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INTERVIEW/090: Petersberg II - Gerry Condon, Veterans for Peace (SB)


Interview am 5. Dezember 2011 in Bonn

Gerry Condon - Foto: © 2011 by Schattenblick

Gerry Condon
Foto: © 2011 by Schattenblick

Gerry Condon wurde Ende der 1960er Jahre bei den Special Forces der US Army (Green Berets) zum Sanitäter ausgebildet. Als er sich weigerte, in den Vietnamkrieg zu ziehen, verurteilte man ihn zu einer zehnjährigen Haftstrafe. Daraufhin floh er aus den USA und lebte mehrere Jahre in Europa und Kanada. Erst 1975 konnte er in sein Heimatland zurückkehren. Als überzeugter Kriegsgegner schloß er sich der Organisation "Veterans for Peace" an, die insbesondere Soldaten berät und betreut, die den Kriegseinsatz ablehnen. Zur Zeit reist er durch Europa, um mit Friedensaktivisten zu sprechen und sie dafür zu gewinnen, sich für sichere Zufluchtsorte für Deserteure einzusetzen. Im Rahmen der Internationalen Antikriegskonferenz in Bonn hatte der Schattenblick Gelegenheit, ein Gespräch mit Gerry Condon zu führen.


Schattenblick: Auf der Rückseite Ihres T-Shirts steht "I Hate War". Was hat Sie damals bewogen, Ihre Haltung zum Kriegsdienst zu ändern?

Gerry Condon: Im Grunde habe ich den Krieg immer gehaßt. Dennoch landete ich in der Army, weil ich mich als junger Mann während des Vietnamkriegs bei ihr zum Dienst verpflichtete. Ich wußte, daß ich angesichts der damals herrschenden Wehrpflicht in den USA sowieso eingezogen würde. Die militärische Ausbildung verunsicherte mich jedoch zutiefst, vor allem was deren unverhohlene rassistische Auswüchse betraf. Wir liefen mit unseren Gewehren herum und brüllten "Kill the Gooks!", "Kill the Gooks!". Gook war eine verächtliche, rassistische Bezeichnung für Asiaten. Sogar einer meiner Freunde, der chinesisch-amerikanischer Herkunft ist, mußte auf Befehl des Sergeants vor versammelter Mannschaft Aufstellung nehmen, worauf dieser schrie: "Ihr wollt wissen, was ein Gook ist? Das ist ein Gook!" Und wir rannten wieder los und riefen "Kill the Gooks!", "Kill the Gooks!". Das hat mich sehr mitgenommen.

In der Folge begann ich mich ernsthaft zu fragen, worum es in diesem Krieg eigentlich ging. Ich wurde bei den Special Forces der Green Berets zum Sanitäter ausgebildet und im Zuge dieser langen Ausbildung hatte ich Gelegenheit, mit zahlreichen heimkehrenden Vietnamveteranen zu sprechen. Wie ich von ihnen erfuhr, verübten US-Soldaten Grausamkeiten an Zivilisten in Vietnam, und viele von ihnen, die Zeuge solcher Übergriffe wurden, waren sehr verstört. Andere wieder prahlten damit, doch beide erzählten im Grunde dieselbe Geschichte von systematischer Mißhandlung, Folter und sogar Tötung vietnamesischer Zivilisten. Wie später in den Kriegen im Irak und in Afghanistan fingen die amerikanischen Soldaten damals in Vietnam an, jeden Vietnamesen als Feind zu betrachten, weil sie tatsächlich Krieg gegen die gesamte Bevölkerung führten.

Diese Begegnungen bestärkten mich darin, noch während meiner Dienstzeit die Stimme gegen den Krieg zu erheben, und als ich den Marschbefehl nach Vietnam bekam, weigerte ich mich, ihm Folge zu leisten. Ich wurde von einem Kriegsgericht zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Glücklicherweise gelang es mir, vor Antritt der Haft zu flüchten und die USA zu verlassen. Ich lebte drei Jahre in Europa, vor allem in Schweden, und danach drei weitere Jahre in Kanada. Im Jahr 1975 konnte ich im Rahmen einer Kampagne für Amnestie für alle Deserteure in die Vereinigten Staaten zurückkehren. Zu dieser Zeit war bereits die Mehrheit der Bevölkerung gegen den Krieg eingestellt, und die Auffassung, daß man Soldaten nicht bestrafen dürfe, die sich weigerten, in den Krieg zu ziehen, erfreute sich breiter Unterstützung. Zuguterletzt mußte ich überhaupt nicht mehr ins Gefängnis gehen, ich hatte Glück.

Seit sieben Jahren arbeite ich nun mit einer neuen Generation von Soldaten, die sich ebenfalls weigern, in den Krieg zu ziehen. Die meisten von ihnen haben Krieg am eigenen Leib erlebt, es sind Irakveteranen oder Afghanistanveteranen, die die Realität des Krieges erfahren haben. Sie lehnen eine erneute Kriegsteilnahme aus Gewissensgründen ab, nicht weil sie ein Buch darüber gelesen haben, sondern weil sie im Krieg Zeuge von Greueltaten geworden sind, da in vielen Fällen Zivilisten getötet wurden. Als man ihnen befahl, wieder in den Krieg zu ziehen, erklärten sie: Nein, ich kann das nicht mehr machen! Sie desertierten, und mehrere hundert von ihnen leben nun in Kanada, wo sie Zuflucht gesucht haben. Die Mehrheit der kanadischen Bevölkerung unterstützt sie und befürwortet, daß sie im Land bleiben dürfen. Unglücklicherweise ist die konservative kanadische Regierung jedoch grundsätzlich für den Krieg und macht den Deserteuren das Leben sehr schwer. Sie wurden gezwungen, politisches Asyl zu beantragen, worauf man einen Antrag nach dem andern abgelehnt hat. Sie legen dagegen Berufung ein, wobei einige von ihnen bereits in die USA deportiert worden sind. Dort mußten sie bis zu zwei Jahre ins Gefängnis gehen. Mehrere hundert kämpfen weiterhin gegen die Auslieferung.

Ein junger Deserteur namens André Shepherd lebt heute in München und hat politisches Asyl in Deutschland beantragt. Vor einigen Monaten wurde sein Antrag abgelehnt, worauf er Berufung eingelegt hat. Soweit ich weiß, ist er mit einer Deutschen verheiratet und kann deshalb möglicherweise nicht in die USA deportiert werden. Er kämpft jedoch aus Prinzip um das Recht, den Dienst in illegalen Kriegen zu verweigern und dabei als Flüchtling anerkannt zu werden, wie dies im Handbuch der Vereinten Nationen für Flüchtlinge vorgesehen ist. [1]

Das gehört zu den Dingen, um die sich meine Organisation "Veterans for Peace" in besonderem Maße kümmert, nämlich Soldaten zu unterstützen, die den Kriegsdienst ablehnen, Informationen für GIs im aktiven Dienst bereitzustellen, damit sie etwas von der Realität des Krieges erfahren, und wenn sie sich entschließen, Widerstand gegen diesen Krieg zu leisten, stehen wir ihnen zur Seite. Außerdem gehen wir in die Schulen und sprechen mit den Schülern, die regelmäßig von Anwerbern der Streitkräfte besucht werden, die sie aggressiv und unter falschen Versprechen zu rekrutieren versuchen. Als Menschen, die entsprechende Erfahrungen gemacht haben, arbeiten wir also auf verschiedenen Ebenen.

Meine persönliche Erfahrung unterscheidet sich von jener der Mehrzahl unserer Mitglieder. Wir haben ungefähr 5.000 Mitglieder, bei denen es sich überwiegend um kampferfahrene Veteranen des Vietnamkriegs handelt. Einige unserer Mitglieder nahmen am Zweiten Weltkrieg teil und manche haben sogar im spanischen Bürgerkrieg gekämpft. Es gibt einige jüngere Leute, die im Irak oder in Afghanistan gewesen sind, aber die meisten sind wie gesagt Vietnamveteranen. Sie haben zumeist einen Sinneswandel nicht wegen der Schrecken des Krieges vollzogen, sondern als sie nach der Heimkehr erfuhren, daß sie belogen worden waren, was die Gründe ihres Einsatzes in Vietnam betraf, wie das auch für den Irak und Afghanistan gilt. Der zweite Grund war die Weigerung von Regierung und Streitkräften, sich um die Veteranen zu kümmern.

Viele Soldaten, viele meiner Freunde kamen aus Vietnam mit gesundheitlichen Problemen zurück, die auf eine Vergiftung mit Agent Orange zurückzuführen waren. [2] Dieses dioxinhaltige Gift wurde eingesetzt, um die Wälder in Vietnam zu entlauben, damit man den Feind leichter aus der Luft entdecken konnte. Dies hatte schwerwiegende Gesundheitsprobleme zur Folge, an denen heute noch in Vietnam zahlreiche Erwachsene leiden, während Kinder mit Mißbildungen geboren werden. Dort befindet sich das Gift immer noch in der Umwelt, und viele Vietnamveteranen leiden an den Folgen wie bestimmten Formen von Krebs, Diabetes und einer Reihe anderer Krankheiten. Die Regierung bestritt damals, daß es Probleme geben könnte, und beharrte sogar dann noch auf dieser Haltung, als immer mehr Fälle dokumentiert wurden. Sie lehnte jede Verantwortung ab und weigerte sich, eine Entschädigung für die Gesundheitsprobleme zu zahlen. Veteranen und deren Organisationen kämpften viele, viele Jahre, bis ihre Klage endlich anerkannt wurde und sie eine Entschädigung bekamen. Erst im letzten Jahr wurde der Antragsprozeß noch einmal vereinfacht, bei dem man nachweisen muß, wann man in Vietnam gewesen und in Kontakt mit Agent Orange gekommen war und welche Folgeschäden man davongetragen hat. So lange und kompliziert zieht sich dieser Prozeß also hin. Nicht anders verhält es sich mit dem abgereicherten Uran, das seit dem Golfkrieg 1991 eingesetzt wird und im Irak und unter US-Soldaten Krebsfälle zur Folge hatte.

T-Shirt mit Aufschrift 'I Hate War' - Foto: © 2011 by Schattenblick

An guten Gründen herrscht kein Mangel ...
Foto: © 2011 by Schattenblick
Auch psychische Probleme treten häufig auf. Ich habe mit zahlreichen Veteranen der Kriege im Irak und in Afghanistan gesprochen und kann die Einschätzung generalisieren, daß niemand ohne psychische Probleme aus diesen Kriegen zurückkommt, wobei lediglich das Ausmaß der jeweiligen Beeinträchtigung variiert. Während des Vietnamkriegs kamen viele Soldaten mit Störungen zurück, die später unter der Diagnose posttraumatisches Streßsymptom zusammengefaßt wurden. Unter Vietnamveteranen gab es eine extrem hohe Rate von Menschen, die sich das Leben nahmen, und noch heute bringen sich einige dieser Veteranen um. Was nun die jüngeren Veteranen betrifft, so hat das Forschungsinstitut RAND Corporation in den USA eine Studie durchgeführt, aus der hervorgeht, daß 300.000 Veteranen aus den Kriegen in Afghanistan und dem Irak an einem posttraumatischen Streßsyndrom und weitere 300.000 an sogenannter traumatischer Hirnverletzung leiden. Die bevorzugte Waffe des Widerstands in Afghanistan und dem Irak sind improvisierte Sprengsätze, deren Explosion zahllose Soldaten ausgesetzt waren. Auch das sind Probleme, denen die Streitkräfte, die Krankenhäuser und die Regierung nicht angemessen Rechnung tragen. So kommt es wiederum zu einer extrem hohen Rate von Selbsttötungen unter aktiven Soldaten und Veteranen. Hinzu kommen häusliche Probleme, Mord, Alkohol- und Drogenabhängigkeit und viele andere Dinge, zu denen Soldaten nach Kriegseinsätzen neigen. Außerdem gibt es eine wachsende Zahl Obdachloser aus diesem Kreis. Das galt schon für die Vietnamveteranen, die unter den Obdachlosen häufig zu finden waren, und das trifft auch für die Irak- und Afghanistanveteranen zu.

Ich habe mit Veteranen des Zweiten Weltkriegs gesprochen, die unter denselben Problemen litten. Es war nur damals nicht üblich, darüber zu sprechen, weil sie in einem populären Krieg gekämpft haben, der siegreich endete. Sie nahmen nach ihrer Rückkehr an Paraden teil, und man ging wie selbstverständlich davon aus, daß es nicht angemessen sei, daß sie über die psychologischen Folgen der massenhaften Gewalt sprechen, der sie ausgesetzt waren. Fühlten sich damals viele Soldaten verraten, so gilt das heute um so mehr, vor allem nach dem Irakkrieg. Die Regierung versucht, die Friedensbewegung zum Schweigen zu bringen, indem sie fordert, wir müssen unsere Soldaten unterstützen. Sie hat das sehr effektiv gemacht und dafür gesorgt, daß niemand im US-Kongreß gegen den Krieg gesprochen hat, ohne sich des Vorwurfs ausgesetzt zu sehen, er unterstütze unsere Soldaten nicht.

Deshalb findet man derzeit viele zornige Veteranen, die sich der Friedensbewegung angeschlossen haben und sie in den letzten Jahren in vorderster Front anführen. Es gibt Hunderte Occupy-Bewegungen, und fast in jeder von ihnen findet man Kriegsveteranen. Sie sind gut organisiert - es gibt beispielsweise eine Gruppe namens "Iraq Veterans against the War" - und einige dieser Veteranen betreiben auch sogenannte GI Coffee Houses, wie sie während des Vietnamkriegs sehr populär waren. Dabei handelt es sich um öffentlich zugängliche Einrichtungen in der Nähe von Militärstützpunkten, an denen sich Soldaten in einer anderen Umgebung treffen und mit den Perspektiven des Krieges auseinandersetzen können oder sich beraten lassen, wie sie den Kriegsdienst aus Gewissensgründen verweigern können, um den Militärdienst zu verlassen oder in nicht kämpfende Einheiten versetzt zu werden. Da es sich dabei um sehr komplizierte Verfahren handelt, haben sich die GI Coffee Houses zu einem zentralen Element der Antikriegsbewegung in den Streitkräften entwickelt und werden hoffentlich dazu beitragen, daß der Widerstand innerhalb der Armee wächst, was sehr wichtig ist. [3]

Ein wesentlicher Grund, warum die USA schließlich ihre Truppen aus Vietnam abziehen mußten, war der massive Widerstand innerhalb der Streitkräfte selbst. Da gibt es diese wenig bekannte Geschichte - hast du den Film "Sir! No Sir!" gesehen? Er wurde 2005 von David Zeiger produziert, der auch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hat. Der Film ist im Internet für etwa 20 Dollar sicher leicht zu bekommen und erzählt die verborgene Geschichte des Widerstands der Soldaten während des Vietnamkriegs. Er ist sehr vielschichtig angelegt und zeigt verschiedene Aspekte, darunter Anschläge auf Offiziere in Vietnam. Im letzten Jahr des Vietnamkriegs wurden im Schnitt jede Woche zwei amerikanische Offiziere von ihren eigenen Leuten umgebracht. Das geschah nicht so sehr aus ideologischen Gründen oder weil die Soldaten den Krieg ablehnten, sondern viel häufiger weil diese Offiziere sie in gefährliche Situationen gebracht hatten. Es war eine Frage des Überlebens. Es wurde so schlimm, daß sich mitunter ganze Einheiten weigerten zu kämpfen. Oftmals vermieden Patrouillen den Kontakt mit dem Feind. Mir ist bekannt, daß solche Missionen auch im Irak durchgeführt werden und sehr ähnlich verlaufen. Ich habe zudem von Afghanistanveteranen erfahren, daß ihre wichtigste Motivation darin besteht, lebendig und unversehrt nach Hause zurückzukehren. Die Sache ist ziemlich hoffnungslos, und so kommen sie zurück und fragen, wofür sie überhaupt dort gewesen sind. Viele versuchen, dieses Schlamassel zu verlassen.

Als ich im Vietnamkrieg den Einsatz verweigerte und schließlich desertierte, hatte ich in mehrfacher Hinsicht großes Glück. Es gab damals verschiedene Länder, in die ich gehen konnte, um Zuflucht zu finden. Ich lebte wie gesagt drei Jahre in Schweden, das damals das einzige Land war, das Vietnamdeserteuren ausdrücklich deshalb Asyl gewährte, weil sie den Kriegsdienst verweigerten. So kamen etwa 800 von uns in Schweden unter. Kanada gewährte hingegen offiziell kein Asyl, ließ aber Menschen ungeachtet ihrer jeweiligen Gründe ins Land. Da man in Kanada damals dringend erfahrene Arbeitskräfte suchte, hielt man die Grenze für Einwanderer weit offen. Das führte dazu, daß zwischen 60.000 und 100.000 US-amerikanische Verweigerer und Deserteure während des Vietnamkriegs in Kanada Zuflucht fanden und 30.000 von ihnen die Staatsbürgerschaft erlangten. Einige davon sind heute sehr aktiv und unterstützen eine neue Generation von Deserteuren, für die es kein Schweden mehr gibt. Es ist sehr schwierig für sie, in Kanada Zuflucht zu finden. Einer der Gründe, warum ich derzeit durch Europa reise, ist der, daß ich mit Friedensaktivisten darüber sprechen möchte, wie wichtig es ist, Druck auszuüben, damit sichere Zufluchtstätten für Soldaten geschaffen werden, die nicht mehr in den Krieg ziehen, aber auch nicht ins Gefängnis gehen wollen.

Im Gespräch mit SB-Redakteur - Foto: © 2011 by Schattenblick

Im intensiven Gespräch mit SB-Redakteur
Foto: © 2011 by Schattenblick
SB: Wir haben vorhin das Argument gehört, daß jeder Soldat ein Mörder sei und dies sehr genau wisse. Ich hatte den Eindruck, daß Sie diese Auffassung nicht teilen.

GC: Ich habe dieses Argument oft gehört, und es wird nicht selten dagegen ins Feld geführt, sichere Zufluchtstätten für Deserteure zu schaffen. Heute gebe es schließlich keine Wehrpflicht mehr, und die Soldaten wüßten nur zu gut, worauf sie sich einließen, heißt es da. Beide Argumente lassen sich widerlegen. Punkt eins: Wenngleich es zutrifft, daß die Wehrpflicht in den USA abgeschafft wurde, haben wir doch einen Armutsdruck, der dazu führt, daß sich viele junge Leute zum Dienst in den Streitkräften verpflichten. Jugendliche, die keine Arbeit bekommen, keine Chance auf höhere Bildung und keine Zukunft haben, werden plötzlich mit einem geschulten Verkäufer in Gestalt eines Anwerbers der Streitkräfte konfrontiert. Er verspricht ihnen einen Job, einen regelmäßigen Gehaltsscheck, ein Dach über dem Kopf für sie und ihre Familie, Gesundheitsversorgung und sogar die Finanzierung einer Collegeausbildung. Das ist sehr verführerisch und der Hauptgrund, warum sich junge Leute verpflichten. Hinzu kommen die patriotischen Aufrufe nach dem 11. September 2001, man müsse für sein Land kämpfen. Doch dann mußten die Soldaten erleben, daß die Realität eine andere war.

Was den zweiten Punkt betrifft, darf man nicht außer acht lassen, daß diese Rekruten nicht älter als 17 oder 18 Jahre waren, als sie verpflichtet wurden, und zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu viel von der Welt wußten. Ob man es glaubt oder nicht - ich habe mit vielen Soldaten gesprochen, die davon ausgegangen waren, daß man sie nicht in den Krieg schicken würde. Die Anwerber hatten ihnen versichert, sie bräuchten sich darüber keine Sorgen zu machen, da sie in einem Schreibtischjob oder in einem Lagerhaus in den USA eingesetzt und mit dem Krieg nichts zu tun haben würden. Sie haben das tatsächlich geglaubt und hätten andernfalls möglicherweise nicht unterschrieben. Und kaum war das geschehen, schickte man sie hinüber zu den Maschinengewehren im Irak oder in Afghanistan. Nein, sie wußten nicht, worauf sie sich einließen. In einem gewissen Sinn wurden sie zwangsverpflichtet, und viele von ihnen sind aufgewacht und haben Verantwortung übernommen für das, was mit ihnen geschehen ist. Sie arbeiten mit anderen Veteranen zusammen, um sich selbst zu heilen, und finden heraus, daß man in dieser Hinsicht nichts Besseres tun kann, als die Stimme gegen den Krieg zu erheben, andere Soldaten zu erreichen und mit jungen Leuten über die Realität des Krieges zu sprechen, bevor es zu spät ist.

SB: Vielen Dank für dieses ausführliche Gespräch.


Fußnoten:

[1] Anm. d. Red.: André Shepherd ist der erste Deserteur der US Army, der in Deutschland politisches Asyl beantragt hat. Er hatte im Irakkrieg gekämpft, den er als völkerrechtswidrigen Angriffskrieg ansieht, und einen erneuten Einsatz abgelehnt. Er desertierte am 11. April 2007 und stellte später einen Asylantrag, der am 4. April 2011 abgelehnt wurde. Am 7. April 2011 beauftragte er seinen Rechtsanwalt, Klage gegen die ablehnende Asylentscheidung zu erheben.

[2] Siehe dazu:
http://www.schattenblick.de/infopool/natur/chemie/chula254.html
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/redakt/milt-816.html

[3] Siehe dazu:
http://www.schattenblick.de/infopool/buch/sachbuch/busar236.html

Transparent der Veterans for Peace - Foto: © 2011 by Schattenblick

Veterans for Peace auf der Bonner Kundgebung
Foto: © 2011 by Schattenblick

16. Dezember 2011