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KIND/093: Es geht um mehr als um die Anzahl der Kita-Plätze (DJI Impulse)


DJI Impulse
Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 1/2013 - Nr. 101

Es geht um mehr als um die Anzahl der Kita-Plätze

Der Ausbau der öffentlichen Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren verringert frühe soziale Ungleichheiten nicht automatisch - eine sehr gute pädagogische Qualität für alle muss hinzukommen

von C. Katharina Spieß



Ein Leitthema des 14. Kinder- und Jugendberichts ist die Frage sozialer Ungleichheiten im Kindes- und Jugendalter. Mit dem Ausbau der öffentlich verantworteten Kindertagesbetreuung der letzten Jahre, insbesondere im Bereich der Bildung und Betreuung von Kindern unter drei Jahren, stehen in Deutschland immer mehr Kindern außerfamiliäre Förder- und Betreuungsangebote zur Verfügung. Diese Angebote können insbesondere dann, wenn sie eine sehr gute pädagogische Qualität haben, zum Abbau sozialer Ungleichheit beitragen. Darauf verweisen unterschiedliche Forschungsergebnisse vor allem aus dem internationalen Raum (beispielweise Barnett 2011). Allerdings deuten die Studien auch darauf hin, dass diese positive Wirkung von vielen Faktoren abhängig ist: So ist neben der pädagogischen Qualität des Angebots zum Beispiel das Eintrittsalter des Kindes und der tägliche Betreuungsumfang, aber auch der Zeitpunkt der Wirkungsmessung, von Bedeutung.

Hinsichtlich der sozialen Ungleichheiten in der frühen Kindheit stellt sich in Deutschland die Frage, ob von dem Ausbau öffentlich verantworteter Betreuung Kinder unterschiedlicher sozialer Gruppen in gleichem Umfang profitiert haben. Oder gibt es bei der Nutzung bereits in der Vergangenheit und auch noch heute sozioökonomisch bedingte Unterschiede? Zunächst muss festgehalten werden, dass allein vor dem Hintergrund gesetzlicher Rahmenbedingungen solche Unterschiede zu erwarten sind. Während einem Kind ab dem dritten Lebensjahr aufgrund des Rechtsanspruchs grundsätzlich ein Betreuungsplatz zur Verfügung steht, stellt sich die Situation für Kinder unter drei Jahren gegenwärtig anders dar. Für sie regelt das Tagesbetreuungsausbaugesetz (2005), dass ihnen eine Förderung in einer Kindertagesbetreuung unter folgenden Bedingungen zusteht: wenn das Wohl des Kindes ohne eine entsprechende Förderung nicht gewährleistet werden kann und/oder beide Eltern erwerbstätig sind oder sich in einer Bildungsmaßnahme befinden beziehungsweise Leistungen zur Eingliederung in Arbeit im Sinne des SGB II erhalten. Einzelne Bundesländer und Kommunen haben diese Bedarfskriterien erweitert, so dass in manchen Regionen Kinder schon früher einen Anspruch auf einen Platz in einer Kindertageseinrichtung haben. Vor diesem Hintergrund ist es dennoch nicht überraschend, dass im »U3-Bereich« insbesondere Kinder erwerbstätiger Eltern Kindertageseinrichtungen besuchen.


Kinder von weniger gebildeten Eltern sind in Kindertageseinrichtungen unterrepräsentiert

Verschiedene empirische Untersuchungen belegen außerdem, dass Kinder, deren Eltern weniger gebildet sind, über ein niedrigeres Einkommen verfügen und/oder einen Migrationshintergrund haben, in Betreuungseinrichtungen unterrepräsentiert sind. Sie zeigen, dass dies auch dann der Fall ist, wenn miteinbezogen wird, dass ein niedriges Einkommen auch mit einer geringen oder keiner Erwerbstätigkeit der Mütter einhergeht. Die beiden Sozialwissenschaftlerinnen Sandra Krapf und Michaela Kreyenfeld (2011) können zum Beispiel zeigen, dass sich in den 1990er-Jahren im Hinblick auf die Nutzung der Kindertagesbetreuung in Westdeutschland ein deutliches Gefälle nach Bildungsniveau herausgebildet hat: Kinder von Abiturientinnen werden deutlich häufiger in einer Kindertageseinrichtung betreut als andere Kinder.

Auch wenn sich diese Differenzen bei Kindern im Kindergartenalter in Analysen, die sich auf die gegenwärtige Situation beziehen, nicht mehr so ausgeprägt finden, gibt es auch hier noch Unterschiede bei der Nutzung - insbesondere im täglichen Betreuungsumfang: Kinder aus einkommensschwächeren Haushalten und Kinder mit Migrationshintergrund nutzen eher ganztägige Angebote.

Diese sozioökonomisch bedingten Unterschiede bei der Nutzung von Kindertageseinrichtungen finden sich auch in anderen europäischen Ländern (Wirth 2012; Bennett 2011). Die öffentlich verantwortete Betreuung ist in vielen, aber nicht in allen europäischen Staaten, sozial selektiv. Lebt die Mutter in armutsgefährdeten Verhältnissen oder hat sie einen niedrigen Bildungsabschluss, besteht in nahezu allen Ländern eine verstärkte Tendenz zur ausschließlich familiären Betreuung. Die soziale Selektivität ist in Ländern wie Frankreich und den Niederlanden in den ersten Lebensjahren am höchsten. Dies hängt auch damit zusammen, dass dort die Erwerbstätigkeit eine zentrale Voraussetzung für den Zugang zu öffentlich verantworteten Betreuungsangeboten ist oder dieser mit hohen Kosten für die Eltern verbunden ist. Eine sehr geringe soziale Selektivität weisen die skandinavischen Länder auf, insbesondere Dänemark und auch Schweden. Hier sind in den jüngeren Altersgruppen keine signifikanten Unterschiede bei der Nutzung von Kindertageseinrichtungen feststellbar.

Sozioökonomische Selektivitäten in der Nutzung öffentlich verantworteter Kindertagesbetreuung sind insbesondere in jenen Ländern festzumachen, die keine flächendeckenden Angebote für alle Kinder bereitstellen oder dies nur zu sehr hohen Kosten tun. Diese Unterschiede in der Nutzung sind insofern bemerkenswert, da sie bereits in den ersten Lebensjahren zusätzliche Ungleichheiten hervorrufen können, die sich in späteren Lebensphasen noch verstärken können.


Die Kinder- und Jugendpolitik muss darauf achten, dass alle Familien von dem neuen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz profitieren

Inwiefern sich mit dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem zweiten Lebensjahr ab August 2013 diese Ungleichheiten in Deutschland verringern, ist letztlich eine empirische Frage. Vor dem Hintergrund bisheriger Befunde wäre es allerdings nicht überraschend, wenn zunächst eher bildungsnahe Familien und einkommensstärkere Gruppen frühkindliche Bildungs- und Betreuungseinrichtungen nutzen - insbesondere dann, wenn bei dem derzeitigen Stand des Ausbaus davon ausgegangen werden muss, dass bis August 2013 in vielen Regionen noch kein bedarfsgerechtes Angebot bereitstehen wird. Deshalb muss die Kinder- und Jugendpolitik ein besonderes Augenmerk darauf haben, dass grundsätzlich alle Familien von dem neuen Rechtsanspruch profitieren können.

Im Kindergartenalter besuchen in Deutschland zumindest ab dem vierten Geburtstag nahezu alle Kinder eine Betreuungseinrichtung. Hier sind lediglich im Hinblick auf die Ganztags- oder Halbtagsnutzung oder die Qualität der Angebote Unterschiede erkennbar.

Im gesamten europäischen Ausland ist das Betreuungsangebot für Kinder im Kindergartenalter deutlich breiter ausgebaut als für jüngere Kinder. In Ländern wie den Niederlanden, Österreich, Finnland und Frankreich steht jedoch auch bei dieser Altersgruppe der Erwerbsstatus der Mutter mit der Nutzungswahrscheinlichkeit der Kindertagesbetreuung in Zusammenhang. Außerdem spielt in den genannten Ländern das Armutsrisiko eine wesentliche Rolle: Kinder aus einkommensarmen Familien nutzen die Angebote seltener. Ein niedriges oder mittleres Bildungsniveau ist in vielen europäischen Ländern - mit Ausnahme Dänemarks, Schwedens und Belgiens - mit einer geringeren Nutzungswahrscheinlichkeit der Betreuung im Kindergartenalter verbunden.

Viele Eltern, die derzeit die Angebote für ihre Kinder nutzen, verfügen über erhebliche Ressourcen und werden sich im Zweifel für die pädagogische Qualität in der Einrichtung ihrer Kinder stark machen. Aber insbesondere Eltern, denen diese Ressourcen fehlen, mangelt es häufig auch an Zugängen und Artikulationsmöglichkeiten, Qualität zu finden und zu fordern. In der Konsequenz wird so durch die quantitative Ausweitung öffentlicher Verantwortung soziale Ungleichheit verschärft, wenn sich Qualitätsstandards nach Ressourcen von Familien und Wohnlagen unterscheiden. Die Träger öffentlicher Verantwortung müssen dies beachten.

Auf die pädagogische Qualität ist von daher bei allen Altersgruppen besonders zu achten. Sie ist neben dem quantitativen Ausbau im »U-3-Bereich« das zentrale Thema, da immer mehr Kinder Bildungs- und Betreuungsangebote in öffentlicher Verantwortung nutzen und auch die täglichen Betreuungsumfänge immer größer werden. Unter der Perspektive des Abbaus sozialer Ungleichheiten durch Angebote der Kinder- und Jugendhilfe besteht somit die Notwendigkeit, eine Gestaltung mit Blick auf heterogene Zielgruppen in besonderer Weise als Qualitätsmerkmal zu begreifen. Dies bedeutet, dass die Kinder- und Jugendhilfe darauf hinwirken sollte, allen Familien mit einem Bedarf eine frühkindliche Bildung und Betreuung in Einrichtungen zu ermöglichen. Darüber hinaus sollten Qualitätssicherungssysteme auch dazu dienen, allen Eltern Informationen über die pädagogische Qualität einer Einrichtung zur Verfügung zu stellen. Nur so kann jede Familie eine fundierte Entscheidung treffen.


DIE AUTORIN

Prof. Dr. C. Katharina Spieß leitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) die Abteilung Bildungspolitik und hat an der Freien Universität Berlin die Professur für Bildungs- und Familienökonomie inne. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen vorrangig in dem Bereich der Bildungs- und Familienwissenschaften.
Kontakt: kspiess@diw.de


LITERATUR

BARNETT, WILLIAM STEVEN (2011): Effectiveness of early educational intervention. In: Science, 333, S. 975-978

BENNETT, JOHN (2012): Challenges for early childhood education and care across Europe. A paper for the 14th Child and Youth Welfare Report. Unveröffentlichtes Manuskript. Erscheint unter www.dji.de/14_kjb

KRAPF, SANDRA / KREYENFELD, MICHAELA (2012): Soziale Unterschiede in der Nutzung externer Kinderbetreuung für Ein- bis Sechsjährige: Gibt es Veränderungen im Zeitraum 1984-2009? Expertise im Rahmen des 14. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung. Unveröffentlichtes Manuskript. Erscheint unter
www.dji.de/14_kjb

WIRTH, HEIKE (2012): Kinderbetreuung in Europa - Soziale Differenzierung oder allgemeiner Zugang? Expertise im Rahmen des 14. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung. Unveröffentlichtes Manuskript. Erscheint unter
www.dji.de/14_kjb


DJI Impulse 1/2013 - Das komplette Heft finden Sie im Internet als PDF-Datei unter:
www.dji.de/impulse

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Quelle:
DJI Impulse - Das Bulletin des Deutschen Jugendinstituts 1/2013 - Nr. 101, S. 19-21
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veröffentlicht im Schattenblick zum 7. September 2013