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BERICHT/286: G20-Resümee - Schranken bis zum Kessel ... (SB)



Die Durchführung des G20-Gipfels in Hamburg stand im Zeichen des Ausnahmezustands und der Aufstandsbekämpfung im urbanen Raum. Zum einen wurde das Arsenal administrativer, polizeilicher und juristischer Mittel der Repression erprobt und durchgesetzt. Zum anderen kamen Instrumente der Spaltung des Widerstands anhand der Gewaltfrage bis hin zur Okkupation der Deutungsmacht und der Diskreditierung der Linken zum Einsatz. Im Vorgriff auf die Eindämmung und Niederschlagung künftiger Hungerrevolten auch in den Metropolengesellschaften haben die Protagonisten des Sicherheitsstaats eine innovative Stufe der Verfügung etabliert. Es steht zu befürchten, daß die in der Hansestadt massenhaft und vielfältig ins Feld geführten Varianten des Protests künftig kaum noch oder gar nicht mehr möglich sind, so daß andere Formen des Kampfs zu diskutieren und praktizieren sein werden.

Im Kontext des Hamburger Gipfels wurde ein ideologisches Interpretationsschema fixiert, das bürgerkriegsähnliche Zustände beschwor, Polizisten zu Helden stilisierte und Linke zu Gewaltverharmlosern oder Gewalttätern abstempelte. Wo die Protestbewegung hoffte, ein machtvolles Zeichen des Widerstands zu setzen, stieß sie auf ein verdichtetes Netz der Einhegung und Abschottung, das sie von der gesellschaftlichen Wahrnehmung oder gar Akzeptanz abkoppeln sollte. Nie zuvor dürfte die Scheidung in zwei Sphären geradezu konträrer Wahrnehmung derart tiefgreifend und umfassend vollzogen worden sein: Wer sich im Protest auf der Straße engagierte, mußte von einer völlig anderen Realität ausgehen als der Fernsehzuschauer zu Hause.

Wie sich bei der Aufarbeitung des G20-Gipfels in aller Deutlichkeit abzeichnet, weisen jegliche Komponenten der staatlicherseits exekutierten Strategie in die eingangs genannte Richtung. Ende Mai trat mit dem 52. Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches (StGB) ein Sonderstrafrecht für Polizisten in Kraft, dem zufolge jede Rangelei bei einer Sitzblockade als tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte ausgelegt und mit einer Mindeststrafe von drei Monaten Haft sanktioniert werden kann. Verschärft wurde auch der Paragraph 125 des StGB, "besonders schwerer Landfriedensbruch". Polizeiliches Handeln kann unter diesen Maßgaben kaum noch hinterfragt, geschweige denn kritisiert oder gar geahndet werden. Zu nennen ist auch das Verbot von indymedia.linksunten, eines zentralen Informations- und Diskussionsforums der autonomen Linken.

Mit der Entscheidung für Hamburg und das Areal neben dem Schanzenviertel als Austragungsort war eine Dramaturgie der Ausschreitungen vorprogrammiert, deren Drehbuch die Polizei mit Demonstrations- und Campverboten wie auch der Zerschlagung der "Welcome-to-hell"-Demo zur Kulmination trieb. Angefangen von einer Außerkraftsetzung demokratischer Rechte über ein beispielloses Aufgebot hochgerüsteter Polizeien samt Einsatz von SEK und sogenannten Gummigeschossen bis hin zum rechtsfreien Raum der Gefangenensammelstelle, andauernder Untersuchungshaft in etlichen Fällen und härtesten Urteilen zeigt repressive Staatsräson ihre Krallen. Der Protest soll zerschlagen und abgestraft, entsolidarisiert und abgeschreckt werden.


Podium vor der Veranstaltung mit Projektion 'Grenzenlose Solidarität statt G20' - Foto: © 2017 by Schattenblick

Foto: © 2017 by Schattenblick

Aufarbeitung des Gipfels - Erfordernisse künftigen Widerstands

Um Bilanz zu ziehen, die Aufarbeitung fortzusetzen und die Erfordernisse künftigen Widerstands zu thematisieren, lud die G20-Plattform unter dem Motto "G20 - das war der Gipfel - Aktivistinnen und Betroffene berichten" zu einer öffentlichen Veranstaltung ein, die am 15. September im Hamburger DGB-Haus stattfand. [1] Zur Hervorhebung der inhaltlichen Stoßrichtung bietet es sich an, den Bogen der Zusammenkunft vom Ende her aufzuzäumen und mit dem dritten Teil zu beginnen. Darin ging es um Solidarität und Spaltung im Kontext einer staatlicherseits betriebenen "Politik der Angst" sowie offene Fragen und mögliche Schlußfolgerungen, Aufgaben und Perspektiven. Unter Moderation von Michael Ramminger (Institut für Theologie und Politik, Münster) berichteten und diskutierten Werner Rätz (attac) von der G20-Plattform [2], Steffen Jörg von "St. Pauli selber machen" [3], Jana Schneider von der Aktion Block G20 (Colour The Red Zone) [4] und Javuz Fersoglu vom Demobündnis [5].

Wie Michael Ramminger eingangs hervorhob, teilten wohl alle, die in Hamburg auf die Straße gegangen waren, die Einschätzung, daß die Demütigung seitens des Staates erfolgreich zurückgewiesen worden sei. All jene, die das Geschehen vor dem Fernseher verfolgten, seien hingegen mit der Version der anderen Seite abgefüttert worden. Die politischen Praxisformen des Protests seien ebenso zu diskutieren wie die Strategien der Protagonisten des Gipfels, bestimmte Bilder zu produzieren und die Bewegung zu spalten. Während die Polizeigewalt bürgerrechtlich aufzuarbeiten sei, stellten sich für die Linke darüber hinausweisende Fragen, auf welche Weise mit den veränderten Verhältnissen umzugehen sei.


Auf dem Podium mit Mikro - Foto: © 2017 by Schattenblick

Moderator Michael Ramminger
Foto: © 2017 by Schattenblick

Bilanz der Bündnisse und Aktionen

Werner Rätz berichtete, daß an der Vorbereitung auf den G20-Gipfel, die bereits vor der Sommerpause 2016 begonnen hatte, zahlreiche Gruppen und Organisationen beteiligt waren, die über Erfahrungen bei den letzten G8-Mobilisierungen in Deutschland verfügten. Dennoch sei es eine andere Situation als bei früheren Mobilisierungen zu ähnlichen Anlässen gewesen. Formal habe sich die Plattform G20 weitgehend darauf verständigt, daß man vor zwei wesentlichen Aufgaben stehe. Erstens sollten drei größere Aktionen, die von vielen Akteuren getragen wurden, zueinander in Kontakt gesetzt werden: Der Gipfel der Alternativen am Mittwoch und Donnerstag (5. und 6. Juli), der Tag des zivilen Ungehorsams am Freitag (7. Juli) und die gemeinsame internationale Großdemonstration am Samstag (8. Juli). Diese Aktionen hatten je einen eigenen Trägerkreis und eine eigene verantwortliche Struktur, standen aber innerhalb der Plattform miteinander in Kontakt. Zweitens stellte sich die Frage gemeinsamer Aufgaben, unter denen die Camps eine wesentliche Rolle spielten. An der ursprünglich sehr breiten Plattform seien die NGOs, die kirchlichen Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt und aus dem Bereich der radikalen Linken autonome und traditionsmarxistische Strukturen beteiligt gewesen.

Die Situation habe sich jedoch schnell verändert, da die bürgerlichen NGOs abgesprungen seien und sich nur noch um den Alternativgipfel gekümmert hätten. Verschärfend sei hinzugekommen, daß sich ein Teil der NGOs entschloß, den Protest vor den eigentlichen Gipfeltagen bereits am 2. Juli zu veranstalten. Dadurch hätten sie ein Signal gesetzt, daß sie mit dem anderen Teil des Protests nichts zu tun haben wollten. Das sei intern offen und eindeutig, nach außen hin weniger deutlich artikuliert worden. Zudem sei es im Unterschied zu den G8-Protesten vor Heiligendamm in Hamburg zu keinen Gesprächen mit hochrangigen Verantwortlichen gekommen. So seien vor G20 lediglich vier Vorgespräche bei der Versammlungsbehörde mit niedrigen Chargen geführt worden. Ein Kontakt zur "ehrenwerten Hamburger Gesellschaft" habe zu keinem Zeitpunkt stattgefunden. Der Grüne Landesverband schien zeitweise vermitteln zu wollen, habe sich dann aber auf Weisung der Bundesebene aus dem Bündnis zurückgezogen und auf den 2. Juli konzentriert. Zur Begründung sei die glatte Lüge ins Feld geführt worden, es habe keine inhaltliche Einigung gegeben. Dabei habe der Vertreter des Landesverbands den Aufruf für die internationale Demonstration sogar mitgeschrieben. Auch in den Kirchen sei nach einem internen Diskussionsprozeß eine vermittelnde Funktion verhindert worden.


Auf dem Podium - Foto: © 2017 by Schattenblick

Werner Rätz
Foto: © 2017 by Schattenblick

Auf der linken Aktionsseite habe in Hamburg keine koordinierende Struktur existiert, da offenbar schlechte Erfahrungen und Animositäten, vielleicht auch inhaltliche Differenzen zwischen den verschiedenen Gruppen vorherrschten. Andererseits wäre ohne die zahlreichen Einzelaktivitäten aus Hamburg die letztendliche Protestentwicklung nicht möglich gewesen. Die Hamburger Strukturen hätten eine sehr viel größere Rolle als bei jeder anderen überregionalen Mobilisierung in den letzten Jahrzehnten gespielt. Einzelne Personen und Gruppen wie insbesondere "Recht auf Stadt", die Strukturen um den FC St. Pauli und das Medienzentrum FCMC hätten den Kontakt gesucht und im Laufe des Prozesses auch hergestellt.

Dennoch habe die Plattform bei Beginn der Aktionen vor dem Problem gestanden, eine Sprechfähigkeit in die Hamburger Bevölkerung herzustellen. Man habe sich jeden Morgen in einer Runde zusammengesetzt, um zu identifizieren, was vorrangig getan werden müsse. Am Dienstag (4. Juli) wurde eine gemeinsame große Pressekonferenz auf der Brücke vor dem Rathaus durchgeführt. In der Runde sei das Vertrauen gewachsen, so daß offene Gespräche geführt werden konnten, welche die Hamburger Aktionen möglich machten. Auf diese Weise sei es gelungen, den politischen Versuch, den Protest unsichtbar zu machen und auf Randale zu reduzieren, ins Leere laufen zu lassen.

Steffen Jörg ist im offenen Stadtteilzusammenhang "St. Pauli selber machen" aktiv, der sich seit über dreieinhalb Jahren auf stadtpolitische Auseinandersetzungen fokussiert, gegen Verdrängung und Kommerzialisierung einsetzt und gemeinsam eigenständige Ideen von Stadt entwickelt. Einmal im Monat findet ein offener Stadtteiltreff statt, größere Stadtteilversammlungen werden in regelmäßigen Abständen abgehalten. Da klar gewesen sei, daß der Megaevent G20 massive Auswirkungen auf den Stadtteil St. Pauli haben würde, seien zwei größere Stadtteilversammlungen, eine im November 2016, die andere drei Wochen vor dem Gipfel, durchgeführt worden. Bei beiden seien mehrere hundert Menschen zusammengekommen und hätten gefordert, den G20-Gipfel abzusagen. Sollte er dennoch stattfinden, würden die Anwesenden auf die Straße gehen und mit Freunden aus vielen Ländern zeigen, daß eine andere Welt möglich ist. Infopunkte in der Roten Flora, im Centro Sociale und im Arrivati-Park, aber auch im Stadtteilzentrum Kölibri in St. Pauli-Süd, hätten sich als Ruhepole für Aktivisten, Nachbarinnen, Gewerbetreibende und solidarische Orte der Anti-G20-Struktur bewährt.

Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen hätten sich die Zeit genommen, auf vielfältige Weise mit anzupacken. Manches sei geplant gewesen, vieles spontan entstanden. Auf beeindruckende Weise hätten sich zahlreiche Leute eingebracht, die ansonsten nicht an Demos und anderen Protestformen teilnehmen. Nach dem Gipfel habe eine Hetze gegen Linke eingesetzt, in deren Mittelpunkt die Rote Flora stand. Auf einer außerordentlichen Stadtteilversammlung, die mit über 1200 Menschen sehr gut besucht war, habe man kontrovers diskutiert, wie mit den Ereignissen und Bildern umzugehen sei. Trotz aller Widersprüche sei die Diskussion von Respekt und gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt gewesen. Eine gemeinsame Resolution setzte sich unter anderem für den Erhalt der Roten Flora und aller anderen linken Zentren ein, für eine Kultur der Solidarität und des Selbermachens, eine Stadt der Zukunft.


Auf dem Podium - Foto: © 2017 by Schattenblick

Jana Schneider
Foto: © 2017 by Schattenblick

Jana Schneider hob den Erfolg der massenhaften Aktionen zivilen Ungehorsams hervor: "Wir waren da und wir haben blockiert. Wir haben die Rote Zone bunt gemacht!" Angesichts der Blauen Zone hätte die Aktion eigentlich nicht stattfinden können, doch man habe die Stadt zurückerobert. Trotz massiver Polizeigewalt hätten die Menschen ihre Angst verloren und die Straßen für sich beansprucht. Sie seien am Donnerstagabend nach den Ereignissen am Fischmarkt mit sehr gemischten Gefühlen ins Bett gegangen. Doch am Freitagmorgen seien bis zu 6000 vor allem junge Menschen aufgestanden, um den Gipfel zu blockieren. Sie hätten gezeigt, daß die Blaue Zone nicht länger existiert: "Die Polizei hat uns in die Fresse gehauen, mit Pfefferspray besprüht und mit Autos angefahren - trotzdem sind wir weit vorneweg gekommen." So hätten im Roten Finger Menschen auf einer Protokollstrecke gesessen, die zuvor unerreichbar schien. Eingekesselt und mit Wasserwerfern angegriffen sangen sie: "Das ist Hamburger Wetter!". Selbst Trump sei in Sichtweite gewesen. Nachmittags sei eine zweite Welle mit über 10.000 Menschen, die nicht alle Block G20 zugehörten, in Aktion getreten: "Der Geist war aus der Flasche, man konnte die Menschen nicht mehr aufhalten."

Wie sie selbstkritisch anmerkte, sei das Bündnis angesichts der Bedingungen, mit denen es konfrontiert wurde, schlecht aufgestellt gewesen und habe es nicht geschafft, in die Breite zu gehen. Auch sei es im Vorfeld zu Abspaltungen gekommen. Dennoch sage sie: "Wer am 2. Juli bei der Demo war wird wissen, daß unsere Tage danach viel schöner und erfolgreicher gewesen sind." Stehe eine Stadt auf, sei die Inszenierung der Macht zu stoppen. Der politische Widerstand brauche öffentliche Plätze, die ihm Politik und Polizei in Hamburg nehmen wollten: "Sie haben den Polizeistaat aufgerufen, und ich habe ihn untergehen sehen!" Sie verbinde sehr viel Positives mit Hamburg, das alle geprägt habe, die dabei waren. Es sei richtig gewesen, sich der Angstmacherei entgegenzustellen, entschlossen und solidarisch all die Tage beieinander zu stehen: "Ich bin froh, daß ich mich 'Generation Hamburg' nennen darf!"

Javuz Fersoglu unterstrich als Mitorganisator der Demonstration von 76.000 Menschen am Samstag, welcher bemerkenswerte Erfolg dies unter den widrigen Bedingungen gewesen sei. Die im Bündnis verbliebenen Gruppen seien sich einig gewesen, die Proteste in Hamburg mitzutragen, mitzugestalten und mitzuorganisieren. Es sei nicht immer einfach gewesen, alle mußten über ihren Schatten springen. Dennoch sei das Vertrauen gewachsen, es gemeinsam zu schaffen. Angesichts der Medienhetze gegen alle Aktionsformen habe man in täglicher Auswertung und Beratung beschlossen, was nach außen hin repräsentiert werden sollte, und das sei angekommen. Ungeachtet der Abschreckung im Vorfeld habe man eine der größten Demonstrationen seit den 80er Jahren auf die Beine gestellt. Aleviten, Kurden, Türken, Iraner, Autonome und viele andere seien Seite an Seite mitgezogen: "Da ist etwas zusammengewachsen, das Zukunft hat und politisch in dieser Stadt agieren sollte."


Auf dem Podium - Foto: © 2017 by Schattenblick

Javuz Fersoglu
Foto: © 2017 by Schattenblick

Hamburger Ausnahmezustand als Blaupause der Repression

Michael Ramminger sprach vom Moment der Ermächtigung, das viele erlebt hätten, die auf der Straße waren. Gleichwohl habe der Protest in einer Situation des Ausnahmezustands agiert und die Repression habe an Brutalität zugenommen, wenngleich diese noch nicht an das in vielen anderen Ländern längst gängige Maß heranreiche. Es stelle sich die Frage, ob es sich um eine auf Hamburg begrenzte Situation handle oder vielmehr etwas aufscheine, was die Linke in Zukunft erwarte.

Jana Schneider teilte die Befürchtung, daß die Militarisierung des urbanen Raums es im Sinne einer Aufstandsbekämpfung für die linke Opposition in den kommenden Jahren schwieriger machen werde, Widerstand zu leisten. Auch Javuz Fersoglu war der Auffassung, daß beim Gipfel der Polizeiapparat zur Niederschlagung des Aufstandes erprobt und eingesetzt worden sei. Die G20 nach Hamburg zu legen sei eine bewußte Inszenierung gewesen, um den High-Tech-Polizeistaat durchzusetzen. Es seien Gesetze geändert worden, welche die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen gesetzt hätten. Die Bundespolitik habe die Situation definiert und das Vorgehen vorbereitet: "Das erwartet uns auch in Zukunft, dagegen müssen wir kämpfen!"

Werner Rätz ergänzte dies um die Einschätzung, daß Hamburg in Abstimmung mit der Bundesregierung auf eine Situation hingearbeitet habe, in der sie bestimmen konnten, welche Botschaft von dem G20-Gipfel ausgeht: Was ist legitimer Protest, was illegitimes Handeln, das nicht stattfinden darf? Dennoch zeige sich eine Reihe von Brüchen, anhand derer man aus beiden Richtungen sehen könne, daß das nicht so einfach umzusetzen ist. Dem stehe der Mut entgegen, auf den Jana hingewiesen habe, wie auch die Entscheidung, gemeinsam den politischen Protest auf die Straße zu tragen. Die Akteure hätten deutlich gemacht, daß sie sich nicht so leicht in dieser Falle fangen lassen, sondern eigene politische Antworten auf dieses Szenario geben. Zudem sei verhindert worden, daß die interne Debatte nur noch um die Frage eines brennenden Autos kreiste, wie das damals in Rostock zwei Tage lang geschehen sei. Ihm sei natürlich nicht egal, ob Autos in Brand gesetzt werden, doch habe sich das Bündnis daran nicht zerfleischt, wie dies die Gegenseite zweifellos geplant hatte. Seines Erachtens sei keineswegs entschieden, daß die andere Seite den Ablauf dieses Gipfels als Erfolg einschätze. Das hänge nicht zuletzt davon ab, in welchem Maße es gelinge, in diese Brüche zu intervenieren.

Auch Steffen Jörg sah eine weit über Hamburg hinausweisende Problemlage. Werde ein Polizeiführer wie Dudde, der schon mehrfach des Rechtsbruchs überführt worden sei, zum Gesamteinsatzleiter berufen, liege die von vornherein angestrebte Eskalation auf der Hand. Dies seien Probeläufe urbaner Aufstandsbekämpfung gewesen. Andererseits habe sich die Stadt auch insofern im Ausnahmezustand befunden, als sich die Nachbarinnen auf autofreien Straßen treffen und kleine utopische Momente schaffen konnten. Dies mache in Verbindung mit der Solidarität dieser Tage Mut, daran anzusetzen. Die Gewaltfrage sei stets spalterisch, weshalb sie von den Herrschenden auch so in Stellung gebracht werde. Die Menschen hätten jedoch den Belagerungszustand wahrgenommen und seien sich einig in dessen Ablehnung gewesen.


Podium mit Projektion 'St. Pauli selber machen' - Foto: © 2017 by Schattenblick

Foto: © 2017 by Schattenblick

Kampf um die mediale Deutungsmacht

Nach Michael Rammingers Worten ist es gelungen, der herrschenden Klasse das Spiel zu vermiesen. Von Frau Merkel werde in keinem Geschichtsbuch stehen, daß sie einen großartigen G20-Gipfel geliefert habe. Als Frage bleibe jedoch, wie das Urteil der sogenannten Öffentlichkeit oder Zivilgesellschaft ausfallen wird oder wie wichtig ihr Urteil überhaupt ist. Wie könne die Linke angesichts dieser Massenmedialität und eines neoliberal reduzierten Journalismus eine andere Sicht so in die Öffentlichkeit bringen, daß daraus eine politische Debatte erwachse?

Jana Schneider neigte zu der Auffassung, daß die einmal in die Welt gesetzten Bilder daraus nicht mehr zu entfernen seien. Um so mehr gelte es, Momente wie parlamentarische Ausschüsse, G20-Dokumentationen oder Webseiten zu nutzen, um die eigene Position in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Aufarbeitung habe ihres Erachtens gerade erst begonnen. Wie Steffen Jörg anmerkte, hätten selbst kritische Berichte in den Medien, die es anfangs ja auch gegeben habe, keine Konsequenzen gezeitigt. Auf der nicht so sichtbaren Seite im Stadtteil sei er hingegen positiver gestimmt. Ohne dies zu romantisieren, gehe er doch davon aus, daß diese Erfahrungen in Zukunft Früchte tragen würden.

Werner Rätz präzisierte die verstörende Erfahrung, daß die relativ positive Berichterstattung der Presse am Freitagmorgen umgeschlagen sei. Nicht nur über den Alternativgipfel seien deutlich ausgeprägter als bei früheren Anlässen zunächst auch Inhalte transportiert worden. Am Donnerstagabend habe dann ntv ein Video gezeigt, in dem der Reporter berichtete, er sehe bei der "Welcome-to-hell"-Demo keinen vermummten schwarzen Block. Die Studiomoderatorin sei ihm mit der Behauptung ins Wort gefallen, er könne das vor Ort ja gar nicht genau sehen, man habe im Studio ganz andere Bilder. Dann sei ihm der Ton abgedreht worden. Am frühen Freitagmorgen habe man dieselbe widersprüchliche Situation bei der NDR-Berichterstattung erlebt: Auf der Webseite der Bericht eines Reporters, der die Ereignisse des Vorabends sehr sachlich und genau schilderte. Dazu jedoch ein Kommentar, der die Vorfälle haßerfüllt aufzäumte. Der Tatsachenbericht verschwand später, der Kommentar blieb stehen. Im wesentlichen seien die Bilder gesetzt und könnten nicht zurückgeholt werden. Man könne jedoch die Debatte anhand dieser Widersprüche führen, weil die Erfahrung auch der Reporter vor Ort eine völlig andere als die vor dem Fernseher gewesen sei. Werde dieser Diskussionsprozeß in den eigenen Organisationen und Bündnissen weitergeführt, könnten die Erfahrung aus Hamburg dazu beitragen, künftig größeren Einfluß auf die öffentliche Wahrnehmung zu gewinnen.


Auf dem Podium - Foto: © 2017 by Schattenblick

Steffen Jörg
Foto: © 2017 by Schattenblick

Konfrontation mit der Aufstandsbekämpfung

Michael Ramminger hakte zum Abschluß des Gesprächs noch einmal beharrlich nach: "Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß Hamburg eine der letzten Massenmobilisierungen war, aus denen wir heil herauskommen." Dann sei es keine Frage der Bilder mehr, sondern der Anforderung, tausend Leute aus dem Knast herauszubekommen. Er wolle die Verhältnisse nicht dramatisieren, halte es aber für unverzichtbar, die Frage der Aufstandsbekämpfung dahingehend zu diskutieren, daß diese die Linke in den nächsten Jahren noch ganz anders beschäftigen werde, als sie das heute ahne.

Die Auswertung des G20-Gipfels solle weitergehen, da dessen Gegner weiter um ihre Interpretation in der Öffentlichkeit kämpften. Zudem gelte es zu bedenken, daß die Linke nicht in der Verfassung sei, solche Aktionen durchzustehen, ohne daß aufgrund dieser oder jener Differenz kein Konsens dabei herauskomme: "Wir sind also gefordert, Hamburg als Möglichkeit zu begreifen, unsere Hausaufgaben zu machen, von denen wir noch eine Menge vor uns haben."

Jana Schneider blieb das Schlußwort vorbehalten: Sie könne für sich und ihre Generation sagen, wir haben wirklich Angst gehabt. Angst um uns selber, Angst um das Leben der Genossinnen, Angst wegen der Repression, die auf uns herabfällt. Diese Angst sei bei vielen Menschen weiterhin da, und es gelte aufzupassen, sich nicht im Nachhinein spalten lassen und von den Genossinnen zu distanzieren, die von Repression betroffen sind: "Wir stehen weiter Seite an Seite und nehmen in Kauf, daß es bedeutend beschissener für uns werden kann!"


Mobilisierungsflyer der Veranstaltung - Grafik: © 2017 by G20-Plattform

Grafik: © 2017 by G20-Plattform


Fußnoten:

[1] http://www.g20-protest.de/programm/

[2] http://www.g20-protest.de

[3] http://www.st-pauli-selber-machen.de

[4] http://www.blockg20.org

[5] http://g20-demo.de


19. September 2017


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