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ORGANISATION/508: Flüchtlinge - Glaube als letzte Hoffnung in Krisen und Konflikten (IPS)


IPS-Inter Press Service Deutschland gGmbH
IPS-Tagesdienst vom 14. Juli 2011

Flüchtlinge: Glaube als letzte Hoffnung in Krisen und Konflikten

Von Karina Böckmann


Berlin, 14. Juli (IPS*) - Auf der Suche nach Verbündeten für die Millionen Menschen, die durch Krisen und Konflikte entwurzelt wurden, hat das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) die Bedeutung der religiösen Hilfswerke entdeckt. So konzentrierte sich die UN-Organisation in ihrer 60jährigen Geschichte erstmals an einem von drei Tagen ihrer diesjährigen Beratungen mit Nichtregierungsorganisationen auf die Aktivitäten und Erfahrungen, die Glaubensgruppen in der internationalen Flüchtlingsarbeit gemacht haben.

Am 28. Juni standen dem UNHCR eine christliche, muslimische, jüdische und buddhistische Hilfsorganisation Rede und Antwort über ihre Aktivitäten in Krisen- und Konfliktländern. So ging es unter anderem um die Frage, wo die Stärken der Organisationen liegen und für welche Maßnahmen sie aufgrund ihrer einzigartigen Bindung zu ihren jeweiligen Glaubensgemeinschaften am besten geeignet sind.

Es referierten Hening Parlan vom Humanitären Forum Indonesiens, Kediende Akec vom Sudanesischen Kirchenrat, (ERRADA), Enrique Burbinski von der Südamerika-Sektion der Hebräischen Gesellschaft für Einwandererhilfe und Kimiaki Kawai vom Friedenskomitee der japanischen Organisation 'Soka Gakkai' (SG).


Glaube in humanitärer Hilfe nicht präsent

"Obwohl der Glaube eine wichtige Rolle im Leben vieler von Krisen und Konflikten bedrohten und heimgesuchten Menschen spielt, haben vor allem weltliche Werte die humanitäre Hilfe des Westens geprägt", schrieb das UNHCR in einer Stellungnahme. "Das führt vielfach dazu, dass der Einfluss der Religionen übersehen oder heruntergespielt wird. Oder, was noch schlimmer ist: Religiosität stößt vielfach auf Argwohn, wodurch dem Glauben jenseits der Privatsphäre jede Berechtigung abgesprochen wird."

Weiter hieß es in dem Papier: "Der Glaube jedoch fließt nicht nur tief in den Adern der kriegs- und konfliktbetroffenen Gemeinschaften, sondern spielt auch in deren Leben eine entscheidende Rolle. Er hilft den Menschen, mit ihren Traumata fertig zu werden, verleiht ihrem Menschsein einen Wert, nimmt Einfluss auf ihre Entscheidungen und bietet den Betroffenen in ihren schlimmsten Stunden Anleitung, Mitgefühl, Trost und Hoffnung an."

Ob nun inmitten von Volksaufständen und Naturkatastrophen etwa in Pakistan, Burma, im Sudan, in Somalia oder auf den Philippinen - beim Schutz der Vertriebenen und Flüchtlinge kämen Glaube und Glaubensgruppen eine besondere Rolle zu, unterstrich das UNHCR.

Diese Ansicht teilt das UNHCR mit Hirotsugu Terasaki, Exekutivdirektor des Friedensbüros von SG International, der Kawai zu den Beratungen nach Genf begleitet hatte. "Religiöse Hilfsgruppen sind in einer starken Position, um die Überlebenden darin zu bestärken, sich selbst an Hilfsaktionen zu beteiligen und diesen Effektivität und Nachhaltigkeit zu verleihen."

In Japan hatte die buddhistische Organisation nach dem verheerenden Erdbeben der Stärke neun auf der Richterskala vom 11. März und dem sich 30 Minuten später anschließenden Tsunami rasch Nothilfe geleistet. Der Tsunami beschädigte den Atomreaktor in der Präfektur Fukushima und verursachte eine Kernschmelze mit allen damit verbundenen Problemen.

Wie Kawai vor rund 200 Teilnehmern des UNHCR-Eröffnungspanels erklärte, ist die Zahl der Todesopfer in Japan bis zum 22. Juni auf mindestens 15.000 gestiegen. Über 7.000 Menschen werden noch vermisst und mehr als 110.000 leben in Zelten oder anderen Behelfsunterkünften. "Viele Dörfer und Städte in der betroffenen Region wurden vollständig zerstört", berichtete er. Bis zum 5. Juni hätten um die 390.000 Freiwillige Nothilfe geleistet. Auch Glaubensgruppen wie SG hätten sich an den Aktivitäten beteiligt.

Wie Terasaki während eines Zwischenstopps in Berlin erläuterte, hatte er selbst die Katastrophengebiete in der Region Tohoku besucht. Bei dieser Gelegenheit ist ihm aufgefallen, dass auch zahlreiche SG-Mitglieder von den Katastrophen betroffen waren. Sie erzählten ihm, dass ihnen die Botschaft des SGI-Präsidenten Ikeda geholfen habe, "nicht auch noch den Reichtum ihres Herzens zu verlieren". Terasaki zufolge besitzen Religionen die besondere Gabe, den Menschen in den noch so aussichtlos erscheinenden Momenten Mut zu machen.

Kawai zufolge leistete Soka Gakkai Japan zahlreichen Menschen Nothilfe. Die Gemeindezentren der Organisation dienten den aus den Krisengebieten evakuierten Menschen als Zufluchtsorte, wo sie mit dem Nötigsten versorgt werden konnten. In 52 der Zentren in der Region Tohoku sowie in den Präfekturen Ibaraki and Chiba beherbergte die Organisation rund 5.000 Menschen. "Auch unsere Mitglieder nahmen Bedürftige auf oder stellten ihre Häuser als Knotenpunkte für die Verteilung der Hilfslieferungen zur Verfügung", berichtete Kawai.


Schlichter zwischen den Fronten

Es ist ein offenes Geheimnis, was sich auch auf der UNHCR-Tagung bestätigen sollte, dass es zwischen christlichen und muslimischen Gruppen immer wieder zu Spannungen kommt. Terasaki zufolge könnte hier SGI als buddhistische Organisation dazu beitragen, die Konflikte zwischen den beiden Religionsgemeinschaften zu schlichten.

In diesem Zusammenhang zitierte Terasaki den SGI-Präsidenten Ikeda, demzufolge in Fällen, in denen jeder Eins-zu-Eins-Dialog schwierig wird, eine dritte Partei Hilfeleistung beim Zustandekommen der Gespräche leisten könnte. "Der Buddhismus existiert durch Dialog und vermittelt den Wert der kreativen Koexistenz zur Überwindung aller Differenzen." Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet könne SGI durchaus dazu beitragen, den Dialog zu fördern.

"Meiner Meinung nach boten die UNHCR-Jahresberatungen mit NGOs den unterschiedlichen Religionsgruppen einschließlich SGI eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen und voneinander zu lernen", sagte Terasaki. "Nun ist es wichtig, auch weiterhin Möglichkeiten zu schaffen, damit der Dialog fortgesetzt und vertieft werden kann."

Der Bedarf ist durchaus gegeben, wie UNHCR-Chef António Guterres am 28. Juni erläuterte. "Seit Anfang des Jahres sind wir Zeugen einer Vervielfältigung von zum Teil völlig unvorhersehbaren Krisen, die Menschen in die Flucht getrieben haben. Gleichzeitig jedoch scheinen die alten Krisen nicht auszusterben", so Guterres in Anspielung auf den jüngsten Konflikt in Côte d'Ivoire, die Volksaufstände in Nordafrika und Nahost und die politische Instabilität in Afghanistan, Somalia, im Irak und im Sudan. (Ende/IPS/kb/2011)


* Dieser Beitrag erschien in englischer Sprache in IDN-InDepthNews, ein Partner von IPS Deutschland:
http://www.indepthnews.net/news/news.php?key1=2011-07-12%2018:24:35&key2=1

Links:
http://www.unhcr.org/4e09f6cc9.html
http://www.sgi.org/about-us/media-room.html

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veröffentlicht im Schattenblick zum 15. Juli 2011