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Schattenblick → INFOPOOL → POLITIK → REPORT INTERVIEW/039: Nidal Bulbul - ein Journalist aus Gaza erstattet Bericht (SB)Interview mit Nidal Bulbul am 26. Februar 2010 in Berlin-Mitte Nachdem Norman Finkelstein aufgrund der doppelten Ausladung durch die Heinrich-Böll-Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung seinen für den 26. Februar geplanten Vortrag in Berlin abgesagt hatte, fand an jenem Abend eine Alternativveranstaltung in der Ladengalerie der Tageszeitung junge Welt statt. Anstelle des US-Akademikers und -Sachbuchautors saßen Hermann Dierkes von der Partei Die Linke, der israelische Friedensaktivist Yahav Zohar und der palästinensische Journalist Nidal Bulbul auf dem Podium, um über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu sprechen. Vor der Veranstaltung hatten die Organisatoren in das Café Die Eins im Parterre des Gebäudes des ARD-Hauptstadtstudios an der Ecke Wilhelmstraße/Spreeufer eingeladen, um der Presse die Möglichkeit zu bieten, die beiden aus der Region stammenden Referenten zur Lage im Nahen Osten zu befragen. Bis auf die Redakteure des Schattenblicks fand sich nur die Nahostexpertin Bettina Marx ein, die mit Yahav Zohar ein Interview führte. Das Privileg, ein Gespräch mit Nidal Bulbul, der zur Zeit in Berlin studiert, zu führen, blieb dem Schattenblick vorbehalten. ![]() Nidal Bulbul Schattenblick: Herr Bulbul, Sie kommen aus dem Gazastreifen? Nidal Bulbul: Ja, ich bin ursprünglich ein Bewohner Gazas. SB: Haben Sie dort während der Offensive der israelischen Streitkräfte zur Jahreswende 2008/2009 als Fotograf gearbeitet? NB: Eigentlich hielt ich mich während des größten Teils des Gazakriegs in Jerusalem auf. Dennoch bekam ich viel von dem, was sich während dieser Zeit dort ereignete, mit. Ich hatte schon 2006 angefangen, als Journalist aus Gaza zu berichten, wurde aber bereits vor Beginn des Krieges, schon im Dezember 2007, schwer verletzt. Nichtsdestotrotz stand ich während der Offensive in Gaza in permanentem Kontakt zu vielen der dort arbeitenden Reporter und Fotografen. Hinzu kommt, daß meine Familie - Vater, Mutter, fünf Brüder und fünf Schwestern - sowie viele meiner Freunde in Gaza-Stadt leben. SB: Haben Sie Freunde oder Verwandte während des Gazakrieges verloren? NB: Kurz vor Weihnachten 2008 war ich bei einer Freundin zu Besuch, die im Norden Israels, in der Nähe der libanesischen Grenze, wohnt. In der Nacht, als der Überfall begann, weckte sie mich, um mich davon in Kenntnis zu setzen, daß die Israelis einen großangelegten Angriff auf Gaza gestartet hatten und daß es bereits zu vielen Toten und Verletzten gekommen war. Das war für mich ein sehr befremdender und trauriger Morgen. Ich war natürlich sehr um meine Familie besorgt, zumal es keinerlei Möglichkeit gab, sie schnell zu kontaktieren. Alle Telefon- und Internetverbindungen waren zunächst blockiert. Die Nachrichtensender Al Jazeera, BBC World und CNN strahlten am laufenden Band grauenerregende Bilder aus Gaza aus. Ich machte mir große Sorgen, bis ich spät am Nachmittag mit meinem Bruder telefonieren konnte, und er mir sagte, daß alle in meiner Familie unversehrt geblieben waren, bis auf einen Vetter, der auf dem Heimweg von der Universität getötet worden war. Mein Bruder sagte mir auch, daß alle Fenster in meiner Wohnung durch die heftigen Erschütterungen der Bomben und Raketen zu Bruch gegangen seien. Während der Offensive sind in Gaza sehr viele Häuser und Wohnungen, auch wenn sie nicht direkt getroffen wurden, auf ähnliche Weise schwer beschädigt worden. SB: Hat Sie der Überfall auf Gaza zu diesem Zeitpunkt überrascht? Schließlich deutete in der davorliegenden Periode einiges darauf hin, daß es doch noch zu einem dauerhaften Waffenstillstand zwischen der Hamas und den Israelis kommen könnte. NB: Eigentlich war die Offensive für mich keine Überraschung. Ich rechnete schon seit einiger Zeit damit. Der Zeitpunkt hat mich jedoch schon ein bißchen überrascht, denn damals stand die internationale Berichterstattung noch ganz unter dem Eindruck der Wahl Barack Obamas und seiner bevorstehenden Einführung als erster schwarzer Präsident der USA. Was ich auch nicht erwartet hatte, war die Heftigkeit und Aggressivität der Militäroperation. Ich hatte in Gaza selbst einige israelische Angriffe miterlebt und darüber berichtet, doch diesmal hat mich die Größenordnung der Offensive verblüfft und schockiert. Was mich auch enttäuscht hat, war die Reaktion der Außenwelt. Zwar hat die internationale Presse vom ersten Tag an über das Geschehen in Gaza berichtet, jedoch viel zu spät das gigantische Ausmaß der Zerstörung erkannt. SB: Wie empfinden die Palästinenser die Rolle der europäischen Regierungen, denen es offenbar schwerfällt, Israel zu kritisieren oder die es sogar bei seinem Vorgehen unterstützen? NB: Das Problem ist, daß sich Europas Politiker hinter dem Argument verbarrikadieren, Israel stehe das Recht auf Selbstverteidigung zu. Zwar sind die Palästinenser von der Haltung der EU-Staaten und der USA enttäuscht, am meisten jedoch ärgert sie die windelweiche Position der arabischen Länder. Sie haben das Gefühl, daß sie praktisch von niemandem mehr unterstützt werden. Die Wucht des Angriffs auf Gaza hat vielen Palästinensern das Kräfteverhältnis zwischen den Israelis, denen Kampfjets, Panzer und schwere Waffen zur Verfügung stehen, und der Hamas-Regierung in Gaza, deren Kämpfer nichts Vergleichbares haben, deutlich vor Augen geführt und ihre Empörung und ihre Wut nur noch weiter anwachsen lassen. SB: Hat die Offensive dazu geführt, daß sich die Menschen in Gaza, auch die, welche die Hamas politisch nicht unterstützen, hinter ihre Regierung stellten? NB: Eigentlich haben die meisten Menschen weder mit der Hamas noch mit irgendeiner anderen politischen Organisation etwas im Sinn. Aber wenn man miterlebt, wie die eigene Nachbarschaft von der israelischen Armee zusammengeschossen wird und daß die Kämpfer der Hamas die einzigen sind, die sich dem bewaffnet entgegenstellen, dann führt das natürlich zu einem Solidarisierungseffekt. Ich bin weder pro Hamas noch pro PLO; ich betrachte mich einfach als Bürger Palästinas. Doch wenn ich sehe, wie jemand meinen Stadtteil oder meinen Wohnblock verteidigt, dann hat er meinen Respekt. So denken die meisten Palästinenser. Doch die westlichen Medien und Staatsführer wollen die Hamas als die gewählte Regierung der Palästinenser nicht akzeptieren. Sie beschimpfen sie als "Terroristen" und stellen das, was Hamas-Kämpfer und die israelischen Streitkräfte tun, auf die gleiche Ebene nach dem Motto, weil Hamas vereinzelte Raketen auf Israel abfeuerte, hätten die Israelis das Recht gehabt, die Operation Vergossenes Blei vom Zaun zu brechen. Doch die Zahl der Opfer auf beiden Seiten steht in keinem Verhältnis. Die Israelis bringen viel mehr Palästinenser um als umgekehrt.
Ich meine, daß man, wenn man eine ganze Bevölkerung belagert, damit rechnen muß, daß sich einige der Betroffenen zur Wehr setzen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn jemand mich schnappt, mich in ein fensterloses Zimmer einsperrt, mir nur ganz begrenzt Nahrungsmittel zukommen läßt, mir den Zugang zum Internet nur gelegentlich erlaubt und auch dann nur mit ganz reduzierter Übertragungsgeschwindigkeit, wie werde ich darauf reagieren? Die Antwort ist eindeutig. Ich werde alles unternehmen, um aus diesem Gefängnis herauszukommen. Die Situation ist für mich sehr streßig und macht mich auch noch aggressiv. Und es wird mich niemand von außen überzeugen können, daß derjenige, der mich gefangenhält - im Falle Gazas sind es die Israelis - eigentlich ein ganz netter Mensch ist, der Frieden mit mir schließen will. Das ist doch unglaubwürdig. Das kann doch niemand von mir in dieser Situation erwarten, daß ich ihm das abkaufe. Das ist doch irre. Ich hatte in Gaza als Journalist gearbeitet, bevor ich verletzt wurde und zufällig in Jerusalem landete. Die Aufenthaltsgenehmigung, die ich für Jerusalem erhielt, war auf fünf Stunden beschränkt. In dieser Zeit sollte mein Bein operiert werden. Danach sollte ich in den Gazastreifen zurück. Doch das war völlig unrealistisch. Dafür war mein Bein viel zu schwer verletzt. Ich mußte daher in Jerusalem bleiben, um mich von der Operation zu erholen und mich halbwegs zu kurieren. Aus israelischer Sicht war der Verbleib jedoch illegal. Meiner Meinung nach hatte ich aber jedes Recht, dort zu sein, denn schließlich ist Jerusalem die Hauptstadt Palästinas. Was ich in Jerusalem erlebt habe, war ganz anders als das, was ich in Gaza gewohnt war. In Gaza gelten alle, ob Hamas-Mitglied, Journalist oder gewöhnlicher Bürger, aus Sicht der Israelis als "Terroristen". Dies gilt insbesondere für Reporter, weil diese angeblich die Propaganda der Hamas-Regierung verbreiten. In Jerusalem hatte ich die Gelegenheit, die israelische Gesellschaft kennenzulernen und mich damit auseinanderzusetzen. Ich wollte mit einfachen Israelis reden, um das Verhalten ihrer Regierung gegenüber den Palästinensern besser beziehungsweise überhaupt verstehen zu können. Yahav [Zohar vom Israeli Committee Against House Demolitions - ICAHD] kennt meine frühere Wohnung im Jerusalem. Sie lag in einem Stadtteil, wo Menschen verschiedener Religionen und Nationalitäten zusammen leben. Christen, Juden, Moslems - jeder ging bei mir ein und aus. Alle hatten Spaß miteinander, verbrachten Zeit zusammen, erlebten gemeinsam Dinge. Ich habe einige Zeit an israelischen Kontrollpunkten warten müssen. Ich habe erfahren, was das für die Menschen im Westjordanland bedeutet. Ich bereiste die an Syrien und an dem Libanon angrenzenden Regionen. Ich war in Tel Aviv, wo ich israelische Cafés und Restaurants besuchte. Ich fuhr in Bussen mit, in denen ich als einziger Palästinenser von israelischen Soldaten umgeben war. Die Menschen in Gaza und im Westjordanland sind einem enormen Druck ausgesetzt - und zwar permanent. Das geht soweit, daß sie kaum noch richtig denken können. Die Israelis kritisieren die Reporter in Gaza und die Art, wie sie über die Verhältnisse berichten. Gleichzeitig lassen sie sie dort nicht heraus, um etwas anderes zu erleben oder sich weiterzubilden. Bedenkt man die wenigen Ressourcen, die diesen Reportern zur Verfügung stehen, machen sie ihre Arbeit recht gut, finde ich. SB: Fühlen sich die Menschen im Gazastreifen wirklich als Gefangene? NB: Nun, Gaza ist tatsächlich ein großes Gefängnis. Man kommt dort nur ganz schwer heraus. Auf der westlichen Seite gibt es das Mittelmeer und ansonsten rundherum eine schwerbewachte Grenze mit sieben Übergängen. Sechs werden von den Israelis kontrolliert und einer von Ägypten unter israelischer Leitung. Dort bauen derzeit die Ägypter eine unterirdische Stahlmauer unter dem Vorwand, durch die Tunnel würden Gewehre, Bomben, Raketen und Geld nach Gaza hineingeschmuggelt werden. Das ist doch Humbug. Die Hamas muß sich kein Geld durch die Tunnel bringen lassen. Sie empfängt und verteilt ohnehin das ganze Geld, das zum Unterhalt der palästinensischen Behörden in Gaza überwiesen wird. Diese Finanzhilfe kommt hauptsächlich von den Staaten Europas beziehungsweise der Europäischen Union. Doch mit Geld kann man in Gaza derzeit kaum etwas kaufen. Es gibt nichts außer den wenigen Waren, die durch die Tunnel geschmuggelt werden. Ich würde gern zu den Tunneln etwas sagen, denn ich habe mitbekommen, was für eine große Geschichte um sie in den Medien, auch hier in Deutschland, gemacht wird. Mein Eindruck ist, daß man, wenn man das Wort "Tunnel" hört, es gleich mit "Terroristen" assoziieren soll. Natürlich wird dort Illegales betrieben, dies und jenes geschmuggelt. Doch ich habe die Tunnel besucht, als ich noch in Gaza war, und habe dort keine Waffen gesehen. Natürlich kann es sein, daß man in dem Moment, als ich da unter der Erde war, die Waffen versteckte. Doch das glaube ich nicht. Die ägyptischen Händler, die mit den Tunneln ihre Geschäfte betreiben, werden auf ihrer Seite von den staatlichen Behörden genauso kontrolliert, wie die Empfänger der Waren auf der Gaza-Seite von der Hamas. Die Ägypter werden wegen ihres Friedensabkommens mit Israel nicht zulassen, daß dort irgendwelche Waffen durchgeschmuggelt werden. Die Tunnel sind derzeit die einzige Möglichkeit des Handels zwischen beiden Seiten. Durch sie kommen hauptsächlich dringend benötigte Lebensmittel und Medikamente nach Gaza hinein.
NB: Sie ärgern sich natürlich mächtig über Ägyptens Politiker, machen aber die ägyptische Bevölkerung nicht für das Verhalten Kairos verantwortlich. Man weiß nur zu genau, daß die einfachen Ägypter im eigenen Land wenig zu melden haben. Jede in Ägypten organisierte Solidaritätskundgebung für die Palästinenser wird von einem riesigen Aufmarsch der Sicherheitskräfte begleitet. Wenn man zur israelischen Botschaft vorzudringen versucht, fließt Blut in den Straßen Kairos. Zu solchen Vorkommnissen kommt es immer wieder. SB: Können Sie uns etwas zu den Berichten sagen, denen zufolge es im Gazastreifen immer mehr zur Bildung islamistischer Gruppen kommt, die radikaler als Hamas sein sollen und der Regierungspartei eine Beschwichtigungspolitik gegenüber Israel vorwerfen? Im August 2009 ist die Hamas militärisch gegen eine Gruppe in Rafah vorgegangen, die von Al Kaida inspiriert gewesen sein sollte. Am Ende der Kämpfe, welche die Hamas gewann, waren 28 Menschen tot. NB: Über derlei Berichte kann ich nur staunen. Solche Entwicklungen sind ein Ergebnis der Belagerung. In Gaza gibt es keine Al-Kaida-Gruppen oder -Kämpfer. Ich möchte Ihnen dazu eine kleine Anekdote erzählen. Sie erinnern sich sicherlich an den Fall des BBC-Reporters Alan Johnston, der Anfang 2007 entführt und vier Monate lang festgehalten wurde. Alan ist ein Freund von mir. Die Leute, die ihn entführten, behaupteten, sie wären von Al Kaida. Den Kopf der Gruppe, der in Afghanistan war, kannte ich von früher. Ich hatte ihn schon mal getroffen. Sein Vater hatte ihn nach Afghanistan geschickt, um ihn dort islamische Wissenschaft studieren zu lassen. Sein Vater ist quasi ein muslimischer Missionar, der die ganze Welt in Sachen Islam bereist, nur nicht im Auftrag von irgendeiner Gruppe. Jedenfalls hat sich dieser Kerl einfach in den Kopf gesetzt, sich als Al Kaida auszugeben. Dazu gehört nicht viel. Ein paar Leute, ein paar Schießeisen, und plötzlich ist man Teil des Al-Kaida-Netzwerkes. Das ist Blödsinn. Er hatte keine Verbindungen zu irgend etwas, sondern hat sich lediglich von den Bildern in den Fernsehnachrichten hinreißen lassen. Sein Anliegen war es, Gaza zu "säubern". Es sollten Internet-Cafés dichtgemacht werden, weil sich unislamisches Gedankengut über sie verbreite. Gegen Nachtclubs als vermeintliche Orte der Sünde war er auch. Als Alan Johnston gekidnappt wurde, habe ich nicht im Traum gedacht, daß dieser Kerl dahinterstecken könnte. Er wußte nicht einmal, wer Alan Johnston war. Alan Johnston wurde von den Palästinensern im allgemeinen respektiert, denn er arbeitete schon länger in den besetzten Gebieten, konnte inzwischen ein bißchen Arabisch sprechen, und seine Berichte für die BBC waren immer fair. Ihn nach fünf Jahren dort zu entführen, war schon gemein. Aber das tat dieser Typ nur deshalb, weil er gar nicht richtig wußte, bei wem es sich um Alan Johnston handelte. Die Geschichte wurde natürlich recht schnell richtig groß. Und dieser Typ und seine paar Kumpel wußten plötzlich gar nicht mehr, was sie mit ihrem Opfer machen sollten. Die Sache war ihnen über den Kopf gewachsen. Sie bekamen Angst. Also gingen sie zum Dugmush-Clan, einer der größten und bekanntesten Familien im Gazastreifen. Das sind Leute, die sich zwar nicht in die Politik einmischen, aber die einem helfen können, wenn man man sich an sie wendet. Hinterher wird meistens eine finanzielle Gegenleistung erwartet. Jedenfalls fragten die Leute von der Familie den Kerl, zu welcher Gruppe er gehöre, unter welchem Namen er und seine Freunde Alan Johnston entführt hätten. Die Antwort lautete Jaish-El-Islam (Armee des Islams), die als Teil des Al-Kaida-Netzwerkes gilt. Später machten die internationalen Medien daraus, daß sich die ganze Dugmush-Familie, die in Gaza über nicht wenig Einfluß verfügt, Osama Bin Ladens und Aiman Al Zawahiris Al Kaida angeschlossen hätte. Das war total gesponnen, führte jedoch wiederum dazu, daß einige jüngere Mitglieder der Familie anfingen, gegenüber Reportern mit ihrer vermeintlichen Al-Kaida-Mitgliedschaft zu prahlen. Plötzlich wollten viele da mitmachen und ihre eigenen Bewegungen gründen. Das ganze war Show. Zwei martialisch gekleidete, bedrohlich aussehende Figuren mit Kalaschnikows vor der Wand einer unterirdischen Garage ablichten, und plötzlich hat man eine "Bewegung", der man jeden beliebigen Namen verleihen kann. Fast zeitgleich mit der Befreiung Alan Johnstons im Frühsommer 2007 hat Hamas die vollständige Kontrolle über den Gazastreifen übernommen und mit diesen ganzen Gruppen aufgeräumt. Ich bin kein Hamas-Anhänger, aber sie haben den Kampf mit diesen Leuten nicht gescheut, ihn gewonnen und für eine Verbesserung der allgemeinen Sicherheitslage in Gaza gesorgt. Gleichwohl ist die Entstehung solcher Gruppen ein Ergebnis der Belagerung. Das sind junge Männer, die wegen der Situation verzweifelt sind, nicht mehr richtig denken können und nur, weil sie ein paar Kalaschnikows besitzen, unbedingt etwas anrichten wollen nach dem Motto: "Laßt uns jemanden entführen." Die Planlosigkeit im Fall Alan Johnstons zeigte sich spätestens an den Forderungen. Waren diese politisch motiviert? Nein. Die Leute waren auf Lösegeld aus. Sie fragten sogar bei der palästinensischen Autonomiebehörde nach Arbeitsplätzen. Hamas hat viel auf sich genommen, um Alan Johnston wieder freizubekommen. SB: Wie sieht derzeit die Lage in Gaza angesichts der von Israel verhängten Wirtschaftsblockade aus? Hungern viele Menschen? NB: Lassen Sie mich Ihnen etwas zeigen. So lautet die jüngste SMS, die ich von meinem Bruder erhalten habe: "No electricity. No service. No lights. No internet. It's Gaza. Take it easy." Die Lage wird immer schwieriger und für die Menschen immer enger. Die Israelis setzen sie unter gewaltigen Druck. Und wenn ich in den Nachrichten schon höre, daß Barack Obama den Nahostfriedensprozeß wieder in Gang bringen will, dann weiß ich nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll. In Gaza ringen die Menschen ums nackte Überleben. Wer hilft ihnen? Was dort momentan geschieht, wird die Kinder und die jungen Leute bis ans Lebensende zeichnen. Ihnen ist kein Friedensprozeß zuzumuten. Sie können die Israelis als Friedenspartner nicht akzeptieren, solange diese sie gefangenhalten. Warum sollten sie auch? Sie wollen erst aus der Gefangenschaft befreit werden. Sie wollen endlich wieder frei atmen können. Erst wenn das erreicht ist, erst wenn sich die Palästinenser von den Israelis als gleichberechtigte Partner akzeptiert fühlen, kann man über Frieden reden. SB: Erhalten die kleinen militanten Gruppen, die hin und wieder Raketen auf israelisches Territorium abfeuern, angesichts der desaströsen Gemütslage der Menschen in Gaza Zustimmung? NB: Lassen Sie mich eines klarstellen. Für mich sind das keine Raketen, sondern höchstens Rohre. Ich war dort, wo die Dinge hergestellt werden. Da kann man nicht von Fabriken oder Werkstätten, sondern lediglich von Küchen sprechen, weil dort der Treibstoff gekocht wird. Man hat mir die Augen verbunden und mich dorthin gebracht. Ich habe gesehen, wie das Material vorbereitet wird. Das packen sie dann in diese Rohre und feuern sie auf Israel ab. Natürlich, wenn einem so ein Teil aufs Dach stürzt, ist das ärgerlich. Oder wenn vielleicht die Kinder draußen spielen und das Ding in der Nähe einschlägt, ist es nicht ungefährlich. Das will ich keineswegs bestreiten. Aber diese Rohre stehen in keinem wirklichen Verhältnis zu den Raketen und Bomben, welche die Israelis auf Gaza abfeuern. Man braucht - auch wenn ich dies, wie ich vorhin sagte, wegen des Werts jedes einzelnen Lebens nicht tun möchte - nur die Opferzahlen auf beiden Seiten zu vergleichen. Die Israelis behaupten, Hamas hätte die Zivilbevölkerung als menschlichen Schutzschild benutzt. Nein, die Israelis sind diejenigen, welche die Palästinenser quasi in Geiselhaft genommen haben. Seit Oslo wird Israel als Staat anerkannt, aber Palästina lediglich als "Territorien". Eigentlich haben wir es hier mit einem Krieg zweier Völker, bei dem das eine das Siedlungsgebiet des anderen vollständig besetzt hat, zu tun. Also führen die Israelis Krieg nicht gegen einen palästinensischen Staat, denn der existiert nicht, sondern gegen die einfache Bevölkerung Palästinas. Das macht es für Außenstehende so schwierig, die Situation zu verstehen. Hier in Deutschland stoße ich immer wieder auf Menschen, denen nicht klar ist, daß sich israelische Siedlungen und Streitkräfte auf besetztem palästinensischem Territorium befinden. Diese Verwirrung geht von den Medien aus, welche die Lage zu Israels Gunsten vernebeln. SB: Anfang 2009 erschien in der Wochenzeitung Die Zeit ein Artikel, in dem Sie als eine Art Internetaktivist dargestellt wurden. Darin wurde die Historikerin Ute Daniel von der Technischen Universität Braunschweig mit dem wenig schmeichelhaften Urteil zitiert: "Hier berichtet eine völlig dezentralisierte und unkontrollierte Gruppe von Menschen, die von jedem PC mit Internetanschluss aus ihre Meinung verbreiten kann. Einerseits ist das interessant und neu und vervielfältigt die Quellen, aber in der Wirkung ist es ambivalent. Niemand kann das alles lesen. Der Äther füllt sich mit Unmengen von einzelnen Stimmen, die dann wieder verklingen." [1] Was halten Sie als jemand, der sich bemüht, Berichte von Palästinensern in den besetzten Gebieten an der israelischen Zensur vorbei zu verbreiten, von dieser Aussage? NB: Nun, jeder Zeuge hat eigene Erlebnisse und seine eigenen Worte, mit denen er das Erlebte zum Ausdruck bringen will. Heute bieten neue Medien wie Facebook und Youtube den Menschen zusätzliche Möglichkeiten, sich anderen mitzuteilen. Angesichts dessen, was die Menschen in Gaza alles erdulden und erleben müssen, halte ich die Möglichkeit, daß sie sich die Mühe machten, Falschmeldungen zu verbreiten, für abwegig. Das haben sie gar nicht nötig. Sie brauchen nur das, was tatsächlich passiert, bekanntzumachen. Dagegen verfügen die israelischen Behörden über ein ganzes Heer von Leuten, die alle Berichte und Kommunikationen aus den besetzten Gebieten einschließlich derjenigen bei Youtube, Facebook oder anderen sozialen Netzwerken kontrollieren, um die belastendsten darunter in Zweifel zu ziehen oder sie als Lügen darzustellen. Ein Freund von mir aus Gaza namens Sam Habib lebt und arbeitet als Journalist in London. Weil er über die Lage in Gaza berichtet hat, wird er von der zionistischen Lobby angegriffen - psychisch, nicht physisch. Sie versuchen ihn als Lügner darzustellen. Sie verbreiten im Internet Propaganda, daß er seine Berichte und Fotos gefälscht hätte. Das stimmt überhaupt nicht. Er hielt sich während des Krieges in Gaza auf und hat viele Fotos in jener Zeit gemacht, die er auf seiner Website präsentiert. Deswegen wurde sein Visum zwischenzeitlich blockiert, und ihm wurden diverse Schikanen in den Weg gelegt. Derzeit studiert er in London, wo er mit einem palästinensischen Kulturzentrum zusammenarbeitet, das seine Bilder ausstellt.
Man kann sich die Lage der Menschen in Gaza nur schwer vorstellen. Ein 17jähriger Jugendlicher schließt gerade mit der Schule ab. Er gehört keiner politischen Organisation an. Er will studieren. Das ist natürlich teuer, also bewirbt er sich um ein Stipendium im Ausland und bekommt es. Doch er erhält keinen Passierschein von den Israelis und kann nicht ausreisen. Also studiert er an der Universität von Gaza. Aber wozu? Es gibt praktisch keine Karrierechancen in Gaza, nachdem man sein Studium abgeschlossen hat. Die Wirtschaft liegt völlig am Boden. Während des Krieges wurden rund 400 Betriebe beziehungsweise Fabriken zerstört. Inzwischen gibt es für die jungen Menschen in Gaza keinerlei Perspektive. Darüber hinaus sind viele Kinder von den Ereignissen traumatisiert. Zwar arbeiten in Gaza Journalisten, aber es gibt weder von ihnen noch Kameras genug, um den ganzen Schrecken zu erfassen. Es ist einfach zuviel. Gleichwohl muß ich sagen, jetzt wo ich in Europa bin, daß mich die Einseitigkeit der Berichterstattung aus dem Gazastreifen stört. Es sind immer die gleichen traurigen Berichte und Bilder aus einer Kriegszone mit getöteten Menschen, zerstörten Häusern, Trauerfeiern und so weiter. Ich kann mir gut vorstellen, daß die Menschen in Europa, das, was dort unten passiert, wegen dieser Wiederholungen nach einer Weile nicht mehr wahrnehmen. Deswegen würde ich es begrüßen, wenn wir mehr von den vielen positiven Bildern aus Gaza zu sehen bekämen, welche die Medien nicht zeigen. Ich meine auch nicht Bilder vom Strand, sondern welche von palästinensischen Familien, die trotz aller Widrigkeiten ihr Leben gemeinsam weiterführen, oder davon, wie die Schullehrer ungeachtet der knappen Ressourcen die Kinder erziehen. Ich will nicht, daß alles auf den Konflikt mit Israel reduziert wird. Man sollte die Kultur, die historischen Plätze zeigen. Es gibt Positives in Gaza. Unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen finden eine Menge interessanter Veranstaltungen statt. Ich habe selbst viele solcher Berichte produziert und Fotos geschossen. Sie fanden jedoch außerhalb von Gaza keinerlei Verbreitung. Ich habe den Eindruck, daß die Nachrichten aus Gaza gefiltert und zensiert werden. Im Grunde interessieren sich die ausländischen Medien nur für das Sensationelle. SB: Haben Sie den Dokumentarfilm "Slingshot Hiphop" (2) gesehen? NB: Klar, da haben Freunde von mir mitgemacht. Ich habe ihn in Jerusalem gesehen. Ich kenne einige der Leute. Er war sehr schön. Tatsächlich war es sehr schwierig für das Team aus Gaza, mit den Leuten von der Gruppe DAM, die in Lyd bei Tel Aviv, leben, zusammenzukommen. SB: Der Film vermittelt den Eindruck, daß die Palästinenser im Westjordanland, im Gazastreifen und in Israel sehr auf Mobiltelefon und Internet angewiesen sind, um den Kontakt untereinander aufrechtzuerhalten? NB: Das stimmt. Aber inzwischen schränken die Israelis selbst diese Möglichkeiten ein. SB: Ein Rapper aus Gaza, der an der 2003/2004 gedrehten Dokumentation mitwirkte, hat während der israelischen Angriffe auf Gaza seinen Vater verloren, als die Wohnung der Familie von einer Rakete getroffen wurde. Im Interview mit Al Jazeera erklärte er, daß er mit den Israelis nichts mehr zu tun haben will und an einen Frieden mit ihnen nicht mehr glaubt. NB: So fühlten sich viele Leute in Gaza nach dem Krieg. Man kann die Menschen nicht zusammenschießen und anschließend behaupten, mit ihnen Frieden schließen zu wollen. Ein solches Verhalten ist inakzeptabel. Ich bin zwar Journalist, habe aber auch Gefühle. Ich habe über Massaker und die anschließenden Trauerfeierlichkeiten berichtet und dabei viele blutige Bilder geschossen. Das war so viel, daß ich es nicht einmal alles aufarbeiten konnte. Den Gedanken, daß solche Sachen auch mir oder meinen Familienangehörigen passieren könnten, habe ich gar nicht erst an mich herangelassen. In gewisser Weise wollte ich glauben, daß man als Journalist irgendwie über den Dingen steht oder unbeschadet davonkommt. Ich erlebte das Gegenteil, als meine Freundin bei einem israelischen Bombenangriff ums Leben kam. Wir waren lange zusammen gewesen. Das ganze Haus wurde zerstört. Achtzehn Menschen wurden getötet. Hinzu kommt, daß die Israelis nach eigenen Angaben einen Fehler gemacht und das falsche Ziel angegriffen hatten. Ich habe zahlreiche Vorfälle miterlebt, von denen es hinterher hieß, sie seien irrtümlicherweise passiert. Das gilt zum Beispiel für den Tod meines Freundes, des Reuters-Kameramanns Fadel Shana. Wir standen uns sehr nahe. Ich übernachtete häufig bei ihm. Während meines Aufenthalts in Jerusalem nach meiner Beinamputation Ende 2007 haben wir viel miteinander telefoniert. Ich sagte ihm, ich ließe mir eine Prothese für den rechten Unterschenkel machen, um so schnell wie möglich nach Gaza zurückkehren und wieder mit ihm zusammenarbeiten zu können. Noch im Februar 2008 gab er Al Jazeera ein Interview, in dem der Moderator ihn fragte, ob und wann er jemals mit seinem gefährlichen Job als Reporter im Gazastreifen aufhören würde. Seine Antwort: "Ich werde entweder tot sein oder die Beine verloren haben." Nur zwei Monate später starb er im Alter von nur 23 Jahren - getötet durch Flechettes einer israelischen Panzergranate. Er hatte von einem Hügel aus einen Panzer gefilmt, stand neben seinem Auto, das mit den Worten "Press TV" gezeichnet war, trug seine extra für Journalisten gefärbte, kugelsichere Weste und einen Helm und wurde trotzdem von der Panzermannschaft unter Beschuß genommen. Das Auto wurde direkt getroffen. Fadel und drei weitere Personen wurden getötet. Später behauptete das israelische Militär, die Sonne hätte den Soldaten die Sicht erschwert; sie hätten nicht gewußt, ob Fadel eine Panzerfaust oder eine Kamera an der Schulter trug, und deshalb vorsorglich geschossen. Selbst Kinder auf der Straße lachten einen aus, wenn man ihnen mit so einer durchsichtigen Ausrede käme. SB: Und wie haben Sie Ihr Bein verloren? NB: Ich berichtete von den Trauerfeierlichkeiten eines Ermordeten in Gaza am 21. Dezember 2007. Es kam zu Ausschreitungen gegen die israelischen Streitkräfte, die sich in der Nähe der Trauerzuges aufhielten. Ich wurde von einem Panzerfahrzeug überfahren. Wie es dazu kam, kann ich nicht sagen. Plötzlich lag ich da. Das Ganze gilt als Unglück. Ich bekam zwar eine fünfstündige Aufenthaltserlaubnis in Israel, damit man das Bein in Jerusalem operieren konnte, dennoch habe ich neun Stunden am Grenzübergang Erez warten müssen, bevor ich überhaupt ins Krankenhaus eingeliefert werden konnte.
![]() Nidal Bulbul mit SB-Redakteur NB: Sollte jemand versuchen, mir etwas von Objektivität zu erzählen, dann werde ich ihm gleich ins Gesicht sagen, daß er ein großer Lügner ist. Es gibt keine Objektivität. Das wissen wir doch alle. Ich sage nicht, daß die Medien kontrolliert sind, eher haben sie eine systemimmanente Ausrichtung, die sich über Verträge und Belohnungen reguliert. Jeder kennt die Regeln. Wenn es jedoch um die Wahrheit geht, die kann man nicht auf eine bestimmte Anzahl von Worten reduzieren. Auf die Weise gehen vielleicht die wesentlichen Punkte verloren. Klar werden die Meldungen der Korrespondenten verkürzt wiedergegeben. Doch wie die Berichte zusammengestrichen und auf eine bestimmte Länge gebracht werden, hängt vom jeweiligen Nachrichtensender beziehungsweise von der jeweiligen Zeitung ab. Wichtig ist auch, in welchem Land und unter welchen Bedingungen man arbeitet. Ich will keine Namen nennen, doch in Deutschland kennen alle eine bestimmte Zeitung, in der die Journalisten gleich beim Anheuern eine Reihe von Verpflichtungen, darunter diejenige, daß sie Israel keinen Schaden zufügen dürfen, eingehen müssen. Ich habe meine eigene Meinung nicht in meine Berichte hineingelegt, sondern immer nur die Menschen in Gaza, Augenzeugen, Opfer, Hinterbliebene et cetera, für sich sprechen lassen. Nach meinem Verständnis verleiht der Journalist den Stimmlosen eine Stimme. Er erhebt nicht die eigene. Wenn ich über Vorkommnisse in Gaza schreibe, dann gebe ich das, was die Leute mir vor Ort sagen, wieder und nenne auch die einzelnen Personen namentlich als Quelle, häufig auch mit Bild. Ich präsentiere nicht ihr Konterfei und lege ihnen meine eigenen Worte in den Mund. Das ist wichtig, denn die Menschen in Gaza haben keinerlei Rechte. Zitiert man jemanden aus dem Gazastreifen falsch, so hat dieser keinerlei rechtliche Möglichkeiten, das zu korrigieren oder juristisch dagegen vorzugehen. Daher ist es für mich eine Frage der Ehre und des Anstands, daß ich die Aussagen der Menschen stets eins zu eins wiedergebe und auf jeden Versuch, sie spektakulärer zu machen, als sie sind, verzichte. SB: Nidal Bulbul, wir bedanken uns für das ausführliche Gespräch. Aus dem Englischen übersetzt von der Redaktion Schattenblick Fußnote: 1. Christina Horsten, "Zeichenweise Kriegsberichte", Zeit Online, 16. Januar 2009 2. siehe INFOPOOL-MEDIEN-REDAKTION-REZENSION/018: Slingshot Hip Hop (Palästina-Dokumentation) (SB) ![]() Blick auf das Gebäude des ARD-Hauptstadtstudios am Spreeufer 22. März 2010
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