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FORSCHUNG/049: Der lange Weg der Gewaltforschung (Uni Bielefeld)


BI.research 30.2007
Forschungsmagazin der Universität Bielefeld

Der lange Weg der Gewaltforschung

Ein Gespräch mit dem Geschäftsführenden Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer


FRAGE: Zehn Jahre IKG - wie kam die Gründung des Instituts seinerzeit zustande?

PROF. DR. WILHELM HEITMEYER: Das Problem für Forschungen, wie wir sie über das Institut durchführen, war vor dessen Gründung, dass es immer nur sehr konjunkturabhängige kurzzeitige Förderungen gab. Wenn es aus Sicht der Politik bei bestimmten Problemen "nicht mehr brannte", etwa bei rechtsextremer Gewalt also vor allem das Medieninteresse nachließ, ließ auch die Bereitschaft nach, Forschung zu diesen Problemen zu fördern. Wir hatten großes Interesse daran, uns wirklich über lange Zeiträume und unabhängig von Förderkonjunkturen mit Konflikten in der Gesellschaft auseinander zu setzen. Vor allem gab es dazu vorher Erfahrungen im Sonderforschungsbereich 227, der sich mit Prävention und Intervention im Kindheits- und Jugendalter befasste. Von der Idee zu einem Institut bis zu dessen Gründung vergingen fünf Jahre. Es gab dazu eine lange und komplizierte Diskussion im Wissenschaftsministerium. Die damalige Wissenschaftsministerin Anke Brunn hat sich aber letztlich nicht beirren lassen und Grundlagen für die Institutsgründung geschaffen. Vom Innenminister Schnoor kam damals ein unterstützender Brief.

FRAGE: Sie haben mehrfach früh auf bedrohliche Phänomene hingewiesen, zum Beispiel schon in den 80er Jahren vor einer rechtsradikalen Welle gewarnt und auch früh den Islamismus als ernstzunehmendes Problem benannt. Das hat nicht unbedingt immer Begeisterung ausgelöst.

PROF. DR. WILHELM HEITMEYER: Dass der Rechtsextremismus sehr viel mehr als ein Nischenphänomen werden würde, ließ sich schon in den 80er Jahren - also vor der deutschen Einheit - unter anderem aus unseren Studien mit Bundesliga-Fans ableiten. Das haben wir gegenüber dem Innen- und dem Kultusministerium deutlich gemacht. Aus dem Kultusministerium kam dann die Antwort: "Keine Sorge - wir beobachten das!" Und es passierte natürlich nichts. Sehr empfindlich reagierten damals die beteiligten Bundesliga-Vereine, die bestimmten Tatsachen in ihrem Umfeld offensichtlich nicht ins Auge blicken wollten. Die heftigsten Reaktionen - und zwar von allen Seiten und nicht nur den Betroffenen selbst - gab es allerdings nach einer Untersuchung zum "verlockenden Fundamentalismus" bei türkischen Jugendlichen. Das wurde heftig als nicht politisch korrekt kritisiert, sogar als fremdenfeindlich und rassistisch - übrigens auch von Wissenschaftlern. Heute würde das sicher anders gesehen. Aber das Tragische an sozialwissenschaftlichen Untersuchungen ist generell, dass man aufgrund empirischer Studien erst vor bedenklichen Tendenzen warnen kann, wenn sie schon da sind und es für Prävention eigentlich schon zu spät ist.

FRAGE: Bei der Gründung des IKG legte Ihnen der damalige Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin Friedhelm Neidhardt nahe, einen Schwerpunkt auf Langzeitstudien zu legen. Geht darauf auch das 10-Jahres-Projekt zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) zurück?

PROF. DR. WILHELM HEITMEYER: Langzeit-Untersuchungen gab es vorher schon, zum Beispiel eine 1985 aufgenommen DFG-geförderte Studie zum Rechtsextremismus, die 1992 veröffentlicht wurde, und später das DFG-geförderte IKG-Jugendpanel mit sechs Jahren Laufzeit, das sich um deutsche, türkische und russlanddeutsche Jugendliche drehte.

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende ist ein Mitarbeiter vom Bundeskriminalamt. Man einigt sich, das Gespräch in der nächsten Woche in Ruhe zu führen - spontane Neugierde beim Bi.research-Redakteur:

FRAGE: Gibt es solche Anrufe öfter?

PROF. DR. WILHELM HEITMEYER: Solche Initiativen gibt es häufig. Eine ehemalige Mitarbeiterin des IKG arbeitet inzwischen im BKA, und es werden Kooperationsbeziehungen ausgelootet. Es gibt eine ganze Reihe von Kooperationen mit Partnern aus der Praxis. Wir bemühen uns, in diesem Zusammenhang breite Netzwerke aufzubauen. Aber zurück zur GMF-Studie: Für Vorurteilsforscher kam deren grundlegende Idee überraschend. Uns geht es zum Beispiel nicht um unterschiedliche Opfergruppen. Da gibt es schnell die bedenkliche Tendenz, Rangordnungen zu etablieren, bei denen zum Beispiel Obdachlose und Schwule weiter unten landen. Stattdessen geht es um ein Syndrom, um die Erklärung der Entwicklung des Spektrums menschenfeindlicher Einstellungen in der Bevölkerung generell. Dazu benutzen wir Survey- und Panelelemente, also auch die wiederholte Befragung derselben Personen über einen langen Zeitraum hinweg. Wir haben zum Beispiel vor und nach der Fußball-WM Messungen vorgenommen. Dabei wurde ganz klar, dass der schöne Sommer mit dem Besuch bei Freunden nichts mit dem Alltag in Deutschland zu tun hatte. Das war auch keine wirkliche Überraschung: Als Frankreich 1998 Weltmeister wurde, feierte man dort die farbige Mannschaft, und gleichzeitig lief der Rassismus in der Bevölkerung weiter. Was uns im Zusammenhang mit der GMF-Studie besonders freut, ist ihre Anziehungskraft auf internationale Top-Leute in der Forschung. Man rechnet gerne mit unseren Daten, weil die als qualitativ besonders hochwertig angesehen werden.

FRAGE: Wie sieht es mit der Aufnahme Ihrer Ergebnisse in den Medien aus. Müssen Sie dabei permanent auf Trivialisierung und Schlimmeres gefasst sein?

PROF. DR. WILHELM HEITMEYER: Ich versuche, die Medienkontakte stark nach der Devise "Weniger ist mehr!" zu kontrollieren. Im Printbereich arbeite ich mit wichtigen überregionalen Tageszeitungen wie SZ, FR, Tagesspiegel oder taz zusammen. Und vor allem die ZEIT spielt natürlich eine wichtige Rolle als Medienpartner im Zusammenhang mit der GMF-Studie. Pressemitteilungen geben wir nicht heraus, weil die Agenturen geradezu gezwungen sind, sie zuzuspitzen und damit schnell zu trivialisieren. Hörfunksendungen bevorzuge ich, wenn sie live sind und nicht geschnitten werden können, und in Fernseh-Talkshows gehe ich gar nicht.

FRAGE: Die Gründung des IKG stand aktuell im Zeichen von Rechtsextremismus-Problemen und der allmählichen Wahrnehmung des Islamismus als gravierende gesellschaftliche Herausforderung. Womit wird sich das Institut in zehn Jahren beschäftigen?

PROF. DR. WILHELM HEITMEYER: Da bin ich sehr vorsichtig mit Prognosen. Eine beliebte Frage ist, ob wir bald französische Zustände in den Städten bekommen. Dazu fehlen hier aber wichtige Elemente, die in Frankreich eine entscheidende Rolle spielen, wie zum Beispiel ein viel stärker institutionalisierter Rassismus oder das Feindbild Polizei. Bei uns wird es sicher weiter um soziale Desintegration gehen, um stärkere Segregation und die Änderung der Relationen zwischen der Migrantenpopulation und der alteingesessenen Bevölkerung. Stärker beobachtet werden müssen Phänomene wie die Veränderung der ostdeutschen Städte durch das Fortziehen der erfolgreicheren Gruppen und den Verbleib von jungen Männern ohne Perspektiven. Solche neuen Sozialräume zu betrachten ist die Linie des IKG. Vor einem modischen "Themen-Hopping" kann man aber nur warnen.

BI.RESEARCH-REDAKTEUR: Herr Professor Heitmeyer, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Dr. Wilhelm Heitmeyer, geb. 1945, ist Professor für Sozialisation an der Universität Bielefeld. Er war seit 1982 Leiter verschiedener Forschungsgruppen zu Rechtsextremismus, Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und ethnisch-kulturellen Konflikten. Dazu gehört auch die Projektleitung im Rahmen des Sonderforschungsbereiches 227 "Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter". Seit 1996 ist er Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung.


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Quelle:
BI.research 30.2007, Seite 6-9
Forschungsmagazin der Universität Bielefeld,
Herausgeber: Universität Bielefeld
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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. August 2007