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MELDUNG/250: Kein angemessener Gegner für Wladimir Klitschko in Sicht (SB)



Sechsjähriger Siegeszug hinterließ verbrannte Erde

Nachdem Wladimir Klitschko vor rund 50.000 Zuschauern im Frankfurter Fußballstadion die Titel der Verbände IBF, WBO und IBO gegen den gebürtigen Nigerianer Samuel Peter erfolgreich verteidigt hatte, kündigte er sogleich seinen nächsten Ringauftritt am 4. oder 11. Dezember an. Wo er sein Gastspiel geben wird, ist noch zu klären, doch tritt die Frage des Ortes natürlich gegenüber jener des mutmaßlichen Herausforderers zwangsläufig in den Hintergrund. Wunschkandidat des 34jährigen Weltmeisters wäre David Haye, der den Gürtel der WBA in seinem Besitz hat. Diese Trophäe trennt die Klitschkos von ihrem erklärten Ziel, gemeinsam die Titel aller vier maßgeblichen Verbände im Schwergewicht zu okkupieren. Zudem hat der Brite im vergangenen Jahr die Ukrainer mit einer inszenierten Fehde provoziert, dann aber die anberaumten Kämpfe unter mehr oder minder fadenscheinigen Vorwänden platzen lassen. An Stoff für die Medien, ein Duell mit Haye publikumswirksam zu bewerben, fehlt es also nicht.

Vorerst hat David Haye jedoch andere Pläne, denn er will den WBA-Titel am 13. November gegen seinen Landsmann Audley Harrison verteidigen. Der frühere Olympiasieger und längst demontierte Hoffnungsträger der britischen Schwergewichtsszene gilt zwar als krasser Außenseiter, läßt sich aber als einheimischer Herausforderer, der die mutmaßlich letzte Chance seiner stagnierenden Karriere beim Schopf zu packen hofft, in England lukrativ vermarkten. Haye schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe, da er es mit einem handhabbaren Gegner zu tun bekommt, dem man ihm gewissermaßen aufgedrängt hat. Also verkauft er Harrison als lästige Pflichtübung, der er sich auf vernichtende Weise zu entledigen gedenkt, bevor er sich an die Klitschkos macht.

Ein attraktiver Kandidat für Wladimir Klitschko wäre auch der Pole Tomasz Adamek, der wie Haye aus dem Cruisergewicht kommt und im Schwergewicht dank seiner Beweglichkeit und ausgeprägten technischen Qualitäten bereits ein Reihe namhafter Kontrahenten aus dem Feld geschlagen hat. Adamek wird bei der WBO an Nummer eins der Rangliste geführt, ist sich aber offensichtlich des Risikos eines verfrühten Duells mit dem Weltmeister durchaus bewußt. Der Pole zieht es vor, zunächst einen oder zwei Aufbaukämpfe zu bestreiten, bis er womöglich noch im nächsten Jahr den großen Wurf wagt.

Mit David Haye und Tomasz Adamek endet auch schon die kurze Liste jener Kandidaten, die Wladimir Klitschko einen erfrischenden Kampf liefern könnten, der boxerische Finesse verspräche, würde er denn stattfinden. Alle weiteren möglichen Gegner sind allenfalls zweite Wahl, da sie wie der von der WBO an zweiter Stelle notierte David Tua den Zenit ihres Könnens längst überschritten haben. Der in Neuseeland lebende Samoaner hat in seinem letzten Kampf gegen Monte Barrett nur eine mäßige Vorstellung geboten, gilt aber mangels Alternativen als möglicher Anwärter.

Alexander Powetkin, der sich in einem Viererturnier der IBF durchgesetzt hatte und damit zum Pflichtherausforderer Wladimir Klitschkos avanciert war, hat nach Jahren vergeblichen Wartens auf die Realisierung dieses Kampfs zuletzt einen zunächst unerklärlichen Rückzieher gemacht. Er war für die Titelverteidigung in Frankfurt als Gegner des Ukrainers gebucht, verweigerte aber in letzter Minute die Unterzeichnung des Vertrags. Sein renommierter Trainer Teddy Atlas war offenbar der nachvollziehbaren Auffassung, daß sein Schützling noch geraume Zeit brauche, bis er bereit für einen Kampf gegen Klitschko sei. Dem ist sicher zuzustimmen, da Powetkin in jüngerer Zeit sehr durchwachsene Leistungen gezeigt hat und weit davon entfernt schien, den Champion ernsthaft gefährden zu können. Allerdings bezahlte der Russe für seine Verweigerung einen hohen Preis, da ihn die IBF in der Rangliste daraufhin weit zurückstufte.

Blieben noch Nikolai Walujew und Denis Boitsow als mögliche Anwärter zu nennen, die aber beide aufgrund von Verletzungen, die einen operativen Eingriff erforderlich machten, frühestens im nächsten Frühjahr ein Thema wären. Da Wladimir Klitschko in den letzten sechs Jahren ausgiebig in der ohnehin mäßig besetzten Schwergewichtsszene gründlich aufgeräumt und alle mehr oder minder namhaften Rivalen besiegt hat, konfrontiert ihn das Resultat seines Siegeszugs nun mit weithin verbrannter Erde. Wenngleich man faustdicke Überraschungen im Boxsport nie restlos ausschließen kann, ist doch nicht abzusehen, daß der Weltmeister für seinen Dezemberkampf einen Herausforderer aus dem Hut zaubern könnte, der ihm auch nur annähernd gewachsen ist. So darf man allenfalls gespannt sein, wie der sich gemeinsam mit seinem Bruder selbst vermarktende Ukrainer die absehbare Tristesse als weiteres Spektakel anzupreisen versucht.

17. September 2010



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