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ES GESCHAH.../021: Der Anekdotenkammer einundzwanzigste Tür (SB)


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Es ist jetzt schon einige Jahrzehnte her, da reiste ein Schachmeister zum idyllischen ungarischen Städtchen Debrecen hin, um sich beim berühmten Heilbad von Grund auf die Schlacke anstrengender, entbehrungsreicher Monate von Leib und Seele fortzuwaschen. Die Reise hatte jedoch noch einen anderen Grund gehabt. In einer Woche sollte dort nämlich ein großes Turnier beginnen, an dem er teilzunehmen gedachte. Alles, was Rang und Namen besaß in der Welt der elitären Schachdenker, hatte sich zum Figurenwetzen angemeldet. Und auch wegen des üppigen Preisgeldes war er gekommen. Die Zeiten waren hart, und als Berufsschachspieler, der nur von seiner Kunst lebte, mußte er jeden Heller zweimal umdrehen. Arm wie Kirchenmäuse, ärmer noch fristeten wie er viele Schachmeister ihr Dasein.

In der Nähe der gotischen Basilika nahm er Quartier in einer Herberge, die wie ein verschrumpelter Pilz am Wegrand hockte, mit trüben Glotzaugen, schiefen Dachziegeln und abblätternder Fassade. 'Ein Platz, wie für mich gemacht', dachte er mißgelaunt, trat ein und bekam ein Zimmer zugewiesen, das billigste am hinteren Eck des mit knarrenden Holzbohlen ausgelegten Ganges, mit Blick auf einen verdorrten Obstgarten.

Spät war es, der große Zeiger der Turmuhr ging bereits auf elf zu, da legte er sich aufs Bett nieder, in Gedanken noch eingesponnen in allerlei Sorgen. So kam kein Schlaf in seine Augen, als er die müden Lider schloß. Eine Horde Kobolde polterte zankend in seinem Kopf herum. Also setzte er sich bei Kerzenlicht ans Fenster und spähte über die dürren Äste der Bäume hinweg auf die gegenüberliegende theologische Hochschule, die dem Städtchen als dem Sitz der reformierten Kirche auch den Namen 'calvinistisches Rom' verliehen hatte.

Während unser Schachfreund, den wir zur Anekdote der einundzwanzigsten Kammer der Einfachheit halber Meister Bernard nennen wollen, halbwach, halbdämmernd in die monddurchglänzte Dunkelheit hinausstarrte, klopfte es plötzlich an seine Zimmertür. Ein wenig irritiert über den späten Gast in seiner ersten Nacht in Debrecen rief er ungehalten: "Herein!"

Als die Tür sich knarrend einen Spalt weit öffnete und ein verhutzeltes Männchen mit einem dünnen Hals, auf dem kahlgeschoren ein melonengroßer Kopf wie im stürmischen Seegang hin und her schaukelte, einen Schritt hereintrat, schrak Bernard wundersam berührt auf.

Mausgraue Augen blickten ihn an und ein Flehen lag darin, dem sich Meister Bernard nicht widersetzen konnte. Also überwand er seinen ersten jähen Schreck und winkte den Gast zu sich, der über den Boden schleichend seine klapperdürren Beine zum schmalen Tisch hin trug, die rechte knöcherne Hand vorsichtig auf die roh gehobelte Tischplatte stützte und sich dann, kurz nickend, niedersetzte. Im flackernden Schein des Kerzenlichts zeigte sein Gesicht tiefe Schatten von Traurigkeit.

Schwarz war er gekleidet von der Sohle bis hinauf zum Hemdkragen. Nur seine Fingernägel glänzten in einem seltsamen milchigen Weiß auf, als hätte der Mond sie mit seinem Glanz aufgeweicht, daß sie nun, totengleich und blaß, einen verwirrenden Kontrast bildeten zu seiner düsteren Erscheinung.

Beide schwiegen lange Augenblicke. Meister Bernard war die ganze Situation jedoch nicht unangenehm, nur daß die bleierne Taubheit, die ihn vom Schlafen abgehalten hatte, immer noch wie ein fatalistischer Bann auf ihm lag. Wie glühende Kohlen brannten seine Augen und auch die Stirn schien sich unter einer festgespannten Haut zu krümmen. Jedes Nachdenken fiel ihm unendlich schwer.

Motten flogen um den brennenden Docht herum. Gedankenverloren scheuchte Meister Bernard sie fort. Der Fremde hatte es sich inzwischen auf dem Stuhl gemütlich gemacht und begaffte ihn nun unter seinen schmalen, verfilzten Augenbrauen mit verstohlener Erwartung.

Meister Bernard erwiderte den Blick mit einer stolzen Herausforderung, erntete jedoch denselben gleichmütigen, in Traurigkeit versunkenen Blick, der ihm bereits an der Tür um Eintritt angefleht hatte. Sich räuspernd, machte Meister Bernard eine Kopfbewegung zu seinem Gast hin, so, als wollte er ihn auffordern, sich vorzustellen oder wenigstens den Anlaß seines Kommens zu erklären.

Seltsam, daß Meister Bernard selbst nicht die geringste Lust verspürte, seinerseits das Schweigen durch ein klärendes Wort zu beenden. Vielmehr durchströmte ihn zunehmend und trotz der gespenstisch-schwebenden Ungeklärtheit ihres Beisammensitzen ein Wohlbehagen wie in der Gegenwart eines alten Freundes.

So ging Meister Bernard nur allzu bereitwillig auf das Spiel des Fremden ein und warf ihm ebenso scheue, fragende, um einen Zweck verlegener Blicke zu, bis allmählich unter der pergamentenen Gesichtshaut des anderen so etwas wie ein Lächeln erwachte. Unwillkürlich lächelte auch Meister Bernard und wollte schon ein Wort auf seine Lippen treten lassen, als ihm der warnende Schreck in den Augen des Alten zum Verschlucken der Worte zwang. Ja, jetzt legte dieser auch den Zeigerfinger quer über die Lippen und schüttelte den Kopf, um die Einhaltung des Schweigens zu betonen.

Meister Bernard verstand wohl, daß er nicht reden durfte, nicht jedoch die Ursache für den sonderbaren Wunsch des Fremden. Um die Stille nicht zur Strapaze auswachsen zu lassen, erhob sich Meister Bernard mit einem Aufstöhnen, ging zu seiner Reisetasche hinüber und holte ein Schachspiel heraus, das er auf seinen Reisen zu den verschiedenen Turnieren, die über ganz Europa verstreut lagen, stets mitführte.

Er hatte einen schlichten Grund dafür. Falls ihm nämlich in einem launischen Augenblick unverhofft ein neuer Zug in den Sinn kommen sollte, den er bisher noch nicht beachtet hatte, so konnte er rasch und ohne Umschweife zur Tasche greifen und den zugeworfenen Gedanken sogleich auf dem Brett einer niet- und nagelfesten Prüfung unterziehen.

Also kehrte er mit dem Brett zum Tisch zurück, ließ ein Lächeln über seine Lippen huschen, und als er sah, daß der Alte eilfertig begann, die schwarzen Figuren akkurat und korrekt auf die richtigen Felder zu stellen, keimte in Meister Bernard sonderbar dranghaft der Wunsch auf, eine bestimmte Stellung auf dem Brett auferstehen zu lassen.

Denn nicht unvorbereitet war Meister Bernard zum Turnier erschienen. Auch sein alter Rivale Xavier würde dort zugegen sein, und dieser hatte ihm, ein Jahr war's her, die Bitternis einer fürchterlichen Niederlage schmecken lassen, in einer Spielweise zudem, die Meister Bernard mit vollem Recht als sein Geistes Kind deklarierte. So hatte er sich in den zurückliegenden Monaten wie ein Einsiedler von der Welt zurückgezogen, hatte nächtelang in kalter, einsamer Verzweiflung über einen Rettungsweg für seine Variante nachgegrübelt, sein Innerstes nach außen gekehrt, mit allen Teufeln der Verbitterung und des Betrugs die Klingen gekreuzt und nach einer schwertgleichen Erwiderung gesucht, um Hohn und Häme seiner Spötter zu rächen. "Bin ich denn ein Onan ohne Zeugungskraft!" An dieses Wort hatte er seinen Willen festgepflockt.

In den Gazetten der Schachkunst war Xaviers Sieg in hymnenhaften Phrasen besungen worden als der Triumph gediegener Pragmatik über die Künsteleien eines kauzigen Weltverächters. "Das Ende einer Variante!" stand in einem Wiener Blatt seinerzeit geschrieben. Und weiter hieß es: "Hier stürzte von neuem der alte Cäsarenwahn. Doch der Dolch des Brutus stach diesmal nicht heimtückisch zu. Von Angesicht zu Angesicht verlor das Alte seine Maske. Auf der einen Seite der alternde Meister, barocker Abglanz von Ruinen, ihm gegenüber: ein aufstrebender Stern, strahlendes Sinnbild einer Zeit, die sich von keiner Verknöcherung mehr aufhalten läßt."

Giftige Galle stieg in Meister Bernard auf, kaum daß die Erinnerung wie ein böser Schatten auf ihn fiel. Er konnte mit Gewißheit davon ausgehen, daß Xavier einem erneutem Waffengang nicht aus dem Weg gehen würde. Wehe, wenn er ein zweites Mal über seine Variante siegen sollte.

Meister Bernard brach den trüben Gedankengang ab. Schmerzvoll blutete noch die Kränkung an seinem Herzen, als er sich an den überheblichen Blick zurückerinnerte, den ihn Xaxier aus der Höhe seines Sieges zugeworfen hatte, nachdem er ihn mit einem angekündigten Matt in sechs Zügen niedergedolcht hatte.

Seitdem hatte Meister Bernard seine Variante auf keinem Turnier mehr zu spielen gewagt. Erst hier in Dubrecen, am Jahrestag seiner Niederlage, sollte sie wie Phönix aus der Asche zu neuem Ruhm auferstehen. Seinen neuen Zug, zu einem gewissenhaften Uhrwerk ausgebaut, hatte er mit tödlicher Genauigkeit bis in die letzte Abzweigung ausanalysiert und Hunderte von Fangeisen für Xaviers diebische Freude ausgelegt, versteckt im ausgeklügelten Gewirr taktischer Finessen. Welche Genugtuung lag doch in der Rache eines "alternden Meisters"!

Also begann Meister Bernard gegen den kahlköpfigen Alten zu spielen. Wie mechanisch griffen seine Finger aus. Zug um Zug rückten die Figuren vor, zu einem rachegeschwängerten Muster sich formend. Es war, als ob sich die Partie an seinem Blute volltrank, so schwindlig machte ihn die maskenbildnerische Kraft, die zwingend jene Stellung auf dem Brett entstehen ließ, mit der Meister Bernard vor einem Jahr den Schiffbruch seiner Variante erlitten hatte.

Ihm kam gar nicht in den Sinn, sich im geringsten darüber zu wundern, daß der unbekannte Alte alle Züge aus jener Partie buchstabengetreu nachahmte. Vielleicht war hier die Spitzbubenlaune eines Schicksals am Werke, vielleicht übte Meister Bernard aber auch einen zwingenden Einfluß auf seinen seltsamen Gast aus, daß dieser - unerklärlich genug - nicht anders konnte, als so zu spielen, wie es Bernard im Sinn hatte. Waren nicht alle Mysterien verschlungen?

Von innen heraus glühte ein siegesfrohes Lächeln auf seine Wangen, als Meister Bernard nun den eigens zur Vergeltung an Xavier vergifteten Zug langsam und mit unendlichem Wonnegefühl ausführte. Dann verharrte er im Banne seines Stolzes, wartete mit gespannten Nerven, jedes Geräusch der Nacht wie einen Peitschenhieb gegen seine Seele leidend.

Nach einer Weile wiegte der Alte den Kopf plötzlich in schwindelnder Hast nach vorne. Halb über dem Brett gebeugt wie ein leichenschändernder Geier sah er auf die Stellung herab, und ein boshaftes Grinsen verzog seine häßlich dünnen Lippen zum Grimassenschreck. Meister Bernard durchbebte es kalt. Vom Schreck übermannt sah er, wie der Alte seine knöcherne Hand ausstreckte und, den Turm umklammernd, in schmatzender Vorfreude einen sonderbaren Veitstanz mit dieser Figur auf dem Brett vollführte.

Nie hatte Meister Bernard an diese Entgegnung gedacht. Zu abwegig schien ihm das ganze Manöver, doch nun, unter der durchtriebenen Regie des Unbekannten, bekam es einen ganz anderen, teuflisch angehauchten Hintersinn. Und aus den verengten Mausaugen des Alten glomm kaltes Feuer.

Meister Bernards Zug, der seine Variante von Grund auf rehabilitieren sollte, mit einemmal nur noch verschlissene Pracht, niedergerungen von der Namenlosigkeit eines knorrigen Alten. Nach nur sieben weiteren Zügen fiel sein König. Tiefste Depression, und wieder klang in seinen Ohren endzeitlicher Hohngesang nach.

Meister Bernards Händen entfiel das stumpfe Schwert seiner Rache. Er hörte das Klirren nicht, spürte auch das leise Nachbeben seines Leibes nicht mehr. Dem Alten in die unergründlichen Augen zu schauen, wagte er nicht. Zu groß war der Schmerz der Enttäuschung. Mit hängenden Schultern starrte er wie betäubt auf die besiegte Stellung.

Plötzlich durchzuckte eine nervöse Hast den Alten, und geschwind stellte er die Figuren bis zu jener Stellung zurück, von der aus Meister Bernards neuer Zug die bezwungene Variante zu einem funkelnden Leben zurückführen sollte. Das Greisengesicht blinzelte. Meister Bernard merkte verwundert auf. Was ging hier vor? dachte er noch, als der Alte seine Hand zu den weißen Figuren ausstreckte. Ein Windhauch blies die Kerze plötzlich aus, und Dunkelheit floß in das Zimmer.

Mit einem gräßlichen Kopfschmerz erwachte Meister Bernard. Goldener Sonnenschein flutete bereits durch die weißen Gardinen in sein Gemach. Was für ein grauenhafter Traum, ging es ihm durch den Kopf, als er vor dem Schachbrett stand und erstarrte.

Vor seinen in Erstaunen geweiteten Augen, auf dem unschuldigen Brett und eingemeißelt in einen schwarzweißen Marmor, stand seine Variante, doch von der Hand jenes nächtlichen Besuchers vollendet!

Tränen der Freude netzten seinen Hemdkragen. Zum Turnier erschien Meister Bernard nur in der ersten Runde, wo er auf Xavier traf und diesen in einer denkwürdigen Partie mit ebenjenem Zug besiegte, den ihn sein seltsamer Gast in der dunkeldurchträumten Nacht offenbart hatte.

Danach verschwand Meister Bernard für immer von der Bühne des Zweikampfs. Jahre später traf ihn ein alter Schachfreund zufällig auf dem Basar von Basra, heruntergekommen wie ein Derwisch, mit irrglänzenden Augen, ein lebend-begrabener Alptraum, der nicht erwachen konnte. Meister Bernard erkannte seinen Freund aus alten Tagen nicht, murmelte aber unentwegt etwas von einem "Doppelwesen", einem kahlköpfigen Geisterführer durch die Wirrsale des Lebens und dergleichen unverständlichen Zeugs mehr, ehe er im Gewühl der Menschenmenge verschwand. Nie wieder hörte man etwas von ihm.


Erstveröffentlichung am 04. Juli 1997

07. Mai 2007