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ES GESCHAH.../014: Der Anekdotenkammer vierzehnte Tür (SB)


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Arabien ist nicht nur eine karge und trostlose Wüste, nein, es ist auch ein Garten voller Märchen und zauberhafter Erzählungen. Auch unter unseren Sternen hat die arabische Erzähllust Einzug gehalten. Noch der große Dichter Goethe verwandte viele Stunden seiner Kunst damit, den geheimnisvollen Charme dieses Kulturkreises in seinen Werken einzufangen.

Wenn von Arabien die Rede ist, kommen einem für gewöhnlich die Städte Mekka, Medina und Bagdad in den Sinn. Und diese sind auch untrennbar mit der orientalischen Geschichte verwoben. Es gibt jedoch Bande, die uns unmittelbarer mit diesem Märchenland verbinden.

Noch unsere Sprache lehnt sich, um vieles reicher geworden, an die Säulen der arabischen Geisteswelt an. Dieses Wüstenreich auf der Halbinsel zwischen Afrika und Asien beschenkte Europa auch mit sagenumwobenen Dichtungen. Um vieles ärmer wäre unsere Gedankenwelt, wenn wir nie etwas über die Damaszenerklingen erfahren hätten oder von dem Kampf des Kurdenhäuptlings Saladin gegen die Eroberungslust der Kreuzritter.

Gewiß, bedenkt man den Ursprung dieser geschichtlichen, wesentlich kolonial geprägten Schnittstelle, mag man sich vieles ungeschehen wünschen. Viel zu häufig standen kriegerische Ziele im Vordergrund. Dabei verdankt Europa viele seiner geisteswissenschaftlichen Wurzeln ebendiesem Land der Kameltreiber und Wüstenscheichs.

Es war ein glänzender Schatten, den Arabien auf den alten Kontinent warf, ein Schatten, der uns nicht nur die Anfänge der Mathematik brachte. Auch das Schachspiel kam erst über die Araber auf den europäischen Boden. Nicht weniger reichhaltig und durch liebenswerte Pointen versüßt sind die Anekdoten aus arabischer Hand. Ihnen wollen wir uns nun widmen, mit Kerzenlichtgeflacker und lauschenden Ohren an der 14. Tür.

Einen der frühesten literarischen und historisch beglaubigten Winke auf das Schachspiel überlieferte einer der berühmtesten arabischen Autoren mit dem ellenlangen Namen Abu'l-Hasan Ali ibn-el-Husein u.s.w. el-Mas'ûdî, der Einfachheit halber kurz Mas'ûdî genannt.

Mas'ûdî wurde gegen Ende des 9. Jahrhunderts in Bagdad geboren und starb nach einem verdienstvollen Leben in Kairo entweder im Jahre 958 oder 959. Die damalige Chronologie ließ noch viel zu wünschen übrig. Jedenfalls nahm er im siebten Kapitel seiner 'Murudsch ed-Dzeheb', auf deutsch 'Goldenen Wiesen', Bezug auf das Schachspiel. Mas'ûdî hatte auf seinen ausgedehnten Reisen, die ihn bis nach Indien führten, Einblick genommen in viele, bis heute verschollene Manuskripte.

Auf Grund seiner volkskundlichen Reisetätigkeit nannte man ihn auch mit Ehrfurcht den 'arabischen Herodot'. Nach seinem Vorbilde entstanden eine Handvoll teils abgekupferter, teils anekdotisch ausgeschmückter Nachfolgeerzählungen, die den Geist der damaligen Zeit mehr oder weniger authentisch widerspiegelten. Zumindest gaben sie Kunde von Denkströmungen, die die alte arabische Welt durchzogen.

Als literarischen Kunstgriff muß wohl gewertet werden, daß in diesen Geschichten die Herrscher als Gönner oder Mäzenen auftraten. So weiß der geschichtskundige Muhammad ibn Ali Almiçrî in einem Vortrag zu berichten, daß der Abbasidenkalif Hârûn al-Raschid als erster seines Geschlechts sich dem Schachspiel geneigt zeigte und die Meister des Königlichen Spiels aus vollen Händen mit Geldgaben beschenkte.

Das Schachspiel mußte sich anfänglich gegen die Willkür der religiösen Dogmen und Verbote behaupten. Der Islam duldete das Glücksspiel, worunter auch das Schach irrtümlich fiel, nicht. Daher verwundert es nicht, daß die Apologeten des Schachspiels ab dem 9. Jahrhundert in ihren Rechtfertigungsschriften gerne zu Berühmtheiten aus der Vorzeit zurückgriffen, um der Schachkunst nachträglich einen prominenten Flair zu verleihen.

Die fromme Lüge mußte also herhalten, um das Schach rückblickend in eine blütenreine Vergangenheit zu kleiden. In vielen dieser Anekdoten spiegelt sich unverfälscht der religionsgesschichtliche Konflikt wider. Eine nette, eben aus dieser Quelle schöpfende Erzählung kreist um den Kalifen Hishâm, der zwischen 723 und 742 die Amtsgeschäfte in Händen hielt.

Eines Tages saß Hishâm mit gebeugtem Kopf über dem Schachbrett und ergründete gerade eine schwierige Schachposition, als ihm der Besuch eines Onkels mütterlicherseits gemeldet wurde. Der Onkel war ein Beduine aus dem Stamme Makhzûm.

Hishâm mußte fürchten, daß der islamische Eifer seines Onkels Anstoß nehmen könnte am Schachspiel seines Neffen. Die Gelehrten und Korandeuter sahen im Schachspiel nämlich ein Werk des Teufels, um die Gläubigen vom Pfad der Rechtschaffenheit abirren zu lassen. Auf den Propheten Mohammed indes geht ein solches Verbot nicht zurück, denn dieser kannte verbürgtermaßen das Schachspiel gar nicht.

Also warf Hishâm rasch ein Tuch über das Brett und mimte den Rechtgläubigen. Nach der zeremoniellen Begrüßung mit Umarmung und Kuß kamen beide ins Gespräch, und als Hishâm durch geschicktes Nachfragen schließlich erkannte, daß sein Onkel in den religiösen Geboten unerfahren, überhaupt ein schlichter Charakter war, deckte er das Schachbrett wieder auf und führte das Spiel unbekümmert zu Ende.

In einer schärferen Gangart polemisierte dagegen der persische Dichter Scheikh Muslih-eddin Sa'di (1164-1263) gegen die Borniertheit seiner Zeit. Die im folgenden verwendeten alten Begriffe 'Fußgänger' und 'Vesir' bedeuten in unserer Sprache 'Bauer' und 'Dame'. Man muß zum vergnüglichen Verstehen der Anekdote außerdem wissen, daß der Bauer bei den alten Arabern beim Erreichen der letzten Reihe ausschließlich in eine Dame verwandelt werden konnte.

Sa'di verwendete in seinem populär gewordenen Werk 'Gûlistân', was Rosengarten bedeutet, folgende ironische Parabel: "Merkwürdig! Der Fußgänger von Elfenbein, wenn er das Feld des Schachbrettes durchlaufen, wird Vesir, das heißt er wird etwas besseres als er gewesen; aber die Fußpilger der Wallfahrt haben die Wüste durchlaufen und sind schlechter geworden."

Neben dieser ironischen Adressierung an die Orthodoxie gab es noch andere, nicht weniger künstlerische Wendungen. So gebrauchte die Feder der Gelehrten das Schachspiel gern als rhetorische Redefigur, um unliebsame Konkurrenten als geistige Tiefflieger bloßzustellen.

Thaâlibi, der um das Jahr 1038 starb, legte dem berühmten Religionsphilosophen Ibrahim ibn Naththâm (+ 845) bei einem Disput mit einem Rivalen folgendes Wort in den Mund: "Ich ziehe ihm einen Rukh von meinem Verstand aus". Der Rukh oder Turm war im alten Schachspiel der Araber die stärkste Figur, und so bedeutete der Ausspruch sinngemäß soviel wie: 'Ich werde ihn mit meinen Argumenten vor den Kopf stoßen'.

Eine letzte Anekdote aus dem persisch-arabischen Reich soll den hohen Stellenwert des Schachspiels im Orient der alten Zeit verdeutlichen. Um die Vertrauenswürdigkeit einer Person für das Amt des ersten Ministers oder Wesirs zu erproben, ließ man ihm einer Partie Schach zwischen zwei Meistern beiwohnen. War er in der Lage, beim Spiel, ohne ein Wort zu sprechen, zuzuschauen, so war er des Vertrauens wert. Konnte er sich jedoch eines Kommentars zu den Zügen nicht enthalten, so galt er als geschwätzig und besserwisserisch und war also ungeeignet für den Posten, da es ihm an Diskretion fehlte.


Erstveröffentlichung am 15. Mai 1996

08. März 2007