Schattenblick → INFOPOOL → POLITIK → SOZIALES


FRAUEN/720: Frauen*rechte - europäische Städte zwischen Willkommenskultur und Zurückweisung (frauen*solidarität)


frauen*solidarität - Nr. 142, 4/17

Frauen*rechte - europäische Städte zwischen Willkommenskultur und Zurückweisung
FemCities-Konferenz in Wien

von Miriam Koelges


Welche Diskussionen über Frauen und ihre Rechte werden in (europäischen) Städten in Zusammenhang mit Flüchtlingen geführt? Wer wird einbezogen, wer ausgeschlossen, wer schweigt? Was sind Handlungsmöglichkeiten von Städten? Vom 6. bis 7. September 2017 fand in Wien die FemCities-Konferenz zu diesen Themen statt. Das FemCities-Netzwerk europäischer Städte verfolgt das Ziel, Geschlechtergerechtigkeit voranzubringen. Hierfür kommen städtische Vertreter_innen und Expert_innen von Universitäten und NGOs zusammen, tauschen Erfahrungen aus und diskutieren politische Strategien.


Feminismus und Flucht - kontrovers diskutierte Themen in Zeiten, in denen nicht nur Stigmatisierung und Ablehnung von Geflüchteten, sondern auch antifeministische Vorstellungen zunehmen. Die Veranstalter_innen wollen die Themensetzung der Konferenz explizit als frauen*solidarisches Statement verstanden wissen. Gleichzeitig sieht sich eine feministische Migrationspolitik mit Fragen konfrontiert, die nicht einfach zu beantworten sind, etwa was das Spannungsverhältnis zwischen Schutz der Geflüchteten und deren Selbstbestimmung betrifft. Die FemCities-Konferenz versuchte einen Bogen zu schlagen zwischen der Analyse von genderspezifischen Problemen auf der Flucht, Herausforderungen in der frauen*politischen Arbeit mit Geflüchteten und konkreten Lösungsstrategien.


Gewalt und Verwundbarkeit

Was flüchtende Personen erleben, wird oft als ein Kontinuum an Gewalterfahrungen beschrieben: erst in ihrem Herkunftsland, dann auf der Flucht und schließlich nach dem Ankommen. Dabei ist die persönliche Betroffenheit von Gewalt maßgeblich vom sozialen Geschlecht abhängig. Was bedeutet das für die Arbeit mit Geflüchteten in Ankunftsstädten?

Elisabeth Holzleithner hebt in ihrem Vortrag hervor, dass sich die "Gewalt der Vergeschlechtlichung" im Kontext von Flucht in vielerlei Hinsicht verschärft. Bereits die Lebenssituation vor der Flucht ist oft durch geschlechtliche Unterdrückung, sexuelle Gewalt oder Verfolgung aufgrund von sexueller Orientierung geprägt. Befinden sich Frauen auf der Flucht, sind sie ganz besonders von sexueller Ausbeutung bedroht. Angesichts der unsicheren Lebensumstände verschärft sich ihre Abhängigkeit von Männern. Zusätzlich steigt ihre Belastung durch Care-Arbeiten, die klassischerweise Frauen* zugeteilt werden und auf der Flucht vermehrt anfallen. In den Massenunterkünften im Ankunftsland setzen sich all diese Gewalterfahrungen fort.

Diese genderspezifischen Probleme werden für verschiedene Personen in ganz unterschiedlicher Weise virulent. Je nach geografischer Herkunft, kultureller Prägung, religiöser Zugehörigkeit, Bildungsstand, Alter usw. gehen Vulnerabilitäten und Bedürfnisse der Menschen extrem auseinander. Die Komplexität der Gruppe der Geflüchteten wird häufig unterschätzt und übergangen. Der individuellen Schutzbedürftigkeit wird im praktischen Umgang mit Geflüchteten in europäischen Ankunftsländern häufig nicht Rechnung getragen. Die relativ hohen Standards, wie sie auf der Ebene des Völkerrechts und der EU formuliert sind, finden keine ausreichende Umsetzung. Im Laufe der Konferenz wird immer wieder deutlich, dass es nötig ist, die flüchtlingspolitische Praxis stärker von den Bedürfnissen der betroffenen Personen ausgehend zu gestalten.

So zeigen beispielsweise Berichte von geflüchteten LGBTIQs, dass Sicherheit für sie etwas anderes bedeutet als für heterosexuelle cis-Menschen. Die Umgebung im Ankunftsland ist oft homophob geprägt. Diskriminierende Übergriffe in Massenunterkünften sind keine Seltenheit. Auf dieses Problem geht etwa die Wiener NGO Queer Base ein, die LGBTIQ-Geflüchtete u. a. bei der Wohnungssuche unterstützt, um den betroffenen Personen ein Leben außerhalb der Großunterkünfte zu ermöglichen.


Zwischen Schutz und Selbstbestimmung

Dass die Gruppe der Geflüchteten divers und komplex zusammengesetzt ist, spielt nicht nur hinsichtlich ihrer Schutzbedürftigkeit eine Rolle. Es bedeutet auch, dass ankommende Menschen individuelle Lebensvorstellungen mitbringen. Der Blick darauf wird schnell verstellt, wenn diese ausschließlich in ihrer Eigenschaft als "Flüchtling" wahrgenommen werden. Mehrere Beiträge auf der Konferenz illustrierten, wie stark sich Vorstellungen und Möglichkeiten von geflüchteten Frauen* unterscheiden, je nachdem in welcher familiären Situation sie sich befinden, von welchen religiösen Vorstellungen sie geprägt sind oder welchen Tätigkeiten sie in der Vergangenheit nachgegangen sind.

Viele geflüchtete Frauen* berichten, dass ihr Lebensalltag nach der Ankunft vor allem geprägt ist von Mangel an Privatsphäre, Entscheidungsfreiheit und Betätigungsmöglichkeiten. Für individuelle Lebensentwürfe ist kein Raum. Das Wegfallen dieser Bezugs- und Identifizierungsmöglichkeiten erfahren viele Geflüchtete als das, was Viola Raheb in ihrer Keynote als "zum Niemand werden" zitiert. Geflüchtete, die nur als Schutzbedürftige wahrgenommen und deren Bedürfnisse auf Sicherheitsaspekte reduziert werden, sind praktisch mehr Objekte denn eigenständige Subjekte.

Um bedürfnisorientierte politische Praxismodelle zu entwerfen, muss die Perspektive der Frauen* miteinbezogen werden. Da muss und soll es auch um Selbstermächtigung zu einem selbstbestimmten Leben gehen. Was aber Selbstbestimmung und Autonomie heißen kann oder sollte, ist in unserer Gesellschaft zunehmend umstritten. So thematisierten die FemCities etwa auch Befreiungs- und Selbstbestimmungsdiskurse rund um das Kopftuch.

In Workshops und Panels stellten sich verschiedene Projekte vor, die versuchen, einen bedürfnisorientierten Ansatz in der frauen*politischen Arbeit mit Geflüchteten umzusetzen. Hierunter auch das autonome Projekt maiz. Der Linzer Verein will nicht nur auf die Situation von Migrantinnen* zugeschnittene Angebote bereitstellen. Als Projekt von und für Migrantinnen* setzt die Gruppe auf Selbstorganisierung. Dem vorherrschenden Opfer-Diskurs wollen sie Selbstartikulation entgegensetzen, dem Assimilierungszwang das "Recht, nicht gleich sein zu müssen".


Unter erschwerten Bedingungen

Die Bilanz der FemCities-Konferenz: Die große Herausforderung besteht darin, jeder_m Geflüchteten als Individuum und Subjekt mit spezifischer gesellschaftlicher Prägung und Erfahrung zu begegnen. Soziale Probleme sind hier besonders vergeschlechtlicht. Eine feministische Arbeit mit Geflüchteten sieht sich mit politischem Gegenwind von rechts konfrontiert. Die Entwicklung progressiver Herangehensweisen an feministische Flüchtlingsarbeit bedarf aber Ressourcen und Unterstützung durch Politik und Gesellschaft. Es stellt sich daher die Aufgabe, Praxiskonzepte zu entwickeln und gegen reaktionäre gesellschaftliche Entwicklungen anzukämpfen.


ZUR AUTORIN:
Miriam Koelges studiert Politikwissenschaft in Frankfurt am Main und ist Praktikantin bei der Frauen*solidarität.

*

Quelle:
frauen*solidarität Nr. 142, 4/2017, S. 28-29
Medieninhaberin und Herausgeberin:
Frauensolidarität im C3 - feministisch-entwicklungspolitische
Informations- und Bildungsarbeit,
Sensengasse 3, A-1090 Wien,
Telefon: 0043-(0)1/317 40 20-0
E-Mail: redaktion@frauensolidaritaet.org,
http://www.frauensolidaritaet.org
 
Die Frauen*solidarität erscheint viermal im Jahr.
Preis pro Heft: 5,- Euro plus Porto
Jahresabo: Österreich 20,- Euro;
andere Länder 25,- Euro.


veröffentlicht im Schattenblick zum 9. März 2018

Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang