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INTERVIEW/029: Krieg um die Köpfe - Nibelungentreue ...    Jürgen Rose im Gespräch (SB)


Deutsches Muskelspiel im Geschirr der US-Militärdoktrin

Interview am 7. März 2015 an der Freien Universität Berlin


Der Oberstleutnant der Bundeswehr a.D., ehemalige Lehrende an deren Bildungseinrichtungen, Diplom-Pädagoge und Publizist Jürgen Rose ist Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Darmstädter Signal. Er wurde vor allem durch die Verweigerung der Beteiligung am Afghanistaneinsatz und seine Bitte um Entbindung von diesen Aufgaben im Jahr 2007 bekannt, der drei Jahre später stattgegeben wurde. Dank seines langjährigen Engagements als Seminarleiter und Dozent wie auch zahlreicher Publikationen zählt Rose zu den profilierten Kritikern des Angriffskriegs unter Beteiligung der Bundeswehr.

Auf dem diesjährigen Kongreß der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) [1] unter dem Motto "Krieg um die Köpfe - Der Diskurs der Verantwortungsübernahme", der vom 5. bis 8. März an der Freien Universität Berlin stattfand, leitete Jürgen Rose einen Workshop zum Thema "Der Krieg, der Soldat und das Gewissen - Über den Primat der Politik und die Grenzen der Gehorsamspflicht". Im Anschluß daran beantwortete er dem Schattenblick einige Fragen zur Einbindung der Bundeswehr in die US-Militärdoktrin, zu Interessendivergenzen im Verhältnis zu Rußland und zum Bild der Streitkräfte in der deutschen Öffentlichkeit.


Im Gespräch - Foto: © 2015 by Schattenblick

Jürgen Rose
Foto: © 2015 by Schattenblick

Schattenblick (SB): Sie hatten in Ihrem Vortrag erwähnt, daß Sie trotz der Position, die Sie vertreten, kein Fundamentalpazifist sind. Könnten Sie das näher erläutern?

Jürgen Rose (JR): Ich würde nicht davon sprechen, kein Pazifist zu sein, weil das insinuieren würde, daß ich ein Militarist und Kriegsbefürworter wäre, was ich definitiv nicht bin. Vielmehr habe ich davon gesprochen, daß das Militär einen Friedensauftrag hat. Die Existenzberechtigung des Militärs besteht darin, Kriege zu verhüten. Damit das funktioniert, bedarf es natürlich der Abschreckung. Man muß einem potentiellen Angreifer, der mit illegaler, völkerrechtswidriger Gewalt daherkommt, deutlich machen, daß man für diesen Fall bereit ist, selbst zur Waffe zu greifen. Das ist keine fundamentalpazifistische Position, aber sie begreift den Frieden als Endzweck auch militärischer Vorbereitung.

SB: Die Haltung zum Militär durchlief in der Bundesrepublik verschiedene Etappen von "Nie wieder Krieg!" bis zum politisch legitimierten Angriffskrieg. Welche Rolle hat dabei die Umwandlung der Bundeswehr gespielt? War die Freiwilligenarmee eine notwendige Entwicklungsstufe oder, wie auch gesagt wird, eine voreilige Maßnahme?

JR: Mein Freund Wolfram Wette hat ein Buch über die Illusionen der Wehrpflichtromantiker geschrieben, in dem er mit der Vorstellung aufräumt, daß die Wehrpflichtarmee eher eine Friedensarmee repräsentieren würde. Historisch ist das völlig abwegig. Sämtliche großen Eroberungs-, Vernichtungs- und Versklavungskriege sind mit Wehrpflichtarmeen geführt worden. Die napoleonische Armee war eine Wehrpflichtarmee, und auch die Levée en masse als Vorläufer der Wehrpflicht ist erst im Zuge der französischen Revolution entstanden. Damals sagte man, die Wehrpflicht sei das legitime Kind der Demokratie. Allerdings muß man hinzufügen, daß dieses legitime Kind der Demokratie sehr schnell von illegitimen Vätern gekidnappt worden ist. Auch Adolf Hitlers Wehrmacht war eine Wehrpflichtarmee, ebenso wie die Rote Armee, die in Afghanistan einmarschiert ist. Saddam Husseins Truppe, die in Kuwait einfiel, bestand ebenfalls aus Wehrpflichtigen.

Andererseits waren die Streitkräfte der USA bei ihren Angriffskriegen jüngeren Datums bereits eine Freiwilligenarmee. Das zeigt aber nur, daß im Grunde die Wehrstruktur - ob Wehrpflicht- oder Freiwilligenarmee - im angesprochenen Zusammenhang nicht von Bedeutung, sondern rein zufällig ist. Man kann Wehrpflichtarmeen mißbrauchen, man kann Freiwilligenarmeen mißbrauchen. Man kann Wehrpflichtarmeen völkerrechtskonform einsetzen, aber auch Freiwilligenarmeen. Genaugenommen halte ich die Wehrpflichtarmee sogar für die schlechtere Lösung, weil die wehrpflichtigen Soldaten die unterste Ebene der Hierarchie darstellen. In einem Großkonzern wie Daimler-Benz oder BMW definiert nicht der Lehrling die Konzernpolitik, sondern der Vorstand. In der Armee ist es genauso, da nicht die unterste Ebene der Wehrpflichtigen die Militärpolitik bestimmt, sondern das Führer- und Unterführerkorps, wobei die Generalität natürlich am wichtigsten ist. Wenn sich die Generalität an Angriffskriegen beteiligt, dann spielt es keine Rolle, ob die Befehle an Wehrpflichtige oder Freiwillige herausgehen.

Im Herbst 2013 stand die Obama-Administration kurz davor, nach den angeblichen Giftgasangriffen der Assad-Truppen in Damaskus militärisch in Syrien zu intervenieren. Damals berichteten US-Medien von einer Meuterei in den Reihen der US-Generalität, die sich entschieden gegen dieses Vorhaben aussprach. Maßgeblich sind die höchsten Offiziersränge, die darüber entscheiden, ob eine Armee für völkerrechtswidrige Aktionen mißbraucht oder völkerrechtskonform eingesetzt wird. Die Wehrpflicht spielt dabei keine bedeutsame Rolle.

SB: Wie Sie in Ihrem Vortrag ausgeführt haben, war die Bundeswehr in ihren Anfängen ein Geschöpf der Alliierten, die ihre Gründung zugelassen oder sogar gefördert haben. Ist es bei dieser Abhängigkeit der deutschen Streitkräfte von den USA geblieben oder hat sich die Bundeswehr in ihrer Mentalität und Struktur zu einer relativ autonomen Armee entwickelt?

JR: Die Bestrebungen der Alliierten waren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg darauf gerichtet, eine hundertprozentige Kontrolle der neuen deutschen Streitkräfte sicherzustellen. Man wollte verhindern, daß jemals wieder so etwas passiert, wie man es mit der Wehrmacht und der Waffen-SS erlebt hatte. Deswegen waren auch oberhalb der Divisionsebene sämtliche Führungsstäbe multinational in die NATO integriert. Auf diese Weise wurden die höchstrangigen deutschen Generäle durch die NATO-Stäbe eingebunden und zugleich kontrolliert. In der damaligen Zeit bestand praktisch überhaupt keine Möglichkeit, die Bundeswehr insgesamt in nationaler Verfügungsgewalt einzusetzen. Was lediglich für einzelne Verbände in bestimmten Fällen national möglich war, galt nicht für die Armee insgesamt, die nur im Rahmen der NATO agieren konnte.

Das hat sich nach dem Ende des Kalten Krieges mit dem Abschluß des sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrags verändert, weil die Bundesrepublik Deutschland dadurch die volle Souveränität erlangte. Dies wurde im Bereich der Bundeswehr vom Aufstellen eigener Führungsfähigkeit und eigener Führungsstäbe wie dem Heeresführungskommando, Luftwaffenführungskommando und Einsatzführungskommando begleitet. Heute ist die Bundeswehr vom Prinzip her sehr wohl national führbar, aber sie ist natürlich nach wie vor in die militärischen Strukturen der NATO, aber auch der Europäischen Union, voll integriert.

SB: Gibt es aus Ihrer Sicht spezifisch deutsche Interessen im Verhältnis zu Rußland, die den amerikanischen partiell zuwiderlaufen, oder hat die transatlantische Fraktion eindeutig die Oberhand?

JR: Wenngleich die Transatlantiker-Fraktion enormen Druck ausübt, wird meines Erachtens gerade am Beispiel der Ukraine die Kluft zwischen den Transatlantikern und den Europäern, um sie einmal so zu bezeichnen, deutlich. Nachzulesen war das neulich im Zentralorgan des deutschen Bellizismus und Transatlantizismus, nämlich der Wochenzeitung Die Zeit. Dort fand man einen Leitartikel von Bernd Ulrich und einen Seite-3-Artikel unter dem Rubrum "Mehr als ein Streit", der darauf abhebt, daß es massive Interessengegensätze zwischen der von Deutschland angeführten Europäische Union und den USA gibt. Frau Merkel wird persönlich als diejenige benannt, die dafür sorgt, daß die Amerikaner mit ihrem Projekt Waffenlieferung an die Ukraine bis dato keinen Fuß auf den Boden bekommen. Spannend ist auch dieses sogenannte Normandie-Format, was ja nichts anderes heißt, als daß Frau Merkel, Hollande, Poroschenko und Putin miteinander dealen und die Amerikaner nicht direkt mit von der Partie sind, wobei man natürlich davon ausgehen muß, daß sie im Hintergrund mitwirken.

Ich interpretiere ohnehin den Ukraine-Rußland-EU-NATO-Konflikt als eine Auseinandersetzung, die nicht zuletzt durch die Wahrnehmung der USA inspiriert und befeuert wurde, daß sich in den letzten 25 Jahren seit der deutschen Vereinigung zwischen Deutschland und Rußland ein Verhältnis entwickelt hat, das immer intensiver wurde. Für Deutschland sind diese Beziehungen von erheblicher ökonomischer Bedeutung, während die USA kaum Handel mit Rußland treiben. Aus amerikanischer Sicht bestand nun zusätzlich die Gefahr, daß angesichts der deutschen Hegemonie in der Europäischen Union die Dinge ins Rutschen geraten und sich auf eine Eurasische Union zubewegen könnten, die für die USA ein zentrales Schreckgespenst darstellt. Der Ukraine-Konflikt wurde von den Amerikanern befeuert, aus deren Sicht es nicht zuletzt darum ging, die Deutschen und in deren Gefolge die Westeuropäer wieder auf Linie zu bringen.

Der Kulminationspunkt war spätestens dann erreicht, als auch Putin von dieser Vision der Eurasischen Union sprach. Es stecken natürlich massive Rapallo-Ängste hinter dieser US-getriebenen Politik, die dann maßgeblich für den Putsch in Kiew verantwortlich war. Victoria Nuland hat bekanntlich offen zugegeben, daß fünf Milliarden US-Dollar in den Regime-Change in Kiew investiert worden sind. Es handelt sich dabei um ein US-amerikanisches Projekt, das von langer Hand geplant und vorbereitet wurde. Man kann das schon 1997 bei Zbigniew Brzezinski nachlesen, der präzise prognostiziert hat, daß sich die Ukraine in den Jahren 2005 bis 2015 entscheiden müsse, ob sie zum Westen gehört oder weiterhin im Einflußbereich Rußlands verbleiben will. Er hat die Ereignisse fast aufs Jahr genau vorausgesagt. Man muß daher nicht überrascht sein, wenn sich diese Vorhersage dann tatsächlich bewahrheitet. Was wir in diesem Zusammenhang sehen ist insofern ein Indikator dafür, daß es unterschiedliche Interessenlagen zwischen Deutschland samt der Europäischen Union und den USA gibt. Allerdings versuchen die westlichen Akteure insgesamt noch zu vermeiden, daß es zum offenen Buch kommt. Aber die Brüche sind unübersehbar, wenn man genauer hinsieht.

SB: Unter der Doktrin des Antiterrorkriegs, der mit offenem Ende angekündigt worden ist, steht zu befürchten, daß diese Kriegsführung weiter eskaliert. Welche Position nimmt die Bundeswehr in dieser Frage ein und welche Konsequenzen hat dies für die Einstellung der Soldatinnen und Soldaten in der Truppe?

JR: Das ist ein spannendes Thema, auf das ich aus Zeitgründen in meinem Vortrag verzichten mußte. Ich hatte in diesem Zusammenhang einige aussagekräftige Zitate beispielsweise von George Tenet herausgesucht, der vom Weltkrieg, vom permanenten Krieg, sprach oder auch von David Petraeus, der sagte, unsere Kinder und Kindeskinder werden noch in diesem Krieg kämpfen. Der in diesem Kontext ebenfalls zu zitierende ehemalige Heeresinspekteur Hans-Otto Budde hat mit unübertrefflicher Logik beigesteuert: Dieser Krieg gegen den Terror wird ewig dauern, aber wir werden ihn gewinnen. Ihm ist offenbar nicht klar, daß beides zusammen nicht möglich ist. Entweder dauert ein Krieg ewig, weil man ihn eben nicht verliert oder gewinnt. Wenn man ihn aber einmal gewonnen hat, ist er per Definition mit dem Sieg auch beendet.

Das zeigt im Grunde genommen, wie orientierungslos die Bundeswehrführung operiert, die sich offenbar vorbehaltlos an den US-amerikanischen Vorgaben orientiert. Der deutsche Generalmajor Winfried Dunkel, ehemals Chef im Streitkräfteamt, hat das einmal vielsagend auf den Punkt gebracht, als er in der Information für die Truppe in einem Interview sagte: "Ich habe mich von den Amerikanern einkaufen lassen." Er meinte das natürlich nicht im pekuniären Sinne, sondern mental und intellektuell. Ich sage immer, die deutsche Generalität läuft mit dem Tattoo "Brainwashed by USA" auf der Stirn durch die Landschaft.

SB: Trifft es auch in dieser Hinsicht zu, daß hochrangige Akteure im aktiven Dienst widerspruchslos Handlungen vornehmen, zu deren Kritikern sie erst in einem späteren Lebensabschnitt werden?

JR: Das ist weit verbreitet. Der Erkenntnisprozeß setzt oftmals erst dann ein, wenn die betreffenden ehemaligen Militärs pensioniert sind. Das ist freilich kein Spezifikum der Bundeswehr-Generalität, das findet man interessanterweise gerade auch im US-amerikanischen oder britischen Bereich. Regelrecht spektakulär waren in der Zeit des Kalten Krieges die Diskussionen um den sogenannten NATO-Doppelbeschluß, bei denen sich "Generäle für den Frieden" zusammenfanden und ganz massiv gegen die nukleare Aufrüstung Stellung bezogen. Es ist ein weitverbreitetes Phänomen, daß man nach der Pensionierung plötzlich auch sein Gewissen und seine Meinungsäußerungsfreiheit wiederentdeckt.

SB: Die Bundeswehr führt eine Werbekampagne unter dem Motto "Wir.Dienen.Deutschland." durch und geht zu Werbezwecken sogar in die Schulen. Satteln solche Initiativen lediglich auf frühere Kampagnen auf oder wird damit spürbar eine veränderte Einstellung der Bevölkerung zu den Streitkräften befördert?

JR: Wie jedes Unternehmen muß auch die Bundeswehr in die Nachwuchsgewinnung investieren. Sie begreift sich nicht zuletzt als ein öffentlich-rechtliches Unternehmen für Sicherheit. Werbekampagnen gab es schon während des Kalten Krieges, wenn man sich beispielsweise an Slogans wie "Wir produzieren Sicherheit" erinnert. Im Grunde genommen wurde also schon damals PR-Arbeit geleistet, so daß dieses Phänomen nicht ganz neu ist. In diesem Zusammenhang spielt der Systemwechsel von der Wehrpflicht zur Freiwilligenarmee selbstverständlich eine gewisse Rolle. Dabei war es schon zu Zeiten der Wehrpflichtarmee so, daß 60 Prozent des Nachwuchses an Zeitsoldaten und Berufssoldaten über die Freiwilligenorganisation rekrutiert worden sind und nur etwa 40 Prozent aus den Reihen der Wehrpflichtigen stammten.

Heute muß man natürlich 100 Prozent aus denjenigen gewinnen, die sich freiwillig zur Verfügung stellen, wobei unter dem Vorzeichen des demographischen Wandels die Zahl der im Prinzip zur Verfügung stehenden jungen Männer und Frauen abnimmt. Im Wettbewerb mit der zivilen Wirtschaft muß man da mehr tun und mehr investieren, weil man einen strukturellen Nachteil zu kompensieren hat. Wer in die Wirtschaft geht, lebt in der Regel nicht mit der Gefahr, daß die Luft plötzlich eisenhaltig wird. Das persönliche Risiko ist beim Militär natürlich höher, weshalb man die Bedingungen in der Bundeswehr so gestalten müßte, daß diese wettbewerbsfähig ist. Im Grunde genommen muß die Bundeswehr etwas attraktiver sein als eine Tätigkeit im zivilen Bereich, und unter diesem Aspekt sind die Werbekampagnen in erster Linie zu sehen.

SB: Hat die in Politik und Medien vielfach erhobene Forderung, den Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr stärkere Anerkennung für ihren als aufopferungsvoll bezeichneten Dienst zu zollen, aus Ihrer Sicht Wirkung gezeitigt? Wird das Soldatentum in der deutschen Bevölkerung inzwischen wieder akzeptiert und positiv konnotiert?

JR: Auf der einen Seite ist das ein alter Hut, weil Soldaten geliebt werden wollen. Vor allen Dingen ist es dienstgradabhängig, da die Generäle am liebesbedürftigsten sind. Wenn man denen nicht jeden Tag sagt, welch wertvollen Dienst sie für das Vaterland leisten, sind sie irgendwann völlig frustriert, um es einmal etwas ironisch zu formulieren. Das kennen wir schon seit langem, daß Soldaten gebauchpinselt werden wollen. Das ist auch nichts spezifisch Deutsches, sondern geht im Prinzip bis in die Antike zurück. Wenn man bei Cora Stephan nachliest, was sie über "Das Handwerk des Krieges" schreibt, wird das deutlich. Sie spricht von der Kommunion zwischen den Kriegern und der Zivilgesellschaft, deren Übereinkunft sich des Arguments bedient, ihr Krieger setzt eure Gesundheit und euer Leben aufs Spiel, und wir als Zivilgesellschaft versichern, daß wir euch nie vergessen werden. Daher rühren all die Rituale und soldatischen Ehrenmäler. Man muß sich nur einmal die Frage stellen, wie ein Mensch auf die im Grunde eher abwegige Idee kommt, sich ganz altruistisch für die Gemeinschaft opfern zu wollen.

Das läuft grundsätzlich über diesen Mechanismus und spielt bei uns in Deutschland wieder eine größere Rolle als in der jüngeren Vergangenheit. Nach der Überhöhung des Militärischen im Kaiserreich, die unter dem NS-Regime noch potenziert wurde, war infolge des Desasters von 1945 das Militärische jahrzehntelang völlig desavouiert. Das Ansehen der Bundeswehr und ihrer Soldaten verharrte lange auf einem sehr niedrigen Niveau. Das hat sich inzwischen erheblich geändert, sind doch die Akzeptanzwerte der Bundeswehr so hoch wie nie. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung haben großes Vertrauen in die Bundeswehr und finden sie völlig in Ordnung, wenngleich sie nicht unbedingt selber mitmachen wollen. Das muß man auseinanderhalten.

Dieser Trend wird mittlerweile von einem neotraditionalistischen Heldenkult und Kämpferkult flankiert, den man in verschiedensten Ausdrucksformen antrifft. Wir haben plötzlich wieder ein Kriegerdenkmal, und weil man das natürlich nicht so nennen darf, heißt es eben Ehrenmal. Wir haben einen Ehrenhain, der erst letztes Jahr in Geltow beim Einsatzführungskommando eröffnet wurde. Und wir haben wieder Gefechtsmedaillen und Orden für militärische Tapferkeit, die teilweise auf völlig ahistorische Weise verwendet werden. So ist der militärische Tapferkeitsorden, der vor einigen Jahren für die Bundeswehr neu konzipiert wurde, mit goldenem Eichenlaub umkränzt. Im Dritten Reich war die höchste Tapferkeitsauszeichnung das goldene Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Und dieses goldene Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten wurde nur ein einziges Mal verliehen. Die meisten wissen wahrscheinlich nicht an wen, das war der berühmte Stuka-Oberst Hans-Ulrich Rudel, der bis zu seinem Tode ein fanatischer Nationalsozialist blieb. Offenbar herrscht in Bundeswehrkreisen militärhistorisch völlige Unkenntnis, zumindest aber bei jenen, die für die Gestaltung aktueller Orden verantwortlich sind. Andernfalls wären sie wohl kaum auf die Idee gekommen, den neuen militärischen Tapferkeitsorden mit einem goldenen Eichenlaub zu verzieren.

SB: Ungeachtet solcher Entwicklungen wie auch der wachsenden Kriegsgefahr in Europa wirken Sie persönlich keineswegs entmutigt, was Ihre kritische Position betrifft.

JR: Warum sollte ich das sein? Martin Luther sagte einmal: "Wenn ich wüßte, daß morgen die Welt untergeht, würde ich heute trotzdem noch ein Apfelbäumchen pflanzen." Man darf das Projekt der Aufklärung nicht aufgeben, sonst kann man ja gleich einpacken.

SB: Herr Rose, vielen Dank für dieses Gespräch.


Fußnote:

[1] http://www.ngfp.de/


Bisherige Beiträge zur NGfP-Konferenz in Berlin im Schattenblick unter
www.schattenblick.de → INFOPOOL → SOZIALWISSENSCHAFTEN → REPORT:

BERICHT/029: Krieg um die Köpfe - auf die Füße stellen ... (SB)
BERICHT/030: Krieg um die Köpfe - Miles legalitus ... (SB)
INTERVIEW/024: Krieg um die Köpfe - teile und kriege ...    Dr. Moshe Zuckermann im Gespräch (SB)
INTERVIEW/025: Krieg um die Köpfe - Angriff ausgeschlossen ...    Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder im Gespräch (SB)
INTERVIEW/027: Krieg um die Köpfe - Rückwärts voran ...    Dr. Peer Heinelt im Gespräch (SB)

15. April 2015


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