Schattenblick →INFOPOOL →SOZIALWISSENSCHAFTEN → PSYCHOLOGIE

JUGEND/089: Überförderte Kinder (welt der frau)


welt der frau 10/2011 - Die österreichische Frauenzeitschrift

Erziehung
Überförderte Kinder

Von Julia Kospach


Normal ist nicht mehr genug. Heute sollten Kinder schon kleine Einsteins sein und Förderung vor der Geburt wird zum neuen Geschäftszweig. Viele Eltern lassen sich vom Wahnsinn anstecken und die Rechnung begleichen die Kinder: Wer nicht spurt, gilt als auffällig. Ein zu pessimistischer Blick? Wenn da nicht die Realität wäre. Einblicke in die neue Erziehungswelt.


Als Johannes etwas mehr als zwei Jahre alt war, ließ eine Verwandte seine Eltern mit sorgenvoller Miene wissen, sie glaube, er leide unter einer Sprachentwicklungsverzögerung. Tatsächlich zeichnete sich Johannes durch Einsilbigkeit aus. Bis auf ein gelegentliches "dada" sagte er kein einziges Wort. Stattdessen wuselte er den ganzen Tag in bester Laune herum und erprobte seine Kräfte beim Laufen, Springen und Klettern. "Lasst das unbedingt anschauen!", riet die Verwandte. Johannes' Eltern reagierten gelassen. Sie ließen ihm - und sich - Zeit. Heute, knapp ein Jahr später, plappert Johannes wie ein Wasserfall.

Den vielen Eltern, die auf solche Bemerkungen aus ihrer Umgebung mit deutlich weniger Ruhe reagieren, begegnet der Kinderneurologe Rainer Seidl von der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde häufig. "Mehrmals pro Woche kommen sehr beunruhigte Eltern mit ihren ganz normalen Kindern zu mir, die irgendjemand als auffällig empfunden hat, weil sie angeblich so komisch laufen, so komisch robben oder sonst irgendwelche komischen Sachen machen", erzählt Seidl.


Optimaler Nachwuchs

Nicht anders als in den Büros der Eltern herrscht auch in den Kinderzimmern, Kindergärten und Schulen ein enormer Leistungsdruck. Jede Auffälligkeit wird sofort genau unter die Lupe genommen, jede kleine Schwäche umgehend therapiert. Der Nachwuchs soll sich optimal entwickeln. Das Kinder-Kriegen und Kinder-Haben ist mit viel Brimborium verbunden, mit der Hoffnung auf Lebensglück, persönliche Bereicherung und sprirituelle Erweiterung. Das Kind ist - wie es die deutsche Journalistin Felicitas Römer in ihrem Buch "Arme Superkinder" formuliert - von einer Selbstverständlichkeit "zum Heilsbringer geworden". Gleich von Anfang an "muss alles perfekt sein, darf nichts schiefgehen", glaubt Kinderneurologe Seidl, "wenn da ein Kind ein bisschen lebhafter ist, nicht so leicht zu handhaben ist wie andere, ein bisschen stört und sich nicht in einer Schiene bewegt, wird es schnell als nicht normal empfunden." Wo wenig Spielraum ist, bleibt für die natürlichen Schwankungen in der individuellen kindlichen Entwicklung wenig Raum.


Spielen ADE?

Finanzkrise, Sparprogramme, unsichere Arbeitsmarktlage, schwierige Arbeitsbedingungen für Mütter und Väter, steigende Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit und Mobilität: Die herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen machen den sorgsamen Umgang mit Kindern nicht einfacher. Kindheit - Spielzeit? Fehlanzeige. Lernen als Selbstzweck und Bildung als Weg zur freien Entfaltung der individuellen Persönlichkeit? Immer öfter nicht. "Während Bildungsentwürfe der Vergangenheit immer auch von einer humanistischen Idee der Verbesserung menschlicher Lebensbedingungen durch Bildung ausgingen, ist heute von solchen individuell bedeutsamen Zielen schon nicht einmal mehr die Rede", sagt die Lehr- und Lernforscherin Ilse Schrittesser von der Universität Innsbruck, "vielmehr wird für selbstverständlich genommen, dass Nutzen für die Gesellschaft und Nutzen für den Einzelnen ein und dasselbe sind." Anpassungsfähig und flexibel, bereit, stets das Beste zu geben und lebenslang zu lernen. So wollen Gesellschaft und Wirtschaft ihre zukünftigen ArbeitnehmerInnen. "Dass damit der Druck auf die Heranwachsenden - noch dazu bei knapp werdenden Ressourcen - wächst, liegt auf der Hand", sagt Schrittesser.


Mehr PsychologInnen im Einsatz

Das zeigen etwa auch die Zahlen des Stadtschulrats Wien. Allein in Wien gab es im Schuljahr 2010/2011 an die 31.000 schulpsychologische Beratungskontakte. "Das ist schon ein sehr hohes Niveau, und es wäre noch höher, wenn wir mehr Personal hätten", sagt Mathilde Zemann, Leiterin der Abteilung Schulpsychologie. Die Ursachen für Stress, Schulangst und Überforderung haben sich im Vergleich zu früher verschoben, erklärt sie: "Vor 10, 15 Jahren war es vor allem der überfordernde Ehrgeiz der Eltern. Dieses 'Ich will nur das Beste für mein Kind' ist etwas in den Hintergrund getreten. Jetzt ist es mehr, dass Eltern sich ausgehend von der prekären Arbeitsmarktsituation ganz prinzipiell den höchsten Schulabschluss und die bestmögliche Qualifikation für ihre Kinder wünschen." Die großen existenziellen Ängste der Eltern übertragen sich auf die Kinder - und zwar sehr häufig ohne Rücksicht auf deren natürliche Neigungen und Fähigkeiten. Da muss dann ein Kind mehrere Fremdsprachen lernen, obwohl es sich damit quält; und ein anderes soll im Hinblick auf größere Zukunftsträchtigkeit eine technische Richtung einschlagen, obwohl es das Musische mehr interessieren würde.


Hochbegabt um jeden Preis

Dazu passt auch, dass PsychologInnen es immer häufiger mit Eltern zu tun haben, die ihre Kinder für hochbegabt halten. Schon vor zwei Jahren schrieb das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" unter dem Titel "Kleine Einsteins" vom Ausbruch einer "Hochbegabten-Hysterie". Das Skurrile daran: Nicht selten wird dabei selbst schlechtes Benehmen in überdurchschnittliche Intelligenz umgedeutet, weil sich - so ein Forscher im "Spiegel" - hartnäckig das "absurde Gerücht" halte, dass gerade besondere Intelligenz fast immer mit schlechten Noten und Verhaltensauffälligkeiten einhergehe. Auch die Wiener Kinderpsychologin Sabine Kainz kennt das Phänomen: "Meist ist es eine Fehlinterpretation. Eltern sagen zum Beispiel: 'Mein Kind hat sich selbst die Windel abgewöhnt', und deuten das als Zeichen für Hochbegabung." Kein Wunder, dass sich die Eltern bezüglich ihres Nachwuchses häufig irren. Denn laut Forschung liegt der Anteil an Hochbegabten mit einem IQ über 130 stabil bei zwei Prozent. Eher ist es so, dass Hochbegabung als Thema derzeit in Mode ist. Allerdings durchaus nicht zum Vorteil der Kinder: "Es kommt zu Überforderung, wenn ein Potenzial gefördert werden soll, das nicht da ist", sagt Kainz. Allerdings, fügt Kainz einschränkend hinzu, sehe sie genauso die andere Seite der Medaille, nämlich dass viele Förderungsmöglichkeiten, die einem Kind sehr guttäten, ausgelassen werden.


Zu viele Theorien

Die Arbeit in ihrer Wiener Praxis, die sie gemeinsam mit einer zweiten Kinderpsychologin führt, bestehe zu einem Gutteil aus Aufklärungsarbeit und Erziehungsberatung, erzählt Kainz. "Es gibt sehr viele verunsicherte Eltern und andere Bezugspersonen von Kindern." Das liege, glaubt sie, zum einen daran, dass es so viele verschiedene, einander zum Teil sogar widersprechende Förderangebote gebe. Zum anderen würden Eltern im Lauf der Entwicklung ihrer Kinder ständig mit wechselnden Meinungen, Haltungen und Alltagstheorien konfrontiert: Das reicht von "Ein Kind, das nicht krabbelt, ist legasthenisch" bis zu "Buben sprechen später". Zwischen solchen laienhaften Faustregeln, die irgendwo im Bereich zwischen halbwahr und ganz daneben angesiedelt sind, kann man sich nur zu leicht verheddern. "Da müssen wir sachlich fundierte Auskunft geben", so Kainz.


Förderung schon von Geburt an!

Unsichere Eltern greifen zu überspannten Methoden. Wo in der Einkindfamilie, die als Modell immer mehr vorherrscht, alle elterlichen Erwartungen und Ängste auf den schmalen Schultern eines einzigen Babys lasten, kann ein Fördermarkt einhaken, der mitunter sogar verspricht, schon vor der Geburt für Vorsprung gegenüber AltersgenossInnen zu sorgen. In seinem Buch "Die merkwürdigen aber wahren Abenteuer des Sam Apple nach der Paarung" beschreibt der junge New Yorker Autor Sam Apple die wilden Blüten, die die Pränatal-, Geburts- und Babyindustrie so treibt, und versucht darüber eine Bestimmung der eigenen Jungvaterrolle. Hin- und hergerissen zwischen Neugier, einem sicheren Blick fürs Skurrile und eigener Verunsicherung interviewte Apple unter anderem einen Pränatalpädagogen, der ihm ernsthaft mitteilte, dass "jedes Kind, das nicht pränatal stimuliert wird, eine weitere vergebene Möglichkeit darstellt". Die US-Marke "BabyPlus" schlägt genau in diese Kerbe: Bei ihren Programmen werden Babys im Mutterleib mit bestimmten Rhythmen beschallt, wodurch - so stellt der Hersteller in Aussicht - sie später Entwicklungsschritte schneller vollziehen, größere Kreativität und intellektuelle Fähigkeiten entwickeln und eine verbesserte Schuleignung vorweisen sollen. Auch bei uns existiert längst ein privater Bildungsmarkt, wo Eltern - vornehmlich aus der Mittelschicht - schon frühzeitig die Weichen fürs Baby-Turboboosting stellen können. Da gibt es Schachkurse für Vierjährige, Helen-Doron-Early-English-Kurse "schon ab dem dritten Lebensmonat" oder Kurse in Babyzeichensprache für Kinder ab sechs Monaten.


Das Kind entwickelt sich

Und was sagen ExpertInnen zum entfesselten Trend zur Frühförderung? Sie sind skeptisch, auch wenn sie es umgekehrt mit viel zu vielen wirklich förderungsbedürftigen Kindern zu tun haben, als dass sie jemals einer generellen Kritik an Frühförderung das Wort reden würden. Oskar Jenni, Leiter der Abteilung für Entwicklungspädiatrie am Kinderspital Zürich, meint: "Eine frühe Förderung ist gut und wichtig, aber nur, wenn sie die spontane Eigenaktivität des Kindes nicht verdrängt." Das sei aber bei vielen Kindern nicht der Fall, so Jenni, "man nimmt ihnen das Recht und die Zeit, selbst zu entscheiden, wann und was sie lernen oder spielen wollen". Auch der Wiener Kinderneurologe Rainer Seidl schränkt ein: "Man kann sicher Leistungen, die sich testen lassen, durch Frühförderung schneller lernen. Ein Dreijähriger kann zählen und rechnen lernen. Damit ist aber nicht gesagt, dass er deswegen in der Schule eine bessere Performance haben wird."


Weniger Druck, mehr Zeit

Vor allem geht es aber auch darum, den Druck, der auf allen Beteiligten lastet, zu verringern. "Wir sagen den Eltern immer, dass ihre Kinder nichts versäumen und dass die normalen Spiel- und Förderangebote je nach Alter ausreichend sind, um sich adäquat zu entwickeln", erzählt Kinderpsychologin Kainz. Wenn ein Kind sich also grundsätzlich normal entwickelt, gilt: Förderung ist gut und schön, aber zu früh und zu viel davon - das bringe recht wenig.

Laut den Beobachtungen und Erfahrungen des berühmten Schweizer Kinderarzts und Bestsellerautors Remo Largo - Oskar Jennis langjährigem Vorgänger am Kinderspital Zürich - durchläuft ein Großteil der Kinder die wesentlichen Entwicklungsschritte nämlich ziemlich genau in dem von der Natur dafür vorgesehenen Alter. Hektisches "Schneller, besser, höher" bringt darum keine wesentlichen Startvorteile. Remo Largo: "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht."


Übermass an Ratschlägen

Die vorherrschende Unsicherheit in Kindererziehungs-, Förderungs- und Bildungsfragen kommt auch daher, dass sich die Erziehungskultur verändert hat. Wir sind in einer Umbruchphase. Die allein selig machende, letztgültige Weisheit zum Thema Kindererziehung gibt es nicht - oder nicht mehr. "Früher gab es klar festgeschriebene Dogmen: So und so werden Kinder erzogen." Auch wenn der Verlust dieser klaren Vorstellungen nicht zu bedauern ist, so Kinderpsychologin Kainz: "Für die Eltern war es ein Gerüst, an dem sie sich festhalten konnten." Heute herrscht vielfach Verwirrung. Der stetig wachsende Buchmarkt für Erziehungsratgeber und elterliche Erfahrungsberichte gibt darüber beredt Auskunft: von Carl Honorés "Kinder unter Druck" über Michael Winterhoffs "Lasst Kinder wieder Kinder sein" und "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" bis zu Tom Hodgkinsons "Leitfaden für faule Eltern" oder Amy Chuas umstrittenem Bestseller "Die Mutter des Erfolgs". Die Bandbreite dessen, was man aus diesen Büchern erfährt, könnte größer gar nicht sein: Während Amy Chua, amerikanische Yale-Professorin chinesischer Abstammung, einer fast schon karikaturhaft verzerrten Hardcore-Variante südostasiatischen Erziehungsdrills anhängt ("Zwang funktioniert"), plädiert etwa der britische Aussteiger-Journalist Tom Hodgkinson in seinem Leitfaden vor allem für eines, nämlich für weniger ("Tun Sie weniger! Passive Elternschaft ist verantwortungsbewusste Elternschaft!").


Eigenverantwortung zählt

Zwischen diesen Extremen muss man sich orientieren. "Junge Eltern sind heute etwas verwirrt, denn es ist das erste Mal seit mindestens 250 Jahren, dass Erwachsene anfangen, über die Beziehung zu ihren Kindem nachzudenken, und dass sie bereit sind, sich selbst zu verändern, um sich endlich wieder natürlich und authentisch auf die Kinder beziehen zu können", so der international bekannte dänische Familientherapeut Jesper Juul in einem Interview. In dieser Übergangsphase, so Juul, würden auch viele Fehler gemacht. Juul ist aber optimistisch, "dass der Weg von einer Erziehungskultur des Gehorsams hin zu einer der Eigenverantwortung sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder fruchtbar sein wird". Nach Juuls Ansicht sind ohnehin 80 Prozent dessen, was wir für Erziehung halten, überflüssig. "Man kann Kinder nicht für irgendeinen Wettbewerb fit machen. Wir sollten zusehen, dass sie psychosoziale Kompetenz erwerben und mental gesund sind. Wenn sie dann erfolgreich sein wollen, können sie das auch."


*


Quelle:
welt der frau - Die österreichische Frauenzeitschrift,
Oktober 2011, Seite 22-26
mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der Autorin
Herausgeberin: Katholische Frauenbewegung Österreichs
Redaktion: Welt der Frau Verlags GmbH
4020 Linz, Lustenauerstraße 21, Österreich
Telefon: 0043-(0)732/77 00 01-0
Telefax: 0043-(0)732/77 00 01-24
info@welt-der-frau.at
www.welt-der-frau.at

Die "welt der frau" erscheint monatlich.
Jahresabonnement: 36,- Euro (inkl. Mwst.)
Auslandsabonnement: 41,- Euro
Kurzabo für NeueinsteigerInnen: 6 Ausgaben 15,- Euro
Einzelpreis: 3,- Euro


veröffentlicht im Schattenblick zum 30. November 2011