Schattenblick → INFOPOOL → SOZIALWISSENSCHAFTEN → REPORT


INTERVIEW/025: Krieg um die Köpfe - Angriff ausgeschlossen ...    Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder im Gespräch (SB)


Diskurs der Verantwortungsübernahme kritisch entschlüsselt

Interview am 6. März 2015 an der Freien Universität Berlin


Der seinerzeit von Herbert Marcuse aufgeworfenen Frage nach den Gründen einer nahezu durchgängigen Fortentwicklung von Herrschaft in der Menschheitsgeschichte fühlt sich Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder zeit seiner wissenschaftlichen Arbeit in besonderem Maße verpflichtet. Als langjähriger Hochschullehrer an der Freien Universität Berlin, praktizierender Psychoanalytiker, Mitbegründer der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) wie auch Herausgeber und Autor zahlreicher einschlägiger Publikationen war er geradezu prädestiniert dafür, am zweiten Tag des diesjährigen NGfP-Kongresses zum Thema "Krieg um die Köpfe - Der Diskurs der Verantwortungsübernahme" mit seinem einführenden Vortrag Kurs zu setzen.

Er analysiert den Diskurs der Verantwortungsübernahme als wesentliche Vorbereitung und Rechtfertigung neuer Kriege im Kontext der Bestrebungen von NATO und EU, Rußland einzukreisen, zu isolieren und zu destabilisieren. Zu diesem Zweck soll auch die Ukraine in die EU und dann in die NATO gezogen werden. Falls dies nicht ohne Krieg möglich sein sollte, geht es darum, die Frage der Schuld schon vorab zu Lasten des Gegners zu beantworten. So dient das Friedensabkommen von Minsk nicht der Kriegsvermeidung, sondern der Schuldzuweisung.

Seit der letztjährigen Münchner Sicherheitskonferenz geistert die Forderung durch Politik und Medien, Deutschland müsse mehr Verantwortung übernehmen. Es sei manchmal auch notwendig, zu den Waffen zu greifen, so Bundespräsident Gauck. Menschenrechte und Diktatoren werden selektiv ins Feld geführt, wobei entscheidend ist, wer jeweils als Verbündeter im Kampf um Einflußsphären und Ressourcen gilt. Für die geplanten Kriegszüge sind die Regierungen jedoch auf die Zustimmung der Bevölkerung angewiesen, die weiteren Waffengängen mehrheitlich ablehnend gegenübersteht. Der "Krieg um die Köpfe" ist noch nicht entschieden, so der Referent.

Welche Verantwortung soll Deutschland übernehmen? Diskurse haben stets mehr als eine Ebene, da neben dem angeführten Argument (Signifikant) auch dessen unausgesprochene Bedeutung (Signifikat) mitschwingt. So ist nicht von Krieg die Rede, obgleich dieser doch vorbereitet wird. Versprechen wie die des Zwei-plus-Vier-Vertrags werden gebrochen, die Lüge beherrscht das Feld. Zum klassischen Diskurs angeblicher Landesverteidigung gesellt sich heute jener der Verantwortungsübernahme zur Verhinderung von Völkermord wie in Jugoslawien oder der Schaffung von Demokratie wie im Irak, in Libyen oder in Syrien. Dabei geht der Lügende davon aus, daß man ihm auf der Ebene seines Diskurses, über den er kraft seiner Deutungsmacht gebietet, nicht widersprechen kann.

Wo der Diskurs nicht greift, leistet eine Verleugnung der Realität Schützenhilfe, die sich aus der Furcht vor den Konsequenzen der Erkenntnis speist. Zudem läßt sich der inhaltsleere Begriff "Verantwortung" in sein Gegenteil verkehren und als Bezichtigung gegen Kriegsgegner wenden. Der Befehl versteckt sich hinter einer Beschwörung an des Abstraktum "Deutschland", dem die Empfänger dieser Botschaft Folge zu leisten haben. Brüche des Völkerrechts wie auch des Verbots von Waffenlieferungen in Kriegsgebiete werden mittels moralischer Erpressung durchgesetzt.

Verantwortungsübernahme ist zugleich die zentrale Forderung im neoliberalen Diskurs, wie etwa das Beispiel Griechenland zeigt. Das Blair-Schröder-Papier von 1999 mit dem Titel "Der Weg nach vorn für Europas Sozialdemokraten" will das "Sicherheitsnetz aus Ansprüchen" in ein "Sprungbrett in die Eigenverantwortung" verwandeln. Dieses langjährige Trommelfeuer neoliberaler Zumutungen zeitigt dramatische Folgen, die sich im Denken der Menschen auch in Deutschland niederschlagen. Jacques Derrida sprach 1993 vom internationalen Bürgerkrieg zur Installierung des Neokapitalismus. Der Diskurs der Verantwortungsübernahme leugnet zynisch die Wunden dieses Bürgerkriegs und treibt zugleich seine Fortsetzung voran.

Am Abend des zweiten Kongreßtages beantwortete Klaus-Jürgen Bruder dem Schattenblick einige Fragen, die einen Bogen von der Psychologiekritik in den Tagen der außerparlamentarischen Opposition und Studentenbewegung zu den heutigen Ansätzen emanzipatorischen Widerstands gegen die herrschenden Verhältnisse schlugen.


Im Vortrag - Foto: © 2015 by Schattenblick

Klaus-Jürgen Bruder
Foto: © 2015 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Die NGfP ist als Gegenentwurf zu der dominanten naturwissenschaftlichen Herangehensweise in der Psychologie gegründet worden. Könnten Sie näher erläutern, welche Kritik dabei ins Feld geführt wird?

Klaus-Jürgen Bruder (KJB): In der Wendezeit 1989/1990 gab es nur eine einzige Gesellschaft, die die universitär verankerte Psychologie repräsentierte. In anderen Wissenschaften findet man in der Regel mindestens zwei solcher Gesellschaften, so daß die Kontroverse dort gewissermaßen institutionalisiert ist. Das fehlte in der Psychologie, und alle Versuche, in der einen Gesellschaft andere Paradigmen oder Herangehensweisen unterzubringen, waren zum Scheitern verurteilt. Als wir damals die NGfP gründeten, hatten wir ein Verständnis von Psychologie, das sich aus der Kritik an den Hauptströmungen der Test-Psychologie und der positivistischen, behavioristischen Psychologie entwickelt hat und statt dessen ein sozialpsychologisches oder gesellschaftstheoretisches Paradigma in den Mittelpunkt stellte.

Diese kritische Strömung folgte nicht einer einzigen Linie, sie war vielmehr eine bunte Mischung verschiedener Ansätze, die an die Stelle der quantitativ orientierten Psychologie, wie sie vom Mainstream der Disziplin vertreten wurde, eine qualitative Wissenschaft setzen wollte. Die Kritik am Behaviorismus als Paradigma der Psychologie bis in die 60er, 70er Jahre war für mich von entscheidender Bedeutung. In gewisser Weise könnte man sagen, daß der Behaviorismus als soziale Realität oder Ideologie des Sozialen immer noch herrscht. Er behauptet ja, daß alles, was wir tun und denken, auf die beiden Pole Plus und Minus, Lust oder Unlust, reduzierbar sei. Sofern die Ökonomisierung aller Lebensbereiche durchgesetzt ist, trifft das zu, wenn es denn nur noch darum geht, ob eine Ware Profit bringt oder nicht.

Auch die Psychoanalyse wirkte an der Gründung der NGfP mit, wobei wir ihr uns nicht vorbehaltlos anschließen wollten, weil ihre damals vertretenen Konzepte sehr viele objektivistische, naturwissenschaftliche oder triebtheoretische Komponenten aufwiesen. Wir bestanden auf der Frage des Sozialen, dem das Triebkonzept eine sekundäre Rolle zuweist. Ich würde die Psychoanalyse ebenfalls als eine sehr wichtige Sparte innerhalb der Psychologie betrachten, sofern sie ihrerseits gesellschaftliche Dimensionen ins Zentrum stellt und sie nicht vernachlässigt oder gar ausschließt. Unsere Neue Gesellschaft steht für gesellschaftsoffene, gesellschaftskritische Positionen. Unseres Erachtens muß man die Gesellschaft als eine Realität auffassen, in der sich unser Verhalten, unsere Beziehungen und Subjektivität überhaupt erst entwickeln kann.

SB: In diesem Sinne kann man die kritische Psychologie, von der Sie sprechen, offenbar in einen engen Zusammenhang mit der damaligen Aufbruchstimmung in der Gesellschaft stellen?

KJB: Ja, das kann man sagen. Indessen hat die durch die Politisierung, die außerparlamentarische Opposition, die Studentenbewegung und andere Strömungen bis hin zu den Grünen erreichte Veränderung des Bewußtseins erst relativ spät zur Konstituierung der NGfP geführt. Das hängt damit zusammen, daß in diesen politisch bewegten Zeiten die Psychologie stiefmütterlich behandelt wurde. Man meinte, ohne sie auskommen zu können, da alles ökonomisch bedingt und aus der Kritik der politischen Ökonomie zu erklären sei. Eine psychologische Diskussion sei daher überflüssig. Daß das nicht stimmt, zeigt allein schon die gegenwärtige Situation, in der die Engführung der Gesamtpolitik den Menschen auf ökonomische Machbarkeit und Brauchbarkeit reduziert, wogegen es so gut wie kein Aufbegehren gibt. Folglich reicht es keineswegs aus, mit den Kategorien Lust und Unlust zu operieren, es muß noch eine andere Dimension hinzukommen. Das wäre das Gebiet, das die Psychologie nach Auffassung der NGfP zu repräsentieren und zu bearbeiten hätte, und das wollen wir mit unseren Kongressen realisieren.

Aus diesem Grund sind diese Tagungen so organisiert, daß nicht nur Psychologen und Soziologen, sondern auch Politologen, Sprachwissenschaftler, Medienexperten und diesmal auch ein Pfarrer teilnehmen. Es sind Menschen aus verschiedenen Bereichen, die die Arbeitsteilung der Wissenschaften nicht gerade aufheben, aber doch tendenziell außer Kraft setzen wollen, indem sie die anstehenden Fragen gemeinsam kritisch diskutieren.

SB: Die interdisziplinäre Zusammenarbeit galt in den 70er Jahren fast schon als selbstverständlich. Ist dieser Brückenschlag zwischen den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und das gemeinsame Engagement von Vertretern unterschiedlicher Fachbereiche aus Ihrer Sicht zwischenzeitlich in den Hintergrund getreten, so daß die NGfP in dieser Hinsicht fast verlorengegangene Errungenschaften wiedergewinnt?

KJB: Wir versuchen auf unseren Kongressen, das Element der interdisziplinären Zusammenarbeit wieder in Kraft zu setzen. Insofern haben Sie recht, man hat sich zwischenzeitlich auseinanderdifferenziert. Wenn man an die Zeiten der außerparlamentarischen Opposition zurückdenkt, so war damals Peter Brückner eine sehr wichtige Person. In der Rückschau verbindet man die außerparlamentarische Opposition zumeist mit Entwicklungen wie den Parteigründungen oder dem Ökonomismus, die erst später einsetzten. In der Zeit davor, 1967/68, hat Brückner dafür plädiert, daß Psychologie und Gesellschaftskritik zusammengehören müssen. Insofern haben wir signifikanterweise auch einen Kongreß über Brückners Sozialpsychologie veranstaltet.

SB: Es waren also Zeitläufte, in denen sich auch Lehrende im akademischen Betrieb in emanzipatorischen Fragen sehr weit nach vorn gewagt und auf eine Weise mit den herrschenden Verhältnissen konfrontiert haben, wie man sich das heute fast nicht mehr vorstellen kann?

KJB: Wenn man das Leben Peter Brückners betrachtet, war er nie bei den Staatsfeinden, die verfolgt wurden, dabei. Er ging nicht in den Untergrund, hat aber versucht, dieses Phänomen zu verstehen und seine Auffassungen zu vertreten. Das allein war für den Mainstream schon zuviel, dafür wurde er zum Abschuß freigegeben. Heute ist das Engagement wesentlich geringer, es gibt diese Streitbarkeit kaum noch.


Klaus-Jürgen Bruder im Interview - Foto: © 2015 by Schattenblick

Dem Erbe Peter Brückners verpflichtet
Foto: © 2015 by Schattenblick

SB: Sie haben heute morgen die Probleme bei der Organisation des Kongresses angesprochen, die aus erstmals erhobenen finanziellen Forderungen der Universität resultieren. Wird auf diese Weise ökonomisch argumentiert, wo eine inhaltlich unerwünschte Diskussion beschnitten werden soll?

KJB: Ich denke schon, daß dieses Interesse unausgesprochen zugrunde liegt. Diese Ökonomisierung - hier haben wir es ja noch nicht mit einer vollständigen Privatisierung der Universität zu tun - führt dazu, daß viele Bereiche bereits in privater Hand sind. Will man beispielsweise in der Universität Plakate aufhängen, muß man sich an ein Privatunternehmen wenden und dafür bezahlen. Ähnliches gilt bei der Benutzung der Räume für Veranstaltungen. Wir sind keine Therapeuten-Gesellschaft, die hier ihre Fortbildung durchführt, sondern eine wissenschaftliche Gesellschaft, die Vorträge in der Universität organisiert und zugleich daran festhalten will, daß die Wissenschaft sich den Problemen der Bürger, der Zivilgesellschaft zur Verfügung stellen muß.

Das ist eigentlich die Aufgabe von Wissenschaft, spätestens natürlich seit der französischen Revolution und den daraus folgenden Demokratisierungsbewegungen. Das ist eine Aufgabe, für die auch Peter Brückner gestanden hat, der in seinen Beiträgen auf die politische Verantwortung des Hochschullehrers oder des Staatsbürgers im allgemeinen eingegangen ist. In diesem Sinne wenden wir uns gegen einen Rückzug auf den Fachidioten, der nicht sieht, in welchem Kontext seine Disziplin steht, und keine Verantwortung dafür übernimmt, was mit seiner Forschung passiert. Diese Verantwortungslosigkeit ist obsolet, man muß sie kritisieren und praktisch aufzuheben versuchen, wie wir das auf unserem Kongreß versuchen.

Deshalb kritisiere ich, daß die Universität ihrer Aufgabe nicht nachkommt, Räume für politische Diskussionen oder wissenschaftliche Diskussionen, die Politik einbinden wollen, kostenlos bereitzustellen. Schließlich leben wir in einer demokratischen Gesellschaft und nicht mehr im Feudalismus, wo der Fürst verbietet, was er nicht hören will. Die Universität müßte im Grunde Institutionen wie die Volkshochschule überflüssig machen, indem sie der Ort ist, an dem nicht nur die Akademiker und Studenten einander begegnen, sondern auch die Bürger der Stadt, die diese Universität finanzieren, ihre Fragen diskutieren können. Wir wollen diese Aufgabe mit unserer Thematik wahrnehmen, wofür die Universität im Grunde uns bezahlen müßte und nicht umgekehrt finanzielle Forderungen erheben dürfte.

Es handelt sich um vollkommen aus den Fugen geratene Vorstellungen, wenn man bedenkt, daß wir für zweieinhalb Tage vormittags einen Raum und nachmittags drei Räume belegen, wofür wir ursprünglich 12.000 Euro bezahlen sollten. Die Universität hat zwar mit der Begründung, daß ich Mitglied des Lehrkörpers bin, einen Rabatt von 50 Prozent gewährt, doch ist auch die verbliebene Forderung von 6000 Euro völlig überzogen.

SB: Dabei handelt es sich augenscheinlich um Räume, die in der betreffenden Zeit gar nicht belegt wären?

KJB: Ja, die Räume werden derzeit nicht genutzt, aber abgeschlossen, sobald wir sie verlassen haben. Wir können uns also nicht frei bewegen oder unsere Sachen in den Räumen lassen, sondern müssen sie vor der nächsten Veranstaltung erst wieder öffnen lassen, das ist wie im Knast. Wenn du rausgehst, wird zugesperrt, da drüben wird dann zwei Stunden später wieder aufgeschlossen, zwischendurch treibt man sich auf den Gängen herum.

Man muß in diesem System, das schrittweise alles zur käuflichen Ware macht, nicht mehr politisch Stellung beziehen. Die Universität muß nicht offen ablehnen, daß hier über den Krieg, die Verantwortung der Wissenschaft und die Beteiligung der Psychologie an der Kriegsvorbereitung diskutiert wird. Sie sagt lediglich, wenn ihr das machen wollt, müßt ihr so viel bezahlen, daß ihr euch überlegt, ob ihr das noch ein zweites Mal macht. Denn mit 6000 Euro ist das Budget einer kleinen Gesellschaft ausgeschöpft. Wir können dann das nächste Mal sagen, wir lösen den Verein auf, weil wir unsere Aufgabe nicht mehr erfüllen.

SB: Handelt es sich demnach um eine Form neoliberaler Zensur, die nicht mehr inhaltlich begründet wird?

KJB: Ich habe neulich wieder einmal den "eindimensionalen Menschen" von Marcuse gelesen. Dabei fällt es einem wie Schuppen von den Augen, da er schon damals beschrieben hat, was heute stattfindet. Was er als eine technische Ausschaltung verstanden und als Tilgen der politischen Diskurse dargestellt hat, ist eingetreten. Diese Art von Entpolitisierung ist natürlich fatal, weil man nur noch sagen kann, ich gehe entweder in den einen Laden oder in den anderen Laden rein. Wenn man aber nur eine Bundesrepublik hat, kann man allenfalls in die Schweiz auswandern und findet dort das gleiche in roter Farbe.

SB: Wir haben heute unter verschiedenen Blickwinkeln diskutiert, warum sich Menschen auf die eine oder andere Weise am Krieg beteiligen. Im Mittelpunkt stand dabei der Diskurs der Verantwortungsübernahme, mit dessen Hilfe positiv konnotierte Begriffe wie Demokratie und Menschenrechte in Kriegsvorwände verwandelt werden. Könnte das damit zusammenhängen, daß eine Generation an die politischen Schaltstellen gelangt ist, die einst kritische Ideen in Gebrauch hatte, jedoch auf halbem Wege abgebogen und in die Bürgerlichkeit zurückgekehrt ist, um Karriere zu machen?

KJB: Joschka Fischer ist das Paradigma dieses Phänomens. Vom Steinewerfer zum Außenminister, wenngleich das inzwischen reichlich abgedroschen klingt, oder wie Freud zu einem seiner Kollegen gesagt hätte, eine enorme Karriere. Der Diskurs der Verantwortungsübernahme wird für diese Generation, deren Wortführer wie auch die akademische Welt dieser Generation geführt. Ich neige zu der Auffassung, daß die Bevölkerung viel mehr weiß, als wir glauben und ihr vermitteln wollen. Wenngleich Politik und Medien unablässig für den Krieg agitieren, spricht sich in Umfragen noch immer die Mehrheit gegen eine deutsche Kriegsbeteiligung aus.

Bemerkenswert ist jedoch, daß die Bevölkerung keine Konsequenzen aus ihrer Kriegsgegnerschaft zieht und nichts unternimmt, um den drohenden Waffengang zu verhindern. Wie immer, wenn man aktuelle Fragen nicht beantworten kann, hilft es auch in diesem Fall weiter, in die Geschichte zurückzublicken. Welche Erfahrungen hat die Bevölkerung gemacht, als sie ihre antietatistische, gegnerische Haltung zum Ausdruck brachte? In der revolutionären Zeit um 1919, als viele Menschen auf die Straße gingen, ließ ihre eigene Partei das Feuer auf sie eröffnen. Da kann man doch nicht sagen, daß das Volk schuld an seiner Beteiligung war. Es waren ihre vermeintlich eigenen Leute, die intellektuelle Elite und die Sozialdemokratische Partei, deren Polizeipräsidenten auf die Revolutionäre schießen ließen. Wer hat später vom Faschismus profitiert und ihn vorangebracht? Es waren die Ärzte, Juristen, Historiker, nicht das Volk, auf das Götz Aly immer abhebt. In der Sowjetunion übten die Bürokraten und in der Folge die als Oligarchen auftretenden ehemaligen Funktionäre die Herrschaft in einer Form aus, wie sie es von den Amerikanern lernen konnten.

Es ist jedoch stets das Volk, das für sein oppositionelles Denken bestraft wird. So verhält es sich auch heute, wenn die Bevölkerung aus Überzeugung gegen die Kriege ist. Man kann nicht von ihr verlangen, endlich die Richtigen zu wählen. Wer sind denn die Richtigen? Die Linkspartei, für die ich große Sympathie hege, ist leicht umzublasen, wenn man bedenkt, welche Diskussionen in ihren Reihen geführt werden. Sollte sie in der Berliner Republik an die Regierung kommen, ist es vorbei mit ihrer Ablehnung der Kriegsbeteiligung. Die Verführung ist groß - viele würden gern den Joschka spielen.

SB: Gibt es aus Ihrer Sicht weitere Gründe, aus denen die deutsche Bevölkerung stillhält und ihre Ablehnung des Krieges nicht entschieden zum Ausdruck bringt?

KJB: Sie haben recht, wir müssen noch andere Gesichtspunkte nennen. Dem Volk tritt die sogenannte Intelligenz alltäglich schikanierend und regulierend gegenüber, wenn man beispielsweise irgendeine Behörde aufsuchen muß. Das sind zwar keine intelligenten Leute, aber es sind die Beamten, die ihrerseits drangsalieren. Als Lehrer weiß man es immer besser, und wo immer sich "das dumme Volk" selbständig bewegt, stehen Leute bereit, es in die Schranken zu weisen. Da greift die neoliberale Form der Bezichtigung, wenn es heißt: Du bist selbst verantwortlich für dein Wohlergehen, sieh zu, wie du deine Schäfchen ins Trockene bringst, aber wehe, wenn du aus der Reihe tanzt! Du wirst schon sehen, wohin das führt! Das ist die andere Seite, die Angst, aus dem System des Futtertrogs herauszufallen.

Neben dem ökonomischen System und der Erfahrung mit den Intellektuellen ist auch die Erziehung zu nennen, auf die Frau Klingenburg-Vogel in ihrem Vortrag eingegangen ist und dabei herausgearbeitet hat, mit welch feinen Mechanismen man aufrechten Gang erzeugen oder zerstören kann, wie es Peter Brückner ausgedrückt hat. Ein Kind sollte erfahren, daß Widerspruch nicht dazu führt, daß es gedemütigt wird, sondern daß es möglich ist zu widersprechen und seine Wut, seinen Ärger herauszulassen. Auch das ist eine wichtige Bedingung, wenn man es einmal mikro-psychologisch betrachtet.

SB: In unserer heutigen Diskussion ist der Name Herfried Münklers gefallen, der den Deutschen und Europäern einen Entwurf eigenständiger Dominanz anempfiehlt und deren Bedingungen formuliert. Ist das eine zugkräftige, überzeugende Idee, die in der Bevölkerung Widerhall findet?

KJB: In der Bevölkerung meines Erachtens nicht. Was bei ihr recht gut ankommt ist der Spruch, sie habe sich ihren Besitzstand fleißig erarbeitet. Es sei gerechtfertigt, sich mal einen Italienurlaub oder die Malediven zu leisten. Hingegen interessiert die Mehrheit der Menschen eine Agitation zur deutschen Macht nicht - wohl aber die Intellektuellen. Wie unsere Diskussionen auf dem Kongreß zeigen, sind Abstraktionen sehr wichtig. Zugleich haben wir uns als NGfP die Aufgabe gestellt, die Abstraktion der Theorie und die Konkretion der Praxis zusammenbringen.

Es kommt allerdings sehr selten vor, daß das wirklich gelingt. Ich war heute nachmittag im Vortrag des Journalisten Jürgen Voges, der sich explizit als Praktiker versteht und dem das recht gut gelungen ist. Er ist einerseits akademisch gebildet und kennt als Journalist andererseits die Mechanismen der Manipulation. Von der Intelligenz abgesehen sind es die sozial Ausgestoßenen, die sich kompensatorisch mit dieser Frage beschäftigen und oft martialisch als Faschos auftreten. Ansonsten ist diese Münklersche Theorie nur für uns geschrieben.

SB: Im Zusammenhang des Kampfs um die Ukraine wird das Verhältnis zu Rußland intensiv diskutiert. Dabei zeichnet sich ein Flügel deutscher Wirtschaftsinteressen ab, der aus ökonomischen Gründen die Konfrontation zu deeskalieren versucht und der deutschen Politik zu größerer Eigenständigkeit und Kooperation mit Rußland rät. Dem stehen die Atlantiker gegenüber, die sich eng an die Seite der USA und der NATO stellen. Wie ist diese vermeintliche Zwiespältigkeit deutscher Interessen einzuschätzen?

KJB: Da ich diese Frage als Psychologe im Grunde nicht beantworten kann, überschreite ich jetzt die Grenzen meines Fachs. Zum einen gibt es die Auffassung, daß die deutsche Politik die Rolle des dankbaren Zöglings der Westmächte übernommen hat, die den Krieg gewonnen haben, wobei man natürlich sagen muß, daß ihn die Sowjetunion nicht minder gewonnen hat. Adenauer hat sich entschieden, die Seite der Amerikaner einzunehmen und damit die faschistische Schuld abzutragen. Schlagen wir uns auf die Seite der Vorkämpfer der Demokratie, ist alles gut. In diesem Zusammenhang hat Rudi Dutschke von einer Rekonstruktion des westdeutschen Kapitalismus gesprochen. Dieser westdeutsche Kapitalismus ist nun, wie das im Kapitalismus stets der Fall ist, zunehmend in Konkurrenz zu seinem Retter USA getreten. Irgendwann muß er sich entscheiden, ob er sich unabhängiger macht und der verlockenden Idee einer eigenständigen europäischen Politik in Kooperation mit den postsowjetischen Republiken den Zuschlag gibt.

Das interessiert die Amerikaner freilich überhaupt nicht. Wie Brzezinski darlegt, ist die Ukraine das Kernland, das man besetzen muß, will man Eurasien beherrschen und damit die Weltherrschaft gewinnen. Also kann man es nicht den Europäern überlassen, die hin und her schlittern. Sie haben enge ökonomische Beziehungen zu den USA, die sich jedoch als Auslaufmodell erweisen können. Entweder wird man vielleicht zum Primus, bleibt aber um so mehr eine Kolonie der USA, oder man strebt Eigenständigkeit an, wofür man sich allerdings schon etwas trauen muß.

Hinzu kommt, daß unsere gegenwärtigen Politikmanager einen konstitutiven Antikommunismus pflegen. Wenngleich Rußland kein kommunistisches Land ist und das auch längst nicht mehr von sich behauptet, hat es immer noch diese Rolle des traditionellen Feindbilds zu erfüllen. Mit Kommunisten darf man nicht verkehren, das wäre eine Todsünde! Wahrscheinlich würde ein Bundeskanzler aus der Linkspartei wie Ramelow eher mit den Russen kooperieren, wobei der ja wohl mit dem Kommunismus nichts im Sinn hat.

SB: Wenngleich es natürlich noch zu früh für ein Fazit des Kongresses ist, möchte ich Sie doch gern abschließend nach Ihrem Eindruck fragen, was den bisherigen Verlauf der Tagung betrifft.

KJB: Die Konferenz setzt sich in Vorträgen und Diskussionen mit der Frage auseinander, auf welchen psychologischen Mechanismen der neoliberale Diskurs fußt und wo er ansetzen will. Wir sagen nicht, daß er sich schon durchgesetzt hat, wobei ich denke, daß das bei den Intellektuellen bereits weitgehend der Fall ist. Sie argumentieren zwar kulturkritisch und erteilen dem Neoliberalismus vorgeblich eine Absage, manövrieren aber in ihren Kernpunkten durchaus auf der Linie dieses Diskurses.

Die Feuerprobe ist stets die Position zur Krim. Der Hamburger Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie Reinhard Merkel steht mit seiner Auffassung allein, daß es sich um keine Annexion gehandelt habe. Daß seine Position übergangen wird, als existiere sie nicht, läßt an Gleichschaltung denken, wie man das früher ausgedrückt hat. Ein weiterer Punkt, an dem sich die Geister scheiden, ist die Aussage, daß die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. Was ist demgegenüber die BRD, die ihre rechtsstaatlichen Prinzipien permanent verletzt? Es geht mir an dieser Stelle nicht darum, die DDR zu verteidigen, wohl aber um den Diskurs, der sich zunehmend formiert und Gegenpositionen diskreditiert.

Was das Thema des Kongresses betrifft, sind wir mittendrin. Moshe Zuckermann war grandios und hat die wenigen Antideutschen, die ihn aufs Kreuz legen wollten, souverän abgeschmettert. Die Vorträge heute vormittag waren sehr informativ, und das Publikum hat engagiert mitdiskutiert. Am Nachmittag habe ich an drei Veranstaltungen teilgenommen, die ebenfalls ausgesprochen interessant waren. Deshalb bin ich mit dem bisherigen Verlauf unserer Konferenz recht zufrieden.

SB: Herr Bruder, vielen Dank für dieses ausführliche Gespräch.


Straßenschild 'Rudi-Dutschke-Weg' an der FU in Berlin-Dahlem - Foto: © 2015 by Schattenblick

Zeit für die Befreiung aus dem Unterholz der Musealisierung
Foto: © 2015 by Schattenblick


Bisherige Beiträge zur NGfP-Konferenz in Berlin im Schattenblick unter
www.schattenblick.de → INFOPOOL → SOZIALWISSENSCHAFTEN → REPORT:

BERICHT/029: Krieg um die Köpfe - auf die Füße stellen ... (SB)
INTERVIEW/024: Krieg um die Köpfe - teile und kriege ...    Dr. Moshe Zuckermann im Gespräch (SB)

24. März 2015


Zur Tagesausgabe / Zum Seitenanfang