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ES GESCHAH.../015: Der Anekdotenkammer fünfzehnte Tür (SB)


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Kavaliere, so weit das Auge reicht und der Blick im Fluge schweift. Keineswegs mag der Mann von Welt dem schönen Geschlecht zu nahe treten, und so gibt sich der großmeisterliche Gönner aus respektvoller Höhe herab gerne großzügig in seinen Ansichten über das geistreiche Spiel, zu denen "auch" Frauen auf dem Schachbrett durchaus imstande seien.

Selten ist dem Lob jedoch echte Bewunderung beigemischt. Zu sehr kränkt es den männlichen Stolz, wenn aus der Niederung weiblicher Gedankengänge eine Kombination von schlagender Beweiskraft empordrängt und den Plan des Mannes jäh zum Einstürzen bringt. Der Geschlechterkonflikt eben, und so alt wie Evas Fehltritt.

Bezaubernd darf sie wohl sein, die Großmeisterin, aber eher durch die anziehende Magie ihrer Weiblichkeit, nicht durch den schnöden Hieb eines teuflischen Zuges mit Schach und Matt. Das Schachbrett - ein Niemandsland von geschlechtloser Genialität?

Der Vorrang der Männer auf dem Gebiete des Vorurteils ist von den Frauen schwer einzuholen. Schließlich haben erstere die Geschichte auf ihrer Seite. Überall, wo mit Geistesgaben gestritten wurde, ist von einem Feldherrenschach die Rede. Und so sind es die Chauvinisten der alten Garde, die zusammenrücken, sobald eine Frau sich anschickt, in den Kreis der ehrenwerten Gesellschaft einzutreten.

Am unverfälschtesten begegnet man dem alten Klischeedenken denn auch im modernen Gewand der Toleranz. Wer möchte sich schon verknöchert schimpfen lassen, wenn er freimütig bekennt, Schach, das ist nichts für Frauen, zumindest nicht auf der öffentlichen Bühne. In den häuslichen Wänden, das geht noch an. Aber sonst?

Dem Mann sind nicht mehr viele Domänen geblieben, wo er sich, unbewacht vom weiblichen Auge, seiner ureigenen Eitelkeit hingeben kann. Das Denken scheint ihm ein solches Refugium zu sein. Und Denken muß nicht schön sein, nur zielgerichtet, konsequent. Hier ist er Mann, hier darf er sein.

Aber wehe, wenn ihm auch dieses liebgewordene Relikt genommen wird, und er ahnt wohl zu Recht, daß seine Tage der denkerischen Stirn gezählt sind. Auf internationaler Ebene geschieht es alle Tage, daß ein Großmeister einer schachspielenden Harpyie zum Opfer fällt. Wohin sich wenden, wo in dieser Not sein Banner hissen? Noch hat die hehre Männerwelt ihre Säulenheiligen, die kein weiblicher Schatten ankränkelt. Noch hat keine weibliche Hand den Todesstoß geführt gegen einen männlichen Weltmeister. Der Thron ist männlich, rühmt er sich verbissen.

In Szusza Polgar und ihrer Schwester Judit wachsen jedoch ernsthafte Königsmörderinnen heran. Noch steht die Phalanx fest. In Dortmund freilich, beim Treffen der namhaften Großmeistergilde, geriet dieser letzte Stolz arg ins Wanken. Die seinerzeit gerade mal 19 Lenze zählende Judit überflügelte in nur 36 Zügen den bulgarischen Matador Veselin Topalov, und dieser hatte zuvor bei der Schacholympiade in Moskau keinen geringeren als Garry Kasparov in die Schranken verweisen. Auch die deutsche Hoffnung Eric Lobron wurde gar zur Karikatur männlichen Geltungswunsches herabgewürdigt. Seelisch geköpft wurde schließlich noch der englische Haudegen Michael Adams. Drei Großmeister auf einem Streich! Das verursacht Kopfweh.

Was bleibt da noch zur Ehrenrettung? Die Schönheit! Vor einer schönen Frau geht Mann gern in die Knie. Schließlich hat der Kavalier im Mann so noch eine Hintertür zur Ausrede: Er sei eben von ihrer Schönheit ganz geblendet worden.

So antiquiert dies Denken auch sein mag, es hat alle Umbrüche und Zeitenwenden heil überstanden. Blicken wir also hinein in die 15. Tür der Anekdotenkammer. Es ist noch nicht lange her, daß die jugoslawische Meisterin Milunka Lazarevic den argentischen Grandseigneur Miguel Najdorf einst fragte, ob er sich nicht in Südamerika für ein Damenturnier stark machen könnte.

In der Tat haben es Frauen äußerst schwer, an Turnieren zur Erlangung höherer Meistertitel teilzunehmen. Hier beherrschen Defizite das Terrain. Nur wenige Geldgeber sind bereit, für die Entwicklung des Damenschachs Turniere auszurichten, um so talentierten Spielerinnen ein Aufsteigen in höhere Klassen zu ermöglichen. Auch Meisterinnen fallen nicht vom Himmel.

Mit einem schnippischem Lächeln um die Lippen erwiderte der große Miguel jedenfalls: "Finde zwanzig hübsche Blondinen und ich werde das Turnier durchführen."

Der Stich verfehlte seine Wirkung nicht. Entrüstung legte sich wie eine kalte Maske auf das Gesicht von Milunka Lazarevic, aber um den alten Herrn nicht vor den Kopf zu stoßen, verfiel sie ins Spitzfindige und entgegnete wie eine echte Vertreterin ihres Geschlechts in Verbiesterung: "Zwanzig hübsche Männer zu finden, ob blond oder dunkel, das wäre eine Aufgabe."

Aber keine lohnende. Daß sich Lazarevic mit ihrer Antwort selbst in die Brennesseln gesetzt hat, mag ihr vielleicht in der Erhitzung ihres Gemüts entgangen sein. Natürlich versteht jeder ihren Groll und kann auch nachempfinden, wie ihr zumute war. Manche werden wohl auch meinen, sie hätte mit ihrer Replik geistreich gekontert.

Aber hat sie damit nicht der Kerbe entsprochen, die das Vorurteil erst spaltet. Und wenn alle Männer häßlich wären, die Schachspieler sind, was wäre damit schon bewiesen? Doch nur soviel, daß Frauen schön sein müssen, um den Männern zu gefallen. Beides geht an der sozialen Realität vorbei, denn Schönheit ist so wenig eine Sache des Geschmacks, liegt also nicht im Auge des Betrachters, wie sich der Geschlechterkonflikt nicht an dieser simplen Frage entzündet. Schließlich steht Schönheit als Synonym und Säule dafür, daß sich ein Mensch beliebigen Geschlechts einem bestimmten Zweck bzw. einer gesellschaftlichen Verwertung vollends unterwirft.

Die Umkehrung der Argumente taugt jedenfalls nicht. Auf beiden Seiten gähnt archaischer Unverstand. Ein männliches Denken ist ein ebensolcher Aberwitz wie der Wunsch der Frauen, in der plumpen Nachahmung der Irrtümer auf Anerkennung zu zielen.

Der dümmlich-überhebliche Najdorf hatte sein Angebot nicht von ungefähr auf Blondinen gemünzt. Ganz unverblümt meinte er damit, daß auch dem Auge etwas geboten werden müßte, um Geldgeber für die Sache zu erwärmen. Und Blondinen gelten als dumm. Hinter dieser Fassade läßt sich leicht Arroganz ausleben. Viel kann Najdorf vom Schachspiel also nicht gelernt haben. Schade nur, daß Milunka Lazarevic um keinen Deut anders "denkt".


Erstveröffentlichung am 23. Juli 1996

09. März 2007