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FORSCHUNG/085: Tagungsbericht - Rebellion und Revolution, global betrachtet (WZB)


WZB Mitteilungen - Nr. 138/Dezember 2012
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung

Rebellion und Revolution - global betrachtet
Konferenzbericht

von Sabine Berking



Konferenz "From Rebellion to Revolution", 16. Berliner Kolloquien zur Transnationalität, veranstaltet vom WZB, der Irmgard Coninx Stiftung und der Humboldt-Universität zu Berlin, 17. - 20. Oktober 2012

Warum kommt es in den unter der Finanzkrise und dem Druck der neoliberalen Dominanz ächzenden Staaten des Westens nicht zu massiveren Protesten? Wohin driften die Länder der arabischen Welt nach den politischen Umbrüchen der letzten zwei Jahre? Wie entstehen politische, darunter auch militante Protestbewegungen und wie rekrutieren sie ihre Gefolgschaft? Unter welchen Bedingungen können soziale Bewegungen und Revolutionen überhaupt erfolgreich sein? Wer trägt den Unmut auf die Straße und wer ergreift die Macht?

200 Wissenschaftler hatten dazu Papiere aus ihrer Forschung eingereicht. Die Fallbeispiele der gut 50 ausgewählten Teilnehmer reichten unter anderem von den Studentenprotesten in Chile, Occupy in den USA, den Zapatistas in Mexiko und der Tulpenrevolution in Kirgisien bis hin zu militanten Maoisten in Indien und Nepal. Neben der Dynamik der jüngsten Umbrüche in der arabischen Welt ging es auch um historische Erfahrungen: China, Jugoslawien, Iran, Polen, die Philippinen und die unvollendete Revolution der Jungtürken.

Mit einem Rückgriff auf Karl Polanyis Buch "The Great Transformation" verwies Nancy Frazer in ihrem Eröffnungsvortrag auf die Auflösung des alten dualen Modells zwischen Marktliberalen einerseits und protektionistischen Bewegungen wie Gewerkschaften und Sozialverbänden andererseits, denen es unter den Bedingungen eines starken Nationalstaats und des Kalten Kriegs gelungen war, die Marktkräfte zurückzudrängen. Diesem Modell fügte sie eine dritte Komponente, die der Emanzipation, hinzu. Diese Kraft könne sich entscheiden. Entweder verbündete sie sich mit den Marktliberalen, wie es beispielsweise Teile des Feminismus täten, indem sie in einen Wettbewerb um ökonomische und politische Macht und nicht um soziale Gerechtigkeit treten.

Oder sie verbünde sich mit dem Protektionismus, wie etwa nationalistischen Bewegungen. Natürlich sind auch Koalitionen möglich, die eine Wende hin zu mehr Demokratie und sozialer Gerechtigkeit herbeiführen können. So sah Frazer in der Occupy-Bewegung protektionistische und emanzipatorische Bestrebungen vereint.

Wenn es um Rebellionen gegen autokratische Regime geht, scheint dieses Modell jedoch an Grenzen zu stoßen. Emanzipatorische Bestrebungen treffen hier auf andere Hindernisse als den Markt oder Schutzbewegungen. Dass der Weg von der Revolution zur Demokratie steiniger ist als der von der Rebellion zur Revolution, verdeutlichte der Politologe und Abgeordnete für die liberale Partei Freiheitliches Ägypten Amr Hamzawy. Die Macht, die sich vor allem junge Ägypter und Ägypterinnen im öffentlichen Raum erkämpft haben, werde inzwischen von islamistischen Kräften usurpiert. Dies geschehe auch deshalb, weil sich niemand an eine Umstrukturierung von Verwaltung und Armee gewagt habe, was kurzfristig auch kaum machbar erscheine. Die wirklich brennenden sozialen Fragen würden von den Muslimbrüdern, die seit Kurzem regieren, kaum in Angriff genommen, und die Rechte von religiösen Minderheiten und Frauen stehen im Kampf um eine neue Verfassung zur Disposition.

Jeff Goodwin (New York University) und John Foran (University of California, Santa Barbara), die seit Langem revolutionäre Umbrüche und soziale Bewegungen untersuchen, sahen das Ende der Ära der Revolutionen nicht gekommen. Zwar seien die großen Revolutionen historisch ohnehin die Ausnahme, doch stehen dem 21. Jahrhundert weitreichende und bisher überwiegend friedlich begonnene Umwälzungen bevor, die die mit den 1968ern in die Jahre gekommene klassische Revolutionsforschung zum Teil noch gar nicht erfasse. Dass "friedlich" ein relativer Begriff ist, verdeutlichte die anschließende Diskussion mit Verweis auf die Zahl der Toten in Ägypten. Und ob die durch demokratische Wahlen erzwungenen und von beiden Referenten begrüßten revolutionären Umwälzungen in Ländern wie Venezuela auch weiterhin auf dem Boden der Demokratie stehen, wurde mit Blick auf die Amtsführung von Hugo Chávez in der Diskussion vehement in Frage gestellt.

In den drei Workshops, die neben John Foran und Robin Celikates (Universität Amsterdam) von Wolfgang Merkel und Christoph Stefes (beide WZB) sowie Jeff Goodwin und Sonja Hegasy (Zentrum Moderner Orient Berlin) geleitet wurden, ging es dann um die konkrete Dynamik einzelner Umbrüche und Bewegungen: das Militär, Eliten, oppositionelle Kräfte, um Jugendbewegungen und Medien. Die Bedeutung des Internet und der neuen Medien, die in der Wahrnehmung des Westens immens war, werde überschätzt, hieß es in zahlreichen Papieren. Zudem spalteten sich die vor allem jungen Protestler, etwa in Ägypten, in eine im eher sicheren Hinterzimmer global twitternde Minderheit und eine auf den Straßen demonstrierende, gewissermaßen proletarische Masse.

Dass die jungen Revolutionäre an der politischen Machtverteilung kaum noch beteiligt sind, scheint von Ägypten über Tunesien bis hin ins Jugoslawien nach der Bulldozer-Revolution gleich zu sein, ebenso wie die Tatsache, dass ökonomische Ursachen nur in Verbindung mit Freiheitsbestrebungen Auslöser für eine Revolution sind. Am Beispiel der MENA-Staaten wurde deutlich, dass hier die ökonomische Ungleichheit verglichen mit anderen Weltregionen gering ausfiel. Entscheidender schienen die Zukunftserwartungen zu sein: die Zahl junger Akademiker, die ihre Karriere im staatlichen Sektor planten, ist drastisch gestiegen, während der Markt - vor allem durch Korruption und Nepotismus - gesättigt ist. Ähnliche Entwicklungen lassen sich im Iran, aber auch in westeuropäischen und in asiatischen Ländern, etwa in Südkorea, beobachten.

Radikale Umbrüche sind nicht ohne Risiko. Darauf wies eine Teilnehmerin aus Nigeria mit Vehemenz hin. Sie befürchtete als Folge des arabischen Frühlings eine weitere Destabilisierung in Subsahara-Afrika. Mali könne da erst der Anfang sein. Die Wirkung radikaler Umbrüche muss nicht zwangsläufig positiv sein; eher selten und dann allenfalls sehr langfristig münden sie in demokratische Systeme. Schließlich werden sie nur dann als Option gewählt, wenn die Massen, wie Leo Trotzki es in seiner Analyse der russischen Revolution formulierte, keinen anderen Ausweg sehen.


Bildunterschrift einer im Schattenblick nicht veröffentlichten Abbildung der Originalpublikation:
Revolution und Aufbruch. Nach dem Sieg bei der Präsidentschaftswahl in Ägypten feierten im Juni 2012 Anhänger des Wahlsiegers Mohammed Mursi auf Kairos Straßen.

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Quelle:
WZB Mitteilungen Nr. 138, Dezember 2012, Seite 54-55
Herausgeberin:
Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung
Professorin Jutta Allmendinger Ph. D.
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veröffentlicht im Schattenblick zum 29. März 2013