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INTERNATIONAL/094: Israel - Übergriffe auf afrikanische Migranten, wachsendes Rassismusproblem (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland gGmbH
IPS-Tagesdienst vom 12. Juni 2012

Israel: Übergriffe auf afrikanische Migranten - Wachsendes Rassismusproblem

von Mya Guarnieri



Tel Aviv, 12. Juni (IPS) - Es ist Samstagabend in Tel Aviv. Amine Zegata, ein 36-jähriger Flüchtling aus Eritrea, hat gerade seine kleine Kneipe im Viertel HaTikva wiedereröffnet. Das Lokal musste vorübergehend geschlossen werden, nachdem jüdische Israelis bei rassistisch motivierten Ausschreitungen die Scheiben eingeworfen und Flaschen zerschlagen hatten. Seitdem wurde Zegata zwei Mal attackiert. Auch viele andere Afrikaner sehen sich mit Gewalt konfrontiert.

Am Abend des 23. Mai versammelten sich jüdische Israelis im Süden von Tel Aviv, um gegen die Anwesenheit von Afrikanern in ihrer Nachbarschaft zu protestieren. Parlamentarier heizten die Stimmung durch Hetzreden auf. Miri Regev, ein Mitglied der Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, nannte Afrikaner ein "Krebsgeschwür" im Körper Israels. Michael Ben Ari von der ultrarechten Nationalen Union beschimpfte Afrikaner als "Vergewaltiger" und erklärte, "die Zeit für Gespräche ist vorbei ".

Der Mob ließ sich durch die Hasstiraden derart aufwiegeln, dass Asylsuchende gejagt und zusammengeschlagen wurden. Von Afrikanern geführte Geschäfte wurden verwüstet und die Windschutzscheibe eines Autos zertrümmert, in dem sich Afrikaner befanden.

"Die Gefahr ist nicht vorbei", sagt Zegata. Seit den Übergriffen gegen seine Person wurde er mehrfach davor gewarnt, seine Bar wieder aufzumachen. Inzwischen ist auch die provisorisch eingesetzte Fensterscheibe beschädigt worden. Er habe weniger Angst um seine Kneipe als um seine Sicherheit, gesteht er. "Das Glas ist nicht das Problem", sagt er in fließendem Hebräisch und zeigt auf die Sprünge. "Eine Scheibe kann man ersetzen, ein Leben dagegen nicht."


Zahl der Opfer unbekannt

Wie Sigal Rozen von der Hilfsorganisation 'Hotline for Migrant Workers' berichtet, ist es schwierig, die Zahl der Afrikaner zu schätzen, die seit den Ausschreitungen bedroht und misshandelt worden sind. Täglich kommen Asylbewerber in ihr Büro, um Übergriffe anzuzeigen. Die Aktivistin geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Denn die meisten Flüchtlinge, die von Israelis drangsaliert würden, hätten nicht den Mut, die Polizei oder Organisationen um Hilfe zu bitten.

Rozen weiß von einem Mann, der von jüdischen Israelis im Süden von Tel Aviv niedergestochen wurde. Sie war ihm zufällig im Levinsky-Park begegnet, wo sich viele obdachlose Asylsuchende versammeln. Der Mann habe ihr die frischen Stichwunden gezeigt und berichtet, in HaTikva angegriffen worden zu sein.

Die Gewalt gegen afrikanische Flüchtlinge ist in dem Land kein neues Phänomen. Vier Monate vor Ausbruch der Unruhen war Zegata bereits von einer Gruppe jüdischer Teenager niedergeschlagen worden und musste daraufhin im Krankenhaus behandelt werden.

Afrikanische Mädchen wurden im vergangenen Jahr Opfer eines Überfalls. Die Angreifer beleidigten die in Israel geborenen Töchter nigerianischer Migranten mit rassistischen Sprüchen. Ein Mädchen erlitt Stichwunden und musste medizinisch versorgt werden.

Mehrere Afrikaner im Süden von Tel Aviv berichten, dass sie permanent von jüdischen Israelis belästigt werden. Nachdem Zegata seine Bar vor acht Monaten eröffnet hatte, wurde er ein halbes Jahr lang drangsaliert. Vor einiger Zeit öffneten Unbekannte zudem ein Fenster seiner Wohnung und warfen brennende Streichhölzer hinein.

Abraham Alu ist ein 35-jähriger Flüchtling aus dem Südsudan, der Plastikschuhe in einer Fußgängerzone im Viertel Neve Shaanan verkauft. Fast jeden Tag kämen Israelis auf ihn zu und forderten ihn auf "nach Hause zu fahren", klagt er. Alu hat Angst und meint, dass er und die anderen Afrikaner aus Sicherheitsgründen das Land verlassen sollten. Er weiß aber nicht, wohin er gehen soll.

Aus dem Südsudan war Alu mit sieben Jahren geflohen, nachdem er mit ansehen musste, wie seine Eltern von Milizionären ermordet wurden. Schließlich kam er nach Ägypten, wo Flüchtlinge vom Gesetz her nicht arbeiten dürfen. 2005 war Alu unter den rund 3.000 afrikanischen Asylbewerbern, die drei Monate vor dem Sitz des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR campierten, um gegen die Behandlung zu protestieren. Das UNHCR half ihnen daraufhin bei der Ausreise in andere Staaten.

Die ägyptische Polizei hatte den Protest zuvor mit Schlagstöcken und Wasserwerfern niedergeschlagen. Mehr als 20 Afrikaner wurden dabei getötet, darunter auch ein vierjähriges Mädchen. Aus Angst um sein Leben machte sich Alu auf nach Israel.


60.000 Asylsuchende

In dem Land leben zurzeit etwa 60.000 afrikanische Asylsuchende, von denen 85 Prozent aus Eritrea und dem Sudan stammen. Die Männer, Frauen und Kinder erhalten Gruppenschutz gegen Ausweisungen und auch Visa. Obwohl sie sich legal in Israel aufhalten, dürfen sie dort nicht arbeiten. Viele Asylbewerber versuchen dennoch mit niederen Arbeiten über die Runden zu kommen und leben in überfüllten, billigen Wohnungen in armen Gegenden. Wer das Geld für die Miete nicht aufbringen kann, lebt in Parks.

An den anti-afrikanischen Protesten haben sich seit Beginn 2010 auch immer wieder Knesset-Mitglieder beteiligt. Die meisten kamen aus dem ultrarechten Spektrum. Der Likud, dem Miri Regev angehört, ist aber eine Partei der Mitte. Ihr Vorsitzender Netanjahu genießt in der Bevölkerung breiten Rückhalt.

Regev, die für ihre Äußerungen scharf kritisiert wurde, war allerdings nicht die erste in der Regierungspartei, die Hetzparolen von sich gab. 2009 hatte Innenminister Eli Yishai im Armeerundfunk erklärt, Asylsuchende schleppten Krankheiten nach Israel ein. Ein Jahr später erklärte Netanjahu, dass Afrikaner "eine konkrete Gefahr für den jüdischen und demokratischen Charakter" Israels darstellten. (Ende/IPS/ck/2012)


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veröffentlicht im Schattenblick zum 13. Juni 2012