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INTERVIEW/357: Gegenwartskapitalismus - Emanzipation und Demokratie für alle ...    Fawza Yusuf im Gespräch (SB)


Die Demokratische Föderation Nordsyrien ist eine basisdemokratisch und multiethnisch verfaßte Entität innerhalb des Staates Syrien, die aus den kurdisch dominierten, als Rojava bekannten Kantonen Cizire, Kobane und Afrin hervorgegangen ist. Dem Selbstverständnis ihrer Begründerinnen und Begründer zufolge handelt es sich um das Modell eines dezentralisierten demokratischen Landes, dessen föderalistischer Entwurf sich durchaus für weitere Gebiete Syriens und der Region eigne. Auf der Konferenz "Die kapitalistische Moderne herausfordern III", die vom 14. bis 16. April an der Universität Hamburg stattfand, beantwortete die Kovorsitzende des Exekutivrates der Demokratischen Föderation Nordsyrien, Fawza Yusuf, dem Schattenblick einige Fragen.


Bei einem Vortrag auf der Konferenz - Foto: © 2017 by Schattenblick

Fawza Yusuf
Foto: © 2017 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Frau Yusuf, könnten Sie etwas zur institutionellen Verankerung Ihres Amtes als Kovorsitzende des Exekutivrates der Demokratischen Föderation Nordsyrien sagen?

Fawza Yusuf (FY): Am 17. März 2016 ist der Konstituierende Rat für den Aufbau eines demokratischen Syriens gegründet worden. Teil dieses Rates war eine Kommission, die den Gesellschaftsvertrag für die Region Rojava ausarbeiten sollte. Ich war verantwortlich für diese Kommission. Nach der Ausarbeitung haben wir beschlossen, mit den unterschiedlichen Fachbereichen, aber auch mit allen gesellschaftlichen Ethnien und Gruppen über diesen Gesellschaftsvertrag zu diskutieren. Vom 27. bis 29. Dezember letzten Jahres wurde der zweite Entwurf dem hauptverantwortlichen Vorstand vorgelegt, um alle weiteren Schritte zu organisieren. Zwei Personen - ich als kurdische Vertreterin und ein Mann von den Assyrern - wurden für diese Aufgabe gewählt. Ich selbst bin sowohl Teil der Frauenbewegung Kongreya Star als auch der Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft (TEV-DEM).

SB: Hier in Deutschland ist Rojava im wesentlichen bekannt als ein kurdisches Projekt. Wie ist das Verhältnis zu den arabischen, assyrischen und anderen Bewohnern des Gebiets? Überwiegt die jeweilige nationale Zugehörigkeit oder mehr das gemeinsame Projekt der Demokratischen Föderation?

FY: Gerade der Gesellschaftsvertrag ist ja ein Gemeinschaftsprojekt und kein Projekt von nur einem Volk, sondern alle Völker und Gruppen, die vor Ort leben, sind darin vertreten. Und insofern ist es ein gemeinsames Projekt. Zum Verständnis muß man die Grundlage, auf der alles aufbaut, verstehen. Es geht darum, eine demokratische Nation zu entwickeln, und dieser Prozeß hält natürlich noch an. Es geht nicht darum, neue Mehrheiten zu schaffen oder Mehrheitsabstimmungen zu organisieren. Das grundlegende Prinzip in allen Bereichen ist, die Diskussion so lange zu führen, bis ein Konsens gefunden wird.

SB: Die kurdische Bewegung hat große Fortschritte damit gemacht, Frauenrechte in einer patriarchalischen Gesellschaft durchzusetzen. Wie ist das Verhältnis der arabischen und assyrischen Bevölkerung zu dieser Art von Entwicklung, gibt es eher Probleme oder Zuspruch?

FY: Von seiten der assyrischen Frauen hat es von Anfang an eine große Unterstützung und Annäherung gegeben. So gibt es in der Frauenbewegung Akademien, in denen regelmäßig Bildungsprogramme durchgeführt werden. Die Assyrerinnen haben sogar selber vorgeschlagen, Teil der Frauenbewegung - damals Yekitiya Star, heute Kongreya Star - zu werden. Das dort erworbene Wissen tragen sie jetzt in ihre eigene Gesellschaft zurück. In den arabischen Regionen hat man nun angefangen, Frauenhäuser aufzubauen. Das sind sowohl Bildungs- als auch Problemlösungszentren für die Gesellschaft, was sehr wichtig ist, da es sehr viele Schwierigkeiten in der arabischen Gesellschaft für Frauen gibt.

SB: Das Konzept der Jineologie könnte man im größeren Zusammenhang als ein feministisches Projekt begreifen, auch wenn der Begriff als solcher für viele Leute nicht einfach zu verstehen ist. Warum wurde dieser Weg gewählt, um das Thema der Frauenbefreiung über den feministischen Ansatz hinaus in eine neue Form zu gießen?

FY: Das ist ein großes Thema, über das man viel diskutieren könnte. Ich möchte jetzt nur dies dazu sagen. Wir glauben, daß die Soziologie sich im Moment in einer großen Krise befindet, weil sie für die heute existierenden Schwierigkeiten keine zielführenden Lösungen anzubieten hat. Ohne eine Befreiung der Frau kann es keine befreite Gesellschaft geben, und diesem Gedanken zufolge ist es notwendig, die ganze Gesellschaft noch einmal neu zu definieren und damit auch eine Forschung voranzutreiben, die diesen Freiheitsaspekt ins Zentrum stellt und dahingehende Schritte ermöglicht. Deswegen ist für uns Jineologie die Forschung daran, alle Schwierigkeiten in der Gesellschaft mit einer neuen Methode zu lösen, aber nicht mit den herkömmlichen Methoden, wie sie bisher angewandt worden sind.

SB: Haben Sie einen persönlichen Hintergrund in der Soziologie?

FY: Ich habe immer sehr viel gelesen und das große Bedürfnis verspürt, mich selbst weiterzubilden. Ich habe auch eine Zeitlang in der Jineologie-Akademie mitgearbeitet. Akademie heißt in unserer Bewegung auch stets, selber zu forschen und gleichzeitig das Wissen weiterzugeben. So gesehen habe ich viele Recherchen betrieben.

SB: Frau Yusuf, vielen Dank für das Interview.


Beiträge zur Konferenz "Die kapitalistische Moderne herausfordern III" im Schattenblick unter:
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7. Mai 2017


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