Schattenblick → INFOPOOL → POLITIK → REPORT


INTERVIEW/453: Trumps Amerika - die wahren Absichten verschleiern ...    Douglas Valentine im Gespräch - Teil 1 (SB)


Interview mit Douglas Valentine am 2. August 2019 in Longmeadow, Massachusetts - Teil 1


Douglas Valentine gehört zu den scharfsinnigsten Kritikern des US-Sicherheitsapparats, dessen ewige Feindschaft er mit der Veröffentlichung seines wichtigsten Werks "The Phoenix Program: America's Use of Terror in Vietnam" im Jahr 1990 auf sich zog. Seitdem hat Valentine weitere Bücher zum Beispiel über die Geschichte des Antidrogenkriegs und die Entstehung der Drug Enforcement Agency (DEA) geschrieben, Gedichtbände veröffentlicht und zwischendurch sogar als Rechercheur für den Anwalt William Pepper bei dessen 1999 vor Gericht von Erfolg gekröntem Bemühen gearbeitet, die Beteiligung "staatlicher Stellen" an der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Dr. Martin Luther King jun. im Jahr 1968 nachzuweisen. Valentines Artikel erscheinen regelmäßig unter anderem bei CounterPunch, Consortium News, Dissident Voice und Global Research. Sein jüngstes, 2017 in den USA erschienenes Buch heißt "The CIA as Organized Crime". [1] Darin vertritt Valentine unter anderem die These, daß das mörderische, von der CIA in Vietnam entwickelte Phoenix-Programm das Vorbild für die Aufstandsbekämpfungsstrategie ist, welche Pentagon und Weißes Haus seit dem 11. September 2001 unter dem Vorwand eines "globalen Antiterrorkrieges" verfolgen.

Am 2. August traf der Schattenblick Douglas Valentine zu Hause in Longmeadow, Massachusetts, das südlich der Stadt Springfield in dessen Großraum liegt. Illustriert wird der folgende erste Teil des Interviews mit Valentine durch Bilder aus dem 150.000 Einwohner zählenden Springfield, weil die Architektur dort repräsentativ für die vielen mittelgroßen Städte der USA ist, die während der industriellen Aufbauphase Amerikas Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebten.


Douglas Valentine im Garten vor seinem einstöckigen Wohnhaus stehend - Foto: © 2019 by Schattenblick

Douglas Valentine
Foto: © 2019 by Schattenblick

Schattenblick: Herr Valentine, bitte erzählen Sie uns etwas über Ihre Vorgehensweise als Schriftsteller.

Douglas Valentine: Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht stets die Frage, wie man mit dem, was man schreibt, andere Leute berührt und ihr Interesse weckt. Um den Leser wirklich zu erreichen, muß man persönlich werden. Als Sachbuchautor reicht es nicht aus, nur Fakten wiederzugeben. Schauen Sie den berühmten Investigativjournalisten Seymour Hersh an. Er hat zwar im Laufe einer langen Karriere viele Skandale und Missetaten enthüllt, aber bis heute kennt ihn niemand oder kann sagen, was ihn bewegt, denn er hat niemals etwas von sich als Person preisgegeben. Dadurch ist er eine distanzierte, mysteriöse Figur geblieben. Ich wollte einen anderen Weg beschreiten. Ich bin überzeugt, daß, wenn man den Lesern erklären will, wie die Welt funktioniert, man für sie erst offenlegen muß, wer man selbst ist, damit das Publikum überhaupt eine Idee bekommt, wie der Autor zu seinen Einblicken und Schlußfolgerungen gelangt ist. Nur dann sind die Leser imstande, für sich ein Urteil über das Schreibprodukt zu fällen.

Ich meine, daß mir das mit meinem ersten Buch "Hotel Tacloban" einigermaßen gelungen ist, und zwar deshalb, weil das ein sehr persönliches Werk gewesen ist. Es ist aus dem Bemühen hervorgegangenen, meinen Vater, zu dem ich ein problematisches Verhältnis hatte, zu verstehen, indem ich das aufarbeitete, was er im Pazifikkrieg erlebt hat und in den Kriegsgefangenenlagern des kaiserlichen Japans durchmachen mußte.

Was prägt den Autor am meisten? Seine Familie und die Umstände, unter denen er aufgewachsen ist, natürlich. Mein Vater war Proletarier, aber er und mein Chef in dem Baumpflegeunternehmen, wo ich rund zehn Jahre gearbeitet habe, haben mir gezeigt, daß man als Angehöriger der Arbeiterschicht trotzdem ein Intellektueller sein kann; daß man als Autodidakt klassische Schriften berühmter Autoren lesen, ihren Inhalt verstehen und sich dadurch selbst weiterbilden kann; daß man nicht auf eine Elite-Universität gehen muß, um die Welt zu begreifen. Viele Kinder aus gutem Hause besuchen die Hochschule, studieren dort die altgriechischen und altrömischen Klassiker und verstehen sie am Ende immer noch nicht, weil ihre Herkunft und ihre Einbildung sie daran hindert, die Werke durch die Augen der Verfasser zu betrachten, und weil sie kein Gefühl für die Nöte, Sorgen und Lebensumstände der einfachen Menschen weder damals noch heute haben.

Dave Coggeshall, der Inhaber der Baumfirma, entstammte der wohlhabendsten und angesehendsten Familie in Pleasantville, dem kleinen Ort im Bundesstaat New York, in dem ich aufgewachsen bin. Die Coggeshalls verbrachten die Sommerferien im eigenen Landhaus am selben See im Bundesstaat Maine, wo auch die Rockefellers ihre Sommerresidenz hatten. Dave Coggeshall und seine beide Brüder haben als Jugendliche eine Privatschule in Connecticut besucht. Die Brüder gingen danach an eine Ivy-League-Universität; der eine wurde Chirurg, der andere Anwalt in New York City. Dave verzichtete darauf und wurde statt dessen Baumchirurg. Mein Vater hat mir, nachdem ich mein Studium der Anglistik an den Nagel gehängt hatte, eine Stelle in diesem Baumpflegeunternehmen besorgt, weil Coggeshall im Zweiten Weltkrieg Kriegsdienstverweigerer gewesen ist. Dave war Sozialist und ziemlich unkonventionell, und mein Vater wollte, daß ich ihn und seine Ideen kennenlernte. Wir wurden schnell Freunde und haben uns zum Beispiel während der Mittagspause gegenseitig Gedichte vorgetragen.

In Pleasantville gab es sonst niemand wie Dave Coggeshall. In der Gemeinde galt er allgemein als Exzentriker. Ich erinnere mich an den Tag nach der ersten Präsidentenwahl, bei der ich meine Stimme abgeben durfte. Es war 1968, und ich hatte für Hubert Humphrey votiert, der leider knapp gegen Richard Nixon verlor. Entsprechend deprimiert erschien ich am nächsten Tag zur Arbeit. Da schaute mich Dave Coggeshall an und sagte mir: "Laß den Kopf nicht hängen, Junge. Ich habe sechsmal für Norman Thomas (den offiziellen Kandidaten der Sozialistischen Partei Amerikas bei den Präsidentenwahlen 1928, 1932, 1936, 1940, 1944 und 1948 - Anm. d. SB-Red.) votiert und der hat jedesmal verloren." Damit gab er mir klar zu verstehen, daß man an seinen Idealen, wenn man sie ernst nimmt, festhalten muß - unabhängig von den äußeren Umständen und ob man damit zu einer Minderheit gehört oder nicht. Coggeshall hat selbst stets nach dieser Linie gelebt - siehe seine Weigerung, im sogenannten "guten" Zweiten Weltkrieg eine Uniform der US-Streitkräfte anzuziehen.

Hat man Ideale, dann gilt es, sie zu mit Leben zu füllen und sich nicht den herrschenden gesellschaftlichen Strukturen anzupassen, um besser darin aufzugehen und beruflichen Erfolg zu haben. Nur wenn man seine Fragen aufrechterhält, kann man den sozialen Schleier durchschauen, kann man überhaupt in die Weltliteratur eindringen, denn es handelt sich dort um dieselben Fragen der menschlichen Existenz, welche die großen Philosophen und Schriftsteller seit eh und je beschäftigt haben. Erst wenn man alles und sich selbst in Frage stellt, kann man mit der Dichtung etwas anfangen. Warum ist T. S. Eliot Katholik geworden? Warum interessierte sich W. B. Yeats für die Mystik? Man muß dem nachgehen, sich über die Beweggründe, die Lebensläufe der Autoren informieren, um deren Werke begreifen zu können. Danach erst wird jede Zeile zur Fundgrube der Andeutungen, erhält jedes Wort seinen tieferen Sinn.


Die dreistöckige, langgezogene, in dunklem Backstein gebaute Union Station - Foto: © 2019 by Schattenblick

Der Hauptbahnhof von Springfield
Foto: © 2019 by Schattenblick

Als ich das Buch "The CIA as Organized Crime" ins Auge faßte, erklärte ich der Verlegerin Dianne Collier, daß ich damit anfangen wollte, über mich selbst zu schreiben. Da war sie im ersten Moment skeptisch, hat mich am Ende aber gewähren lassen. Das Buch auf diese Weise zu eröffnen war für mich deshalb wichtig, weil das die Stelle ist, an der man das Interesse des Lesers gewinnen muß. Schafft man das nicht, war die Mühe des Schreibens umsonst.

Der Journalist James Tracy hat mich vor einigen Jahren gefragt: "Sie betreiben seit vierzig Jahren Geschichtsforschung; wie gehen Sie vor, andere Leute für Ihre Arbeit zu gewinnen?" Das war eine gute Frage und ist genau dieselbe, die ich mir stelle, bevor ich anfange, ein neues Buch zu schreiben. Als Sachbuchautor muß man als jemand rübergekommen, der sowohl über Selbsterkenntnis als auch über Fachwissen verfügt. Erst wenn man in der Einleitung diesen Test besteht, bekommt der Leser Lust zu erfahren, was man als Autor zu sagen hat. Irgendwelche Theorien oder Erkenntnisse zu präsentieren, ohne dem Leser den Eindruck zu vermitteln, daß man nicht nur weiß, wovon man spricht, sondern daß einen das Thema oder der Stoff auch selbst brennend interessiert, genügt nicht.

Seit meiner Kindheit wollte ich Schrifsteller werden. Auch nach dem Abbruch des Studiums habe ich mich weiterhin intensiv mit der Philosophie und der Literaturkritik beschäftigt. Dieses Interesse dem Leser gleich zu Beginn des Buchs zu erklären bringt meines Erachtens diesen dazu, über die Dinge etwas anders nachzudenken oder vielleicht etwas weiter zu denken. In dem Moment begreift er hoffentlich, daß die Worte und die Sprache, die der Autor benutzt, es verdienen, etwas genauer gelesen zu werden. Dies von vornherein klarzustellen ist nicht etwas, was die meisten Schriftsteller oder Journalisten machen. Sie erwarten vom Leser eines Zeitungsartikels oder eines Sachbuchs, daß er bestimmtes Vorwissen mitbringt. Meine Botschaft an den Leser ist eine andere. Sie lautet: "Ich werde Ihnen helfen, die von mir untersuchten Personen, Institutionen und Ereignisse besser zu verstehen."

Über den Weg der Literaturkritik untersuche ich nicht allein nach jeweils anthropologischen, geschichtswissenschaftlichen, psychologischen, philosophischen oder soziologischen Kriterien, sondern bediene mich all dieser Ansätze. Das Besondere an der Literaturkritik ist, daß sie es einem ermöglicht, das untersuchte Objekt aus ganz vielen Perspektiven zu betrachten. Durch die Literaturkritik erfährt man die Bedeutung der symbolischen Transformation und beginnt zu verstehen, wie Erlebnisse in Ideen verwandelt werden - genau das, was die Kreativen der Werbeagenturen an der Madison Avenue in New York tun. Mittels der symbolischen Transformation machen sie die Produkte ihrer Kunden dem Verbraucher schmackhaft. Genauso verkaufen Politiker sich und ihre Programme. Symbolische Transformation bringt alles hervor, was uns jeden Tag über die Massenmedien zugetragen wird. Mit ihr können die Medien einen Niemanden wie "Joe the Plumber", der Barack Obama im Wahlkampf 2008 zufällig über den Weg lief, zum Sprachrohr einer im Stich gelassenen weißen Mittelschicht aufbauschen oder genausogut aus einem Massenmörder einen Nationalhelden machen.

SB: Wie es zum Beispiel Regisseur Clint Eastwood 2014 in dem Kinofilm "American Sniper" mit dem US-Armeescharfschützen Chris Kyle gemacht hat.

DV: Genau. Mit zunehmendem Alter fällt es einem als Schriftsteller leichter, dem Leser klarzumachen, wofür man steht und wie man zu seinen Ansichten gekommen ist. Die eigenen Erkenntnisse und Überzeugungen wirken auf den Leser nicht zu kurz gedacht oder vorschnell und deshalb echt. Nur vor dem Hintergrund eines etwas umfassenderen Weltbilds kann ich Glenn Greenwald wegen der Finanzierung seines Zeitschriftprojekts The Intercept durch den eBay-Gründer Pierre Omidyar glaubhaft kritisieren. Greenwalds Anspruch, aus einer linken Perspektive zu schreiben und zu verlegen, ist nicht ernstzunehmen, wenn er gleichzeitig die Gelder eines milliardenschweren Plutokraten annimmt. Paul Craig Roberts, der das Buch "The CIA as Organized Crime" rezensierte, hat mich wegen meiner Kritik an Greenwald verurteilt. Offenbar wollte er den Einwand, den ich erhob, nicht verstehen - oder vielleicht tat er nur so.

Roberts war unter Ronald Reagan Stellvertretender Finanzminister und gehört zu den Medienkommentatoren, welche die CIA von rechts kritisieren. Die libertäre Strömung, die er vertritt, ist bei konservativen Wählern in den USA voll in Mode. Ihr haben wir die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten zu verdanken. Da trifft man die symbolische Transformation wieder - nämlich wie Trump, der von Geburt an zum Geldadel gehört hat, sich mittels einer bestimmten Sprache und Wortwahl im Wahlkampf erfolgreich als Outsider verkaufen konnte, der nach Washington gehen wolle, um den dortigen "Sumpf" an Korruption "trockenzulegen". Mit dieser Masche, mit dieser völlig hergeholten und durchsichtigen Botschaft, ist der Milliardär Trump als Heiland der unteren und mittleren Schicht aufgetreten und hat Millionen von US-Bürgern dazu gebracht, ihm ihre Stimme zu geben. Zudem hat er sich für eine ausgesprochen nativistische, fremdenfeindliche Einwanderungspolitik ausgesprochen, und das nicht unbedingt, weil er selbst ein Rassist ist, sondern vor allem wegen der symbolischen Wirkung, die sich spätestens dann an der Wahlurne manifestieren sollte. Als ich von der symbolischen Transformation eines Massenmörders in einen Nationalhelden sprach, dachte ich in erster Linie an Trump.


Das sechsstöckige, denkmalgeschütze Court Square Building an der Elm Street, das demnächst renoviert werden soll - Foto: © 2019 by Schattenblick

Das historische Court Square Building aus dem Jahr 1892
Foto: © 2019 by Schattenblick

SB: Also nicht an den "American Sniper" Chris Kyle?

DV: Nicht in dem Moment. Aber macht es einen Unterschied? Die Glorifizierung amerikanischer Militärgewalt zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte US-Kinogeschichte. Wenn man über die Verwandlung eines Massenmörders in einen Nationalhelden schreibt und dabei kein Beispiel nennt, ermöglicht es dies dem Leser, seine eigene Fantasie zu benutzen, wodurch er selbst über passende Fälle nachzudenken beginnt und sein eigenes Verständnis erweitert. Dem Leser die Möglichkeit zu geben, seine eigenen Verknüpfungen zu ziehen, ist mir ein wichtiges Anliegen beim Schreiben.

Es ist von Anbeginn ein Wesenszug der Kultur der Vereinigten Staaten von Amerika, aus Massenmördern Helden zu machen. Nur so konnte Thomas Jefferson einerseits in die Unabhängigkeitserklärung hineinschreiben, daß alle Menschen von Gott als gleich und frei geschaffen worden sind, andererseits auf seinem Anwesen Menschen mit schwarzer Hautfarbe als Sklaven für sich schuften lassen. Es ist die Macht der Worte, die es großen amerikanischen Staatsmännern ermöglicht haben, demokratische Ideale lautstark zu proklamieren, während sie praktisch im selben Atemzug durch den Louisiana Purchase die Region zwischen Mississippi und Rocky Mountains den Franzosen abnahmen und mittels eines Krieges die Mexikaner um die Nordhälfte ihres Landes brachten.

SB: Oder die Seminolen aus Florida vertrieben, wie es Trumps großes Vorbild Andrew Jackson zu Beginn des 19. Jahrhunderts getan hat.

DV: Ganz genau. Unserer Wirklichkeit liegt eine Manipulation der Worte zugrunde. In meinem Buch über die CIA postuliere ich, das Phänomen habe seinen Lauf genommen, als um etwa 850 vor unserer Zeitrechnung Homer im Auftrag der griechischen Aristokratie die Ilias und die Odyssee gedichtet hat, um den Massenmord des Trojanischen Kriegs zu rechtfertigen und die Sieger zu verherrlichen. Auf einmal wurden Kriegsverbrecher zu Rollenmodellen. Auch heute werden Märchen und Legenden von der Fahne und der Liebe zum Vaterland eingesetzt, um junge US-Bürger zur Teilnahme an imperialistischen Kriegen in Vietnam, Afghanistan, im Irak und anderswo zu bewegen, wo sie dann entweder sterben oder, wenn sie zurückkommen, sich einbilden, daß sie, und nicht die Menschen in den Ländern, die sie zerstört haben, die eigentlichen Opfer seien. Dieselbe Verherrlichung des Krieges verlangt von mir und jedem anderen US-Bürger, daß wir unseren Veteranen gegenüber offen Dankbarkeit wegen ihres Diensts im Ausland zeigen sollen. Gleichzeitig erwarten die Soldaten selbst diese Zuwendung, denn aus Sicht der Propagandisten sind sie Kriegshelden, was in Kultur und Gesellschaft der USA die höchste Tugend überhaupt ist.

SB: Gleichwohl trägt der Dienst dieser Soldaten am amerikanischen Imperium zum Reichtum und Wohlstand in den USA bei. Der Einsatz und die Opferbereitschaft der einfachen Soldaten sichern den Zugriff der USA auf wertvolle, lebenswichtige Ressourcen wie Lebensmittel, Erdöl, diverse Metalle, seltene Erze und vieles mehr.

DV: Doch was hilft dir das, wenn du als ehemaliger Marineinfanterist in Flint, Michigan, mit Blei vergiftetes Wasser trinken mußt oder nach dem Einsatz im Ausland in demselben kaputten Schwarzenghetto in Baltimore, Maryland, hockst? Diejenigen, die vom US-Militärimperium profitieren, stellen eine Minderheit ganz oben an der Spitze der Klassengesellschaft dar. Die große Mehrheit in diesem Lande sieht sich dagegen mit sinkendem Lebensstandard konfrontiert und durch Armut bedroht.

Alle Kinder der Arbeiterklasse, die nach Vietnam zum Kämpfen gingen, wissen, daß sie gefickt wurden, daß sie für einen Haufen reicher alter Männer einen Krieg ausfechten durften. Viele von ihnen leiden heute noch unter dem Trauma ihrer Kriegserfahrungen. Für sie war der Kampfeinsatz in Indochina keine lohnende oder heldenhafte Sache. Das Gegenteil ist der Fall.

SB: Nicht zuletzt wegen ihrer erklärten Ablehnung militärischer Interventionen im Ausland haben Barack Obama 2008 und Donald Trump 2016 - so unterschiedlich ihre sonstige Politik auch sein mag - die Präsidentenwahl gegen die Kandidaten John McCain respektive Hillary Clinton gewonnen, die am imperialen Streben Washingtons festhielten, es geradezu verkörperten. Die Studie "Battlefield Casualties and Ballot-Box Defeat" von Douglas Kriner und Francis Shen von den Universitäten Boston und Minnesota, über die James Carden im Juli 2017 in The Nation berichtete, hat eindeutig nachgewiesen, daß Trump überproportional viele Stimmen in den Wahlbezirken mit einem hohen Bevölkerungsanteil an Kriegsveteranen, ihren Familien und Verwandten bekam.


Weiße, zweistöckige neuenglandische Kirche mit Säuleneingang und Glockenturm aus dem Jahr 1819 - Foto: © 2019 by Schattenblick

Die Old First Church Springfields am Court Square
Foto: © 2019 by Schattenblick

DV: Zweifelsohne, ich habe auch davon gelesen. Das Ergebnis der Studie zeigt nicht nur die Kriegsmüdigkeit weiter Teile der US-Gesellschaft, sondern spricht auch für die starke libertäre Strömung bei den republikanischen Wählern. Leider werden am Ende alle Republikaner, die für Trump wegen seiner Antikriegsrhetorik votierten, genauso enttäuscht werden wie die Demokraten, die aus demselben Grund so große Hoffnungen in Obama setzten. Ein wesentlicher Grund dafür ist, daß sich das Wesen des Kriegs in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat. Über die Entwicklung habe ich in meinen Büchern zum Phoenix-Programm und zur CIA ausführlich geschrieben. Dort zitiere ich an einer Stelle den französischen Philosophen und Kapitalismuskritiker Guy Debord mit dem beunruhigenden, zum Nachdenken anregenden Satz: "Die Geheimhaltung beherrscht diese Welt und vor allem als das Geheimnis der Herrschaft." Jedes Jahr nimmt der Wehretat in den USA zu. Wie kann das sein, wo wir doch angeblich keinen richtigen Krieg mehr führen? Und die Erklärung lautet: Die Kriege der USA nehmen inzwischen die Form internationaler Polizeiaktionen an. Deswegen unterhält das Pentagon mehr als 800 Militärstützpunkte über die ganze Welt verteilt.

Heute bringt Amerikas Militär seine Macht weniger durch kinetische Mittel wie Panzer und Fregatten als vielmehr durch politische und psychologische Kriegsführung zur Anwendung. Die große Veränderung erfolgte in Vietnam. Dort lehnten die Generäle anfangs den Einsatz von Spezialstreitkräften ab und wollten mit der CIA nichts zu tun haben. Sie wollten der Armee Nordvietnams auf dem Schlachtfeld begegnen und sie bezwingen, Regiment gegen Regiment, Artilleriegeschütz gegen Artilleriegeschütz, Mann für Mann - ganz auf die traditionelle Art. Das wäre für die USA vorteilhaft gewesen, denn Nordvietnams Armee und der Vietkong verfügten über keine Kampfjets oder B-52-Bomber. Doch wegen der Überlegenheit der USA in Sachen Rüstungstechnologie haben sich die Nordvietnamesen und der Vietkong auf die politische und psychologische Kriegsführung konzentriert und am Ende schließlich gewonnen.

Die Niederlage in Vietnam hat zu einem Umdenken beim US-Militär geführt. Dort hat man kapiert, daß man sich umstellen mußte, wollte man weiterhin den Weltpolizisten spielen und die Auslandsinvestitionen großer US-Konzerne in Übersee schützen. Das Ergebnis hat man bei den Kriegen und Antiterroroperationen der USA seit dem 11. September 2001 in Afghanistan, im Irak und in einem Haufen anderer Länder beobachten können. Dort werden hauptsächlich Spezialstreitkräfte eingesetzt und Aufstandsbekämpfungsoperationen à la Phoenix mit den Begleitmaßnahmen der politischen und psychologischen Kriegsführung durchgezogen. Große Schlachten finden nur noch selten statt, in Ausnahmefällen wie dem angloamerikanischen Einmarsch in den Irak 2003 oder der "Rückeroberung" der Stadt Falludscha Ende 2004.

In der Vergangenheit war Gewalt gegen Zivilisten als Verstoß gegen das Kriegsrecht verpönt. Auch wenn man es offiziell niemals zugäbe, wird seitens des US-Militärs inzwischen der Tod von Zivilisten nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern die Zivilbevölkerung ist das eigentliche Ziel - sowohl der Kugeln und Granaten als auch der amerikanischen Propaganda. Auf das Phänomen trifft man erstmals im Zentralamerika der achtziger Jahre, als unter Ronald Reagan Pentagon und CIA gemeinsam linke Regierungen und Bewegungen in El Salvador, Guatemala und Nicaragua mit Hilfe rechtsgerichteten Guerillas und staatlicher Todesschwadronen bekämpften. In meinem Buch über die CIA zitiere ich einen US-General mit dem Satz aus dem Jahr 1982: "Wir führen eine neue Art von Krieg; es mag für unsere Bürger abstoßend klingen, aber Zivilisten sind das Ziel." Und genau das ist es, was man in Afghanistan beobachten kann, im Irak, im Jemen, überall.

Amerikas Militär läßt sich auf keine Kriege gegen starke Staaten mit einer großen Streitmacht mehr ein, sondern ist dazu übergegangen, die imperialen Interessen der USA im Ausland mittels paramilitärischer Polizeiaktionen durchzusetzen und zu verteidigen. Die Verfechter dieser Art der Kriegsführung preisen sie zwar als kostengünstig an, was sie aber nicht ist, denn sie stützt sich auf die Luftüberlegenheit und den ständigen Einsatz von Kampfjets, Bombenflugzeugen und Drohnen.

Wenn behauptet wird, die Amerikaner seien gegen Krieg eingestellt, ist nicht damit gemeint, daß sie prinzipiell den Einsatz militärischer Gewalt zur Durchsetzung der Ziele Washingtons ablehnten, sondern lediglich, daß sie Einwände dagegen haben, daß ihre Familienangehörigen, Freunde oder Mitbürger zum Kriegsdienst ins Ausland geschickt und dabei getötet werden könnten. Seit das Pentagon weitgehend auf Bodenkämpfe verzichtet und seine Kriege hauptsächlich aus der Luft führt, stört es die wenigsten Amerikaner, wenn im Ausland ganze Dörfer und Städte in Schutt und Asche gelegt und unzählige Zivilisten massakriert werden. Die Frage, wie man Kriege sogenannter "niedriger Intensität" führt und welche Taktiken angewandt werden sollten, führt direkt zur CIA. Schließlich steigt auch der Etat der CIA jedes Jahr kontinuierlich an.


Das aus massivem Granitstein im Stil des Neubarocks errichtete County Courthouse - Foto: © 2019 by Schattenblick

Das alte Gerichtgebäude aus dem Jahr 1871, in dem heute das Jugendgericht tagt
Foto: © 2019 by Schattenblick

Die CIA funktioniert als jener Teil der Exekutive, der für das organisierte Verbrechen zuständig ist. Seit 2017 haben die USA mit Donald Trump einen Mann an der Staatsspitze, der vielleicht besser als jeder seiner Vorgänger etwas vom organisierten Verbrechen versteht. Er paßt gut als Chef einer Geheimarmee, denn die wichtigsten Deals, die er im Laufe seiner Karriere als Geschäftsmann über die Bühne brachte, spielten sich im Verborgenen ab. Nicht umsonst weigert er sich seit seiner Nominierung zum Präsidentsschaftkandidaten der Republikaner bis heute und entgegen den üblichen Gepflogenheiten hartnäckig, seine Steuerunterlagen aus der Zeit als Privatmann offenzulegen. Nach dem Einzug ins Weiße Haus beeilte sich Trump, das CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia, zu besuchen, wo er die Gelegenheit wahrnahm, die Arbeit der Institution, allem voran den verdeckten Teil, mit Lob zu überschütten.

SB: Der Enthüllungsjournalist Daniel Hopsicker, dessen Bücher Sie bestimmt kennen, da er ausgiebig über die Verwicklung der CIA in den Kokainschmuggel aus Lateinamerika, die sonderbaren Vorgänge am Flugplatz Mena im Bundesstaat Mena zur Zeit Bill Clintons als Gouverneur sowie über die sonderbaren Aktivitäten des ägyptischen Flugschülers Mohammed Atta in Florida in den Monaten vor den Anschlägen vom 11. September 2001 geschrieben hat, hat vor kurzem auf seinem Blog Mad Cow Productions den Verdacht geäußert, daß Trump schon länger den Schutz der CIA genießt und daß das vielleicht der Grund ist, warum er Präsident werden konnte und warum es bisher niemandem gelungen ist, ihn wegen seiner Korruptionsaffären zu Fall zu bringen. Halten Sie eine solche These für plausibel?

DV: Absolut. Craig Unger hat in seinem letztes Jahr erschienenen Buch "House of Trump, House of Putin" [2] die jahrelangen Geschäftsverbindungen des Immobilienhais und Kasinobetreibers Trump zu russischen Mafiosi belegt. Trump baut seit Jahrzehnten Wolkenkratzer, in denen sich meistens Läden sowie ein Hotel mit seinem Namen in den unteren Stockwerken und Eigentumswohnungen in den oberen befinden. Viele der Wohnungen in seinen New Yorker Gebäuden gehören dubiosen Geschäftsleuten aus Rußland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Trump hat über die Jahre mehrmals Konkurs anmelden müssen und war stets knapp bei Kasse - selbst als er mehrere Kasinos in Atlantic City, New Jersey, betrieb. Als er das Grundstück für sein Hotel samt Golfkurs in Schottland kaufte, bezahlte er 70 Millionen Dollar in bar.

Stellen Sie sich vor, die Demokraten im Kongreß bekämen Einblick in Trumps Steuerunterlagen. Dabei könnte herauskommen, daß er beim Erwerb dieser Immobilie in Schottland das Geld für den Kauf nicht hatte und es als Darlehen von der Deutschen Bank bekam. In den letzten Jahren war die Filiale der Deutschen Bank in New York fast das einzige Finanzinstitut in den USA, das bereit war, ihm Geld zu leihen. Gleichzeitig ist sie der Geldwäsche für die russische Mafia im selben Zeitraum überführt worden und mußte deshalb hohe Strafzahlungen leisten. Mir scheint die Vorstellung gar nicht so abwegig zu sein, daß die CIA hinter der Verbindung zwischen Trump und der russischen Mafia steht, weil sie selbst mit letzterer im Kampf um politischen Einfluß in Moskau zusammenarbeitet. Aus allem, was ich über die CIA weiß, würde es mich nicht im geringsten überraschen, wenn herauskäme, daß Trump seit Jahren ein "informeller Mitarbeiter" der "Firma" gewesen ist. Die CIA ist dafür bekannt, daß sie es schafft, Leute wissentlich, aber auch unwissentlich für sich arbeiten zu lassen.

Als Anfang der neunziger Jahre die Sowjetunion auseinanderfiel, brach in Rußland und den anderen Nachfolgestaaten die Stunde der Oligarchen an, die mit rabiaten Gangstermethoden weite Teile des Staatsvermögens an sich rissen. Da sie Kapitalisten waren, die mit dem Kommunismus nichts am Hut hatten, hat die CIA ihnen geholfen, sich auch international zu etablieren. Dazu gehörte die Auslagerung eines Teils ihres Vermögens ins Ausland zum Beispiel in die USA. Sicherlich stammen die Einkünfte der russischen Oligarchen unter anderem aus dem internationalen Drogengeschäft, dem Schmuggel von Heroin aus Afghanistan und dem "goldenen Dreieck" in Südostasien, wo in beiden Fällen die CIA bekanntlich die führende Rolle spielt. Wenn Trump der CIA bei solchen strategisch wichtigen Geschäften behilflich war, ist er auf Lebenszeit ein "Made Man", um den Jargon der italienischen Mafia in New York zu gebrauchen.

SB: Könnte die Verbindung sogar früher entstanden sein, als er Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in der New Yorker Baubranche zahlreiche Projekte mit italienischen Subunternehmen realisierte, die den "fünf Familien" nahestanden?

DV: Selbstverständlich. Die Frage ist lediglich, ob er beim Aufbau seines Firmenimperiums wissentlich oder unwissentlich der russischen Mafia Möglichkeiten der Geldwäsche durch den Erwerb extrem teuerer Luxuswohnungen in seinen Trump Towers angeboten hat. Mir erscheint es offensichtlich, daß sich Trump durch die Bereitstellung dieser Dienstleistung bei der CIA verdient gemacht hat und vermutlich heute noch davon profitiert. Er wäre wie ein mit der Staatsanwaltschaft kooperierender Krimineller im Zeugenschutzprogramm, der wegen der eigenen Vergehen niemals von den Justizbehörden belangt werden kann. Der ehemalige FBI-Direktor Robert Mueller sollte im Auftrag des Justizministeriums Trumps Rußland-Verbindungen unter die Lupe nehmen, hat aber vor einigen Monaten nach eineinhalb Jahren Untersuchung gemeldet, nichts Belastendes gefunden zu haben. Nun, wenn Trump unter dem Schutz der CIA steht, konnte Mueller auch nichts finden. Ist doch logisch. So laufen die Dinge in der wirklichen Welt. Denn alles, was die CIA tut, ist geheim - von Staats wegen. Der Schein trügt. Wenn Trump die CIA öffentlich beschimpft und behauptet, sie arbeite mit seinen Feinden gegen ihn - was er hin und wieder tut -, lachen sich die Verantwortlichen in der Chefetage in Langley vermutlich schlapp und denken, was für eine tolle Show er für das dumme Volk inszeniert.


Springfields Rathaus ähnelt einem gigantischen griechischen Tempel - Foto: © 2019 by Schattenblick

Springfields neoklassische City Hall von 1909
Foto: © 2019 by Schattenblick

Ich bin in Pleasantville, einer kleinen, verschlafenen Stadt, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Mein Vater arbeitete bei der Post, und weil er ein ziemlich kluger Kopf war, haben die Kollegen ihn zu ihrem Gewerkschaftsvertreter bei Verhandlungen mit dem Arbeitgeber gemacht. Irgendwann drohte ein Ausstand. Vor dem entscheidenden Treffen mit dem Management erklärte mein Vater den Kollegen, er werde reingehen und versprechen, keinen Streik zu erklären, daß aber die Belegschaft, sobald er herauskäme, dennoch in den Ausstand treten solle. Es ging schließlich darum, das Management zu überrumpeln und dadurch zu Zugeständnissen zu bewegen. Es hat auch funktioniert.

Ich will mit dieser Anekdote sagen, daß Menschen, Politiker, Geschäftsleute häufig das eine sagen, aber gleich im nächsten Moment das andere tun, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Trump macht es am laufenden Band. Inzwischen geht die Zahl seiner "Lügen" in die Tausende. Aber für ihn stellt der Umstand kein Problem dar, solange das, was er sagt, für seine Wählerbasis symbolische Bedeutung hat. Durch seine krasse Mißachtung der üblichen "Wahrheitskriterien" hat Trump die Regeln der politischen Auseinandersetzung in den USA verschoben. Doch die Medien können sein Tun nicht nach dem symbolischen Inhalt untersuchen, weil das die Vorhänge gänzlich wegreißen würde. Da müßten sie den Wählern erklären, wie die Welt tatsächlich funktioniert - nicht nur in bezug auf Trump, sondern auf die Politik insgesamt - und das wollen sie natürlich nicht tun.

Es ist völlig egal, ob man republikanischer oder demokratischer Wähler ist. Bei beiden Parteien gibt es Medienleute und PR-Strategen, die Mythologie und Literaturkritik studiert haben und verstehen, wie man Botschaften und Inhalte mittels der symbolischen Transformation an den Mann oder die Frau bringt und wie man den Kandidaten oder die Kandidatin am besten verkauft.

Ich erzähle Ihnen eine weitere kleine Anekdote, diesmal wie man Vater mir die Augen für die wirkliche Welt geöffnet hat. Ich brachte sie in der Einleitung zu "The CIA as Organized Crime", denn sie hat mein Verständnis der Beziehung zwischen Justizwesen und kriminellem Milieu maßgeblich geprägt. Die meisten Menschen glauben - auch ich tat es einst -, daß das getrennte Welten sind, daß eine klare Linie sie trennt. Das stimmt aber nicht.

Als siegreicher Veteran des Zweiten Weltkriegs war mein Vater in der Gemeinde von Pleasantville sehr angesehen. Seine schrecklichen Erlebnisse im Pazifikkrieg hatten ihn aber verändert und ließen ihn die gesellschaftliche Realität mit anderen, zynischeren Augen sehen. Er arbeitete nachts bei der Post und frühstückte nach dem Dienst in einem kleinen Diner mit all den Polizisten, die morgens vor ihrer Streife dort einkehrten. Auch ich habe dort auf dem Weg zur Arbeit in der Baumfirma mein Frühstück geholt und ihn dort häufig getroffen. Eines Abends, bevor er zur Arbeit ging, sagte er mir, ich sollte mich am nächsten Tag nicht mit ihm zur üblichen Zeit im Café, sondern eine Stunde früher in der Nähe der Bank von Pleasantville treffen.

Wir hatten zu dem Zeitpunkt ziemlichen Streß miteinander. Es war 1968 und ich war total gegen den Vietnamkrieg. Er war gegenteiliger Meinung und versteifte sich darauf, alle sollten "unsere Jungs" drüben in Indochina im Kampf gegen den Kommunismus unterstützen. Ich hatte eine Freundin, wir trieben Sex miteinander, nahmen Drogen, hörten Rockmusik und waren typische Vertreter der Gegenkultur. Er dagegen war das, was man heute vielleicht als wertkonservativ bezeichnen würde. Und dennoch, als er mich anwies, ihn an nächsten Morgen unter ungewöhnlichen Umständen zu treffen, bin ich dem gefolgt, denn ich war neugierig zu erfahren, was hinter dem ganzen Getue steckte.

Ich ahnte, daß mein Vater etwas im Schilde führte. Ihm war es immer darum gegangen, mich auf die Welt, wie sie wirklich ist, vorzubereiten. Die meisten anderen Eltern dagegen wollten, daß ihre Kinder entweder eine Lehre machten oder auf die Hochschule gingen und einen konventionellen Pfad der Konformität befolgten. Wann immer ihre Kinder im gesellschaftlichen Leben auf Widersprüche zwischen der offiziellen und der tatsächlichen Realität stießen, wischten ihre Eltern die unangenehmen Fragen beiseite und bogen rhetorisch alles zurecht, um das Bild der heilen Welt zu retten.

"Welche Karte hat er diesmal im Ärmel", dachte ich mir, als ich an dem Morgen aufstand. Ich traf ihn, wie verabredet, bei der Bank. Weil es so früh war, spazierten wir in Richtung Café durch ein menschenleeres Pleasantville. Als wir beim Diner ankamen, war er praktisch leer. Davor standen nur zwei Wagen. Einer davon gehörte dem Eigner und Chef des Ladens, der jeden Vormittag, während er hinter der Theke Speck und Eier briet, auch Wetten der Kunden für den Tag annahm - was vollkommen illegal war.


Triumphbogenähnlicher Eingang des in Kalkstein und Beaux-Arts-Stil gebauten Firmensitzes der Versicherungsgesellschaft Northwestern Mutual Life - Foto: © 2019 by Schattenblick

Das Union Trust Company Building aus dem Jahr 1907 an der alten Main Street
Foto: © 2019 by Schattenblick

SB: Was waren das für Wetten - die illegale "Numbers"-Lotterie der Mafia?

DV: Die Kundschaft in dem Café, zum allergrößten Teil einfache Arbeiter, wettete auf alles - Pferderennen, American Football, Basketball, Baseball, egal was. Damals gab es keine staatliche Lotterie. Wetten auf Sportereignisse waren weitgehend verboten. Die einzige Ausnahme bildeten Pferderennen, aber auch nur wenn man vor Ort an der Rennbahn seinen Einsatz machte. Die Kunden des Diners, auch die Polizisten, waren Sportsfreunde und wetteten auf alles. Einige von ihnen nahmen an illegalen Pokerrunden teil, die regelmäßig nachts hinter verschlossenen Türen bei der Feuerwehr stattfanden.

Jedenfalls waren wir am Diner angelangt, und ich fragte mich allmählich, was das Ganze sollte. Davor standen, wie gesagt, zwei Wagen - der eine das Auto des Cafébesitzers, der andere der Lieferwagen der Bäckerei Pellegrino, mit dem jeden Morgen in aller Herrgottsfrüh das Brot frisch geliefert wurde. Mein Vater ging zu den Türen auf der Rückseite des Lieferwagens und machte beide mit einem Schwung sperrangelweit auf. Dort im Laderaum zwischen den Regalen saßen auf der einen Seite der Fahrer, der zur örtlichen Mafia gehörte, und der Inhaber des Diners und auf der anderen Seite zwei Cops. Zwischen ihnen lagen das ganze Geld vom Vortag und die dazugehörigen Wettzettel. Sie waren gerade dabei, die Gewinne auszuzählen und sich den Rest der Einnahmen untereinander aufzuteilen. Wie ich erst danach erfahren sollte, nahmen die Cops im Laufe ihrer Streifen an dem einen Tag die Einsätze der Glückspieler Pleasantvilles für die illegale Lotterie an und übergaben am folgenden die Gewinne. In dem Moment drehte sich mein Vater zu mir um und sagte: "Sieh gut zu, Dougie. Da hast du das wahre Verhältnis zwischen Verbrechertum und Polizeiwesen vor dir." Dann schloß er beide Türen wieder. Die vier Männer wußten gar nicht, wie sie reagieren sollten. Sie hatten in dem Moment, als er sie bloßstellte, einfach mit offenem Mund dagesessen. Am nächsten Tag ging ich im Diner frühstücken, und es war, als sei gar nichts passiert. Ich gehörte inzwischen zu den Wissenden, aber keiner der Beteiligten ließ sich etwas anmerken.

SB: Die Welt drehte sich einfach weiter.

DV: Genau. Einige Nächte später kehrte ich nach einem Kneipenbesuch spät heim und fuhr bei Rot über eine leere Kreuzung. Die Polizei bekam es mit und hielt mich an. Der Polizeibeamte, einer der beiden, die ich im Lieferwagen der Bäckerei gesehen hatte, kontrollierte kurz meinen Führerschein, erkundigte sich freundlich nach meinem Vater und ließ mich nach einer kursorischen Verwarnung weiterfahren. Seit jenem Vorfall vor dem Diner wußte ich, wie die Dinge in Pleasantville liefen. Ich war ein Eingeweihter geworden.

SB: Die anderen Menschen in der Stadt wußten es aber nicht.

DV: Sie wollten es auch nicht wissen - aus Bequemlichkeit. Menschen haben Laster, die Mafia bedient sie und alle schauen darüber hinweg. Man kann vom illegalen Wettgeschäft im damaligen Pleasantville auf die USA von heute schließen, denn es sind genau dieselben Mechanismen im Spiel. Die Chefs der New Yorker Polizei sind selbstverständlich mit den Paten der wichtigsten Mafia-Familien per Du. Wenn US-Konzerne an Sanktionen vorbei Geschäfte mit einem sanktionierten Land wie Nordkorea machen wollen, fließen Bestechungsgelder und das Unmögliche wird möglich gemacht. Auf ähnliche Phänomene trifft man bei der CIA dauernd.

Die CIA arbeitet für den Präsidenten. Sie ist ihm allein gegenüber rechenschaftspflichtig, stellt quasi seine Privatarmee dar. Die Kehrseite für den Präsidenten ist jedoch, daß er, wenn die CIA irgendwo Mist baut, die Schuld zugewiesen bekommt. Angeblich läuft alles bei der CIA geheim ab, aber im Kongreß reden die Politiker untereinander. Wissen ist Macht, und Geschichten werden gezielt an die Presse durchgestochen. Es gibt einen kleinen Kreis von 20 oder 30 Gesetzgebern, darunter die Angehörigen der jeweiligen Geheimdienstauschüsse von Repräsentantenhaus und Senat, die über alles informiert sind - und deshalb formal zum Schweigen verpflichtet werden. Das Hauptmerkmal bei der CIA ist, daß all ihre Aktivitäten und Operationen abgestritten werden können. Das Prinzip der "glaubhaften Abstreitbarkeit" (englischer Begriff "plausible deniability" - Anm. d. SB-Red.) erlaubt es der CIA, Dinge zu unternehmen, die offiziell von niemandem an irgendeiner Regierungsstelle genehmigt wurden. Und niemand in Washington wird jemals zugeben, wie die CIA wirklich funktioniert, denn dies würde die Agentur um ihre Fähigkeit, illegale Operationen nach Belieben zu unternehmen und korrupte Geschäftsleute wie Donald Trump für die eigenen Zwecke zu gebrauchen, bringen. Und das will in Washington niemand.

(Fortsetzung folgt)


Stilvolle Kommerzbauten zeugen von der alten Pracht Springfields - Foto: © 2019 by Schattenblick

Das Worthy-Hotel-Gebäude aus dem Jahr 1895 an der Main Street, dahinter die Kennedy-Worthington Blocks von 1880
Foto: © 2019 by Schattenblick


Fußnoten:


[1] REZENSION/702: Douglas Valentine - The CIA as Organized Crime (SB), 22. September 2018
http://www.schattenblick.de/infopool/buch/sachbuch/busar702.html

[2] REZENSION/715: Craig Unger - House of Trump, House of Putin (SB), 30. Juli 2019
http://www.schattenblick.de/infopool/buch/sachbuch/busar715.html


Beiträge zur Serie "Trumps Amerika" im Schattenblick unter:
www.schattenblick.de → INFOPOOL → POLITIK → REPORT

BERICHT/346: Trumps Amerika - Liegenschaftskriege ... (SB)
BERICHT/347: Trumps Amerika - Angriffsspitze der Demokraten ... (SB)
INTERVIEW/445: Trumps Amerika - The Squad, Rebellion im Kongreß ...    Eric Josephson im Gespräch (SB)
INTERVIEW/448: Trumps Amerika - Besitzstreben und Krieg ...    Ellen Cantarow im Gespräch (SB)
INTERVIEW/449: Trumps Amerika - Rüstung und Kriege ...    William Hartung im Gespräch (SB)
INTERVIEW/451: Trumps Amerika - die sterbenden Rüstungskontrollen ...    Matt Korda im Gespräch (SB)
INTERVIEW/452: Trumps Amerika - zur Staatsfeindschaft getrieben ...    John Kiriakou im Gespräch (SB)


1. Oktober 2019


Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang