eigentumgsordnung zu stellen genügt allen Ansprüchen an Unverhandelbarkeit, die im politischen Streit erhoben werden könnten. Die internationalistische Ausrichtung des Kongresses hebt denn auch die Frage, ob die Linke in der Bundesrepublik von Befreiungsbewegungen in anderen Teilen der Welt etwas lernen oder sich auf die eigenen Errungenschaften besinnen sollte, zugunsten des Bruches mit den herrschenden Verhältnissen auf, erfordert dieser doch im Kern stets, die eigene Beteiligung an ihnen mit nach vorne offener Konsequenz aufzukündigen.


Demozug von hinten und Mobilisierungsplakat - Fotos: © 2017 by Schattenblick Demozug von hinten und Mobilisierungsplakat - Fotos: © 2017 by Schattenblick Demozug von hinten und Mobilisierungsplakat - Fotos: © 2017 by Schattenblick

Reger Zuspruch zu antikapitalistischer Demo am Vorabend des 1. Mai
Fotos: © 2017 by Schattenblick


Fußnoten:


[1] siehe dazu unter anderem:

Für eine grundlegende Neuausrichtung linksradikaler Politik
http://lowerclassmag.com/2016/07/fuer-eine-grundlegende-neuausrichtung-linksradikaler-politik/

Thesen zu sozialen Kämpfen
http://basisgruppe-antifa.org/wp/thesen-zur-strategie-in-sozialen-kaempfen-2016/

Die radikale Linke muss mit sich selbst brechen
https://linksunten.indymedia.org/de/node/208456

Der kommende Aufprall
http://akkffm.blogsport.de/images/DerkommendeAufprall_web.pdf

[2] https://www.selbermachen2017.org/deu#programm

[3] https://www.selbermachen2017.org/deu#aufruf

[4] Anderseits aber können die Gewerkschaften, wie alle Kampforganisationen des Proletariats, sich selbst nicht auf die Dauer anders erhalten als gerade im Kampf, und zwar nicht im Sinne allein des Froschmäusekrieges in den stehenden Gewässern der bürgerlich-parlamentarischen Periode, sondern im Sinne heftiger, revolutionärer Perioden des Massenkampfes. Die steife, mechanisch-bürokratische Auffassung will den Kampf nur als Produkt der Organisation auf einer gewissen Höhe ihrer Stärke gelten lassen. Die lebendige dialektische Entwicklung läßt umgekehrt die Organisation als ein Produkt des Kampfes entstehen.
aus: Rosa Luxemburg - Massenstreik, Partei und Gewerkschaften
https://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1906/mapage/kap6.htm


22. Mai 2017


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