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MELDUNG/280: Wladimir Klitschko lobt Chisora über den grünen Klee (SB)



Abwegige Vergleiche mit Mike Tyson und Leon Spinks

Bei der ersten Pressekonferenz vor dem Kampf zwischen Wladimir Klitschko und Dereck Chisora am 11. Dezember in Mannheim legte sich der außerhalb seiner britischen Heimat bislang wenig bekannte Herausforderer ordentlich ins Zeug, um den naheliegenden Eindruck zu entkräften, auch er sei nichts weiter als das nächste Kanonenfutter für das ukrainische Brüderpaar. Die jüngste Titelverteidigung Vitali Klitschkos gegen Shannon Briggs habe gezeigt, daß viele Amerikaner nur nach Deutschland kommen, um zwölf Runden zu überleben und dann ihren Scheck zu kassieren, erhob sich der 26jährige Brite über Briggs, als seien ihm selbst finanzielle Erwägungen völlig fremd. Dieser Auftritt sei peinlich für das Boxen gewesen, legte Chisora mit der kühnen Behauptung nach, er werde sich den Titel holen, das Geld interessiere ihn nicht. Er wolle die Klitschkos in Rente schicken. Dieses Gerede nahm Wladimir Klitschko zum Anlaß, in ein heftiges Rededuell mit Chisora einzutreten, in dem er dessen Aussagen als Unverschämtheit rügte.

Da es bislang herzlich wenig über den Herausforderer zu berichten gibt, der zwar amtierender britischer Meister und Commonwealthchampion ist, aber erst vierzehn Profikämpfe bestritten hat, verkündete Wladimir Klitschko, man könne Dereck Chisora mit Mike Tyson vergleichen. Er habe wahnsinnig viel Pulver in den Fäusten und einen ähnlich starken Händedruck wie Iron Mike. So unsinnig dieser Vergleich und seine hahnebüchene Begründung auch sein mögen, scheinen die Klitschkos mit ihren Inszenierungen auf anspruchslosem Niveau doch den Geschmack des hiesigen Boxpublikums zu treffen.

Auf Chisoras Kritik an Briggs reagierte Klitschkos Manager verärgert. Der US-Amerikaner sei ein ganz fairer Sportsmann, dem Respekt gebühre. Er sei sicher nicht nach Deutschland gekommen, um sich einen Scheck abzuholen, versicherte Bernd Bönte. Was den Herausforderer Wladimir Klitschkos betreffe, so handle es sich bei dem Briten um einen Topmann. Die Anzahl von nur vierzehn Kämpfen habe nichts zu sagen, versucht Bönte das offensichtliche Unverhältnis der Kontrahenten herunterzuspielen: "Das ist der Klassiker: Der alteingesessene Champion gegen den ungeschlagenen Neuling, der auf den Thron will."

Chisora, der in der unabhängigen Weltrangliste an dreizehnter Stelle geführt wird, ist als Gegner insofern interessant, als der Kampf live im britischen Bezahlfernsehen übertragen wird und damit finanziell besonders lukrativ ist. Der Antiquitäten- und Gebrauchtwagenhändler aus London erhält dem Vernehmen nach eine Börse von 300.000 Euro, die sehr hoch für einen Boxer seiner relativ geringen Erfahrung und zugleich außerordentlich niedrig für einen Herausforderer des Weltmeisters ist. Offensichtlich versuchen die Klitschkos wieder einmal, einen preiswerten Einkauf als großen Knüller anzupreisen, der im Unterschied zu seinen Vorgängern ein wirklich gefährlicher Gegner sei, den man gar nicht ernst genug nehmen könne. Leon Spinks habe nach nur acht Profikämpfen Muhammad Ali geschlagen, zieht Wladimir Klitschko einen fragwürdigen Vergleich um überdies hinzuzufügen: "Ich sehe mich selbst in Dereck Chisora: Er ist wie ich damals jung, super motiviert und gibt alles, um Weltmeister zu werden."

Kritik an der Auswahl der Gegner weist das Management der Klitschkos mit dem Hinweis zurück, man sei stets gesprächsbereit und habe möglichen Kandidaten auch schon genügend Angebote unterbreitet. Viele trauten sich jedoch einfach nicht und verschanzten sich hinter absurden Forderungen, antwortete Bönte auf die Frage, warum es zu keinen Duellen mit dem britische WBA-Weltmeister David Haye oder dem Polen Tomasz Adamek komme.

Chisora kündigt an, er werde Wladimir Klitschko, der bereits seinen vierten Auftritt in Mannheim bestreitet, die Suppe versalzen. Klitschko habe den Titel in dieser Halle gewonnen und werde ihn dort auch wieder verlieren: "Ich bin kein Mann der großen Worte, aber ich werde am 11. Dezember den Kampf meines Lebens liefern und Deutschland als Weltmeister verlassen."

Der 32 Jahre alte Wladimir Klitschko hat bislang 58 Kämpfe bestritten und 55 davon gewonnen. Sollte er Chisora vorzeitig besiegen, wäre dies sein 50. K.o.-Erfolg. Der Ukrainer bestreitet in Mannheim bereits seinen 19. Titelkampf. Er zollte Dereck Chisora dafür Respekt, daß der Brite die Herausforderung angenommen hat. Andere Kandidaten wie David Haye oder kürzlich Alexander Powetkin hätten den Vertrag unterschrieben und seien doch nicht gekommen: "Bereiten wir uns vor und sehen uns dann am 11. Dezember wieder."

19. Oktober 2010



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