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ES GESCHAH.../024: Der Anekdotenkammer vierundzwanzigste Tür (SB)


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Die folgende Episode aus dem Leben eines Laienschachspielers wird inkognito erzählt. So wird gemäß dem Satze, daß niemand über einen Dritten lache, der Betreffende vor bösem Scherz und arger Lust bewahrt, denn allzu leicht vergißt man doch, die Moral trägt den Kopf der Opportunität immer noch.

Nun ist es in unserer aufgeklärten Zeit so, daß selbst ein Kind die Regeln der edlen Schachkunst kennt, wo nicht, lernt sie der Jüngling schnell, so daß im Alter man von sich behaupten kann, Schachspielen, ja, das tat ich mein Leben lang. Man fürchte bloß den Augenblick, wo die Patina der Wahrheit sich als Schleier einer gefälligen Lüge erweist. Aber hören wir doch in unsere heutige kleine Anekdote aus der 24. Kammer hinein:

Es ist auf vielen Turnieren zum guten Brauch geworden, von einer hochgestellten Persönlichkeit aus Wirtschaft, Kultur oder Politik, je nachdem, welche Räson den größten Nutzen bringt, den ersten Zug gewissenhaft und treu ausführen zu lassen. In aller Regel wird der Beglückte vorgewarnt. Auch setzt er sich in Kenntnis darüber, welchen Zug dieser oder jener Meister niemals wählt, welchen er hochschätzt und gerne spielt.

Nun geschah es aber, daß der Bürgermeister jener traditionsreichen Stadt, wo unser Turnier stattfand, erst vor Ort von seiner Begünstigung erfuhr. Daß ihm als Stadtoberhaupt die Ehre zuteil wurde, freute ihn sehr. Stolzen Hauptes trat er an das Brett, warf seinen Schatten über König und Königin, doch während sich alle Augen gespannt auf seine zögernde Hand hefteten, schoß ihm der Gedanke wild durch den Kopf: Was tun? Er hätte sich wohl bis auf die Knochen blamiert, wenn ausgerechnet er, der eine Stadt regiert, zugeben müßte, vom Schachspiel keine Ahnung zu haben.

Daher wehrte er auch alle Versuche seiner Getreuen ab, ihm einen Zug ins Ohr zu flüstern. Nein, nein, so sprach er insgeheim, ich werd' doch vor den Honoratioren meine Unwissenheit nicht bekennen. Selbst ein Tropf kann heutzutage Schach spielen; was ist so schwer daran, eine Figur von einem Feld aufs andere zu setzen?

Den unbefangenen Blick aufs Brett gesenkt stand er da, verlieh dem Augenblick heroischen Glanz. Er war sich seiner Rolle wohl bewußt. Das Rampenlicht macht selbst aus kleinen Gesten große Generäle.

Nachdem unser Bürgermeister also seine Stirn in eine scharf nachdenkliche Falte geworfen hatte, griff er ungeniert mit der Hand nach einem Bauern, während ein fein eingeübtes Lächeln, das er in die Photoapparate hineinschickte, seine Lippen umspielte. Der Augenblick verlangt nach Worten, so ist es Sitte, und so konnte er sich nicht verkneifen, eine Sentenz zum besten zu geben: "Ich habe zwar seit meiner Kriegsgefangenschaft nicht mehr gespielt, aber den ersten Zug werde ich wohl noch hinkriegen."

Der umstehende Haufen schüttelte sich vor Lachen. Sein Witz kam an, so glaubte er und irrte sehr. Denn nicht über seine scherzhafte Bemerkung amüsierte sich die Runde, sondern über seinen Zug, denn der Herr Bürgermeister hatte 1...c7-c6 gezogen.

Der Turnierleiter begab sich stehenden Fußes an seine Seite und raunte ihm ins Ohr, daß Weiß hergebrachtermaßen eine Partie zu eröffnen pflege, und trat dann zurück.

Eine leichte Röte überzog des Bürgermeisters Gesicht. Doch ein Mann, den solch ein Amt kleidet, läßt sich von unerwarteten Stolpersteinen, gleich welcher Art, nicht so leicht ins Bockshorn jagen, und so sprach er belustigt: "So, so, wie sich die Zeiten ändern!"

Hochaufgerichtet wendete er sich also erneut dem Problem zu, und wie die Not Menschen zuweilen erfinderisch macht, besann er sich, es mit einem anderen Bauern, diesmal einem weißen, zu versuchen. Ein zweites Mal, so sprach er zu sich selbst, gebe ich der Peinlichkeit nicht mein Konterfei, und zog den Bauern von e2 nach d3.

Der Ärmste war nun ganz am Ende seines Lateins, als sich hinter seinem Rücken verstohlenes Gelächter regte. "Nun denn", rief er, mit ausgebreiteten Armen sich zum Publikum wendend, "es ist halt ein neuer Zug, nicht wahr?"

Und die Moral von der Geschicht': Verzeihe Bürgermeistersleuten ihr Mißgeschick. Ein Amtsmann gehört in die Kanzlei, der Schachmeister spiele selbst, er sei so frei.


Erstveröffentlichung am 04. Februar 1998

16. Mai 2007