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KAMINGESPRÄCHE/002: Pádraig Ó Snodaigh, Verleger gälischer Bücher (SB)


Interview mit Pádraig Ó Snodaigh in Dublin am 7. Januar 2011


Im vergangenen September bei IMRAM, der alljährlichen Messe des gälischsprachigen Buchs in Dublin, wurde extra ein Abend dafür veranschlagt, um den Verleger, Historiker, Dichter, Übersetzer und Kommentator Pádraig Ó Snodaigh für sein Lebenswerk zu würdigen. Die große öffentliche Ehrung durch Familie, Freunde und Kollegen hat der 1935 in Carlow geborene Ó Snodaigh mehr als verdient. Der einstige stellvertretende Kurator des irischen Nationalmuseums und frühere Vorsitzende von Conradh na Gaeilge [Gesellschaft zur Förderung der gälischen Sprache] hat seit der Gründung seines eigenen Verlages Coiscéim [Footstep/Schritt] im Jahre 1980 mehr als 1000 gälischsprachige Bücher veröffentlicht.

Zu den zahlreichen Autoren, deren Werke bei Coiscéim erschienen sind, gehören Irlands Literaturpapst Declan Kiberd, die Dichterin Biddy Jenkinson, der Romancier Séamus Mac Annaidh, der Literaturhistoriker und Klassizist Breandán Ó Doibhlin und der linke Publizist und Vordenker Aindrias Ó Cathasaigh. Ó Snodaigh selbst hat neben seinen zahlreichen geschichtlichen Abhandlungen, von denen viele in namhaften Fachzeitschriften oder Periodika erschienen sind, selbst mehrere Gedichtbände und den Roman "Rex" verfaßt. Darüber hinaus hat er Gedichte von Giuseppe Conte und die Novelle "Anonimo Veneziano" von Giuseppe Berto aus dem Italienischen ins Gälische übersetzt. Ó Snodaigh ist mit der Künstlerin Cliodhna Cussen verheiratet und hat sechs Söhne, von denen der eine, Aonghus, als Abgeordneter im irischen Unterhaus die Partei Sinn Féin vertritt, und drei weitere, Rossa, Rónán, and Colm, die Mitglieder der populären Musikgruppe Kíla sind. Am 7. Januar sprach der Schattenblick mit Pádraig Ó Snodaigh in seinem Haus, das am Fuße von Howth Head in der Grafschaft Dublin mit Blick auf Ireland's Eye, Lambay Island und die Irische See bis hinauf zu den Mourne Mountains im Norden der grünen Insel liegt.

Pádraig Ó Snodaigh - © 2010 by MA-Verlag

Schattenblick: Herr Ó Snodaigh, was hat Sie ursprünglich dazu veranlaßt, gälischsprachige Bücher zu verlegen? Waren Sie mit den damals vorhandenen Veröffentlichungsmöglichkeiten unzufrieden oder verfolgten Sie eine bestimmte Vision?

Pádraig Ó Snodaigh: Ich war schon immer an der Literatur interessiert wie auch daran, daß dem gälischsprachigen Bevölkerungsanteil ausreichender und vielfältiger Lesestoff zur Verfügung steht. In den sechziger und siebziger Jahren hatte ich selbst ein paar Sachen wie kleine Gedichtsammlungen, die meisten auf Englisch, veröffentlicht. Als ich Präsident von Conradh na Gaeilge wurde, übernahm ich gleichzeitig auch den Vorsitz von deren verlegerischem Tochterunternehmen Clódhanna Teoranta, das Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet worden war. Während meiner Zeit als Vorsitzender hat Clódhanna Teoranta unter dem Titel "Coiscéim" mehr Bücher veröffentlicht, als in den ganzen Jahrzehnten davor.

Doch irgendwann kam es zum Streit um den richtigen Kurs. Einige Personen waren der Meinung, mit Dichtung wäre kein Geld zu verdienen; es entstünden Verluste, die Conradh na Gaeilge dann übernehmen müßte. Ich vertrat den gegenteiligen Standpunkt, nämlich daß man Gedichtbände profitabel verlegen könne. Als ich merkte, daß ich mich in der Minderheit befand, habe ich ein Mißtrauensvotum auf die Agenda gesetzt, das ich, wie erwartet, verlor. Daraufhin bin ich zurückgetreten, habe ohne eigenes Kapital und ohne viel Ahnung den Verlag Coiscéim gegründet. Auf eigenes Risiko habe ich dann jene Werke, die ich angefordert hatte und die im Mittelpunkt des Streites gestanden hatten, mit Gewinn herausgegeben und damit den Beweis erbracht, daß es dafür ein Publikum gab. In der Anfangsphase hat Risteárd Ó Glaisne mich finanziell etwas unterstützt. Glücklicherweise war ich bereits nach sechs Monaten in der Lage, ihm das Darlehen zurückzuzahlen. Doch ohne sein Startkapital hätte es den Verlag Coiscéim niemals gegeben. Seitdem haben wir mehr als eintausend Titel veröffentlicht.

SB: Gibt es irgendwelche Bücher, auf die Sie besonders stolz sind, sie verlegt zu haben? Was waren für Sie persönlich die beruflichen Höhepunkte der letzten dreißig Jahre?

PÓS: Gerade als Sie klingelten, war ich dabei, die jüngsten Schriften des Séamus Mac Annaidh zu lesen, die heute mit der Post gekommen sind. Die Arbeit mit ihm gehört auf jeden Fall zu den Highlights meiner Tätigkeit als Verleger. 1983 habe ich seinen Erstlingsroman "Cuaifeach Mo Londubh Buí" ["Windstoß meiner gelben Amsel"] veröffentlicht, das mit seinem urbanen Schauplatz, in diesem Fall Belfast, damals gänzlich etwas Neues war. Im Bereich der Dichtung habe ich Biddy Jenkinson kennenlernen und ihre Bücher veröffentlichen können. Es gibt zahlreiche andere Autoren, die ich erwähnen könnte, bei denen das Verlegen ihrer Werke mir viel Spaß bereitet hat. Von daher fällt es mir schwer, einzelne Namen hervorzuheben. Auf einige Schriftreihen bin ich stolz wie zum Beispiel "Macallaí na Cásca" ["Osterechos"], in der sich namhafte Historiker mit der anhaltenden Bedeutung des Osteraufstands von 1916 befassen. In der Reihe haben wir bereits 17 Bücher veröffentlicht. Dazu kommt die Pamphletreihe mit dem Übertitel "An Aimsir Óg" ["Die neue Zeit"] mit Mícheál Ó Cearúil als Herausgeber, in der sich führende Intellektuelle mit fundamentalen Fragen des Verhältnisses zwischen der gälischen Sprache und der irischen Nationalidentität befassen.

SB: "Macallaí na Cásca" hat doch nichts mit der jüngsten Dokumentationsreihe zu tun, die im vergangenen Herbst vom gälischen Fernsehsender TG4 ausgestrahlt wurde und in der Aindrias Ó Cathasaigh die sieben Unterzeichner der irischen Unabhängigkeitserklärung von 1916 einzeln porträtiert, oder?

PÓS: Nein, wenngleich "Seachtar na Cásca" ["Die Oster-Sieben"] auf dem Buch fußt, das Ó Cathasaigh besagter Reihe zum Thema 1916 beigesteuert hat.

SB: Aus ihrem Verlagssortiment und den Büchern, die Sie selbst verfaßt haben, bekommt man den Eindruck, daß Sie politisch links stehen. Stimmt das?

PÓS: Das kann man wohl sagen.

SB: War das vielleicht ein Antrieb für Sie bei der Gründung von Coiscéim, nämlich ein Forum zur Verbreitung der Gedanken linker gälischsprachiger Autoren zu schaffen?

PÓS: Mit Sicherheit, wiewohl ich immer die Tür für Autoren mit anderen politischen Ansichten, wie versponnen auch immer, offen gehalten habe, solange sie interessant waren. Ich habe zum Beispiel das Buch von einer Frau veröffentlicht, die zusammen mit Francis Stuart den Zweiten Weltkrieg in Deutschland verbracht hat und die glaubte - und das schrieb sie auch -, daß die Nazis an den Juden keinen Holocaust begangen hätten. [1]

SB: Was natürlich eine aufgeregte Diskussion auslöste.

PÓS: Wohl wahr. Aber gleichzeitig war sie ziemlich überflüssig. Denn es war offensichtlich, daß die Frau in dieser Frage dummes Zeug redete. Aber warum sollte sie ihre unsinnigen Ansichten nicht von sich geben können? Eigentlich war es schade um diesen Streit, denn im restlichen Buch hat die Frau viele interessante Dinge berichtet. Ihre Version vom damaligen Exilleben in Berlin liest sich ganz anders als diejenige, die man in Francis Stuarts biographischem Roman "Blacklist, Section H" findet.

SB: Das wäre Anlaß für eine ganze andere Debatte gewesen.

PÓS: Zweifelsohne. Die beiden Schilderungen der gleichen Ereignisse widersprechen sich in nicht geringem Ausmaß. Einer der beiden rückt sich die Dinge ziemlich zurecht. Persönlich glaube ich, daß dies auf Stuart zutrifft.

SB: Wie steht es aktuell um das gälischsprachige Verlagswesen? Ist die Lage heute besser oder schlechter als damals, als Sie Coiscéim gründeten?

PÓS: Ich denke, daß sie um ein vielfaches besser ist. Manchmal habe ich den Eindruck, daß die Leute nicht begreifen, um wieviel besser die Bedingungen heute im Vergleich zu damals sind. Trotz aller Beschwerden über die Wirtschaftskrise und Ähnliches haben wir heute ein festes Fundament an Lesern, Schriftstellern, unabhängigen Verlagen und einer gälischsprachigen Medienöffentlichkeit, das man in den letzten Jahrzehnten erfolgreich hat ausbauen können, was es früher einfach nicht gegeben hatte. Als ich in den fünfziger Jahren nach Dublin zog, war, von dem 1925 gegründeten, dem Bildungsministerium unterstellten, staatlichen Verlag An Gúm [Das Schema] einmal abgesehen, praktisch die einzige Möglichkeit, gälischsprachige Bücher zu kaufen oder zu veröffentlichen, der Club Leabhar [Buchclub]. Und selbst sie verlegten höchstens fünf oder sechs Bücher pro Jahr. Daneben gab es Einzelveröffentlichungen von Autoren in eigener Regie oder in Zusammenarbeit mit den etablierten, englischsprachigen Verlagen. Selbst Máirtín Ó Direáin [neben Seán Ó Ríordáin der größte gälischsprachige Dichter des 20. Jahrhunderts] mußte aus der eigenen Tasche den Abdruck seiner ersten Bücher bezahlen. Respekt, kann man dazu nur sagen. Diese Tatsache zeigt jedoch, welcher Mangel in den vierziger und fünfziger Jahren an Veröffentlichungsmöglichkeiten für gälischsprachige Autoren herrschte. Vor diesem Hintergrund kann man es als großen Erfolg betrachten, daß derzeit im Schnitt jährlich hundert neue Bücher auf Gälisch herausgebracht werden. Die meisten Publikationen stammen von unabhängigen Verlagen, während die Zahl der Veröffentlichungen seitens des staatlichen An Gúm kontinuierlich zurückgeht. Eigentlich könnte man von einem revolutionären Wandel sprechen, weswegen ich unheimlich stolz bin, zu einem gewissen Grad daran beteiligt gewesen zu sein.

SB: Blättert man bei den gälischsprachigen Zeitungen wie Gaelscéal, Foinse, Beo und Nuacht24 nach, stößt man immer wieder auf die ironische Klage - vielleicht sollte man besser von einem urbanen Mythos reden -, daß es mehr gälischsprachige Schreiberlinge als Leser gibt. Wenn schon ein Zuwachs an gälischsprachiger Literatur aller Art zu verzeichnen ist, spiegelt sich das auch in einer Zunahme der Zahl der Leser?

PÓS: Kehren wir zurück zum vorhin erwähnten Club Leabhar. Damals in den fünfziger Jahren haben sie behauptet, die Zahl der Mitglieder läge bei rund 1500. Und selbst da habe ich meine Zweifel, ob sie tatsächlich so hoch gewesen ist. Im Jahr verkauften sie, wenn es hoch kam, etwa 9000 Bücher, was wirklich nicht viel ist. Heute verkauft sich durchschnittlich jedes gälischsprachige Buch mehrere hundert Mal. Das ist natürlich immer noch nicht genug, doch im Vergleich zu früher ein großer Sprung nach vorne. Die Verantwortung dafür, daß die Leserschaft für gälischsprachige Bücher nicht umfangreicher ist, liegt zum geringsten Teil bei den Verlagen und hauptsächlich beim Staat.

Die staatliche Behörde Foras na Gaeilge [Das Gälische Institut], dem heute zum Beispiel An Gúm angeschlossen ist, leidet aufgrund von Haushaltskürzungen unter Personalmangel. Seit Jahren wird der Posten des Leiters der Bücherabteilung nicht besetzt. Darüber hinaus gibt es nur einen einzigen Mitarbeiter, der den Kontakt zu den Verlagen pflegt, die ganzen Buchläden im Lande besucht und dort die neuen gälischsprachigen Titel vorstellt. Das ist doch unmöglich. Da kann man nicht von einer angemessenen Unterstützung reden. Außerdem sind die meisten Buchläden lediglich am Gewinn und einen schnellen Umsatz der Bücher in ihren Regalen interessiert. Deswegen ziehen die Betreiber englischsprachige Titel vor. Das muß man verstehen. Sie wollen lediglich eine Ware verkaufen, wir dagegen eine kulturelle Revolution herbeiführen. Für die meisten Buchlädenbetreiber sind die Bücher Waren wie jede andere. Sie könnten genauso gut Kaffee oder Kartoffeln verkaufen. Hauptsache, sie machen dabei einen guten Schnitt. Häufig dürfen die Angestellten gar keine gälischsprachigen Bücher einkaufen, weil diese als exotisch und als potentielle Ladenhüter betrachtet werden.

Vor einiger Zeit besuchte ich die Einkaufsabteilung von Waterstone's [eine große britische Buchladenkette, die auch im irischen Markt stark präsent ist], um zu versuchen, sie zur Bestellung einiger Coiscéim-Titel zu bewegen. Dort sagten mir die Mitarbeiter, sie dürften nichts bestellen, ohne vorher die Zustimmung bei der Londoner Dependence von Dillon's [eine weitere Buchladenkette, die ähnlich Waterstones in den neunziger Jahren vom britischen Unterhaltungskonzern HMV aufgekauft wurde] eingeholt zu haben. Daß die Zuständigen dort drüben in England Gälisch nicht lesen können, macht es mir und den anderen Verlegern schwierig bis unmöglich, Waterstone's, die in Irland über viele Läden verfügt, für unsere Titel zu interessieren.

Heute bin ich zu alt, um selbst ins Auto zu steigen und die ganzen Buchläden abzuklappern, aber das habe ich in den ersten Jahren von Coiscéim schon machen müssen. Später hat sich Comhdháil Náisiúnta na Gaeilge [Der gälische Kongreß - der Dachverband aller Organisationen, die sich für die Stärkung der gälischen Sprache einsetzen] einen Lieferwagen beschafft, um den Buchläden und Schulen im ganzen Land gälische Bücher zu verkaufen. Den Wagen gibt es noch, aber irgendwann stellte CNG diese Art der Verkaufsunterstützung ein. Warum sie es taten, habe ich bis heute nicht verstanden. Die offizielle Erklärung dafür hat mich jedenfalls nicht überzeugt. Wie ich vorhin angedeutet habe, bin ich mit Foras na Gaeilge [das 2008 die Aufgaben der 1952 gegründeten Bord na Leabhar Gaeilge [Behörde für gälischsprachige Bücher] übernommen hat] sehr unzufrieden. Für mich ist ihre Haltung, gegenüber einem wesentlichen Punkt ihres Auftrages, nämlich der Förderung gälischsprachiger Literatur, völlig unzureichend. Das will nicht heißen, daß die Verlage nicht mehr tun könnten. Gleichwohl sind das alles winzig kleine Betriebe, deren Ressourcen schnell erschöpft sind. Coiscéim sehen Sie vor sich - einen Ein-Mann-Betrieb. Der momentane Zustand des gälischsprachigen Verlagswesens liefert jedoch keinen Grund zur Klage. Schließlich bin ich stolz auf das, was ich im Rahmen meiner Möglichkeiten alles geschafft habe. Die literarische Qualität der Titel, die ich verlege, ist meistens recht hoch. Einige Sachen gehören meines Erachtens zur absoluten Spitzenklasse.

SB: Sie verlegen aber nicht nur ausgesprochene Hochliteratur, sondern auch Unterhaltungsromane, Jugendbücher, Ratgeber usw., nicht wahr?

PÓS: Selbstverständlich. Alles, was dem Leser im allgemeinen interessieren könnte. Es besteht ein Bedarf an jeder Art von Buch, gerade in der heutigen Zeit, in der die Leute, insbesondere die jungen, medial soviel Zeit mit Internet und Computerspielen verbringen. Die neuen Medien verändern nicht nur das Leseverhalten, sondern auch das Leben der Menschen insgesamt. Dieser Umstand ist eine große Herausforderung, der wir gerecht werden müssen. Nehmen wir nur die Auswirkung von Google auf den Journalismus. Heute glauben einige Leute, daß es für eine Recherche zu einem Thema genügt, im Internet darüber gegoogelt zu haben. Was für ein Trugschluß. Dennoch steht den Menschen heute mehr Information zur Verfügung als jemals zuvor. Doch auf das, was man daraus macht, kommt es an.

SB: Um zur ursprünglichen Frage zurückzukommen, wenn wir Sie richtig verstehen, wächst die Zahl der Menschen, die gälischsprachige Bücher lesen, kontinuierlich an.

PÓS: Ja. Aber insgesamt läßt das Lesen nach. Die Menschen im allgemeinen lesen immer weniger Gedrucktes, sondern begnügen sich zusehends mit dem, was über ihren Fernseh-, Computer- oder Mobiltelefonschirm flimmert. Wir müssen deshalb neue Wege suchen, die Menschen zum Lesen zu verführen.

SB: Was den Stand bzw. Zustand der gälischen Sprache betrifft, läßt sich, seit Sie sich dafür engagieren, ein Fortschritt feststellen oder hat man es mit einem Rückzugsgefecht zu tun? Schließlich gibt es seit über zehn Jahren den gälischen Fernsehsender TG4, diverse Zeitungen und Zeitschriften sowie gälischsprachige Webseiten im Internet, was einen optimistisch stimmen könnte, und dennoch benutzen gerade die Jugendlichen im sogenannten Gaeltacht, dem letzten Refugium des Gälischen als Mutter- und Alltagssprache an der Atlantikküste, immer mehr Englisch. Wie sehen Sie die Entwicklung - positiv oder negativ?

Pádraig Ó Snodaigh - © 2010 by MA-Verlag

PÓS: Wie Sie richtig feststellen, gibt es positive wie auch negative Trends. Das Phänomen der verstärkten Hinwendung der Jugendlichen in den Gaeltacht-Regionen in den Grafschaften Donegal, Mayo, Galway und Kerry ist zwar beunruhigend, kann aber noch korrigiert werden. Denn das allgemeine Ansehen der gälischen Sprache heute liegt um ein vielfaches höher als vor 50 oder sechzig Jahren, als ich nach Dublin zog. Damals wurde sie mit Armut und Rückständigkeit gleichgesetzt. Benutzte man außerhalb der Gaeltacht Gälisch, mußte man befürchten, als eine Art Neanderthaler belächelt und bemitleidet zu werden. Die Einstellung ist inzwischen weg. Die ganze gesellschaftliche Atmosphäre hat sich radikal zum Besseren verändert. Man muß sich in der Öffentlichkeit nicht mehr dafür schämen, wenn man Gälisch spricht. Eher entschuldigen sich die Menschen, wenn sie dessen nicht mächtig sind. Laut Volkszählung behaupten aus einer Bevölkerung von rund 4,5 Millionen Menschen mehr als eine Million, Gälisch sprechen zu können, und sei es nur bruchstückhaft. Das wiederum bedeutet, daß es rund eine Millionen Menschen gibt, die Gälisch in der Schule gelernt haben, die dem im gewissen Grad positiv gegenüberstehen und die man unter bestimmten Voraussetzungen dazu bewegen könnte, die Sprache mehr zu benutzen und den eigenen Standard zu erhöhen.

Wie man die Menschen dazu bringt, ist eine andere Frage. Man muß nur die Lage in Katalonien, eine Region mit einer Bevölkerungszahl von sechs bis sieben Millionen, betrachten, wo man sich Sorgen macht, daß die katalonische Sprache vom Spanischen vollständig verdrängt wird. Überall auf der Welt sind Minderheitensprachen enormem kulturellen und wirtschaftlichen Druck seitens der imperialen Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch, Arabisch, Chinesisch usw. ausgesetzt. Sie werden mit der Behauptung, lediglich Dialekte größerer Sprachen zu sein, diskreditiert - eine Unterstellung, die häufig gar nicht zutrifft. Gälisch zum Beispiel ist kein Dialekt des Englischen, sondern eine eigenständige Sprache. Englisch ist germanischen Ursprungs und somit viel mehr dem Deutschen, Niederländischen und den skandinavischen Sprachen als dem Gälischen verwandt. Dessen sind sich die Menschen in Irland heute mehr bewußt als früher. Die einstige Scham, als Gälischsprecher identifiziert und damit mit Armut und Rückständigkeit in Verbindung gebracht zu werden, existiert nicht mehr. Immer mehr Iren erkennen den kulturellen Wert der gälischen Sprache, selbst wenn sie sie nicht oder nur ein bißchen sprechen können. In der Folge gibt es eine zunehmende Anzahl von Foren und Gelegenheiten, wo man Gälisch benutzen kann.

Eine der Sachen, für die ich und meine Gesinnungsgenossen bei Conradh na Gaeilge uns lange stark gemacht haben, war die Verwendung des Gälischen im Fernsehen. Dagegen haben sich bestimmte Kräfte gewehrt. Das Ergebnis dieses Bemühens war die Gründung des Senders TG4 im Jahre 1996, dem inzwischen wegen der Vielfalt und Qualität der Sendungen Lob und Anerkennung gezollt wird. Doch bei aller Freude über den unbestrittenen Erfolg von TG4 darf nicht übersehen werden, daß es sich hier um ein zweischneidiges Schwert handelt. Die gälische Sprache hat man sozusagen auf den Minderheitensender oder das Reservat TG4 verbannt, weshalb man ihr auf den drei großen Fernsehsendern RTÉ 1, Network 2 und TV 3 kaum noch begegnet. Das gleiche gilt für Raidió na Gaeltachta. Auf den beiden wichtigsten Radiosendern des staatlichen Rundfunks RTÉ wird Gälisch fast nie benutzt. Von daher ist die These vom Rückzugsgefecht nicht so ganz abwegig.

Nehmen wir zum Beispiel die Entwicklung mit den Gaeilscoileanna [Grundschulen, in denen alle Fächer durch Gälisch unterrichtet werden]. In den letzten Jahren sind diese überall wie Pilze aus dem Boden geschossen. Der Grund dafür ist jedoch, daß es uns Gaelgeoirí [Enthusiasten der gälischen Sprache] nicht gelungen ist, die Regierung und die verantwortlichen Beamten im Dubliner Bildungsministerium zu einer gälischfördernden Politik im staatlichen Schulsystem zu bewegen. Dort hat man zahlreiche Bemühungen um die Wiederbelebung der Sprache bzw. die Ausstattung der Schüler mit einem für den Alltagsgebrauch sinnvollen Wortschatz aktiv bekämpft. Im Bildungsministerium sitzen mit die gälischfeindlichsten Kräfte in Irland überhaupt, was ein ganz großer Skandal ist. Deshalb sahen sich Eltern, die wollten, daß ihre Kinder vernünftig gälisch lernen und eine Liebe zur Sprache und keinen Haß wie im staatlichen System entwickeln, gezwungen, eigene Schulen zu gründen. Die starke Verbreitung der Gaeilscoileanna in den letzten Jahren bietet Anlaß zur Hoffnung.

SB: Und daß trotz obstruktionistischer Bemühungen von Leuten wie der früheren Bildungsministerin Mary Hanafin von der Partei Fianna Fáil [heute Ministerin für Tourismus, Kultur und Sport], die die Gaeilscoileanna dazu zwingen wollte, einen nicht geringen Prozentsatz des Unterrichts in Englisch durchzuführen, ...

PÓS: ... obwohl sie selbst fließend Gälisch sprechen kann. Das Beispiel läßt erkennen, wie erbittert der Kulturkampf ausgetragen wird. Nichtsdestotrotz denke ich schon, daß die Bewegung zur Wiederbelebung der gälischen Sprache auf dem Vormarsch ist. So, wie die Dinge sich entwickeln, bin ich heute viel optimistischer als vor dreißig, vierzig Jahren, als ich Präsident von Conradh na Gaeilge war bzw. Coiscéim gegründet habe.

SB: Als der sogenannte Bürgerkrieg in Nordirland noch tobte, standen Menschen, die Gälisch in der Öffentlichkeit benutzten oder die sich für den Erhalt der Sprache stark machten, unter dem Generalverdacht, Sympathisanten der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) und damit Befürworter des "Terrorismus" zu sein. Dank des Karfreitagsabkommens von 1998 und der Beilegung der nordirischen "Troubles" besteht dieses Vorurteil nicht mehr, oder?

PÓS: Das stimmt. Jene Gleichsetzung Gaelgeoir = IRA-Sympathisant oder schlimmer wurde im Grunde von Leuten verbreitet, die ohnehin Englisch als Weltsprache anhimmeln, Gälisch für vollkommen überflüssig halten und seine Wiederbelebung aktiv bekämpfen. Der Vorwurf war viel zu pauschal, denn es gab jede Menge Gaelgeoirí auf beiden Seiten der inneririschen Grenze, die nichts mit der IRA am Hut hatten und die Gewalt als Mittel zur Lösung des Streits in Nordirland zwischen irisch-katholischen Nationalisten und probritischen, protestantischen Unionisten strikt ablehnten. Dessen ungeachtet läßt sich nicht bestreiten, daß die gälische Sprache für nicht wenige Leute in der IRA und der republikanischen Bewegung eine wichtige Funktion als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zur irischen Nation erfüllte. Das liegt in der Natur des Kampfes um ein gänzlich von der kulturellen und politischen Herrschaft Großbritanniens befreites Irland.

SB: Sie haben mit "Hidden Ulster" 1973 ein wichtiges Buch veröffentlicht, in dem sie anhand historischer Dokumente nachgewiesen haben, daß viele der Schotten, welche die englische Krone im 17. Jahrhundert nach dem Sieg über die Klans O'Neill und O'Donnell in Nordirland ansiedelte, selbst Gälisch als Muttersprache hatten. Damit haben Sie das Argument, bei dem Kampf in Nordirland zwischen Katholiken und Protestanten bzw. zwischen Nationalisten und Unionisten bzw. zwischen Nachkommen der Ureinwohner und der britischen Siedler handele es sich um einen ethnischen bzw. sprachlichen Konflikt, aus den Angeln gehoben.

PÓS: Bis heute wollen viele diese Erkenntnis nicht akzeptieren und das, obwohl "Hidden Ulster" inzwischen in die fünfte Auflage gegangen ist. Vor allem rechte Unionisten in Nordirland klammern sich an das überlieferte und überkommene Geschichtsbild, um die im Rahmen des Friedensprozesses von der britischen Regierung in London formell als berechtigt anerkannte Forderung nach Gleichstellung der gälischen Sprache als angeblich sektiererisch und den gesellschaftlichen Frieden gefährdend abzutun und ihre Umsetzung bis heute zu blockieren. Kennen Sie die Entstehungsgeschichte des Buches?

SB: Wir wissen lediglich, daß es damals für ziemliche Furore sorgte, was für ein Geschichtswerk der Linguistik eigentlich ungewöhnlich ist.

PÓS: Als sich Mitte bis Ende der sechziger Jahre in Nordirland die zumeist, aber nicht nur, von Katholiken unterstützte Bürgerrechtsbewegung gegen die jahrzehntelange Alleinherrschaft der Official Unionist Party und des ihr verbündeten protestantischen Oranierordens firmierte, wollten dort lebende Mitglieder von Conradh na Gaeilge die Anerkennung ihres Rechts auf Nutzung der gälischen Sprache in allen Lebenslagen zu einer Kernforderung erheben und brauchten deshalb den historischen Nachweis für ihre Berechtigung. Damals wurde seitens des nordirischen Staats die gälische Sprache in keine Weise anerkannt. Für die Unionisten hatte sie nicht einmal eine Existenzberechtigung. Selbst für die damalige Führung der Bürgerrechtsbewegung wie den späteren Friedensnobelpreisträger John Hume aus Derry hatte die Frage der Sprachenpolitik keinerlei Bedeutung.

Und weil Conradh na Gaeilge nicht gewillt war, diesen Umstand noch länger zu akzeptieren, hat der damalige Präsident Maolsheachlann Ó Caollai mir die Aufgabe aufgetragen, eine Arbeit zu recherchieren und zu schreiben, die demonstrieren sollte, daß die gälische Sprache das Erbe aller Iren und nicht nur der Katholiken bzw. Nationalisten ist. So gesehen, war das Buch ein Plädoyer gegen die damals aufflammende Gewalt in Nordirland. Als das Buch fertig war, wurde es 1973 im Belfaster Europa Hotel von John Robb, einem presbyterianischen Arzt und führenden Vertreter des New Ireland Movement, dessen Ziel die Überwindung des Mißtrauens zwischen Katholiken und Protestanten war, der Presse vorgestellt. Auch wenn wegen der aufgeheizten Atmosphäre in der Zeit vielen die Stoßrichtung des Buchs nicht paßte, kam keiner, der sich mit der Sprachenpolitik in Nordirland befassen wollte, an ihm vorbei. Interessant war, daß vor allem die radikale Linke dagegen zu Felde zog. Vertreter der British and Irish Communist Organisation (BICO) am Trinity College in Dublin schrieben darüber einen kritischen Aufsatz mit dem Titel "Hidden Ulster Explored", in dem sie anhand einiger weniger Fehler versuchten, die ganze These zu diskreditieren. Das hat mich dermaßen verärgert, daß ich für die zweite und dritte Auflage die entsprechenden Stellen korrigierte und somit meine Argumente festigte.

Die BICO setzte sich aus Leuten zusammen, die sich selbst Stalinisten nannten. Über die Jahre haben sie viele gute und interessante Sachen veröffentlicht. Doch sie hingen an der sogenannten Two-Nations-Theorie, derzufolge sich in Nordirland seit Jahrhunderten zwei ganz unterschiedliche Völker - ein britisches und ein irisches - bekriegten. Deshalb konnten sie mein Buch nicht akzeptieren, denn es widerlegte ihre Theorie, indem es zeigte, daß der Unterschied zwischen den katholisch-gälischen Ureinwohnern der Provinz Ulster und den dort im 17. Jahrhundert von London angesiedelten presbyterianischen Schotten nicht ethnisch-sprachlich, sondern in erster Linie politisch-religiös war.

SB: Selbst wenn die schottischen Familien, die an der "Besiedlung" Ulsters teilnahmen, Gälisch als Muttersprache hatten - was natürlich für die englischen Neuansiedler nicht zutraf -, so standen sie nach der Ankunft im einstigen Rebellengebiet doch unter massivem Druck, Englisch zu sprechen, um damit die Eroberung zu sichern und die eigene Loyalität zur englischen Krone zu demonstrieren, oder?

PÓS: Zweifelsohne. Die Herrschaft Englands und sein Regierungssystem mit allem, was dazu gehörte, sollte durchgesetzt werden. Das war der Sinn der Besiedlung Ulsters, die sich seit der Ankunft der Normannen in Irland im 12. Jahrhundert von allen vier Provinzen am energischsten dem fremden Einfluß widersetzt hatte. Ich vergleiche die Situation der gälischsprechenden schottischen Neuansiedler mit der der normannischen Lehnsherren, die mittels der Statutes von Kilkenny im Jahre 1367 unter Androhung schwerer Strafe daran erinnert werden mußten, daß für sie englische Gesetze und Bräuche und nicht die der alteingesessenen gälischen Gesellschaft zu befolgen seien. Auch in den Statutes of Kilkenny war die Verwendung der englischen Sprache vorgeschrieben worden - wenngleich die wichtigsten Passagen auf französisch geschrieben werden mußten, weil die normannischen Gutsherrn, an die sie gerichtet waren und die inzwischen alle Gälisch sprachen und mit den gälischen Klanschefs verschwistert und verschwägert waren, sie sonst nicht verstanden hätten.

SB: Um in die heutige Zeit zurückzukehren, was halten Sie vom 20-Jahresplan [1] der irischen Regierung zur Förderung der Nutzung der gälischen Sprache im Alltagsleben, der nach langen Beratungen kurz vor Weihnachten offiziell veröffentlicht wurde?

PÓS: Ich begrüße natürlich die Tatsache, daß die Regierung einen solch umfassenden Plan vorgelegt hat. Was die Umsetzung betrifft, bin ich jedoch etwas skeptisch, denn in der Vergangenheit hat es jede Menge Kommissionen gegeben, die Studien zur Lage der gälischen Sprache und den Chancen ihrer Wiederbelebung durchgeführt und erstklassige Empfehlungen gemacht haben. Woran es bisher jedoch immer gefehlt hat, war der politische Wille, die Empfehlungen der Experten und Sprachenthusiasten auch umzusetzen. Ich hoffe sehr, daß es diesmal anders wird. Was mich optimistisch stimmt, ist die Tatsache, daß sich Fine Gael, die derzeit größte Oppositionspartei, die nach den baldigen Parlamentswahlen vermutlich eine Regierungskoalition zusammen mit der sozialdemokratischen Labour Party anführen wird, zu dem Plan bekannt hat. Traditionell steht Fine Gael der Förderung der gälischen Sprache etwas ablehnend gegenüber. Doch der große öffentliche Widerstand gegen ihren Vorschlag, Gälisch als Pflichtfach für das Abitur abzuschaffen, hat sie erkennen lassen, daß es gerade in der Zeit vor den Wahlen politisch unklug wäre, Stellung gegen die erste offizielle Landessprache zu beziehen.

SB: Interessanterweise war, als die gälischsprachigen Organisationen im letzten November im Buswell's Hotel [das direkt gegenüber von Leinster House, dem irischen Parlament liegt] einen Tag der offenen Tür veranstalteten, um Werbung für den 20-Jahresplan zu machen, der erste Politiker, der morgens um acht Uhr durch die Tür kam und das Gespräch suchte, niemand geringerer als der Fraktions- und Parteivorsitzende von Fine Gael und Premierminister in Spe Enda Kenny ...

PÓS: ... der selbst fließend Gälisch spricht.

SB: Der Auftritt Kennys läßt hoffen, daß er immerhin die Bedeutung der gälischen Sprache versteht und - sollte er Chef der nächsten irischen Regierung werden - ihre Feinde innerhalb seiner Partei in ihre Schranken weisen kann.

PÓS: Zumindest glaubt er, die Wähler auf seine Seite ziehen zu können, indem er einen solchen Eindruck erzeugt. Seit Jahren tritt Fine Gael für die Abschaffung von Gälisch nicht nur als Pflichtfach für das Abitur, sondern im gesamten Bildungssystem ein. Statt dessen schlägt sie vor, Gälisch für die Schüler attraktiver zu machen. Doch angesichts des Leistungsdrucks, unter dem die Schüler heutzutage stehen, ist es doch illusorisch zu glauben, daß die meisten von ihnen nicht auf Gälisch verzichten und sich anderen Fächern zuwenden werden, sobald die Verpflichtung, sie zu lernen, aufgehoben wäre. Allein mit angeblich schülerfreundlicheren Texten wird man kaum jemanden zum Erlernen einer ihm zunächst fremden Sprache bewegen können. Die drastisch rückläufigen Zahlen der Schüler hier und in Großbritannien, die Kurse in Deutsch, Französisch und Spanisch belegen, zeigt dies eindrücklich. Deshalb muß Gälisch genauso wie Englisch oder Mathematik ein Pflichtfach im irischen Schulsystem bleiben. Gleichwohl muß mehr für ihre Attraktivität getan und der Lehrplan so gestaltet werden, daß die Menschen auch nach der Schule die Sprache im Alltag benutzen können, wie rudimentär auch immer.

SB: Kritiker des neuen Plans haben die darin enthaltene Betonung der Bedeutung des Bildungssystems als Wiederholung alter Fehler kritisiert und die Befürchtung geäußert, daß, wie in der Vergangenheit, staatlicherseits nicht genug unternommen wird, um die Erwachsenen zur Nutzung der Sprache zu animieren und eine Wiederbelebung der Sprache im alltäglichen Leben - im Parlament, im Büro, auf der Straße, beim Einkauf, bei Sportveranstaltungen, in der Kneipe usw. - zu unterstützen. Was meinen Sie dazu?

PÓS: Die Kritik ist berechtigt. Eine solche Unterstützung ist dringend notwendig. Das haben diejenigen, die an der Entstehung der neuen Strategie mitgewirkt haben - Linguisten, Abgeordnete und Senatoren des Dubliner Parlaments usw. - auch erkannt. Deshalb gilt als oberstes Ziel des 20-Jahresplans, die Anzahl derjenigen, die täglich Gälisch benutzen, von derzeit rund 80.000 bis 2030 auf rund 250.000 zu erhöhen. Das Ziel ist zwar ehrgeizig, aber gleichzeitig angemessen, will man die Wiederbelebung des Gälischen tatsächlich erreichen.

SB: In einem Artikel für die Januar 2011 Ausgabe der gälischsprachigen elektronischen Monatszeitschrift Beo.ie hat Breandán Delap, der Mitglied der Nachrichtenredaktion von RTÉ/TG4 ist, die Frage aufgeworfen, ob das ehrgeizige Ziel wirklich ernst gemeint ist. In diesem Zusammenhang wies er auf die Tatsache hin, daß in der Gaeltacht ein Zuwachs von lediglich 25% angepeilt wird, in der sogenannten Galltacht, das heißt im ganzen restlichen Land, wo hauptsächlich Englisch gesprochen wird, dagegen von 300%.

PÓS: Ich kann den Einwand Delaps verstehen bzw. sein Mißtrauen nachvollziehen, doch hier vergleicht er Äpfel mit Birnen. In der Gaeltacht können bereits die meisten Gälisch sprechen, also sind dort von vornherein keine großen Zuwachszahlen zu erzielen. Im restlichen Land und bei der Anzahl der Menschen dort, die man eventuell zur Reaktivierung ihres in der Schule gelernten Gälischen animieren könnte, sieht es ganz anders aus.

SB: Welche Fortschritte man erzielen könnte, zeigt die Entwicklung in West Belfast. Dort gibt es seit einigen Jahren die bisher einzige Gaeltacht in einer städtischen, statt einer ländlichen Umgebung. Darüber hinaus wächst sie kontinuierlich, statt zu schrumpfen wie diejenigen an der Atlantikküste. Da der Verlag Coiscéim auch in Belfast ein Büro hat, wie bewerten sie den Erfolg der gälischsprachigen Gemeinde im Westen der Stadt am Lagan?

PÓS: Seine Bedeutung kann nicht hoch genug geschätzt werden. Die gälischsprachigen Aktivisten in Belfast haben Einzigartiges geleistet. Auch wenn das gälischsprachige Viertel an der Falls Road nicht sehr groß ausfällt, ist es so, daß man zumindests in diesem Teil von Belfast inzwischen ein Leben vollständig auf Gälisch führen kann, ohne jemals auf die englische Sprache zurückgreifen zu müssen. Das gibt es bisher in keiner anderen irischen Stadt. Die Verantwortlichen, von denen ich einige kenne, haben ein leuchtendes Beispiel geschaffen, wie man eine gälischsprachige Umgebung praktisch aus dem Boden stampfen kann. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung dort, daß man sehr viel Engagement seitens der Menschen und einige Unterstützung seitens der in der Gegend beheimateten Betriebe braucht, um ein solches Vorhaben zum Erfolg zu führen. Eine sehr gute Einrichtung, die sie in West Belfast haben, ist der Club Leabhar, der gälischsprachige Buchclub, der rund 100 Mitglieder hat. Im Kulturzentrum an der Falls Road werden mehrmals im Jahr von den verschiedenen Autoren und Verlagen die neuesten Bücher vorgestellt, die dann die Club-Leabhar-Mitglieder lesen und anschließend gemeinsam diskutieren.

SB: Eine ähnliche Einrichtung gibt es doch in Ihrer Heimatstadt Carlow. Laut einer Zeitungsmeldung vom letzten Jahr erfreut sich der gälische Buchclub dort einer immer größeren Beliebtheit.

PÓS: Das ist wohl wahr. In Carlow haben sie auch ein gälischsprachiges Gymnasium. Das bedeutet, daß die Kinder und Jugendlichen vom ersten Schuljahr bis zum Abitur ihren Unterricht ausschließlich auf gälisch erhalten können. Dennoch kommen die Dinge in Carlow nicht so voran, wie es sein müßte. Gälisch wird nicht in genügend Familien gepflegt. An gälischsprachigen Familien fehlt es dort momentan.

SB: Derzeit gibt es eine Kampagne, bis 2016, zum 100jährigen Jubiläum des Osteraufstands, im Zentrum der irischen Hauptstadt Dublin ein gälischsprachiges Viertel mit einem neuen nationalen Kulturzentrum zu etablieren. Hinter dem Projekt mit dem Namen Tionscadal16 steht unter anderem Conradh na Gaeilge. Was halten Sie von dem Vorhaben?

PÓS: Ich finde die Idee großartig. Ich denke auch, daß in letzter Zeit die Chancen ihrer Realisierung gestiegen sind.

SB: Weil im Zuge des Platzens der Immobilienblase die Grundstückspreise drastisch gesunken sind und einige Gebäude in Zentrum von Dublin leer stehen?

PÓS: Genauso ist es.

SB: Aber die Wirtschaftskrise hat auch starke Einschnitte bei den staatlichen Ausgaben nach sich gezogen. Die diversen gälischsprachigen Organisationen - sei es Raidió na Gaeltachta oder Foras na Gaeilge - beklagen sich in letzter Zeit häufig wegen der schweren Haushaltskürzungen, die ihnen die Regierung seit zwei Jahren aufzwingt.

PÓS: Das stimmt, aber in diesem Fall kommt es weniger auf die staatlichen Zuwendungen als vielmehr darauf an, daß im besagten Viertel eine Gruppe von Familien - laß es hundert sein - das Recht einfordert, ihr Leben mit allem, was dazugehört, auf Gälisch zu führen. Das hätte eine Wirkung, der sich die Politiker nicht entziehen könnten. Eine solche Gruppe von Menschen kann zusammen viel mehr erreichen als der einzelne Wähler mit seiner alle paar Jahre zu vergebenden Stimme. Gerade dies demonstriert das Beispiel West Belfast.

SB: In den irischen Medien sind die Regierungskrise infolge des EU-IWF-"Rettungspakets" und die bevorstehenden Parlamentswahlen das alles beherrschende Thema. Wird die gälischen Sprache bei der Wahl als Thema irgendeine Rolle spielen?

PÓS: Ich hoffe nicht, aber ich befürchte ja. Ich halte es für abträglich und unanständig, wenn die gälische Sprache zum politischen Zankapfel wird und irische Bürger dazu gedrängt werden, zu überlegen oder zu entscheiden, ob sie dafür oder dagegen sind. Ich gehe davon aus, daß Fine Gael wie in der Vergangenheit die Bemühungen zur Wiederbelebung der Sprache für gescheitert und damit für sinnlos erklären werden. Mit so einer Haltung werden sie jedenfalls meine Stimme nicht bekommen!

SB: Herr Ó Snodaigh, wir bedanken uns für dieses Gespräch.

19. Januar 2011

Fußnote:

1. Róisín Ní Mheara, "Cé Hí Seo Amuigh?" ["Wer ist da draußen?"], Coiscéim, 1993.

2. Straitéis 20 Bliain don Ghaeilge 2010-2030, Government Publications Office, Dublin, offiziell veröffentlicht am 21. Dezember 2010, Straitéis_20_Bliain_don_Ghaeilge_2010-2030.pdf.

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Der Blick von Howth Head [Binn Éadair] auf den gleichnamigen
Hafen und den vorgelagerten Inseln Ireland's Eye und Lambay.