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FRAUEN/672: 8. März in Argentinien - Frauen im gemeinsamen Kampf gegen eine patriarchale Welt (poonal)


poonal - Pressedienst lateinamerikanischer Nachrichtenagenturen

Argentinien Der 8. März in Argentinien: Frauen im gemeinsamen Kampf gegen eine patriarchale Welt

Von Nadia Fink und Camila Parodi



Fotos: Tadeo Bourbon und Nadia Sur/marcha.org.ar (CC BY-NC-SA 4.0) [https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/]

Impressionen vom Frauenstreiktag 2017 in Argentinien:
Fotos: Tadeo Bourbon und Nadia Sur/marcha.org.ar (CC BY-NC-SA 4.0)
[https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/4.0/]

(Buenos Aires, 10. März 2017, desinformémonos/marcha) - Nach dem Internationalen Frauenstreik und der Massendemonstration zur Plaza de Mayo: ein Rückblick auf die eindrucksvollsten Momente des 8. März in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires.

Es waren Tausende. Teils sah man sie vereinzelt, wie jene, die schon früh zur Plaza de Mayo kamen. Oder in großen Scharen, gereiht hinter den Transparenten von sozialen Organsationen, Bewegungen, politischen Parteien oder Kampagnen, sei es im Kampf gegen verschiedene Formen der Gewalt oder für die historische Forderung der Frauen für das Recht auf Abtreibung. Auch als Mitglieder von Gewerkschaften traten sie auf, wo sich die Frauen jeden Tag aufs Neue ihren Platz erobern.


Frauen: Protagonistinnen im Streik gegen die Regierung

Am Tag zuvor nahmen wir an einer riesigen Mobilisierung teil, bei der die Gewerkschaftsbasis den Aufruf zu einem lange fälligen Generalstreik gegen die Regierung forderte, die jegliche Arbeitsgesetze und Abkommen ignoriert. Die Forderung richtete sich an die mit ihrer Macht verknöcherten Gewerkschaften, vor allem an die Führungsspitze des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes CGT (Confederación General del Trabajo).

So war am 8. März die Präsenz von Frauen zu spüren, die am 19. Oktober 2016 den ersten Streik gegen die Regierung von Cambiemos organisiert hatten, als nach dem brutalen Femizid an Lucía in Mar del Plata unter dem Motto: "Schluss mit der Macho-Gewalt, wir wollen uns lebend" ("Basta de violencia machista, vivas nos queremos") eine enorme Zahl an Frauen ihre Arbeit niederlegte und auf die Straße ging.

Wieder waren am 8. März Parolen zu hören wie: "Ja, man kann gegen Macri streiken, wir Frauen haben es schon getan!", die sich von der Bühne verbreitete und auf der vollen Plaza widerhallte oder die Parole der Tausenden von Frauen des Lehrer*innenverbandes Ademys: "Unsere Eierstöcke sind schon da. Legt die Eier dazu für den landesweiten Streik". Dabei ergeben sich zwei Dinge aus diesen Parolen, die mehr sind als Hymnen: Die Frauenbewegung organisiert sich schon seit vielen Jahren in Versammlungen und von der Basis aus; deshalb gelingt es sehr viel horizontaler, umfassender und ausgereifter, als es bei den bürokratischen Gewerkschaftsspitzen der Fall ist, einen Streik zu organisieren und sich unter Hunderten von Organisationen auf eine gemeinsame Erklärung zu einigen. Und dabei wird klar, dass die schnelle Reaktion der Frauenbewegung, wenn es darum geht, auf die Straße zu gehen und massive Aktionen auf die Beine zu stellen, unweigerlich dazu führt, die vertikalen Strukturen der historischen Gewerkschaften mit ihren Verbindungen zur Macht in Frage zu stellen. Etwa so als würde man daran erinnern wollen, dass Taten mehr zählen als bloße Worte.


Solidarität mit dem weltweiten Kampf von Frauen und Arbeiterinnen

Die Versammlungen, in denen der Streik und der anschließende Protestmarsch organisiert wurde, zeigten über all die Monate hinweg eine hohe Teilnahme. Unter Anspannung und Debatten gelang es dabei, sich auf ein einziges Manifest zu einigen, das zum einen diese Vielfalt widerspiegeln, aber auch eine gemeinsame Position der feministischen Bewegung zeigen sollte. Gegen 19 Uhr erreichte das Banner, das die Massendemonstration anführte, die Plaza, auf der sich traditionell die "Madres", die Mütter der verschwundenen Opfer der letzten Diktatur versammelten. Das Banner wurde von Opfern und Überlebenden der Macho-Gewalt, gemeinsam mit Vertreterinnen von Gewerkschaften, Kampagnen, Bewegungen oder politischen Parteien getragen.

"Wir streiken, denn wir sind Teil einer kollektiven und internationalen Geschichte", so die ersten Worte in Solidarität mit den Kämpfen des 8. März, deren Geschichte bereits mehr als ein Jahrhundert durchzieht, aber auch mit den weltweiten Aktionen, die zeitgleich in 52 Ländern stattfanden. "Wir streiken", hieß es aus politischer und feministischer Perspektive weiter, "um das Szenarium der Arbeit" durch die Erfahrung von prekarisierten Frauen, Arbeitslosen und Angestellten "sichtbar zu machen", die nicht nur die Lohnarbeit leisten, sondern auch den alltäglichen Haushalt aufrechterhalten, vor dem Hintergrund einer verheerenden Strukturanpassungspolitik der Regierungskoalition Cambiemos.

Neben den sozialen Organisationen und politischen Parteien, die mit Erfolg zum Protest aufriefen, sah man demonstrierende Angestellte von Supermarktketten wie Coto oder Día, die Arbeiterinnen und Arbeiter zugleich ausbeuten, sich aber vor allem an ersteren mit Methoden vergehen, welche die Konkurrenz und den Autoritarismus unter Frauen fördern. Unter den Demonstrantinnen waren auch die Arbeiterinnen von Task Solutions, dem Call Center der Telecom, die mit den Worten von Paola und Carina davor warnten: "1.500 Personen sind kurz davor, ihren Job zu verlieren. Der Großteil sind Frauen". Sie alle kennen Ausbeutung aber auch Widerstand, der sich in den selben Turbulenzen formt, die uns der Kapitalismus bietet. Und die Frauen wissen auch, was die "Verweiblichung der Armut" bedeutet: Dort, wo es zu Armut und Arbeitslosigkeit kommt, sind Frauen am stärksten betroffenen - nicht mehr und nicht weniger. Denn die Tätigkeiten außerhalb und innerhalb des Hauses verdoppeln sich; denn sie müssen sich für jede Mahlzeit etwas neues einfallen lassen, um die Familie zu ernähren; denn die Gehälter, die zuerst sinken, sind die der Frauen; denn die Arbeitszeit erhöht sich, aber die Löhne nicht.

Florencia Ramos, Mitglied der Vereinigung der Unabhängigen Eisenbahnerinnen Bordó (Mujeres Ferroviarias Independientes Bordó) der Linie Sarmiento, erzählte uns: "Dieses Mal machten wir nicht wieder den gleichen Fehler wie am 19. Oktober, als wir als symbolische Geste ein schwarzes Band trugen, allerdings nur ein Teil beschloss, zu streiken und auf die Straße zu gehen. Diesmal haben wir eine Vollversammlung organisiert". Dort entschieden sie, die Zugstrecke bei Castelar zu unterbrechen und streikten den ganzen Arbeitstag. Ein Teil der Vereinigung schloss sich dem "trenazo" von verschiedenen Frauenorganisationen an, die ab Luján in den gleichen Zug (Richtung Buenos Aires) stiegen. Neben den Forderungen und Äußerungen gegen Gewalt "kämpften wir auch für die Geschlechtergleichheit bei der Arbeit", in einem Umfeld, wo es enorm schwierig ist, Stellen wie Lokführer oder Bahnwärter zu bekommen, die historisch den Männern vorbehalten sind, fügte Florencia hinzu.

Die Revolution der Frauen gegen das Patriarchat auf der Bühne war bereits Liliana Daunes, die von der Vollversammlung ernannt wurde, um die politische Erklärung vor den mehr als 200.000 Frauen, die nach und nach auf die Plaza gelangten, kundzugeben. Die Frauen, die sich an Lilianas Seite befanden, begleiteten die Worte und gaben ihnen eine besondere Bedeutung. Unter ihnen war, wie immer anwesend, Norita Cortiñas von der Gründungslinie der Mütter der Plaza de Mayo (Madres de Plaza de Mayo - Línea Fundadora); Reina Maraz (die Ende vergangenen Jahres durch den Einsatz von Feministinnen aus ihrer Haft wegen angeblichem Mordes an ihrem Mann befreit wurde, Anm. d. Ü.); Alika Kinan, Überlebende des Menschenhandels und der sexuellen Ausbeutung, sowie Vertreterinnen anderer Kämpfe wie etwa von der Kampagne für die Freilassung von Milagro Sala, den Arbeitskämpfen von AGR-Clarín und Textil Neuquén oder dem Kampf um das Recht auf Abtreibung.

Die gemeinsame Kundgebung, wahrlich eine öffentliche Anprangerung und ein Mittel, um die politische Situation aus feministischer Sicht zu analysieren, enthielt alles, was keine andere Bewegung gewagt hat, in dieser letzten so gewalttätigen Zeit auszusprechen. Es wurde die Trennung von Kirche und Staat gefordert, das Recht auf legale Abtreibung und die freie Entscheidung über den Körper in all seiner Vielfalt: die Freilassung der politischen Gefangenen des patriarchalen Staates und die Änderung des (Ende Januar erlassenen) rassistischen Dekrets der Regierung, das sich gegen Migrantinnen richtet. Zum Abschluss ergriff Norita Cortiñas das Wort. In Erinnerung an die 30.000 verschwundenen Frauen und Männer (der letzten Militärdiktatur) würdigte sie die Stärke der Frauen, durch die es gelinge, die Welt zum Stillstand zu bringen. In diesem Ton beriefen sich [die Rednerinnen] auf die gemeinsame Erklärung und appellierten an die versammelten Frauen: "Lasst uns eine internationale feministische Bewegung bilden, die unseren Platz auf der Welt revolutioniert!"; die Gewissheit darüber war unter dem Beifall und Getöse zu spüren. "Nieder mit dem Patriarchat, und die Regierung wird stürzen; es lebe der Feminismus, er wird siegen!", jubelten die Frauen.

Nach 23 Uhr, als nur noch Wenige auf dem Platz waren, kam es zu einem Polizeiangriff auf die demonstrierenden Frauen, der mit 20 Festnahmen von Männern und Frauen endete.


Kämpfen bis ans Ende des Lebens

Unterdessen sah man einige Mädchen auf den Armen ihrer Mütter oder mit Demoschildern neben den Erwachsenen herlaufen. Sie sind die Zukunft von Frauen, die sich selbst mit einem anderen Sinn von Freiheit denken. Auch ältere Frauen waren zu sehen. Viele nahmen zum ersten Mal an einem Protestmarsch teil, nachdem das Beben des Feminismus der letzten Jahre sie dazu brachte, über ihr Alltagsleben nachzudenken, darüber, wie sie sich auf der Welt positionierten und die Art, wie sie ihre Rechte durchsetzen können.

So erzählte uns etwa die 55-jährige Cora: "Es ist das erste Mal, dass ich bei einer Demonstration für die Rechte der Frauen mitmache. Zum Glück sind wir jedes Mal mehr und jetzt bin auch ich dabei." Und die 76-jährige Cristina meinte: "Ich glaube es sind viele Demonstrationen nötig - und diese hier darf nicht die letzte sein - um auf den Rechten zu bestehen, die wir mit so viel Anstrengung über die Jahrhunderte hinweg errungen haben. Ich bin Urgroßmutter und bin ganz sicher, dass so wie mein Sohn und meine Töchter auch meine Enkeltöchter und Enkelsöhne Feministinnen und Feministen sein werden. Sie werden die Frau respektieren und niemals vergessen, dass sie von einer Frau geboren wurden."


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veröffentlicht im Schattenblick zum 18. März 2017

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