Schattenblick → INFOPOOL → POLITIK → SOZIALES


GENDER/050: Racial-Sexual Geometries in the Queer East (frauen*solidarität)


frauen*solidarität - Nr. 142, 4/17

Racial-Sexual Geometries in the Queer East
Internationale Sportgroßevents im Fokus

von Miriam Koelges


Mit Blick auf die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland fand eine Podiumsdiskussion über solidarische Allianzen von queerem und antirassistischem Aktivismus statt(1). Den Fokus der Diskussion bildeten Möglichkeiten und Schwierigkeiten für LGBTIQ-Aktivismus im postsowjetischen Kontext und Fragen der intersektionalen Solidarität.

Katharina Wiedlack machte einleitend deutlich, warum sich die Frage nach intersektionaler Solidarität im Kontext der Fußball-Weltmeisterschaft besonders stellt: Immer wieder ist zu beobachten, wie der internationale sportliche Wettbewerb sowohl rassistische als auch homophobe Diskriminierungen zutage fördert und verstärkt, wie Ausschlüsse stattfinden, und Nationalismus befeuert wird.


Ethnizität, Nationalität und Identitätsbildung in postsowjetischen Staaten

Wie kann unter solchen Umständen ein LGBTIQ-Aktivismus aussehen, der rassifizierte Personen mit einbezieht und unterstützt? Ruthie Jenrbekova zeigte auf, dass diese Frage unter postsowjetischen Bedingungen eine besondere Komplexität annimmt. Sie schildert am Beispiel von Kasachstan, dass in vielen postsowjetischen Staaten die ethnische Diversität extrem hoch ist. Das sowjetische Prinzip der "Völkerfreundschaft" aber klassifiziert Bevölkerungsgruppen als Ethnien und Nationalitäten, nicht als "Rassen". Damit unterscheidet sich die Matrix für Identifikation und Diskriminierung im postsowjetischen Kontext von westlichen Perspektiven auf Identität und Rassismus.

Gleichzeitig, so Jenrbekova, wird jedoch auf westliche Diskurse von "Race" und Ethnizität zurückgegriffen, um die bestehende Diversität in postsowjetischen Räumen zu konzeptualisieren - obwohl diese Kategorien nicht wirklich zu den dortigen Lebenserfahrungen und -realitäten passen. Jenrbekova plädiert dafür, uneindeutige Zugehörigkeiten und Identitäten in antirassistischen Allianzen aufzugreifen und alternative politische Bezugspunkte zu suchen, jenseits des lokalen Nationalismus auf der einen und des russischen Imperialismus auf der anderen Seite.


Konkrete Solidarität: Lernen von Sotschi?

Versuche eines queer-intersektionalen Aktivismus sehen sich in postsowjetischen Kontexten also mit einer komplexen Konstellation konfrontiert. Wie in dieser Situation konkrete intersektionale Solidarität im Rahmen von internationalen Sportevents aussehen kann, versucht Jennifer Suchland zu beantworten. Dabei geht sie von den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi aus und betrachtet, welche Formen internationale LGBTIQ-Solidarität dort angenommen hat: "Es entstanden zwei Optionen der Solidarität. Die eine war: Boykott. Die andere war, die Forderung: Russland für Homosexuelle sicher zu machen."

So seien Sponsor_innen zu Stellungnahmen bewogen und Antidiskriminierung innerhalb der Olympischen Spiele zum Thema gemacht worden, meint Suchland. Jedoch habe es wenig Reflexion zu Sotschi als potenziellen Ort intersektionaler Solidarität gegeben. Dagegen schlägt sie vor, hätte sich queere Solidarität auch auf die ethnisierten Konflikte vor Ort beziehen können und sollen.

Als konkrete Fälle solcher Konflikte nennt Suchland etwa historische Ereignisse wie die Vertreibung der kaukasischen Bevölkerung im 19. Jahrhundert, den gegenwärtigen Ethnonationalismus oder die Ausbeutung von Arbeitskräften aus früheren Sowjetrepubliken, die unter miserablen Arbeitsbedingungen die Gebäude für die Olympischen Spiele errichtet haben.


Probleme des internationalen Aktivismus: Repräsentation und Positionalität

Auch in der Publikumsdiskussion wird die Gefahr thematisiert, die komplexen ethnisierten Differenzen und Unterdrückungen von Minderheiten zu übergehen. Die kritische Diagnose: Der vom Westen ausgehende internationale Aktivismus wird der realen Situation in den Ländern oft nicht gerecht, homogenisiert diese und geht zu wenig auf die Betroffenen vor Ort ein. Dieses Problem berührt auch das Verhältnis von Aktivismus und Repräsentation: Wie können weiße Aktivist_innen antirassistische Unterstützungspolitiken entwerfen, ohne rassifizierte diskursive Hierarchien zu reproduzieren?

In der Diskussion wird hervorgehoben, wie wichtig es ist, auf die eigene Positionalität zu reflektieren: Internationale Aktivist_innen müssen sich bewusst machen, dass sie aus einer Perspektive von außen sprechen und ihr spezifischer Blick die Realität oft nicht umfänglich und nicht objektiv erfasst. Hadley Renkin wiederum hebt hervor, dass es für einen politischen Aktivismus unerlässlich ist, sich auch auf andere Realitäten als die eigene zu beziehen - gerade für einen intersektionalen und internationalen Aktivismus.


Solidarität als Antwort auf Homo- und Heteronationalismus

Renkin legt seinen Fokus auf das Problem, dass Sexualpolitiken genutzt werden, um räumlich-kulturelle Differenzen zu markieren und Grenzen innerhalb Europas zu naturalisieren. Dass LGBTIQ-Aktivismus auch in den Dienst des Nationalismus gestellt wird, macht es für Katja Kahlina umso wichtiger, auch rassifizierte und ethnisierte Konflikte in queerer Solidarität mit einzubeziehen. Sie kritisiert die Verbindung zwischen nationalistischen Ideologien und dem Kampf für LGBTIQ-Rechte im "Homonationalismus". Das Eintreten für queere Lebensformen wird mit der Abwertung von nichtwestlichen Kulturen und Migrant_innen als homophob und regressiv verknüpft.

Auf der anderen Seite verstärkt laut Kahlina die gegenwärtige globale Anti-LGBTIQ-Bewegung das, was sie als "Heteronationalismus" beschreibt: Nationalismus verbindet sich mit Heteronormativität und richtet sich gegen Migrant_innen und Queers gleichermaßen. Die klassische Kernfamilie, die die nationale Arbeitskraft reproduzieren soll, wird idealisiert und zum Bollwerk vermeintlich ethnischer Reinheit erhoben.

Saltanat Shoshanova stellt anhand des Topos des "Gayropa" dar, wie stark diese Ideologie in Russland verbreitet ist: Hier wird ein Bild vom demokratischen Europa als Schreckensmonster sexueller Devianz gezeichnet - während Russland in nationaler Abgrenzung dazu die letzte Bastion sittlicher Normalität verkörpern soll.

So wurde an dem Abend auch deutlich, wie die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen und der erstarkende Nationalismus der Diskussion über queere und antirassistische Allianzen eine ganz besondere Relevanz verleihen.


Anmerkung: (1)
Die Frauen*solidarität lud in Kooperation mit Nosso Jogo - Initiative für globales Fair Play und Queering Paradigms - Fucking Solidarity am Freitag, den 22. September 2017 zu dieser Podiumsdiskussion. Am Podium sprachen Ruthie Jenrbekova, Künstlerin und Promovendin an der Akademie der bildenden Künste Wien, Katja Kahlina, Universität Helsinki, Hadley Renkin von der Central European University Budapest, Saltanat Shoshanova, Kunsthistorikerin und Studentin an der Freien Universität Berlin, und Jennifer Suchland, Ohio State University.

Zur Autorin:
Miriam Koelges studiert Politikwissenschaft in Frankfurt am Main und war Praktikantin bei der Frauen*solidarität.

*

Quelle:
frauen*solidarität Nr. 142, 4/2017, S. 32-33
Medieninhaberin und Herausgeberin:
Frauensolidarität im C3 - feministisch-entwicklungspolitische
Informations- und Bildungsarbeit,
Sensengasse 3, A-1090 Wien,
Telefon: 0043-(0)1/317 40 20-0
E-Mail: redaktion@frauensolidaritaet.org,
http://www.frauensolidaritaet.org
 
Die Frauen*solidarität erscheint viermal im Jahr.
Preis pro Heft: 5,- Euro plus Porto
Jahresabo: Österreich 20,- Euro;
andere Länder 25,- Euro.


veröffentlicht im Schattenblick zum 10. März 2018

Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang