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ES GESCHAH.../018: Der Anekdotenkammer achtzehnte Tür (SB)


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Auf dem Schachbrett lassen sie Kombinationen wirbeln und Pointen mit der Kraft niedersausender Schwerthiebe kommen ihnen wie aus heiterem Himmel in den Sinn. Zauberkünstler sind sie, wenn es darum geht, das Brett in Flammen zu setzen durch funkenschlagende Züge.

Doch wie verträgt sich dieses Geniale mit dem Leben? Ist ihr seherischer Blick fürs Hintergründige, der im strategisch-taktischen Sezieren einer Stellung so verblüffende Resultate zeitigt, probat genug, um auch die Ecken und Kanten des gewöhnlichen Daseins zu meistern oder stöhnen sie unbeholfen auf, sobald die winzige Kleinigkeit eines Staubkorns ihren Weg vertritt?

Die Herren Professoren dienen dem Volksmund gerne zum Spott und Inbegriff für eine fahrige Zerstreutheit. Die auf die Stirn hochgeschobene Brille vergessen sie, suchen stundenlang nach ihr, aber in einem komplexen Formelwirrwarr mit vier Unbekannten und sieben mathematischen Schieflagen können sie im Nu den alles bewegenden Gedanken entdecken. Wenngleich der Schachmeister in seiner ureigenen Materie der sprichwörtlichen Verulkung seltener als Vorlage dient, so sammeln sich auch viele Anekdoten um seine Kopflosigkeit, was die Dinge des Alltags betrifft.

Daß Schachmeister die Welt und Wirklichkeit um sich herum vergessen, sobald sie den ersten Zug getan haben, ist so verwunderlich nicht, denn die abstrakten Widerspiegelungen der Schachzüge nehmen schließlich nur im Geiste Gestalt an. Eine solche Auflösung des Materiellen in die stofflose Welt der Gedanken führt beinah zwangsläufig dazu, daß sich der Sinn verschiebt.

Der Blick nach außen wird leer, nach innen aber lebendig, hin zu einer Ideenwelt, die im äußeren Bild keine Entsprechung, nicht einmal mehr einen Schattenwurf kennt. Nur die Figuren auf dem Schachbrett verbinden dann die Gedankenwelt des Schachmeisters über dünne Fäden mit der mehr und mehr verschwindenden Wirklichkeit.

Die alte Sprache der Märchen verwendend, beginnt unsere achtzehnte Anekdote mit drei legendären Worten. Also hören wir hin, was sich in einem Berliner Café im knospenden Maienmonat des Jahres 1893 an allzu Menschlichem zutrug.

Es waren einmal zwei Schachmeister, die trafen sich in einem bekannten Schachcafé stets im Wechsellauf zweier Tage, um in verläßlicher Gewohnheit mit je einer Zigarre im rauchenden Mundwinkel, zur Rechten eine Tasse Kaffee, sich und dem Königlichen Spiel die Ehre zu erweisen.

Es hatte sich bei ihnen eingebürgert, daß der eine von ihnen, beispielsweise am Dienstag, mit den weißen Figuren zog, wohingegen der Donnerstag das Anzugsrecht des anderen reservierte. Das hatte einen schlichten Grund.

Das Schachbrett lag nämlich stets so auf dem Tische, daß die weiße Spielhälfte gegenüber dem Fenster stand, durch das die Mittagssonne in grellem Lichtgefunkel fiel. Um den Vorteil als Anziehender kollegial auszugleichen, hatten beide die Regel eingeführt, daß der Führer der weißen Steine also stets mit sonnenbeschienenem Angesicht spielen müsse, während der Nachziehende dem schrillen Mittagslicht den Rücken zuwenden konnte. Darauf hatten sich beide einvernehmlich geeinigt, und so wechselten die beiden an einem jeden Spieltag die Plätze, ehe sich ihre Blicke in philosophischer Deduktionsfreude in die sich entwickelnde Stellung versenkten.

So ging es über Jahre und nie wurde es beiden leid, miteinander zu spielen. Gewiß kannte jeder über die Zeit die Routine des anderen, aber dennoch liebten sie nichts so sehr, als bei einer brennenden Zigarre nachzugrübeln und dann und wann ein Schlückchen warmen Kaffees zu sich zu nehmen.

Wortkarg wurden die Figuren auf dem Brett hin und her gezogen. Wozu auch Worte verlieren, wo man sich doch auf dem Schachbrette in herrlichster Konversation des langen und breiten unterhalten konnte?

Eines Tages jedoch wurde der schöne Frieden getrübt. Ja, fast trat unversöhnliche Zwietracht zwischen ihnen, und dies trug sich so zu. Der Herr mit dem zur Sonne gewandten Gesicht hatte sich gerade die Backen mit Rauch vollgesogen, genüßlich innegehalten, dann den blauen Dunst in einem beinah seufzervollen Atemzug hinausgepustet, schließlich noch den Gaumen mit einem Schluck köstlichen Kaffees ausgespült, als sein Blick verärgert auf die Turmlinie seines Königsflügels fiel.

Wo war sein Bauer geblieben? Fast wäre ihm die Zigarre aus dem Mund gefallen. Ja, ging es denn an, daß ihm sein langjähriger Schachfreund in einem Augenblick der Unachtsamkeit den Bauern vom Brett weggestohlen hatte?

Bösen Blickes musterte er sein Gegenüber, doch dieser zeigte nicht das geringste Rot der Reue auf den Wangen. Fleckenlos weiß blieb dessen Gesicht, so, als könne ihm kein Wässerchen trüben. Nun wurde es dem Führer der weißen Steine jedoch zu bunt. Soviel Unverschämtheit schrie nach Rache. Schlimm genug, daß ihn die Sonne ins Auge stach, mußte ihm da sein Freund auch noch die Lanze des Verrats ins Herz stoßen?

Geräuschvoll sich räuspernd, drohte also sein Blick Vergeltung an. Der andere schaute verwundert auf, lächelte gar, aber sein Freund konnte dies nur als den infamen Ausdruck von Spitzbübigkeit deuten.

"Ich vermisse einen Bauern", tastete er sich dennoch vorsichtig vor. Schließlich wollte er seinem Schachfreund nicht allzu sehr düpieren. Als er jedoch vorgetäuschte Verlegenheit auf dessen Gesicht zu sehen meinte, wurde er in seinem Vorwurf schärfer.

Sein Turmbauern, der nur zwei Felder vor der Umwandlung stand und wohl die Partie für ihn entschieden hätte, wäre ihm vom Brett weggeraubt worden, echauffierte er sich mit kaum verhohlener Wut.

Seine Anschuldigung traf den anderen wie ein Peitschenhieb. Bei seiner Ehre, begehrte dieser nun nicht weniger heftig auf, nie würde er einen Bauern, der ihm nicht gehöre, "frecherdings mopsen". Er wolle jedoch um des lieben Friedens willen klein beigeben und den vermißten Bauern durch einen anderen ersetzen.

Also setzte er einen Bauern auf das besagte Feld, die Wut in sich hineinfressend. Zur Beruhigung seiner Nerven widmete auch er sich dann seiner Zigarre.

Der Groll saß jedoch tiefer, als es die gelassenen Mienen vortäuschten. Jeder fühlte sich vom anderen hintergangen, in der Freundschaft gekränkt. Der lange Schachweg, den sie beide gemeinsam mit soviel echter Freude gegangen waren, würde unter diesem warmen Maihimmel wohl ein für alle Mal beendet werden.

Da der Herr, welcher den Bauerndiebstahl angezeigt hatte, mit seinem Zug an der Reihe war, beugte er sich halb über das Brett und vertiefte sich in das Dickicht der Möglichkeiten. Sein Freund wandte ihm das gekränkte Profil zu, griff zu seiner Tasche Kaffee, auf der die Sahne noch verführerisch schwamm, und nahm einen großen Schluck. Doch plötzlich, mit weit aufgerissenen Augen, aus denen nackter Schrecken sprach, setzte er die Tasse laut klirrend ab und würgte entsetzlich nach Atem.

Sein Freund sah ihn entgeistert an, sprang dann jedoch von seinem Stuhl auf und umrundete den Tisch mit großen Schritten. Auch andere Gäste eilten zur Hilfe und mit vereinten Kräften entriß man dem Schlund des Ärmsten endlich den langvermißten Bauern.

Der Vorfall, der beiden so viel Verdruß bereitet hatte, klärte sich nun rasch auf. In seiner Zerstreutheit hatte der irrtümlich des Diebstahls bezichtigte Herr statt des Würfelzuckers den gegnerischen Turmbauern ergriffen und in seine Tasse geworfen.

Versöhnt gaben sich beide die Hand, untröstlich der eine, heilfroh der andere. Und wenn sie nicht an einem verschluckten Bauern erstickt sind, so spielen sie wohl noch heute Schach in jenem Berliner Café.


Erstveröffentlichung am 29. November 1996

30. April 2007