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INTERVIEW/311: Treffen um Rosa Luxemburg - Grenzen brechen ...    Thawra im Gespräch (SB)


... um alles Trennende zu überwinden

Rosa Luxemburg Wochenende im Januar 2016


Die internationalistische Rapperin Thawra bezieht Stellung für Menschen, die als Opfer kapitalistischer Zerstörung und imperialistischer Kriege weder Stimme noch Gesicht haben sollen. Beim Rosa Luxemburg Wochenende im Januar trat Thawra, die schweizerischer und algerischer Herkunft ist, auf Rosas Block Party der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin (ARAB) im Club BI-NUU in Berlin-Kreuzberg auf, wo sie dem Schattenblick einige Fragen zu ihrem politischen und künstlerischen Selbstverständnis beantwortete.


Auf der Bühne des BI-NUU in Berlin-Kreuzberg - Foto: © 2016 by Schattenblick

Thawra
Foto: © 2016 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Thawra, wie lange machst du schon Hip Hop?

Thawra: Auf Hochdeutsch etwas mehr als ein Jahr. Das Stück "Antideutsche / Tahya Falastin" war das erste, das ich auf Hochdeutsch zu Ende geschrieben habe. Davor gab es eine lange Pause, denn mit dreizehn, vierzehn und fünfzehn habe ich in der Schweiz auf Schwizerdütsch gerappt.

SB: In dem Stück "Antideutsche / Tahya Falastin" [1], das du zusammen mit Kaveh [2] aufgenommen hast, geht es um Palästina. Wie bist du darauf gekommen, dich speziell diesem Thema zu widmen?

Thawra: Ich bin in der Schweiz politisiert worden. Da gab es wenig bis keine Antideutschen. Da war Palästina-Solidarität eine Selbstverständlichkeit für Kommunisten. Ich habe aber online schon sehr früh mitbekommen, was da entsteht, und habe rege mitdiskutiert. Ich übe auch Kritik an bestimmten verkürzten Sichtweisen, doch obwohl ich die proisraelische Haltung richtig übel und reaktionär fand, habe ich versucht, auch für Kritiken, die aus einer solchen Richtung kommen, offen zu bleiben. Ich wurde allerdings frühzeitig rassistisch und sexistisch beleidigt und mußte erfahren, daß es da eine richtig miese Diskussionskultur gibt.

SB: Meinst du innerhalb der Hip Hop-Szene?

Thawra: Nein, online in den Diskussionen, die sich um Antideutsche drehten. Das war vor meiner Politisierung gar kein Thema, denn die normale Hip Hop-Szene ist nicht so politisch. Dann bin ich irgendwann nach Deutschland gekommen, habe noch einmal richtig die volle Ladung abbekommen und gemerkt, wie stark die Antideutschen sind und was für ein krasses Problem sie für die revolutionäre Bewegung darstellen. Ich habe natürlich erkannt, daß man da etwas machen und auch offensiv herangehen muß. Es geht darum, gerade diejenigen Leute aufzurütteln, die sich nicht trauen, sich zu positionieren. Wichtig ist erst einmal, daß sie sich überhaupt positionieren, auch wenn das vielleicht in die falsche Richtung geht. Weil mich das bewegt hat, habe ich das zum Anlaß genommen, darüber zu schreiben.

SB: Heute ist es ja nicht mehr so angesagt wie in den 60er oder 70er Jahren, Kommunistin zu sein. Wie kommt ein junger Mensch wie du heute dazu, diesen Weg zu wählen?

Thawra: Das war bei mir zum Teil Zufall. Ich habe mich politisiert zu einer Zeit, als die Afghanistan-Invasion der US-Imperialisten stattfand. Natürlich habe ich schon weit links gesucht, und so war die erste Organisation, an die ich Anschluß gefunden hatte, eine Jugendgruppe namens Rote Jugendaktion, die sich gerade in dieser Zeit gebildet hatte. Nach ein paar Jahren, als es mit dieser Gruppe zu Ende ging, wurde ich Mitglied im Revolutionären Aufbau Zürich [3]. Da habe ich an Schulungen teilgenommen und wichtige Erfahrungen in der Praxis gesammelt.

SB: Kannst du dir vorstellen, daß es in Anbetracht nicht nur von Krieg, Ausbeutung und Unterdrückung, sondern auch der Naturzerstörung noch einmal zu einem Aufschwung linksradikaler oder sogar kommunistischer Gesinnung unter Jugendlichen kommen könnte?

Thawra: Natürlich kann ich mir das vorstellen, das ist ja mit ein Grund, warum ich Musik und auch Politik mache. Die Jugend ist immer der wichtigste Ansprechpartner. Auf gewisse Faktoren haben wir keinen Einfluß. Aber gegen die herrschende Ideologie anzukämpfen, sehe ich als unsere Aufgabe, da können wir Einfluß nehmen und das sollten wir auf jeden Fall tun. Von Prognosen halte ich jedoch nicht so viel, man muß es halt versuchen.

SB: Hast du es vor allem mit Leuten zu tun, die politisch ähnlich orientiert sind wie du?

Thawra: Ich bin als politischer Mensch in eine neue Stadt gezogen, dadurch ist mein Freundeskreis inzwischen sehr politisch. Eigentlich ist es ja verkehrt, wenn es sich immer um sich selbst dreht und sich nur in der Bewegung aufhält. Aber de facto ergeben sich soziale Beziehungen über die Kontakte bei der Lohnarbeit und die sonstige Praxis, die man im Leben hat. Das entwickelt sich meistens so.

SB: Hast du im Hip Hop Vorbilder, was zum Beispiel politisches Rappen betrifft?

Thawra: Mit Vorbildern konnte ich noch nie etwas anfangen. Es gibt viele Künstler, die ich gut finde, von denen ich mich inspirieren lasse, aber eine bestimmte Person gibt es eigentlich nicht.


Thawra auf der Bühne des BI-NUU in Berlin-Kreuzberg - Foto: © 2016 by Schattenblick Thawra auf der Bühne des BI-NUU in Berlin-Kreuzberg - Foto: © 2016 by Schattenblick Thawra auf der Bühne des BI-NUU in Berlin-Kreuzberg - Foto: © 2016 by Schattenblick

Keine Scheu vor klaren Worten
Foto: © 2016 by Schattenblick

SB: Schreibst du deine Texte selber?

Thawra: Ja. Es ist im Rap total unüblich, daß jemand anders deine Texte schreibt. Bei richtig erfolgreichen Amis ist es vielleicht so. Das kann auch bei den erfolgreichen Rappern in Deutschland mitunter der Fall sein. Beim politischem Rap würde ich mich das allerdings sehr wundern.

SB: Im Video von "Antideutsche / Tahya Falastin" ist das Logo der Antilopen Gang zu sehen. Wie stehst du zu dieser doch sehr bekannten Gruppe, die zumindest über einen gewissen Wortwitz verfügt, aber auch für politische Kontroversen sorgt?

Thawra: Erst einmal muß man zwischen Form und Inhalt unterscheiden. Wenn ich nur nach dem Musikalischen gehe, würde ich mir viele Sachen anhören, auch die Antilopen. Aber man denkt und fühlt ja mit bei Musik, und gerade deshalb höre ich keine Antilopen Gang. Auf jeden Fall lehne ich ihren Zionismus als Antizionistin ab.

SB: Das Logo der Band im Video soll aber eine bestimmte Stoßrichtung der Kritik darstellen, vermute ich?

Thawra: Klar, das steht für "den Antideutschen" und soll ihn als solchen kenntlich machen. Allerdings ist der Track nicht dafür gedacht, sich jetzt an dieser Crew abzuarbeiten.

SB: "Rote Fahnen über Gaza und Jenin" heißt es unter anderem in eurem Text. Ist das ein Wunschtraum? Die Palästinenser hatten einmal eine starke Linke, das ist heute aber Geschichte. Glaubst du, daß die Palästinenser das Problem, nicht nur von den Israelis, sondern auch von der eigenen Oligarchie unterdrückt zu werden, bewältigen können?

Thawra: Gegenfrage: Denkst du, daß es in Deutschland wieder eine starke Linke geben kann? Wir waren auch schon stärker. Wir hatten auch schon einmal 1918. Natürlich ist das kein Wunschtraum, sondern man muß darauf hinarbeiten, natürlich in erster Linie im eigenen Land. Dazu gehört Internationalismus, dazu gehört, der eigenen Bourgeoisie und dem eigenen Staat, dessen Staatsräson proisraelisch ist, in den Rücken zu fallen. Das ist für mich eine internationalistische Selbstverständlichkeit. Aber jetzt groß in den Diskurs reinzugehen, was die palästinensische Linke tun sollte, finde ich für mich unsinnig. Ich versuche zu unterstützen, wo ich kann und wo ich es sinnvoll finde mit meinem Wissen, zusammen mit meinen Genossen.

SB: Trittst du auch auf politischen Events auf, auf Demos und ähnlichen Anlässen?

Thawra: Eigentlich ausschließlich. Ich würde mich natürlich freuen, wenn ich auch einmal für ganz normale Sachen angefragt würde. Klar, meine Tracks enthalten viel interne Kritik an der Bewegung, deswegen mache ich auch nicht gezielt für den und den Musik, an dem Punkt bin ich nicht, sondern schreibe das, was ich gerade wichtig finde und was gerade kommt. Ich gehe da nicht taktisch im Sinne der Frage vor, wie ich mich an mehr Leute richten kann. Aber das müßte man bestimmt irgendwann auch einmal machen.

SB: Hattest du schon Berührungspunkte mit der Musikindustrie?

Thawra: Nein.

SB: Selbst zu produzieren und zu vertreiben gilt vermutlich für einen Großteil des politischen Hip Hop?

Thawra: Ja, notgedrungen. Aber für mich ist Musik auch nicht die erste Priorität.

SB: Geht es dir beim Hip Hop eher um ein persönliches Anliegen?

Thawra: Ja, im Sinne von "Das Persönliche ist politisch". Das ist übrigens ein Track, den ich gleich bringen werde - "Das Private ist politisch".

SB: Thawra, vielen Dank für das Gespräch.


Aktivist hält Fahne der MLKP hoch - Foto: © 2016 by Schattenblick

Solidarität mit der kurdischen Befreiungsbewegung und türkischen Linken gerade jetzt
Foto: © 2016 by Schattenblick


Fußnoten:


[1] https://www.youtube.com/watch?v=LpWzpLepDjo

[2] http://www.schattenblick.de/infopool/musik/report/muri0042.html

[3] http://www.schattenblick.de/infopool/medien/ip_medien_altern_aufbau.shtml


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26. März 2016


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