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INTERVIEW/417: Kolonialwirtschaftsgeschichte - Rassismuskompetenz ...    Tom Gläser im Gespräch (SB)


Gespräch am 4. Juni 2018 in Hamburg



Graphik: [Public domain], via Wikimedia Commons

Satirische Darstellung der "Bürde des weißen Mannes" des kanadischen Karikaturisten William H. Walker, veröffentlicht in der Zeitschrift Life am 16. März 1899
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Nicht erst seit Rudyard Kiplings "Bürde des Weißen Mannes", daß die kolonisierten Völker jene hassen müssen, die ihnen den Segen der Zivilisation brachten, wird die Frage nach der Verantwortung der Kolonialmächte für die von ihnen gewaltsam Zivilisierten kontrovers diskutiert. Die Zerstrittenheit in dieser Frage spiegelt sich bis heute fort, wenn die Auseinandersetzung um koloniale Straßennamen in Hamburg und anderen deutschen Städten die Gemüter erhitzt oder das Humboldt-Forum in Berlin für seine Ausrichtung kolonialer Kulturschätze in die Kritik gerät. Der deutsche Kolonialismus ist zum Politikum geworden. Die einen wollen die Debatte möglichst reibungslos beenden, während die anderen eine Erinnerungskultur fordern, die die Opfer und ihre Nachfahren würdigt.

Wie so oft hängt der Blick von der Perspektive ab. Wer nicht betroffen ist, sieht die Welt mit anderen Augen. Niemand wird indes bestreiten wollen, daß das Deutsche Kaiserreich Kolonialverbrechen an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika begangen hat, aber Wiedergutmachung zu leisten, gar die volle Verantwortung dafür zu übernehmen, liegt den Politikern fern. Kolonialrassismus war gestern, heißt es - aber was ist mit der Gegenwart? Wie erleben schwarzhäutige Menschen die deutsche Gesellschaft in ihrem Alltag heute?


Foto: [Public domain], via Wikimedia Commons

Jakob Morenga, Partisanenführer im Aufstand der Herero und Nama, "Hauptfeind" des deutschen Kaiserreichs, 1907 von mit den deutschen Besatzern kooperierenden britischen Truppen getötet
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Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) wirft Fragen auf, wo oftmals geschwiegen wird und die Behörden, aber auch die Gesellschaft insgesamt eher bemüht sind, rassistisch motivierte Gewalt und Diskriminierung unter der Decke zu halten. Das internationale Image Deutschlands könnte ansonsten Schaden nehmen. Als Interessenverein Afrodeutscher und People of Couleur mit Sitz in Frankfurt am Main will die ISD durch die Vernetzung schwarzer Initiativen mit zivilgesellschaftlichen Organisationen ein Bewußtsein für den alltäglichen Rassismus schaffen und mit verschiedenen Projekten und Ausstellungen in die Gesellschaft hineinwirken.

Für den Vorsitzenden Tom Gläser ist es wichtig, den geschichtlich geprägten und gesellschaftlich verinnerlichten Rassismus, der insbesondere in Sprachbildern, aber auch in kulturellen Umgangsformen und Motiven seinen Ausdruck findet, aus dem Dunkelfeld von Ignoranz und Gleichgültigkeit herauszuholen. Eben weil das Thema Rassismus tabubehaftet ist und damit kaum öffentliches Interesse erregt, braucht es die Sichtbarmachung einer Betroffenenperspektive, die aufklären, aber auch aufrütteln soll.

Dazu gehört beispielsweise die Dekolonisierung im Stadtbild und das Aufdecken von Inhalten in der Werbebranche, die auf schwarze Menschen verletzend und diskriminierend wirken. Als die Marketingabteilung der Molkerei Alois Müller 2015 die Flaschen ihrer Weihnachtsedition mit halbnackten Frauen in Pin-Up-Optik versah, wurde die Sorte Schokolade mit einer dunkelhäutige Frau in lasziver Haltung unter dem Namen "Sharon Sheila Schoko" beworben. Rassismus und Sexismus bildeten hier eine feste, koloniale Phantasien weckende Einheit.

Eine weitere gern verharmloste Praxis ist das Blackfacing, das Ende des 19. Jahrhunderts in den sogenannten "Minstrel Shows" entstand, bei denen schwarzbemalte, weiße Darsteller in den USA das Klischee des naiven, fast schon debilen, aber immer lustigen Schwarzen karikierten. Dieses rassistische Erbe der Kolonialzeit und Sklaverei fand auch in Deutschland in der stereotypisierenden Darstellung von Schwarzen in alten DEFA-Filmen ihren Ausdruck.

Rassistisches Denken hat sich fest in den Gehirnen verwurzelt und gibt sich gern als Bagatelle wie ein Witz, der nicht wirklich ernst gemeint sei und mehr zur Auflockerung dient. Den Preis für den Spaß und die darin transportierte Rücksichtslosigkeit zahlen aber immer jene, die die Mehrheitsgesellschaft nicht auf ihrer Seite haben. Auch sind schwarze Menschen von Polizeikontrollen in Zügen und Bahnhöfen, an Flughäfen und öffentlichen Plätzen ungleich stärker betroffen als Weiße, weil sogleich der Verdacht im Raum steht, sie könnten illegal eingewandert bzw. in Drogendelikte oder andere Straftaten verwickelt sein.

Gerade weil diese Art der Rassendiskriminierung nicht allein auf den Bildungsbereich, Arbeitsmarkt oder das Gesundheitswesen beschränkt ist, sondern im Prinzip alle gesellschaftlichen Strukturen umfaßt, ist die Auseinandersetzung mit rassistischen Vorstellungen und Handlungsweisen für Tom Gläser unerläßlich. Darüber hinwegzuschweigen oder die Proteste dagegen als kleinkariert und übertrieben abzutun, hieße, der Kolonial-Romantik das Feld zu überlassen. Im Anschluß an die Podiumsdiskussion "Hamburgs koloniales Erbe - Wie gehen wir mit unserer Geschichte um?" beantwortete Tom Gläser dem Schattenblick einige Fragen zu seinem politischen Engagement.


Foto: © 2018 by Schattenblick

Kolonialmetropole mit Weltstadtambitionen - Hamburg, hier die Binnenalster
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Schattenblick (SB): Die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) setzt sich mit einem sehr heiklen Thema auseinander, weil die meisten Menschen bestreiten würden, rassistische Vorurteile zu hegen bzw. in irgendeiner Weise rechtsradikalem Denken anzuhängen. Wie ließe sich dieser gordische Knoten aus deiner Sicht auflösen?

Tom Gläser (TG): Es geht zum einen um den alltäglichen Rassismus und zum anderen schon darum, die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren, wo Rassismus beginnt. Daß ein Mensch mit einer ganz bestimmten Ethnie verknüpft wird, ist im übrigen nur ein Aspekt. Den anderen sehe ich in diesem Zusammenhang in der Deutungshoheit, die sich eine weiße Person anmaßt, indem sie einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe und einer anderen ethnischen Herkunft kategorisiert und sich aufgrund dessen ein Urteil oder ein abschätziges Verhalten herausnimmt. Aus meinem eigenen Umfeld und den Erfahrungen von Freunden bei Vorstellungsgesprächen könnte ich etliche Begebenheiten nennen, daß zum Beispiel gesagt wird: Wir führen Sie erstmal in die Waschküche, wo Sie ihre Klamotten reinigen können. Solche und ähnliche Sachen kommen wirklich sehr kraß rüber.

Rassismus hat es die ganze Zeit gegeben, auch wenn er manchmal mit einer schönen Kosmetik übertüncht wurde oder sich unter der Maske, weltoffen zu sein, ein bißchen besser tarnen konnte. Ich denke, daß gerade dieser Prozeß die gefährliche Illusion erzeugt hat, daß wir es im Prinzip schon geschafft und das Problem gelöst haben, so daß es folglich auch keinen Handlungsbedarf mehr gibt. Auch deshalb habe ich in meinem Eingangsstatement zur Podiumsdiskussion deutlich gemacht, daß wir noch weit davon entfernt sind und sich in puncto Rassismus sehr wenig geändert hat. Der Rassismus spricht heute eine andere Sprache, er artikuliert sich anders.


Foto: © 2018 by Schattenblick

Tom Gläser
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SB: Für dich ist die Aufarbeitung des Kolonialismus eine politische und nicht eine historische Frage. Ist der Postkolonialismus aus deiner Sicht nur ein Scheinkonstrukt?

TG: Ganz genau. Vor allem ist mir wichtig, daß man die Kontinuität des Kolonialismus begreift, daß es einen Bogen gibt, der tatsächlich aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu spannen ist. Nur wenn ich diesen Zusammenhang sehe, erkenne und aufarbeite, also in die Vergangenheit geblickt habe, kann ich die Gegenwart verstehen und daraus Konsequenzen für die Zukunft ziehen. Von daher ist es auch so eminent wichtig, sich intensiv mit diesem Thema zu befassen. Die Kontinuität hat in der Kolonialzeit angefangen, sich über die Zeit des Dritten Reichs bis in die 50er und 60er Jahre, die auch hochproblematisch waren, fortgesetzt und wirkt nach wie vor unverändert in die Gegenwart hinein, wenngleich mit anderen Nuancen. Sicherlich würde heute kein Mensch mehr akzeptieren, wenn man jetzt Truppen nach Afrika schicken und dort solche Greueltaten begehen würde, wie das damals der Fall war. Das würde heute natürlich ein ganz anderes Echo erzeugen. In diesem Sinne hat sich die Gesellschaft tatsächlich weiter entwickelt, glücklicherweise auch mit Blick auf das Dritte Reich, wo in der Retrospektive ein anderes Nachdenken stattfindet. Aber das kann nur der Anfang sein, abgesehen davon, daß beim Stichwort Drittes Reich noch vieles nicht aufgearbeitet wurde. Wenn ich die Kontinuität verstehen will, ist es zwingend erforderlich, die koloniale Zeit intensiv in den Fokus zu rücken und sich entsprechend mit ihr auseinanderzusetzen.


Abbildung: scanned by User: Nickpo (own collection) [Public domain], via Wikimedia Commons

Briefmarken der Vereinten Nationen von 1975 für die erst 1990 realisierte Unabhängigkeit Namibias
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SB: Dem Publikum hier war anzumerken, daß die Zeit des deutschen Kolonialismus insgesamt, aber insbesondere mit Blick auf die vom Kaiserreich verübten Greueltaten in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, weitgehend unbekannt ist und praktisch ein Spezialistenwissen darstellt. In diesem Sinne kann die Umbenennung von Straßennamen, die Kolonialverbrechern und Militärs gewidmet sind, die am Völkermord an den Herero und Nama maßgeblich beteiligt waren, nur ein Anfang sein. Was wäre in Anbetracht eures Anliegens einer Dekolonisierung erforderlich, um auch die Köpfe der Menschen zu erreichen?

TG: Das beinhaltet tatsächlich eine breite Palette. Es fängt erst einmal mit einer ganz nüchternen Status-quo-Analyse und der Sichtung der Fakten an. Auch dank der Forschungsstelle von Herrn Zimmerer sind diese Fakten jetzt evident, da gibt es gar kein Vertun. Als nächstes ist es ungemein wichtig, daß bei diesem Prozeß, der von der wissenschaftlichen Ebene begleitet wird, eben auch ganz dringend die Expertise der schwarzen Communities respektive der Zivilgruppen miteinbezogen wird. Das ist entscheidend, weil dort wirklich viele Arbeitsergebnisse vorhanden sind, die von der Öffentlichkeit weitgehendst und auch unfairerweise unbeachtet geblieben sind. Wissen und Potential liegen also vor, so daß es für mich schwer bzw. dann wiederum leicht nachvollziehbar ist, warum sich gewisse Leute mit diesem Thema nicht befassen wollen, weil es nämlich unbequem ist, sich seiner Vergangenheit und Verantwortung zu stellen. Deswegen wurde es geflissentlich ausgeblendet, aber das ist natürlich inakzeptabel, wenn man immer wieder unterstreicht, jetzt mit einem aufklärerischen Anspruch an das Thema herangehen zu wollen. Zumindest im Ankündigen geht Hamburg unstrittig sehr stark voran, hat sich aber leider Gottes, so jedenfalls mein Eindruck, auf dieser Vorreiterrolle ausgeruht mit der Begründung, wir sind die Ersten und die anderen müssen erst einmal nachziehen, und bis dahin können wir uns Zeit lassen. Das war vielleicht auch einer der Gründe, weshalb das Potential aus den Communities und verschiedenen Zivilgruppen einfach ignoriert oder nicht angenommen wurde.


Foto: by Chrischerf [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons

Schrifttafel an der Gedenkstätte für die Opfer der Herero und Nama beim Antikolonialdenkmal in Bremen
Foto: by Chrischerf [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], from Wikimedia Commons

SB: Beim Diskurs um das Thema fällt auf, daß immer von Kolonialgeschichte gesprochen wird, als würde es sich um eine vergangene Epoche handeln. Nun kann es kein Zufall sein, daß die früheren Kolonialmächte heute zu den wirtschaftlich stärksten Staaten gehören, die den Hungerstaaten Afrikas im Grunde jedoch nicht wirklich helfen. Sind die vielbeschworene Verantwortung für das koloniale Erbe und der Anspruch, gegen den Rassismus vorzugehen, einfach nur Lippenbekenntnisse?

TG: Die Frage ist berechtigt. Wir haben durchaus konkrete Vorstellungen, wie das jetzt weitergehen sollte. Ich habe vorhin in der Runde bereits darauf hingewiesen, wie bedeutsam es ist, daß einerseits ganz basisnah bei den Schülern angefangen wird, aber andererseits auch Lehrer Fortbildungen bekommen. In diesem Sinne müssen die Studienfächer grundlegend umgekrempelt werden. Wir können Wissen nur dann reproduzieren und weitergeben, wenn überhaupt eine Sensibilität dafür vorhanden ist. Es ist von eminenter Bedeutung, die Aufarbeitung des Kolonialismus in die Schulen und Universitäten hineinzubringen. Dazu gibt es keine Alternative mehr, so daß prinzipiell nicht darüber nachgedacht werden muß, ob man das Fach jetzt abwählen kann oder nicht. Nein, es muß ganz klar ein Grundbestandteil schulischer und universitärer Ausbildung sein, sonst ist der Anspruch einer aufgeklärten Gesellschaft nicht zu halten.

SB: Vielen Dank für das Interview, Tom.


im Schattenblick ist unter POLITIK → REPORT zur Veranstaltung "Hamburgs koloniales Erbe" unter dem kategorischen Titel "Kolonialwirtschaftsgeschichte" erschienen:

BERICHT/321: Kolonialwirtschaftsgeschichte - am Beispiel Hamburgs ... (SB)
BERICHT/323: Kolonialwirtschaftsgeschichte - Verhaltens- und Umfeldsmerkmale ... (SB)
INTERVIEW/413: Kolonialwirtschaftsgeschichte - eine alte Schuld ...    Prof. Dr. Jürgen Zimmerer im Gespräch (SB)
INTERVIEW/415: Kolonialwirtschaftsgeschichte - Raubgut bestimmen, Eigenbedarf sichern ...    Prof. Dr. Barbara Plankensteiner im Gespräch (SB)
INTERVIEW/416: Kolonialwirtschaftsgeschichte - Utopie Mensch ...    Millicent Adjei im Gespräch (SB)

26. Juni 2018


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