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MELDUNG/239: Giovanni Lorenzo will nichts dem Zufall überlassen (SB)



Felix Sturms langersehntes Debüt unter eigener Regie

Felix Sturm kehrt morgen abend nach fast vierzehn Monaten Pause in den Ring zurück. Der Superchampion der WBA im Mittelgewicht verteidigt seinen Titel in der Kölner Lanxess-Arena gegen Giovanni Lorenzo aus der Dominikanischen Republik. Seinen letzten Kampf hatte der Leverkusener am 11. Juli 2009 bestritten und dabei nach Punkten gegen den Armenier Khoren Gevor gewonnen. Danach folgte der erbitterte Rechtsstreit mit der Universum Box-Promotion, von der sich der 31jährige schließlich für 900.000 Euro freikaufte. Seit der Trennung vermarktet sich Sturm als eigenständiger Unternehmer selbst, so daß er über den Erlös seiner Erfolge verfügen kann, aber auch das Risiko eines möglichen Scheiterns in vollem Umfang tragen muß. Seit sechs Wochen wird Sturm von Fritz Sdunek betreut, der ihn schon seit Amateurzeiten kennt. Der 63 Jahre alte Trainer nahm Ende letzten Jahres seinen Abschied vom Universum-Boxstall und arbeitet mit Rücksicht auf seine Gesundheit ansonsten nur noch mit Vitali Klitschko, den er auf den Kampf gegen Shannon Briggs vorbereitet, der am 16. Oktober in Hamburg stattfindet.

Sturm profitiert davon, daß ihm die WBA trotz seiner ausbleibenden Titelverteidigungen den Status des Weltmeisters nicht aberkannt hat und ihn statt dessen als Superchampion neben dem regulären Titelträger Gennadi Golowkin führt. Der Leverkusener hat 33 seiner 36 Profikämpfe gewonnen und konnte sich umfassend auf sein Debüt in Eigenregie vorbereiten. Mit Hilfe seines Ernährungsberaters und Krafttrainers Clive Salz reduzierte er sein Gewicht binnen zehn Wochen um 16 Kilo auf das Limit des Mittelgewichts von 72,5 kg. Er fühlt sich in bester Verfassung und führt zum Beleg Fritz Sduneks Äußerung an, er habe noch nie einen so explosiven Felix Sturm erlebt. Er kämpfe jetzt für sich und seine Familie. Wer ihn besiegen wolle, müsse ihn töten, gibt er sich martialisch und nahezu unschlagbar. Zwar gebe es im Sport das Wort unbesiegbar nicht, doch glaube er, nahe daran zu sein.

Nachdem sich die Hoffnung zerschlagen hatte, wie die Klitschkos bei RTL optimale Fernsehpräsenz zu finden, kam der Leverkusener mit Unterstützung Ahmet Öners mit dem Sender Sat.1 ins Geschäft, der seinen Auftritt live übertragen wird. Viel hängt nun davon ab, ob sich das vieldiskutierte Comeback in einer ansehnlichen Quote niederschlägt. Verlieren darf Sturm diesen Kampf freilich nicht, da eine Niederlage seinen Marktwert dramatisch schrumpfen und die Aussichten seines jungen Unternehmens schlagartig verdüstern würde.

Giovanni Lorenzo, für den 29 Siege in 31 Kämpfen zu Buche stehen, war nicht die erste Wahl. Er kam erst nach einer Reihe anderweitiger Absagen ins Gespräch und will die Gunst der Umstände nutzen, um sich mit einem Überraschungserfolg auf den Thron des Weltmeisters zu katapultieren. Am 19. September 2009 war der 29jährige in einem ersten Anlauf auf einen Titel gescheitert, als er im Kampf um die vakante Meisterschaft der IBF in Neubrandenburg knapp an dem Lokalmatador Sebastian Sylvester scheiterte. Zwei Punktrichter sahen damals den Greifswalder in Front, einer hatte Vorteile für Lorenzo notiert.

Während Sturms Stärken eher im technischen und taktischen Bereich angesiedelt sind, setzt sein Gegner vor allem auf eine robuste Konstitution und die beträchtliche Schlagwirkung. Lorenzo war in seiner Karriere noch nie am Boden und hat 21 Kontrahenten vorzeitig besiegt. Auch der Herausforderer aus der Dominikanischen Republik hat mit etlichen hochkarätigen Boxern im Ring gestanden. Neben Sylvester sind der Mexikaner Raul Marquez, dem er 2008 knapp nach Punkten unterlag, und der Kolumbianer Dionisio Miranda, den er 2009 in der zweiten Runde besiegte, zu nennen.

In einem Interview mit sportal.de versicherte Lorenzo, daß er trotz seiner letztjährigen Niederlage gegen Sylvester gern nach Deutschland zurückkehre, wo er sehr freundlich aufgenommen worden sei und von der perfekten Organisation profitiere. Die vor allem in den USA verbreitete Auffassung, daß man als ausländischer Gast vor deutschem Publikum kaum nach Punkten gewinnen könne, will er in dieser Form nicht gelten lassen. Einen Heimvorteil gebe es überall auf der Welt, zumal bei einem Kampf gegen einen amtierenden Weltmeister. Im übrigen habe er aus der engen Entscheidung zugunsten Sylvesters die Lehre gezogen, das Urteil nicht den Punktrichtern zu überlassen. Sturm werde innerhalb der ersten sechs Runden geschlagen am Boden liegen.

Konfrontiert mit dem Umstand, daß Sylvester klar gegen Felix Sturm verloren hat, verweist Lorenzo auf eine Schulterverletzung in der Vorbereitung auf seinen Kampf gegen den Greifswalder. Diesmal habe er mehr als hundert Sparringsrunden absolviert und trete in der Form seines Lebens an. Er werde dem Publikum seine wahren Qualitäten zeigen und dem Champion eine Schlacht liefern. Sturm sei nicht mehr der Kämpfer, der er früher einmal war, und wirke langsamer und müder als in der Vergangenheit. Vermutlich sei ihm das exzessive Krafttraining schlecht bekommen. Zudem verfüge der Leverkusener über keinen Punch, und sollte der Weltmeister weglaufen, werde er ihn jagen und stellen. "Felix kann in diesem Kampf nur verlieren, ich kann nur gewinnen. Ich werde kämpfen, als wäre es der letzte Kampf meines Lebens. Ich werde alles geben."

Als bloßen Notnagel vor einem deutschen Publikum, das sich nur für Felix Sturm und kaum für dessen Gegner interessiert, sieht sich Lorenzo keineswegs. Wie er gehört habe, hätten namhafte Mittelgewichtler wie Marco Antonio Rubio, Kermit Cintron und Peter Manfredo jr. diesen Kampf nicht angenommen. Er selbst habe sofort zugesagt und dafür einen Ausscheidungskampf gegen Daniel Geale platzen lassen, obwohl ihm ein Sieg gegen den Australier die Revanche gegen Sylvester beschert hätte. Diese Chance habe er aufgegeben, weil er Sturm ausknocken werde. Der dürfe bis zu ihrem Duell ruhig seine Show abziehen und den Helden inszenieren. Vom ersten Gongschlag an sei es jedoch die Show Giovanni Lorenzos, während für Felix Sturm die Nacht im Krankenhaus enden werde.

3. September 2010



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