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ES GESCHAH.../017: Der Anekdotenkammer siebzehnte Tür (SB)


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Theoretiker sind eine besondere Art von Mensch. Stundenlang können sie sich in eine Stellung verbohren, ohne auch nur einen Seufzer der Ermüdung von sich zu geben. Bis ins letzte Detail ringen sie mit sich und dem Gespenst des Zweifels. Sie wollen die Wesenseigentümlichkeit jeder Stellung ans Licht ziehen, den verborgenen Knoten gordischer Komplexität mit den Waffen des Verstandes zerhauen und mit nachweislich strenger Logik belegen, warum eine Stellung aus dem letzten Loch pfeift oder von den Engelsposaunen des Sieges umtost wird. Sie wollen, gelinde gesagt, Wahrheiten schaffen.

Theoretiker sind eben eine besondere Art von Mensch. Auch ihre Schwächen sind von sonderbarer Natur. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, kann eine ganze Welt daran rütteln, ohne daß sie den kleinsten Millimeter von ihrer Meinung abrücken. Ihre Sturheit ist von geradezu sprichwörtlicher Unbelehrbarkeit. Sie können nichts dafür, es ist eben ihr Kreuz, Lehrsätze von dauerhaftem Bestand in Granit meißeln zu wollen.

Einer dieser Herren Theoretiker, der Russe Jurij Lwowitsch Awerbach, in den fünfziger Jahren zählte er zu den führenden Meistern, reiste 1960 nach Australien, um dort bei der Offenen Landesmeisterschaft sein brillantes Können unter Beweis zu stellen. 1967 verfaßte er das autobiographische Werk 'Auf der Suche nach Wahrheit', wo er folgende Anekdote, die sich während des Turniers ereignete, in amüsanten Worten schilderte.

Unsere 17. Anekdotenkammer hat sie sich zum Vorbild genommen, sie künstlerisch ausgeschmückt und auf die Wesensart eines Theoretikers hingedreschelt. Und damit steht sie zum leserischen Genuß frei.

Awerbach gegenüber nimmt der mehrfache Champion der 'Terra australis', Cecil J. Purdy, Platz. Purdy ist ein Meister von hohem Rang. Jahre zuvor hatte er die 1. Fernschach-Weltmeisterschaft für sich entschieden, konnte also auf ein glänzendes Renommnee zurückblicken.

Der russische Meister ist ihm kein Unbekannter. Dessen Bücher gehören zu seiner Pflichtlektüre. Hochachtung empfindet er also vor Jurij Awerbach, den er als einen gewieften Taktiker und feinen Strategen respektiert. Um sich keine Blöße zu geben und nicht blind in eine vorbereitete Stellungsanalyse hineinzutapsen, vermeidet Purdy die ausgetretenen Pfade der Theorie und verkompliziert die Stellung auf dem Brett, bis ein positionelles Wirrwarr von undurchschaubarer Rätselhaftigkeit entsteht. Darin nun vertieft er sich, schwere Gedanken brütend.

Auch Awerbach kommt in tiefes Grübeln. Seine nächtlichen Analysen an Tausenden von artverwandten Positionen kommen ihm allerdings zugute. Also wirft er ein Muster von Zügen, Manövern und Kombinationen auf dieses pfadlose Dunkel, bis sich eine glitzernde Idee in seinen Gedanken herauskristallisiert.

An Verwickeltheit ist die Stellung wohl nicht mehr zu überbieten. Aber auch hier fühlt sich Awerbach Zuhause. Mit sicherem Gespür verwirft er weniger chancenreiche Züge und favorisiert schließlich einen unbestechlichen Plan. Awerbach ist voll und ganz in seinem Element.

Die Abwicklung, die vor seinem Auge Gestalt annimmt, hat nur einen Makel, und dieser ist so simpel, was man glauben möchte, nur einem blutigen Laien könne sie widerfahren, nicht aber einem alten Haudegen wie Awerbach. Seine strategische Zugkombination geht von der Undurchführbarkeit der langen Rochade aus. Der gegnerische König scheint in der Mitte gefangen, sein Ende absehbar zu sein.

Wider Erwarten greift Purdy jedoch zur langen Rochade und bewegt seinen König aus dem gefährlichen Zangengriff der feindlichen Armee heraus. Awerbach stutzt für einen Augenblick, lächelt gönnerhaft und fragt dann mit dem tadelnden Ernst eines Lehrvaters: "Geht das denn überhaupt?"

Purdy blickt ihn entgeistert an, aber Awerbach fährt ungerührt fort: "Ihr Turm passiert doch dabei das Feld b8, das von meinem Läufer kontrolliert wird!"

Verwirrt greift sich Purdy an die Stirn. Erlaubt sich Awerbach etwa einen Scherz mit ihm? "Natürlich geht das", erwidert Purdy mit ungläubigem Gesicht, "solange es nicht der König selbst ist, der ein solches Feld überschreitet!"

Beide sehen sich mit der Miene völligen Erstaunens in die Augen. Allmählich dämmert Awerbach die Unsinnigkeit seiner Frage, und er senkt den Blick ein wenig verschämt auf das Brett herunter, um sich von neuem in die Stellung zu vertiefen, die er völlig falsch eingeschätzt hatte, weil er von anderen Voraussetzungen ausgegangen war.

Wie konnte es angehen, daß Awerbach, ein Meister seines Fachs, die elementare Rochaderegel falsch auslegte? Man stellte sich vor, der große Meister Awerbach stolpert über das Einmaleins einer Grundregel, als wäre er verhext worden. Wie läßt sich dieses Rätsel lösen, wo vor Verblüffung noch einer Sphinx graue Haare gewachsen wären? Welches Fallbeil hatte den Faden seiner Kenntnisse durchschnitten, oder litt er etwa an einem Fall vorübergehender Schachlegasthenie?

Auch der jüngste Schachnovize lernt, unter welchen Bedingungen die kurze bzw. lange Rochade möglich ist und wann nicht. Awerbach aber sah die Korrektheit der langen Rochade nicht, weil sie nicht in seinen Plan paßte.

Seine ganze Angriffslinie baute sich auf den Umstand auf, daß der schwarze König in der Mitte festsaß. Daß er mittels der Rochade aus der Gefahrenzone fliehen konnte, dagegen sträubte sich sein Verstand mit solcher Robustheit, daß er in Gedanken lieber die Regel außer Kraft setzte, als sich seinen fehlerhaften Plan einzugestehen.

Als Theoretiker folgte Awerbach stets seinen Prämissen. Hatte er eine Schwäche in der gegnerischen Stellung lokalisiert, so konzentrierte er sich mit all seiner Figurenmacht darauf. Und weil sich seine Angriffstaktik gegen Purdy gedanklich so wundervoll ausnahm, konnte sie nicht falsch sein, also durfte der König auf dem Brett keinen Rochadeschritt tun.

Simpel sind die Versuchungen, denen ein Geist zum Opfer fällt, wenn er stur an dem einmal gefaßten Plan festhält. Natürlich stürzte sich die Presse am anderen Tag auf die Awerbachsche Irritation: "Er schreibt zwar Bücher über Schach, aber die Spielregeln kennt er nicht!"


Erstveröffentlichung am 27. Juli 1996

05. April 2007