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INTERVIEW/224: Bündnis breit und gegen ... - Mißbrauch, Legalismus und Waffen, Selahattin Göktürk im Gespräch (SB)


Keine deutsche Unterstützung für die neoosmanische Ideologie Erdogans!

Interview am 24. Mai 2014 in Köln



Selahattin Göktürk ist Vorsitzender der Alevitischen Gemeinde Köln e.V., deren Hauptziel als Verein die Bewahrung, Weiterentwicklung und Förderung der kulturellen Eigenständigkeit der rund 30.000 in der Stadt lebenden Aleviten ist. Im Rahmen eines harmonischen Zusammenspiels mit allen anderen Bevölkerungsgruppen soll die freie Ausübung des alevitischen Glaubens und die Befriedigung religiöser, kultureller und sozialer Bedürfnisse aller Mitglieder gewährleistet werden. Zu dem Bemühen um die Integration der Aleviten in die deutsche Gesellschaft gesellt sich das Anliegen, jeder Form der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Rasse, Religion und Sprache oder ihres Geschlechts entgegenzutreten und den Schutz von Minderheiten durch Schaffung einer besseren rechtlichen Stellung zu erwirken. Der Verein organisiert Förderungs- und Bildungsmaßnahmen wie auch eine intensive Hausaufgabenbetreuung von Migrantenkindern. [1]

Kurz vor Ende der Großkundgebung gegen den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan am 24. Mai in Köln bat der Schattenblick Herrn Göktürk, ein erstes persönliches Fazit der Protestkundgebung zu ziehen.

Mit gelbem Helm - Foto: © 2014 by Schattenblick

Selahattin Göktürk
Foto: © 2014 by Schattenblick

Schattenblick: Wir sind noch nicht ganz am Ende der Veranstaltung angelangt, da bei der Abschlußkundgebung auf der großen Bühne derzeit noch einige Reden gehalten werden. Dennoch können wir an dieser Stelle schon über unsere Eindrücke sprechen und ein vorläufiges Fazit ziehen. Herr Göktürk, wie hat Ihnen die heutige Großkundgebung gegen den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Köln gefallen?

Selahattin Göktürk: Es hat mir sehr gut gefallen, daß so viele Menschen zur großen Demonstration und Kundgebung gegen den Besuch Erdogans in Köln zusammengekommen sind. Besonders gut hat mir gefallen, daß all diese Menschen ungeachtet ihrer jeweiligen Herkunft und Überzeugung friedlich miteinander demonstriert haben. Natürlich haben wir uns über die hohe Teilnehmerzahl sehr gefreut, zumal viele Menschen teilgenommen haben, die nicht persönlich von der Politik Erdogans betroffen sind, aber für andere auf die Straße gehen, die solche Unterstützung dringend brauchen. Das alles hat uns gut gefallen und auch mich persönlich sehr gefreut.

SB: Wir haben hier gerade noch einmal gehört, aus wie vielen Ländern Delegationen angereist sind. Auch das ist ja ein bemerkenswerter Erfolg, daß Menschen aus ganz Europa an dieser Kundgebung teilnehmen.

SG: Das hat uns auch sehr gefreut, daß sich europaweit alevitische Gemeinden beteiligen und hier versammelt sind. Sie haben ihre Meinungen offen vertreten und ausgetauscht und sich mit uns solidarisch gegen Erdogan und die AKP-Regierung gezeigt.

SB: Die Alevitische Gemeinde spielt offensichtlich eine integrative Rolle und bezieht sehr viele Menschen und Gruppierungen ein. Solche Bündnisse sind früher häufig daran gescheitert, daß die verschiedenen Fraktionen miteinander im Streit lagen und deshalb keine gemeinsamen Aktionen zustande brachten.

SG: Ja, die Alevitische Gemeinde ist der Motor der Opposition. Wir haben hier gesehen, wie gut das gelungen ist, und wollen das auch in Zukunft so machen.

SB: Auf der Abschlußkundgebung waren auch mehrere Politiker deutscher Parteien präsent. Es ist also gelungen, die deutsche Politik mit ins Boot zu holen.

SG: Das ist ein besonders großer Erfolg. Deutsche und europäische Politiker nehmen endlich wahr, welches Unrecht in der Türkei herrscht. Sie müssen anfangen, gemeinsam mit der türkischen Bevölkerung auf diese Zustände zu reagieren und die Opposition gegen das herrschende Regime zu unterstützen. Wie wir gesehen und erlebt haben, ist Erdogan ein Diktator, und im 21. Jahrhundert wollen wir keinen Diktator mehr in unserem Europa haben.

SB: Nähmen die Bundesregierung und die Europäische Union ihre eigenen Worte ernst, müßten sie weit mehr unternehmen und von Erdogan zumindest verlangen, daß er einen gewissen Rechtsstandard in seinem Land gewährleistet.

SG: Natürlich, sie sollen ihn nicht unterstützen und jede Menge Waffen liefern, die er gegen die eigene Bevölkerung richtet, die Demokratie und Frieden will. Erdogan strebt danach, eine neue osmanische Ideologie umzusetzen. Darauf müssen die europäischen Politiker und Parlamente achten, dagegen müssen sie einschreiten.

SB: Das betrifft auch die Parteien in Deutschland, die gehalten sind, nicht mit der AKP-Regierung gemeinsame Sache zu machen und deren Repression zu unterstützen.

SG: Auf jeden Fall.

SB: Nachdem Vertreter mehrerer deutscher Parteien auf der heutigen Abschlußkundgebung gesprochen haben, hat Sevim Dagdelen Kritik an ihren Vorrednern geübt. Wie sie sagte, setzen sich Politiker derselben Parteien, die Waffenlieferungen an die Türkei bewilligen und die Zusammenarbeit der Geheimdienste befördern, scheinheilig als Sachwalter der Menschenrechte in Szene.

SG: Die Politikerin Sevim Dagdelen hat betont, daß europäische Länder und insbesondere Deutschland keine Waffen mehr an die Türkei liefern dürfen. Dieser Forderung schließen wir uns an, da mit diesen Waffen auch in der Türkei Menschen getötet werden. Der Schutz von Menschenleben muß aus unserer Sicht absoluten Vorrang vor allen anderen Erwägungen haben.

SB: Zudem gibt es eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei auf Polizeiebene, in deren Rahmen deutsche Polizeiausbilder der Regierung Erdogans dabei helfen, die eigene Bevölkerung zu unterdrücken.

SG: Hier in Köln haben wir gesehen, daß die Polizei auf einen friedlichen Verlauf der Demonstration und Kundgebung achtet, und zum Glück und Gott sei Dank ist auch nichts passiert. In der Türkei geht die Polizei Erdogans gegen Menschen vor, die für ihre Rechte auf die Straße gehen, sie setzt ihre Waffen ein, schießt auf die Leute und tötet sie. Wenn die Polizei mitmischt, provoziert sie besonders in der Türkei die Leute, und dann kommt es zu solchen Zwischenfällen, bei denen Menschen zu Schaden kommen und sogar sterben.

SB: Herr Göktürk, vielen Dank für dieses Gespräch.

Riesige Menschenmenge bei der Abschlußkundgebung - Foto: © 2014 by Schattenblick

Eindrucksvoller Massenprotest gegen Erdogan-Besuch in Köln
Foto: © 2014 by Schattenblick


Fußnote:

[1] http://www.koeln.de/branchen/eintrag/4727/vereine/alevitische-gemeinde-koeln-ev/


Bisherige Beiträge zur Großkundgebung gegen den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Köln im Schattenblick unter
www.schattenblick.de → INFOPOOL → POLITIK → REPORT:

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16. Juni 2014