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ORGANISATION/493: UNICEF-Studie zur Lage der Roma-Kinder aus dem Kosovo (UNICEF)


UNICEF - Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen - Köln, 08.07.2010

UNICEF-Studie zur Lage der Roma-Kinder aus dem Kosovo

Kinder ohne Chance
- 5.000 Kinder und Jugendliche vor der Abschiebung
- 75 Prozent brechen im Kosovo die Schule ab
- Jedes dritte Roma-Kind lebt dort in extremer Armut


Rund 5.000 Kinder aus Familien der Roma und weiterer ethnischer Minderheiten sollen in den kommenden Jahren aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben oder rückgeführt werden, obwohl sie dort kaum eine Perspektive auf Schulbildung, medizinische Versorgung und gesellschaftliche Integration haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue UNICEF-Studie zur Lage von Roma-Kindern in Deutschland und im Kosovo. Demnach gehen drei von vier Kindern, die bislang schon aus Deutschland zurückkehrten und hier zur Schule gingen, im Kosovo nicht mehr zur Schule. Die größtenteils in Deutschland aufgewachsenen Kinder sprechen kaum Albanisch oder Serbisch und landen nach der Abschiebung im sozialen Abseits.

Obwohl fast die Hälfte der rund 12.000 von Abschiebung bedrohten Roma Kinder und Jugendliche sind, spielt das Wohl der Kinder in dem Abkommen zwischen Deutschland und dem Kosovo keine Rolle. Im Auftrag von UNICEF befragte ein internationales Forscherteam in den ersten Monaten des Jahres 2010 im Kosovo und in Deutschland Roma, Experten und politisch Verantwortliche und erarbeitete daraus Empfehlungen für Politiker und Behörden in Deutschland und im Kosovo.

"Viele Kinder und Jugendliche aus dem Kosovo sind in Deutschland gut integriert. Sie sollten ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten. Stattdessen werden sie zurückgeschickt, ohne dass ihr Wohl und ihre Rechte überhaupt in den Blick genommen werden. Das verletzt die völkerrechtlichen Bestimmungen der UN-Kinderrechtskonvention. Jedes Kind hat das Recht auf Schutz. Deshalb müssen die Abschiebungen gestoppt werden", sagte Tom Koenigs, UNICEF-Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, bei der Vorstellung der Studie am Donnerstag in Berlin.

"Die Roma im Kosovo sind die ärmste Volksgruppe im ärmsten Land Südosteuropas. Zwei Drittel der Roma-Kinder leben dort in Armut, jedes dritte Kind hat nicht einmal ausreichend zu essen. Armut bedeutet soziales Abseits. Kinder, die in Deutschland aufgewachsen sind, können sich meist nicht verständigen und verlieren fast alle sozialen Kontakte. Ihr Zuhause ist für sie in Deutschland. Die Abschiebung raubt ihnen fast jede Chance auf eine bessere Zukunft. Viele Familien versuchen deshalb verzweifelt und um jeden Preis, nach Deutschland zurückzukehren", sagte Johannes Wedenig, Leiter UNICEF Kosovo.


Von Abschiebung bedroht

Die deutsche Bundesregierung hat am 12. April 2010 ein Abkommen mit der kosovarischen Regierung unterzeichnet, das die Rückführung von ausreisepflichtigen Personen aus dem Kosovo regelt. Fast 12.000 Angehörige der Minderheiten der Roma-, Ashkali- und Kosovo-Ägypter könnten von dieser Regelung betroffen sein. Im Durchschnitt lebten die im Rahmen der Studie befragten Familien 14 Jahre lang in Deutschland. Viele Kinder sprechen deshalb Deutsch als Muttersprache und können sich im Kosovo nicht verständigen. Die meisten Roma sind in den frühen 1990er Jahren aus dem Kosovo geflohen, als Jugoslawien in Bürgerkriegen zerfiel. Weitere Roma-Flüchtlinge kamen in Folge des Kosovo-Krieges von 1998/1999. Der größte Teil der ausreisepflichtigen Roma lebt heute in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen.

Die Ergebnisse der UNICEF-Studie:

Von den 11.770 aus dem Kosovo stammenden Roma in Deutschland, die der Ausreisepflicht unterliegen, sind schätzungsweise 42 bis 50 Prozent Kinder unter 18 Jahren. Fast zwei Drittel dieser Kinder sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Trotzdem findet das Kindeswohl in dem Rückübernahmeabkommen keine Erwähnung.
Drei von vier Kindern, die aus Deutschland abgeschoben wurden oder freiwillig zurückgehrt sind und hier zur Schule gingen, gehen im Kosovo nicht mehr zur Schule. Die Gründe dafür sind materielle Armut, Sprachbarrieren und fehlende Schulzeugnisse aus Deutschland.
Viele Familien im Kosovo berichten, dass sie für ihre in Deutschland geborenen Kinder keine Geburtsurkunden besitzen. So bleiben viele Kinder im Kosovo unregistriert - mit gravierenden negativen Folgen für ihre Bildungs- und Integrationschancen. Von den im Kosovo befragten 173 Roma besaßen 65 keine Ausweispapiere, darunter 48 Kinder.
In jeder zweiten der befragten Familien im Kosovo waren ein bis drei Familienmitglieder chronisch krank. Auch in vielen der in Deutschland interviewten Roma-Familien verursachen Kriegstraumata und eine unzureichende medizinische Versorgung schwere psychische und körperliche Leiden. Häufig müssen die Kinder dann den Haushalt führen, sich um jüngere Geschwister kümmern oder ihre Eltern pflegen.
Alle im Kosovo befragten Kinder gaben an, dass sie in jedem Fall nach Deutschland zurückehren möchten. Nach Beobachtungen in der Gemeinde Peja verließen dort zwischen 2006 und 2010 86 rückgeführte Roma-Familien den Kosovo. Die meisten gingen nach Montenegro und Serbien, etwa 20 Prozent machten sich auf den Weg nach Deutschland.


Die Empfehlungen des Forscherteams:

Bei Entscheidungen über Aufenthaltserlaubnisse für langjährig Geduldete muss das Kindeswohl der ausschlaggebende Faktor sein. Das Aufenthaltsrecht muss dazu im Sinne der Kinder flexibler gehandhabt werden können als bislang.
Kinder und Jugendliche, die in Deutschland aufgewachsen und integriert sind, sollten ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten.
Länder und Kommunen sollten Fördermaßnahmen wie Mentorenprojekte für Kinder aus Roma-Familien in Deutschland ausbauen.
Asyl- und ausländerrechtliche sowie sozialrechtliche Bestimmungen müssen geändert werden, damit Flüchtlingskinder nicht länger diskriminiert werden.
Die durch Kriegserlebnisse und den seelischen Druck des Flüchtlingsdaseins erkrankten Kinder und Eltern brauchen in Deutschland wie im Kosovo Beratung und Therapie.
Im Kosovo müssen Unterstützungsprogramme für bereits Zurückgekehrte verstärkt auf die Bedürfnisse von Kindern ausgerichtet werden, damit zurückgeführte Kinder nicht auf Dauer in Armut und Randständigkeit bleiben.
Auf zwischenstaatlicher Ebene muss geregelt werden, dass alle Kinder automatisch amtlich registriert und auf Grundlage ihrer deutschen Zeugnisse eingeschult werden.

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Quelle:
UNICEF - Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen
Pressemitteilung vom 8. Juli 2010
Herausgeber: Deutsches Komitee für UNICEF, Pressestelle
Höninger Weg 104, 50969 Köln
Telefon: 0221/936 50-0, Fax: 0221/93 65 02 79
E-Mail: mail@unicef.de
Internet: www.unicef.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 10. Juli 2010