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ES GESCHAH.../022: Der Anekdotenkammer zweiundzwanzigste Tür (SB)


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Jedes Volk hat seine eigenen Schauergeschichten. Manche fallen recht kabbalistisch aus mit Dämonen, die unter den Menschen wüten mit nie erschöpfender Lust zu penibler Grausamkeit. Andere hingegen bevorzugen die leichenfledderische Abart; das Totenreich wird darin beschworen, düsterer als es sich ein Dr. Frankenstein hätte ausmalen können.

Nun sind nicht alle so phantasielos, daß nur der blutgefrierende Kitzel szenenreich zu Wort kommt. Viele sind ausgeschmückt mit zauberischem Schnörkelwerk, um die Alltagssinne zu täuschen. Hier wird die romantische Ader angesprochen und mit großem Einfallsreichtum gepflegt. So hat jedes Land seine eigene Art, das Geheimnis hinter Schaurig-Schönem zu verbergen.

In Irland, dem mystisch angehauchten Land rustikaler Schlösser und animalisch wilder Heldengeschichten, durchzieht den Legendenschatz ein teils mit dem Schwert blutig erstrittenes, teils mit List und Tücke verwegen an sich gerissenes Erbe. Daneben tauchen, zumal in der mittelalterlichen Sternstunde, auch legendenumschlungene Erinnerungen auf, die das Schachspiel zum Thema haben, wenngleich auch hier - fast schon typisch für irische Gemüter - der Sinn fürs Absurd-Phantastische die Oberhand behält.

Die Geschichte treibt oft Verwirrspiele mit einem Volk. Die Stimme der Herkunft bleibt hinter Schleiern getrübt. Wo der irische Mensch herstammt, wo seine Wurzeln liegen, nun, die Nebel der Vergangenheit verzerren eine klare Antwort. Die Nähe zum englischen Königshaus hatte Irland jedenfalls widerspenstig werden lassen. Aus gutem Grund, wenn man die Annalen überfliegt. Noch heute ist das Land zerrissen zwischen erzkatholischer Borniertheit und stolzem protestantischen Widerstand. Ein dumpfes Gefühl für einen längst schon entblätterten Stammbaum macht die Sache da nicht einfacher. Der irische Mensch versteht sich daher vor allem als Clanmitglied gegen andere Clanmitglieder.

Irland, das ist ein verwittertes Gesicht über grüne Auen. Kein Augenblick, wo die Eintönigkeit keifernder Winde vergessen gemacht werden könnte. Nur im Süden Irlands trotzen warme Landstriche den kalten Breitengraden.

Wie die Erde gewachsen ist, so auch die Menschen dort, fest an ihren Traditionen hängend und ebenso hart im Gemüt wie die alten, von der Zeit ringsum heruntergerungenen Zwerggebirge. Dichter Graswuchs bevölkert die ausgedehnten, flachwelligen Landstriche, die von unzähligen Seen, Mooren und Heiden durchpflügt sind.

Mit Klugheit mußte sich dies Volk erschwindeln, was ihnen ein undankbarer Gott und karge Böden verwehrten. Das Herz Irlands schlägt am ungebärdigsten noch in seinen Geschichten. Prosadichtungen über das Schach sind hier kaum anzutreffen, wo doch, sind sie vom Lokalkolorit stark überzeichnet.

Von einem Wald ist in der zweiundzwanzigsten Anekdotenkammer die Rede, der im Grunde herrenlos blieb, weil keines der beiden, sich darum zankenden vornehmen Häuser, und das ist die schillernd in den Büchern niedergeschriebene Mär, eine einst anberaumte Partie Schach für sich entscheiden konnte.

Man munkelte, daß diese uralte Besitzfehde, die beide Häuser in Schutt und Asche und Tod hinabzuziehen drohte, nur dadurch befriedigt werden konnte, daß alle Beteiligten bei Blut und Ehre schwören mußten, das Recht des Siegers anzuerkennen. Wer als Sieger hervorgegangen wäre, dem hätte beider Land innerhalb der Frist eines Jahres samt allem, was darauf stand und bis zum letzten Grashalm wuchs, angehört.

Ursprünglich hieß es in der Schrift, daß diese "Schicksalspartie" von einem hohen Richter ersonnen wurde, um die Waffen für immer schweigen zu lassen. Landstreitigkeiten forderten in früherer Zeit nämlich viel Menschenblut.

Der Richter, ein in seinen ergrauten Jahren weise gewordener Mann, bestellte die Wortführer zu sich und hörte sich die Beschwerde an. So beschuldigte einer den anderen. Jeder Baum im Wäldchen gehöre ihm, so die allgemeine halsstarrige Meinung. "Von diesem da steht bereits im Alten Testament geschrieben, er sei ein Jakob, ein Fersenhalter und Betrüger, der schon im Mutterleib seinen Bruder Esau an den Fersen fortziehen wollte, um sich das Erstgeborenenrecht zu erschleichen. Seht, wie er an der Hüfte hinkt!"

"Lüge!" rief der andere darauf. "Vielmehr ist es seine rabenschwarze Seele, die die Worte der Bibel falsch auslegt zum eigenen Vorteil. Hätte er sonst seine Tochter einem Schauspieler ins Bett gelegt!"

Schon kochte das Blut, schon zuckte die Hand zum Schwert. Doch da erhob sich der Richter in seiner stattlichen Gestalt und ließ sich die Dokumente und Urkunden vorlegen. Nach einer gründlichen Begutachtung der Schriften erklärte er, daß der Wald beiden Familien zur Hälfte als Besitz vererbt worden sei. Davon wollten die beiden Streithähne jedoch nichts wissen und pochten auf ihr alleiniges Recht.

Schließlich rückte der Richter seine Perücke zurecht und begann mit seiner salomonischen Rede: "Ich dulde kein Blutvergießen in meinem Bezirk noch eine Krümmung der Gesetze. Doch da Recht gesprochen werden muß, soll Gottes Wille durch eine Schachpartie geschehen. Dem Sieger fällt alles Land für ein Jahr zu. Wappnet euch des Zukünftigen. In vierzehn Tagen, bei Sonnenaufgang, auf dem Hügel nahe am Sumpf der Zauberfeen tretet mir mit euren Kämpen entgegen. Nicht Zorn noch die Hand des Schwertes sollen entscheiden, sondern die Weisheit des edleren Schachspielers. Keine Silbe soll von diesem Richterspruch weggenommen noch etwas anderes hinzugedichtet werden."

Da sich keine der beiden Parteien gegen den Ratschluß auflehnen wollte, die Machtverhältnisse waren unzweideutig, beugte man sich dem richterlichen Beschluß. Aber nur mit halbem Ohr und halbem Herzen, wie sich noch zeigen sollte. In beiden Häusern war das Schachspiel zwar einigermaßen beliebt zur Kurzweil in trauten Abendstunden, ausgesprochene Könner der Kunst brachten sie unterdessen nicht hervor, und so war die Furcht bei den Familienhäuptern groß, durch eine verpatzte Partie alles Hab und Gut zu verlieren.

Zwar war die Dauer der Enteignung auf ein Jahr befristet worden und schon im nächsten hätte das Spielglück umschlagen können, doch was in einem Jahr alles geschehen konnte, nun, der Richter mochte sterben, die Regelung außer Kraft gesetzt werden.

Niemand traute dem anderen also über den Weg. Was tun? Der Richter drängte auf eine Entscheidung. Wie gesagt, im Ausklügeln von Auswegen hatte sich dies Volk zur wahren Meisterschaft aufgeschwungen. Die Wahrheit war, daß weder die eine noch die andere Familie ihr Gedeih und Verderb dem Ausgang einer Partie anvertrauen mochte. An der Partie führte jedoch kein Schleichpfad vorbei. Das Schwert des Richter hing über beiden Häusern.

So kam es, daß man sich nach Ende der Frist beim aufdämmernden Morgen mit argwöhnisch verschlossenen Gesichtern zur Partie einfand am anbefohlenen Ort, von wo aus mit bloßem Auge der Wettgewinn, der aus den Nebeln sanft durchschimmernde Wald, zu sehen war, nahe am Sumpf der Zauberfeen, zur Linken des gegabelten Flusses.

Beide Familien hatten ihren würdigsten Spieler mitgebracht. Der eine mit fliehender Stirn, schlacksigen Schulter, hager und sommersprossig über das ganze Gesicht, ein Fant auf den ersten Blick; der andere mit faßrundem Bauch und dümmlich in die Welt schauenden Augen, mehr Freund der Zechstuben als der geistvollen Betrachtung. Man bedenke außerdem, zu jenen Tagen war das Schachspiel nicht mehr als ein billiger Zeitvertreib, ein Ding der Muße allenfalls, nicht der zermürbenden Kopfarbeit, und so fuhr den beiden Streitern des künftigen Familienglücks ein siedendes Unbehagen durch die Glieder. Wie Aale wanden sie sich in ihrer auferlegten Pflicht.

Alles schwieg, als der Richter das Schachbrett aufstellen ließ. Um ihn herum eine Schar grimmiger Kriegsleute mit scharfen Hellebarden für den Fall, daß die Rivalität erneut ausbrechen sollte, und um das Recht nötigenfalls auch mit Waffengewalt durchzusetzen.

Der Dickliche trat vor, denn er hatte das Los der weißen Steine gezogen. Seine Zunge zuckte nervös zwischen den Lippen hervor. Hundserbärmlich wurde ihm zumute, und seine bierfreudige Laune verging ihm ganz und gar. Ihm war anzusehen, daß er sich zu seinen Zechbrüdern in die warme Schenke zurückwünschte.

So stand er bange Minuten vor dem Brett und grübelte stumpf vor sich hin. Wenn er verlor, zahlte er es mit seiner Ehre, das wußte er, und darum zitterte seine Hand schrecklich, als er seinen Zug tat. Gleich darauf trat er in den Kreis seiner Clanangehörigen zurück.

Das Brett blieb verwaist zurück. Da wies der Richter ungeduldig mit der ausgestreckten Hand auf den Sommersprossigen, doch schon im nächsten Augenblick trat der Familienführer hervor, verbeugte sich vor dem Richter, der zu Rosse saß mit säuerlich dreinblickender Miene, denn ihm froren die Knochen in der kalten Morgenluft, und sprach in artiger Rede: "Hoher Richter, in Anbetracht dessen, was auf dem Spiel steht, scheint es ratsam zu sein, mit viel Sorgfalt den nächsten Zug zu überdenken. Wir wollen daher im nächsten Jahr wiederkommen, zur selben Stunde, am selben Ort, dann erst wollen wir unseren Zug tun. Bis dahin soll der Wald allen gehören, niemandes Besitz sein."

Gleich darauf eilte das Haupt der anderen Familie herbei, nicht minder tief sich verbeugend, und sprach: "So wollen auch wir es künftig halten, jährlich einen Zug tun, was nur recht und billig ist. Solange soll der Wald von unseren Familien unangetastet bleiben."

Der Richter, der den Ausgang vorweggeahnt hatte, setzte ein strenges Gesicht auf und verfügte: "Herrenlos bleibe der Wald, bis die Partie zu Ende gespielt wurde. Bis dahin soll kein Gezänk meine Ohren mehr beleidigen."

Auf seinem Roß davontrabend und seine Schar mit sich ziehend, verließ der Richter den Hügel. Zwei Züge wurden in der besagten Schicksalspartie noch gespielt. Dann kehrte der Frieden des Vergessens in das Wäldchen ein, und noch heute ist es herrenlos, niemandes Besitz.


Erstveröffentlichung am 16. Juli 1997

08. Mai 2007