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GESCHICHTEN AUS DEM WIDERSTAND/001: Krieg der Bäume - Kohlebrand verschlingt das Land ... (SB)

Grafik: copy; 2017 by Schattenblick

Um eine verfeuerte Zukunft kämpfen?

The water level's rising! The water level's rising!
The animals, the elephants, the polar bears are dying!
Stop crying, start buying, but what about the oil spill?
Shh, no one likes a party pooping spoil sport.

Kate Tempest - Europe Is Lost


Längst keine Ausnahme mehr, sondern die Regel bei der Bilanzierung des Klimawandels sind die Negativrekorde der Aufheizung der Erdatmosphäre. Das Jahr 2016 war das wärmste im globalen Durchschnitt seit Beginn der Wetteraufzeichungen 1880, und der Januar 2017 der drittwärmste Monat in 137 Jahren. 2014 lag die weltweite Durchschnittstemperatur 0,75 Grad Celsius höher als der Mittelwert des 20. Jahrhunderts, 2015 waren es 0,91 Grad, 2016 ein weiterer Anstieg auf 0,95 Grad. An beiden Polen des Planeten wurden im Januar 2017 Negativrekorde bei der Ausdünnung der Eisschicht festgestellt, die seit 1979 per Satellit gemessen wird [1].

Deutschland ist der weltgrößte Produzent des mit Abstand klimaschädlichsten Energieträgers Braunkohle, die ihn verheizenden Kraftwerke zeichnen für ein Viertel der in der Bundesrepublik freigesetzten CO2-Emissionen verantwortlich, und die von den Tagebauen ausgehende Schädigung der Luft, des Wassers, der tierlichen und pflanzlichen Lebenswelten wie menschlichen Kulturlandschaften ist beträchtlich. Die Debatte um die Frage, ob der Ausstieg aus der Kohle erst 2045 oder schon 2030 erfolgen soll, ist angesichts des sich beschleunigenden Klimawandels schlichweg verantwortungslos. Wie andere Formen expansiver fossiler Energienutzung etwa durch den Automobilismus, die Luftfahrt, die industrielle Landwirtschaft oder das Militär wird nach dem Prinzip "Augen zu und durch" verfahren, unterstellt man nicht ohnehin, daß die globale Krisenkonkurrenz nach der Logik sozialdarwinistischer Selektion verfährt, indem die Stärkeren zu Lasten der jeweils Schwächeren überleben.


Freischwebende Rampe über Tagebau - Foto: © 2017 by Schattenblick

Fossilistische Erlebniskultur - 'Skywalk' im Tagebau Garzweiler
Foto: © 2017 by Schattenblick

Inmitten des Städtedreiecks Köln, Aachen und Mönchengladbach präsentiert sich die hochentwickelte Industriegesellschaft der Bundesrepublik von ihrer schwärzesten Seite. Obwohl längst nicht mehr in dieser extensiven Form erforderlich, wird dort der Erde fossiles Brennmaterial entrissen, das sich über Jahrmillionen angereichert hat, um innerhalb kürzester Fristen verheizt zu werden. Um eine Produktivität zu gewährleisten, die im besonderen Fall Deutschlands weit über die eigenen Grenzen hinausgreift, um die führende Stellung am Weltmarkt in uneinholbarer Exportdimension zu festigen, wird hier ein Brand entfacht, dessen Asche schwer auf Leib und Gemüt lastet.

Das Rheinische Braunkohlerevier ist sowohl Standort als auch Symbol eines fossilistischen Kapitalismus, der, wenn auch von grünen Fortschrittsoptimisten längst totgesagt, hartnäckig in die Eingeweide der Erde greift, um sein Wachstum mit einem besonders kostengünstigen Brennstoff zu befeuern. Die aus Braunkohle gewonnene Elektrizität ist kostengünstig lediglich aus der Sicht eines nationalen Energiemixes, der die Abhängigkeit von anderen rohstoffproduzierenden Staaten so gering wie möglich halten soll. Ansonsten schlägt der Verbrauch von Luft, Wasser und Natur auf eine Weise zu Buche, die mit dem Begriff "externalisierte Kosten" nur ahnen läßt, wie weitreichend die Folgen dieser grotesk überdimensionierten Form von Mensch-Natur-Stoffwechsel sein können.

Zwar stehen hegemonialstrategischen Überlegungen nicht im Vordergrund der Debatte um die Frage, wann genau der aus Klimaschutzgründen eher gestern als heute notwendige Ausstieg aus der Kohleverstromung erfolgen soll. Hier wird, obwohl bei entsprechender staatlicher Förderung eine Konversion ohne individuelle Einbußen der Kohlekumpel längst hätte vollzogen werden können, vor allem mit dem Erhalt einer überschaubaren Zahl von Jobs und der angeblichen Erfordernis des Kohlestroms als Grundlastreserve für windstille und trübe Tage argumentiert.

So steht Braunkohle in der rohstoffarmen Bundesrepublik in dem zweifelhaften Ruf, als nationale Energieressource noch für Jahre unverzichtbar zu sein, will man ihre Nutzung nicht zum Preis eines sogenannten Systembruchs aufgeben. Während klimatisch begründete Systembrüche in anderen Ländern klaffende Wunden ins Geflecht sozialer Reproduktion reißen und die Opfer der alltäglichen neokolonialistischen Ausbeutung zusätzlich mit schwerwiegenden dürrebedingten Ernteausfällen in Not und Elend treiben, leisten sich die Kapitaleigner und Funktionseliten der BRD den Luxus, das nationale Wachstum nicht nur durch Lohnzurückhaltung im eigenen Land zu konsolidieren, sondern ganz konkret auf dem Rücken in ökonomische Schuld getriebener Bevölkerungen zu steigern. Der Bäuche und Müllkippen anschwellen lassende Reichtum in den westeuropäischen Metropolengesellschaften und die täglich aufs Neue in Frage gestellte Existenz vieler Millionen in den Ländern des Südens markieren ein Gewaltverhältnis auf der nach unten offenen Skala des globalen Produktivitätsgefälles, das bei allem Bemühen, es in der vergleichenden Bilanzierung nationaler Gesamtprodukte auf eine abstrakte Zahl zu reduzieren, das Blut nicht verbergen kann, das an kapitalistischen Wechsel- und Tauschverhältnissen klebt.

Förderband für Abraum und Grube - Fotos: © 2017 by Schattenblick Förderband für Abraum und Grube - Fotos: © 2017 by Schattenblick

Abraumlogistik ...
Fotos: © 2017 by Schattenblick


Tagebau Garzweiler in der Totalen - Foto: © 2017 by Schattenblick

... und Ergebnis
Foto: © 2017 by Schattenblick

Insofern wird die Rechnung, die fossile Energieerzeugung durch erneuerbare Energien insbesondere aus Photovoltaik und Windkraft zu ersetzen, ohne den Wirt eines industriellen Produktivkraftprimats gemacht, der durch die Verwertung von Lohnarbeit auch im sogenannten finanzmarktgetriebenen Kapitalismus die Basis aller Werterzeugung darstellt. Wettbewerbsfähigkeit und Wachstumsorientierung sind nicht umsonst fest im marktwirtschaftlichen Katechismus der im Bundestag vertretenen Parteien, der Unternehmerverbände und Gewerkschaften verankert. An der gesellschaftliche Natur- und Gewaltverhältnisse vollständig unterschlagenden Kennziffer des Bruttoinlandsproduktes kommt kein Akteur vorbei, der auf der Ebene politischer Aushandlung versucht, seinen Einfluß geltend zu machen.

Über die Frage, was eigentlich mit dem laut Umweltbundesamt ab 2050 vollständig auf erneuerbare Weise erzeugbaren Strom bewirkt werden soll, erteilen Wachstumsprognosen Auskunft, deren Urheber davon auszugehen scheinen, daß aller krisenhaften Entwicklung mit dem sogenannten Greening der Wirtschaft erfolgreich entgegenzutreten ist. Führt der beschönigende Begriff des "Zwei-Grad-Zieles" in die Irre der Annahme, für das Ergreifen der zur Schadensbegrenzung erforderlichen Maßnahmen könne man sich noch Jahrzehnte Zeit lassen, während der entschiedene Kampf gegen die langfristig greifenden Auswirkungen längst verfeuerter Ressourcen überfällig ist, so schürt die Mär vom Grünen Kapitalismus die unbegründete Hoffnung, das multidimensionale globale Krisengeschehen unbeschadet abwettern zu können, indem man nur an einigen Stellschrauben der großen Maschine dreht.

Die Reste des Dorfes in Trümmern - Fotos: © 2017 by Schattenblick Die Reste des Dorfes in Trümmern - Fotos: © 2017 by Schattenblick Die Reste des Dorfes in Trümmern - Fotos: © 2017 by Schattenblick

Borschemich am Ende aller Tage
Fotos: © 2017 by Schattenblick

Sozialökonomische und sozialökologische Verhältnisse nicht isoliert zu betrachten und vom Ende her zu denken, lautet demgegenüber die Forderung vieler Aktivistinnen und Aktivisten, die in der Klimagerechtigkeitsbewegung und in Menschenrechtsinitiativen, bei der Flüchtlingshilfe und im antimilitarischen Protest versuchen, den zusehends in sozialdarwinistischem Hauen und Stechen zerfallenden Verhältnissen eine solidarische Zukunft entgegenzustellen. Erfolgt dies unter Einbeziehung aller Faktoren wie etwa der logistischen, technologischen und ressourcentechnischen Voraussetzungen jener Effizienzgewinne, von denen sich die Herolde der Green Economy die ungebrochene Fortsetzung privatwirtschaftlicher Aneignungsprozesse versprechen, dann wird schon heute klar, daß grundlegendere Veränderungen erforderlich sind, um die nicht kleiner werdenden Probleme auf lokaler wie globaler Ebene zu lösen.

So bleibt die Frage des gesellschaftlichen Eigentums gerade auch in Sicht auf eine Energiewende, von der die stromintensive Industrie am meisten profitiert, während die Kosten für die Transformation hin zu den Erneuerbaren vor allem auf die lohnabhängige Bevölkerung umgewälzt werden, zentral für die Frage, auf welche Weise künftig Energie bereitgestellt und verbraucht werden soll. Hochgradig zentralistische Industrien, wie am Beispiel der Braunkohleverstromung exemplarisch zu studieren, verfügen über ganz andere Möglichkeiten gesellschaftlicher Einflußnahme als jene Initiativen und Kommunen, die dezentrale Konzepte ökologisch sinnvoller Stromerzeugung verfolgen. Der von der Bundesregierung propagierte Aufbau innovativer Unternehmen im Bereich Erneuerbarer Energien zur Fortschreibung des deutschen Exportmodells jedenfalls ist bislang wenig erfolgreich, hat doch die chinesische Photovoltaik-Industrie eine weltweit marktbeherrschende Stellung erlangt [2], um nur ein Beispiel für die Haltlosigkeit derartiger nationalökonomischer Planungen zu nennen.


Grabsteine, Kirche - Fotos: © 2015 by Schattenblick Grabsteine, Kirche - Fotos: © 2015 by Schattenblick

Die Toten sind schon ausgezogen - Friedhof von Borschemich im Juni 2015 [3]
Fotos: © 2015 by Schattenblick

Bereist man heute das Rheinische Braunkohlerevier um die drei Tagebaue Garzweiler, Hambach und Inden, dann ist vom absehbaren Ende dieser Form fossiler Energieerzeugung nichts zu merken. Hinter den Abbruchunternehmen und Rodungsmaschinen, die in Jahrhunderten gewachsene Kultur- und Naturlandschaften von allen baulichen und gewachsenen Oberflächenmerkmalen befreien, an denen sich der Mensch noch räumlich orientieren könnte, schlagen gigantische Bagger die Zähne ihrer Schaufel so ungerührt wie eh und je ins Land, um die braunkohlehaltigen Flöze freizulegen. Während die Abraumhalden in den Himmel wachsen und die Rekultivierungsmaßnahmen Landschaften uniformer Art hinterlassen, gegen die sogar Plantagenwälder wie urtümliche Wildnis wirken, graben sich die Bagger durch bräunlich-gelbes Erdreich hindurch an die Sohle der künstlich entwässerten Gruben, wo längst verfallene Wälder ihrem Abtransport in die Kraftwerke entgegensehen.

Wer die Gegend im Verlauf mehrerer Jahre besucht, wird Zeuge eines Vernichtungsprozesses, der nichts hinterläßt außer dem unwirtlichen Innern der Erde und jener urzeitlichen Hinterlassenschaften organischen Lebens, die laut Tagebaubetreiber RWE Power für 40 Prozent der Stromversorgung Nordrhein-Westfalens und 13 Prozent der Bundesrepublik gut sind. Daß bei diesem Kohlebrand auch das in den Pflanzenresten gebundene Treibhausgas CO2 in die Atmosphäre entlassen wird, gehört eher zum Kleingedruckten auf jenen Informationstafeln, auf denen der Energiekonzern euphemistisch verklärt, was die Besucher der Tagebaue mit einem Blick in die Gruben auch ganz anders sehen können.


Reste eines Grabmonuments in Trümmerlandschaft - Foto: © 2017 by Schattenblick

Endgültig von allen Geistern verlassen - Friedhof von Borschemich im Januar 2017
Foto: © 2017 by Schattenblick

Wo sich noch Menschen dem unerbittlichen Vordringen der Tagebaukanten in die Landschaften entgegenstellen, geht es um mehr als bloßen Umweltschutz. Vielen der Einheimischen, die nach Jahrzehnten des Aufbegehrens gegen früher Rheinbraun, heute RWE Power nicht resigniert aufgegeben haben, ist der Erhalt dessen wichtig, was den Menschen ganz persönlich ausmacht, die Erinnerungen an die Orte der Jugend, das soziale Leben in der Dorfgemeinschaft, die Verbundenheit mit der einheimischen Natur. Andere leisten Widerstand gegen die Braunkohleverstromung, weil es sich um einen sozialökologischen Kampf handelt, der an vielen Fronten gleichzeitig, aber auch am jeweiligen Platz sehr entschieden für die Zukunft von Mensch und Natur ausgefochten werden muß. Wieder andere machen grundsätzlich Front gegen die Welt des globalisierten Kapitalismus und eine Staatsgewalt, die seine Enteignungsökonomie zu Lasten zahlloser Menschen vollstreckt, die stimm- und gesichtslos bleiben, weil sie nicht über die Privilegien der davon profitierenden Klasse verfügen.

All diesen Menschen gemeinsam ist sicherlich, daß sie die Glorifizierung des Kohlebrandes als Grundlage einer prosperierenden Gesellschaft, die angebliche Gemeinwohlorientierung der Umsiedlungsaktionen und die hemmungslose Zerstörung unersetzbarer Natur zutiefst ablehnen. Wessen Interessen hier auf körperlich erfahrbare Weise durchgesetzt werden und wer sich ihnen auf welche Weise entgegenstellt, soll an dieser Stelle anhand einiger Berichte und Interviews dokumentiert und kommentiert werden.


'Skywalk' mit Person - Foto: © 2017 by Schattenblick

Die Unwirtlichkeit unserer Gruben
Foto: © 2017 by Schattenblick


Fußnoten:

[1] http://www.iwr.de/news.php?id=33126

[2] https://www.ise.fraunhofer.de/content/dam/ise/de/documents/publications/studies/aktuelle-fakten-zur-photovoltaik-in-deutschland.pdf

[3] BERICHT/067: Klimacamp trifft Degrowth - Blick auf das braune Sterben ... (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brrb0067.html


27. Februar 2017


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