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INTERVIEW/010: Quo vadis Sozialarbeit? - ... aufs Erbe verlassen? (SB)


Wissen geht zwar verloren, wird aber später wiederentdeckt



Gespräch mit Sabine Stövesand am 13. September 2012 in Hamburg

Prof. Dr. Sabine Stövesand studierte Pädagogik, Psychologie und Soziologie an der Universität Münster. Sie arbeitete langjährig als Sozialarbeiterin, u.a. mit mißhandelten Frauen und Kindern und als Geschäftsführerin eines soziokulturellen Stadtteilzentrums. Sie ist maßgeblich an mehreren Projekten beteiligt, die bundesweit und international Beachtung fanden (z.B. Deutscher Präventionspreis, Documenta 11: "Park Fiction"). Im Rahmen ihrer Promotion entwickelte sie einen neues, gemeinwesenbezogenes Konzept zur Prävention häuslicher Gewalt. Seit 2006 ist sie als Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg mit den Schwerpunkten Gemeinwesenarbeit, Sozialarbeitspolitik, Gender und Diversitiy, aktivierende Lehr-Lernformen tätig. [1]

Auf dem 8. Bundeskongress Soziale Arbeit hielt Sabine Stövesand (DGSA & HAW) gemeinsam mit Fabian Kessl (DGfE & Universität Duisburg-Essen) im Audimax der Universität Hamburg den Eröffnungsvortrag zum Thema: Politik der Sozialen Arbeit - Politik des Sozialen. [2] Nach ihrem Vortrag beantwortete sie dem Schattenblick einige Fragen.

Sabine Stövesand am Rednerpult - Foto: © 2012 by Schattenblick

Sabine Stövesand
Foto: © 2012 by Schattenblick

Schattenblick: Sie haben in Ihrem Vortrag von der "großen Erzählung" gesprochen. Was könnte das für eine Erzählung sein?

Sabine Stövesand: Damit sind übergreifende Erklärungsansätze dessen gemeint, wie Gesellschaft beschaffen ist und wie Gesellschaft aussehen sollte. Es wird ja oft gesagt, daß wir uns in der Postmoderne befinden, und das heißt, daß diese großen Erzählungen wie "Die sozialistische Gesellschaft" gescheitert sind und man jetzt sozusagen auf kleinere Zusammenhänge, auf Fragmente schaut. Es hat also nicht funktioniert, und man zieht bestimmte Konsequenzen daraus. Wir sprechen hier über einen komplexen Zusammenhang, und das möchte ich jetzt einmal so stehenlassen.

SB: Es wäre demnach vielleicht auch eine Geschichte von Ereignissen oder Entwicklungen, die noch gar nicht stattgefunden haben?

SSt: Das ist die Frage, ob es, nachdem man die großen zusammenhängenden Ideen verabschiedet hat, nicht an der Zeit wäre, tatsächlich noch einmal zu überlegen, wie Gesellschaft anders aussehen könnte. Dabei geht es darum, nicht nur punktuelle Überlegungen anzustellen und einzelne Kämpfe zu führen, sondern sich an einen Zukunftsentwurf heranzutrauen, ohne zu sagen, so soll es und so muß es sein, also nicht in einem dogmatischen oder totalitären Sinn, sondern was wir für eine Vorstellung von dem ganz Anderen haben. Es ist nicht minder wichtig, Erklärungen für Gesamtzusammenhänge zu entwickeln und nicht nur von einzelnen Phänomenen.

SB: Gibt es in dieser Hinsicht schon Entwürfe oder Modelle, auf die Sie zurückgreifen würden? Oder würden Sie sagen, da muß etwas geschaffen werden, das bisher noch gar nicht existiert hat?

SSt: Ich denke, das ist eine Herausforderung, neue Dinge zu denken und auch Altes wiederzuentdecken. Ich glaube schon, daß viele Generationen vor uns kluge Ideen hatten, ob das jetzt die Idee der Selbsthilfe, der Kooperativen oder der Genossenschaften war. Genossenschaftliches Eigentum in einem demokratischen Sinn, bei dem es darum geht, Dinge selber zu produzieren und anderen zur Verfügung zu stellen, die einen Gebrauchswert haben und bei denen es nicht um Profit geht, ist ja eine sehr alte Idee. Solche Ideen sind meines Erachtens immer wichtig gewesen und werden ja auch zum Teil neu entdeckt.

SB: Sind das Denk- und Handlungsweisen, die möglicherweise vor einigen Jahrzehnten verbreiteter waren oder näher lagen als heute?

SSt: Das müßte man im einzelnen prüfen. Es gibt viele Dinge in den vergangenen Jahrzehnten, die ich ganz bestimmt nicht wiederhaben möchte.

SB: Welche Dinge wären das?

SSt: Der Nationalsozialismus, die autoritäre Erziehung, eine viel stärkere zumindest rechtliche Diskriminierung von Homosexuellen - das sind Zustände gewesen, zu denen ich keinesfalls zurückkehren möchte. Mir geht es hingegen darum, deutlicher als das gemeinhin üblich ist Gesellschaftsstrukturen unter dem Label Kapitalismuskritik zu analysieren. Ich meine damit auch, daß bestimmte Dinge nicht immer nur im Konsens und an runden Tischen zu regeln sind, sondern daß auch Konflikte und Konfrontationen an bestimmten Punkten eine Bedeutung haben und daß sich beides ergänzt. Beispielsweise sollte man Armut ganz klar und ohne Ausflüchte als solche benennen. Der Begriff "Armut" wird ja heute gern vermieden - man spricht statt dessen lieber von "Exklusion" -, aber daß es ganz platt immer noch um Armut geht, wird selten thematisiert.

SB: Zu welchem Zweck werden diese verschleiernden Begriffe Ihres Erachtens geschaffen?

SSt: Ich glaube nicht, daß es irgend jemand an irgendeinem Schreibtisch gibt, der sich derartige Begriffe ausdenkt. Ich bin vielmehr der Auffassung, daß es sich um Prozesse handelt, die längerfristig laufen und mit gesellschaftlichen Kräfteverschiebungen zugunsten der Seite derjenigen, die über Produktionsmittel und Kapital verfügen, zusammenhängen. Hingegen wird die ohnehin unterlegene Position der ArbeitnehmerInnen noch mehr geschwächt: Umverteilung von unten nach oben über die Steuerpolitik, Deregulierung von Arbeitsverhältnissen, Verunsicherung, Sanktionierung von Menschen, die erwerbslos sind - da gibt es jede Menge Beispiele bis hin zum Umgang mit Asylsuchenden. Das Asylgesetz ist abgeschafft worden, und der tagtägliche Umgang mit diesen Menschen in Deutschland ist ein Skandal, der kaum ins Bewußtsein breiterer Teile der Bevölkerung dringt.

SB: Könnte man sagen, daß mit der Veränderung der Sprache auch eine Veränderung im Denken einhergeht?

SSt: Sprache und Bewußtsein hängen immer ganz eng zusammen. Wenn bestimmte Begriffe verschwinden, verschwinden auch die entsprechenden Themen. Das kann man sprachlich sehr gut an der Frage der Geschlechtergerechtigkeit bis heute festmachen. Die Gesellschaft ist lange Zeit männlich dominiert gewesen und ist es immer noch, selbst wenn das weniger als in der Vergangenheit der Fall sein mag. Die Sprache reflektiert das: Das Männliche ist immer noch das Allgemeine, die Frauen werden unsichtbar gemacht. Es gibt dazu Studien, die belegen, daß im Falle bestimmter Berufe, in denen immer nur männlich gesprochen wird, sich die untersuchten Probanden in solchen Sphären dementsprechend auch nur Männer vorstellen können. Das hängt eindeutig zusammen.

SB: Emanzipatorische Bewegungen, selbst wenn sie zunächst sehr stark sind, laufen oftmals Gefahr, eingebunden und neutralisiert zu werden. Wird von männlicher Seite Integration gefordert, dürfte das zumeist der Absicht geschuldet sein, all das, was an Widerständigkeit dem männlichen Prinzip entgegenstehen mag, in die herrschenden Verhältnisse zurückzuführen und auf diese Weise zu eliminieren. Verfügt die Frauenbewegung unter diesen Umständen heute noch über ihr ursprüngliches emanzipatorisches Potential?

SSt: Es gibt ja d i e Frauenbewegung so nicht. Es gab vielmehr verschiedene Wellen. Seit einigen Jahren kommt aus den USA so etwas wie die dritte Welle der Frauenbewegung herüber. In einigen Wochen habe ich junge Repräsentantinnen dieser dritten neuen Welle bei mir an der Hochschule zu Gast, die mit den Studierenden darüber sprechen wollen, warum sie das Thema Feminismus nicht für erledigt halten, sondern nach wie vor für hochaktuell. Das sind meines Erachtens Bewegungen, die immer wieder auftreten. Wir hatten das schon im 19. Jahrhundert mit der Suffragettenbewegung, die sehr stark war. Diese Frauen hatten zum Teil Vorstellungen etwa in Bezug auf Kleidung und Lebensweisen, die uns, wenn wir das heute lesen, unglaublich modern vorkommen. Diese Errungenschaften sind im Nationalsozialismus für geraume Zeit wieder verschwunden, doch dann irgendwann nach den fünfziger, sechziger Jahren wieder aufgetaucht. Vor allem die neunziger und die zweitausender Jahre waren dann wiederum eine andere Phase. Ich denke, das ist ein ständiges Hin und Her und hängt natürlich auch davon ab, wer sich wie positioniert und aufmacht, etwas zu ändern.

SB: Also würde Ihrer Einschätzung nach ein einmal erreichter emanzipatorischer Entwicklungsstand nicht wirklich auf Dauer verlorengehen? Kommt eine jüngere Generation, die solche Dinge wiederentdeckt oder wissen will?

SSt: Ja, das ist schon häufig der Fall gewesen. Ich denke, Wissen geht zwar vorübergehend verloren, wird später aber wiederentdeckt. Mir selbst ging es ja nicht anders, als ich irgendwann etwas von Herbert Marcuse oder Wilhelm Reich gelesen habe - das haben die 68er entdeckt, zu denen ich nicht gehörte. Ich habe das viel später wiederentdeckt und fand es total spannend.

SB: Frau Stövesand, vielen Dank für dieses Gespräch.

Fußnoten:
[1] http://www.dgsainfo.de/mitglieder_informationen.html

[2] http://www.bundeskongress-soziale-arbeit.de/

Referenten beim Vortrag - Foto: © 2012 by Schattenblick

Sabine Stövesand und Fabian Kessl
Foto: © 2012 by Schattenblick

10. Oktober 2012