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MELDUNG/184: Amtsgericht Stuttgart erläßt Strafbefehl gegen Tajbert (SB)



Knapp einjährige Freiheitsstrafe zur Bewährung ausgesetzt

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat einen Strafbefehl gegen Weltmeister Vitali Tajbert beantragt, der daraufhin vom Amtsgericht erlassen worden ist. Dem 28jährigen wird gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt, da er im Verlauf eines Streits einen Mann ins Gesicht geschlagen hat, der zu Boden stürzte und sich dabei lebensgefährliche Verletzungen zuzog. Dem WBC-Titelträger im Superfedergewicht droht eine Freiheitsstrafe von knapp einem Jahr, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Das sagte Claudia Krauth, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Stuttgart, die damit einen Bericht der "Stuttgarter Nachrichten" bestätigte. Sollte der gebürtige Kasache nicht innerhalb von vierzehn Tagen gegen den Strafbefehl Einspruch einlegen, wird dieser rechtskräftig und Tajbert gilt als vorbestraft.

Am 27. Dezember 2009 war es bei einer russischen Nacht in der Stuttgarter Discothek "The Paris Club" zu Auseinandersetzungen gekommen, an denen sich zahlreiche Besucher beteiligten. Vitali Tajbert geriet dabei in Streit mit einem anderen Mann, in dessen Verlauf er den 23 Jahre alten Kontrahenten mit einem Faustschlag niederstreckte. Das Opfer mußte mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht werden. Der junge Mann aus Illertissen lag tagelang im Koma und mußte mehrere Monate lang stationär behandelt werden. Ob die Verletzungen unmittelbar durch den Schlag oder vielmehr durch den anschließenden Sturz auf den Boden hervorgerufen wurden, blieb unklar.

Gegen Vitali Tajbert wurde daraufhin wegen Körperverletzung ermittelt. Erste Atemalkoholtests ergaben bei ihm und seinem Kontrahenten zwischen einem und 1,5 Promille. Betrunken waren auch die meisten anderen Raufbolde, die zu trennen der Polizei erst mit Verstärkung möglich war.

Nach Angaben Claudia Krauths ging die Staatsanwaltschaft nicht von einem versuchten Totschlag aus, da kein Vorsatz zu erkennen sei. Tajbert habe den Tod seines Kontrahenten auch nicht billigend in Kauf genommen. Daß er als Boxweltmeister wissen mußte, was sein Schlag anrichten kann, sei ebenfalls nicht nachweisbar gewesen. Das übliche Strafmaß bei gefährlicher Körperverletzung liegt laut Paragraf 224 des Strafgesetzbuches bei sechs Monaten bis zehn Jahren Freiheitsstrafe.

Vitali Tajbert hat demnach den Ermittlern gegenüber umfangreiche Angaben gemacht und insbesondere den Faustschlag zugegeben, weshalb ein Strafbefehl möglich ist. Sein Streitgegner zog die Anzeige zurück, nachdem er ein fünfstelliges Schmerzensgeld erhalten hatte. "Diese Wiedergutmachung war für uns entscheidend bei der Strafzumessung", erklärt Claudia Krauth. Damit zeige der Angeschuldigte, daß er seine Tat ernsthaft bereue. Allerdings sei diese so schwer, daß es dennoch ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung gebe.

Bei dem Strafbefehl in der nun erlassenen Form handelt es sich insofern um ein Entgegenkommen, als eine öffentliche Verhandlung vermieden wird, sofern der Angeschuldigte damit einverstanden ist. Durch dieses Vorgehen soll die Justiz entlastet werden. Akzeptiert Tajbert den Strafbefehl nicht, kann er Widerspruch dagegen einlegen, worauf es zu einer Verhandlung vor einem Amtsrichter kommt.

Man kann davon ausgehen, daß Vitali Tajbert diesen Ausgang des Verfahrens begrüßen wird, da er sicher keinen Wert auf Presseberichte im Falle eines öffentlichen Hauptverfahrens legt. Wenn Boxer auch im Privatleben zuschlagen, ist das ihrer Karriere zumeist abträglich. Tajbert hatte im November 2009 in einem Interview eingeräumt, daß er in die eine oder andere Schlägerei verwickelt gewesen sei. Auch war er vor gut drei Jahren aufgefallen, als er mit einem Auto betrunken durch Stuttgart raste.

Der aus Kasachstan stammende und in Stuttgart aufgewachsene Weltmeister, der beim Hamburger Spotlight-Boxstall unter Vertrag steht und seinen Titel Ende Mai erfolgreich verteidigt hat, galt in der Vergangenheit als Vorzeigesportler, der sich unter anderem auch im Stuttgarter Osten bei einem Boxprojekt für Jugendliche mit Migrationshintergrund engagierte. Tajbert war im Alter von zehn Jahren nach Deutschland gekommen, wo er zunächst im Aussiedlerheim leben mußte. Er kämpfte sich in mehr als einer Hinsicht nach oben, da er neben seinen Erfolgen im Boxsport auch einen Schulabschluß schaffte und eine Druckerlehre absolvierte. Das Stuttgarter Integrationsprojekt geht von dem Konzept aus, daß Jugendliche durch den Sport Aggressionen überwinden und sich neue Ziele setzen können. Dort galt der siebenmalige Deutsche Meister als Vorbild, das den Weg von der Straße in eine erfolgreiche Karriere bewältigt hat.

10. Juli 2010



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