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MELDUNG/091: Bernard Hopkins nimmt späte Revanche an Roy Jones (SB)


Klarer Punktsieg im enttäuschenden Duell zweier ehemaliger Stars


Als Bernard Hopkins und Roy Jones jr. 1993 in Washington im Kampf um die vakante Weltmeisterschaft der IBF im Mittelgewicht aufeinandertrafen, ging Jones als Punktsieger aus diesem Duell hervor, sicherte sich seinen ersten Titel und legte den Grundstein zu einer Erfolgsgeschichte, die ihn zum dominanten Boxer der neunziger Jahre machte. Experten kürten ihn zum besten Faustkämpfer aller Gewichtsklassen, und er trug diesem Ruf Rechnung, indem er Weltmeister im Supermittelgewicht, Halbschwergewicht und vorübergehend sogar im Schwergewicht wurde, für das ihm jedoch auf Dauer die physischen Voraussetzungen fehlten. Hopkins erwarb in der Folge ebenfalls den Ruf einer Legende, da er auf dem Höhepunkt seines Könnens alle vier maßgeblichen Titel im Mittelgewicht in seinen Besitz brachte. Die beiden trafen jedoch nicht mehr im Ring aufeinander, bis sie nun nach 17 Jahren eine Revanche inszenierten, die viel zu spät kam, um den daran geknüpften Erwartungen gerecht zu werden.

Der mittlerweile 45jährige Bernard Hopkins besiegte seinen vier Jahre jüngeren Kontrahenten vor 6.792 Zuschauern im Mandalay Bay Hotel in Las Vegas über zwölf Runden klar nach Punkten. Er gewann fast jede Runde ihres Kampfs im Halbschwergewicht und verkraftete auch einen Schlag auf den Hinterkopf kurz vor Ende der sechsten Runde, worauf er eigenen Angaben zufolge in den folgenden Durchgängen schwarze Punkte vor Augen hatte und später in seiner Kabine zusammenbrach. Beide versuchten, die geschwundene Schnelligkeit, Kondition und Schlagwirkung früherer Tage durch Routine und grenzwertige Tricks zu kompensieren, wobei Jones tendentiell vorwärts marschierte, während Hopkins konterte und auf seine Trefferwirkung setzte.

In der zweiten Runde trug Jones eine Rißwunde über dem linken Auge davon, da er Mühe mit der stabilen Deckung seines Gegners hatte und immer wieder Treffer einstecken mußte. In einem Clinch gegen Ende der sechsten Runde mußte Hopkins den erwähnten Schlag gegen den Hinterkopf einstecken, worauf er sofort zu Boden ging und eine Auszeit von etwa drei Minuten nahm. Dann kam er wieder auf die Beine und bearbeitete Jones mit einem Hagel wilder Schläge, bei dem es die Zuschauer nicht mehr auf ihren Sitzen hielt. Die Kontrahenten schlugen auch nach dem Schlußgong dieses Durchgangs weiter aufeinander ein, bis Ringrichter Tony Weeks sie gewaltsam trennte und im einsetzenden Tumult ein Betreuer von Jones in den Ring sprang, der die Sicherheitskräfte auf den Plan rief.

Im achten Durchgang wiederholte sich die Szene, als Jones diesmal mit seiner Rechten erneut regelwidrig zum Hinterkopf schlug und Hopkins sich sofort auf ein Knie fallen ließ. Nicht allzu wählerisch in seinen Mitteln, verpaßte Roy Jones seinem Gegner in der zehnten Runde einen Tiefschlag, worauf Hopkins eine weitere Auszeit nahm. Im elften Durchgang durfte dann Jones eine Pause einlegen, nachdem ihm Hopkins einen weiteren Kopfstoß verpaßt hatte. Diese unsauberen Aktionen waren ebenso bezeichnend für den Mangel an boxerischer Finesse wie die offensichtlichen Manöver von Hopkins, bei jeder sich bietenden Gelegenheit eine Regelwidrigkeit seines Gegners zu monieren und sich zu erholen.

So erlebten die Zuschauer neben wilden Prügeleien eine ganze Reihe schauspielerischer Einlagen, die sie mit einem empörten Pfeifkonzert quittierten. Beide Boxer agierten über lange Strecken behäbig, wobei Jones zu wenig Initiative entwickelte und Hopkins eher einzelne Nadelstiche setzte, als Druck zu entfalten. Ringrichter Weeks, der angesichts der unfairen Aktionen und beträchtlichen Theatralik erstaunlich souverän seines Amtes waltete und sich nicht aufs Glatteis führen ließ, kürzte mit seinen energischen Ermahnungen manche Kunstpause ab. Beide Boxer wurden nach dem Kampf zur Untersuchung ins Krankenhaus gebracht.

Am Ende stand ein klarer Punktsieg für Bernard Hopkins zu Buche, wobei Don Trella und Glenn Trowbridge jeweils 117:110 notiert hatten, während sich Dave Morettis Zettel auf 118:109 summierten. Hopkins konnte dank dieses Erfolgs seine Bilanz auf 52 Siege, fünf Niederlagen und ein Unentschieden verbessern. Für Jones stehen nun 54 gewonnenen Kämpfen sieben verlorene gegenüber. Entscheidend ist indessen, daß Bernard Hopkins von seinen letzten sechs Kämpfen seit 2005 fünf gewonnen hat, während Roy Jones nunmehr sechs seiner letzten elf Auftritte verloren und seinen vormaligen Ruf weitgehend ruiniert hat, so daß es höchste Zeit ist, seine Karriere zu beenden, ehe er schwere gesundheitliche Schäden davonträgt.

"Er ist ein defensiver Boxer und hat schlau gekämpft", zog Jones nach seiner Niederlage Bilanz. "Ich mußte ihn die ganze Zeit jagen. Der Ringrichter verwarnte ihn nicht wegen seiner Kopfstöße, während ich jedesmal eine Verwarnung erhielt, wenn ich etwas unternahm", beklagte er sich. Er werde nun mit seinem Vater und den Trainern beraten, ob es noch Sinn macht, weiter in den Ring zu steigen.

"Es hat sich definitiv gelohnt und es war eine süße Rache", triumphierte Hopkins nach seinem Sieg. "Das war stürmisch. Er ist ein wirklich guter Kämpfer", lobte er seinen Gegner, um sogleich das nächste Ziel ins Auge zu fassen: "Die Leute werden glauben, der Schlag auf meinen Hinterkopf hat mich ein bißchen verrückt gemacht, aber ich will David Haye", erklärte er und nahm mit diesen Worten den britischen WBA-Champion im Schwergewicht aufs Korn, der am selben Abend vor 20.000 Zuschauern in Manchester den US-amerikanischen Herausforderer John Ruiz durch Abbruch in der neunten Runde besiegt hatte.

5. April 2010



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