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MELDUNG/286: Turnier der IBF im Schwergewicht droht im Ansatz zu scheitern (SB)



Boitsow, Dimitrenko und Mormeck offenbar nicht interessiert

Diverse Ansätze, die sterbende Schwergewichtsszene durch Regruppierung ihrer schwindenden boxerischen Ressourcen künstlich wiederzubeleben, münden in ein Strohfeuer, das den Verfallsprozeß lediglich illuminiert, seinen Verlauf jedoch nicht bremst, sondern eher noch beschleunigt. Das gilt auch für das von der IBF angesetzte Turnier zur Bestimmung von Wladimir Klitschkos nächstem Pflichtherausforderer. Bekanntlich hat dieser Verband schon einmal ein derartiges Turnier mit vier mehr oder minder willkürlich ausgesuchten Teilnehmern durchgeführt, dessen Sieger Alexander Powetkin aufgrund einer Reihe mißlicher Verkettungen nie gegen den Champion angetreten ist. Der zweite Anlauf, ein solches Turnier über die Bühne zu bringen, droht bereits im Ansatz zu scheitern.

Nach der Absage Denis Boitsows scheinen auch Alexander Dimitrenko und Jean-Marc Mormeck nicht gewillt zu sein, an dem Viererturnier teilzunehmen. Dimitrenko, der wie Boitsow bei der Hamburger Universum Box-Promotion unter Vertrag steht, hat vor wenigen Tagen gegenüber der russischen Seite Allboxing folgende Begründung für seinen Rückzieher geliefert: Ihm gefalle die Idee eines Turniers nicht, in dem alle Teilnehmer einen komplexen Vertrag unterschreiben müssen. Sollte es zwischenzeitlich zu Problemen kommen, verwandle sich das Turnier in etwas Unproduktives, wie dies der aktuelle Zustand des laufenden Super-Six-Turniers zeige. Wer daran teilnimmt, darf unabhängig davon keine Kämpfe bestreiten. Sollte sich also der Gegner verletzen oder der Kampf aus einem anderen Grund verschoben werden, muß der Boxer untätig abwarten, bis er wieder in den Ring darf.

Tatsächlich hat sich das anfangs als innovatives Erfolgsmodell hoch gelobte Turnier der sechs Supermittelgewichtler inzwischen als problematisch erwiesen, da mit Jermain Taylor, Mikkel Kessler und Andre Dyrrell bereits drei Teilnehmer aus unterschiedlichen Gründen ausgestiegen sind und ersetzt werden mußten. Darunter hat sowohl die ursprünglich vorgehaltene Qualität des Turniers gelitten als auch das Punktsystem an Glaubwürdigkeit verloren. Da die Nachrücker mit null Punkten einsteigen, sind sie von vornherein gegenüber jenen drei Akteuren benachteiligt, die im Wettbewerb geblieben sind und bereits Punkte gesammelt haben.

Für Dimitrenko nachrücken könnte der US-Amerikaner Derrick Rossy, mit dem jedoch die Promotion K2 der Klitschkos nicht einverstanden zu sein scheint. Rossys Manager Sal Musumeci zufolge hat er von K2 eine Absage erhalten, da der Sender RTL, der die Kämpfe der Ukrainer exklusiv überträgt, Rossy nicht akzeptiert. Grund sei seine Niederlage gegen Dimitrenko, die allerdings bereits einige Jahre zurückliegt. Wie Musumeci beteuert, sei sein Schützling inzwischen ein komplett anderer Boxer. Er habe gerade erst als Sparringspartner mit Shannon Briggs in Deutschland gearbeitet und dabei eine gute Figur gemacht. Die damaligen Kämpfe wie der gegen Dimitrenko seien einfach zu früh gekommen. Die Intervention von RTL und den Klitschkos ist indessen nur zu verständlich, da Derrick Rossy in Deutschland, wo die Weltmeister auch künftig ihre Auftritte gewinnbringend vermarkten wollen, so gut wie unbekannt ist.

Auch der Franzose Jean-Marc Mormeck scheint nicht die Absicht zu haben, den Umweg über das geplante Turnier zu nehmen. Er war zuletzt als aussichtsreicher Kandidat für einen Titelkampf im Gespräch, wobei seine erste Wahl ohnehin der britische WBA-Champion David Haye sein dürfte. Auch die beiden anderen Nachrücker wären für Wladimir Klitschko indiskutabel: Eddie Chambers war erst im März in einem einseitigen Kampf gegen ihn k.o. gegangen und Maurice Harris hat gegen Chris Byrd den kürzeren gezogen, der zu den Opfern des Ukrainers zählt.

Da nach aktuellem Stand von den vier ursprünglich vorgesehenen Kandidaten nur noch der 28 Jahre alte US-Amerikaner Jonathon Banks übriggeblieben ist, den die Klitschkos des öfteren als Sparringspartner verpflichtet haben, steht das Kandidatenturnier der IBF unter einem denkbar schlechten Stern. Entweder verzichtet der Verband auf diesen Modus und kehrt zum traditionellen Verfahren zurück, bei dem der Ranglistenerste automatisch Pflichtherausforderer des amtierenden Weltmeisters ist, oder er beharrt auf dem geplanten Qualifikationsturnier, dessen sportlicher Wert von vornherein ausgesprochen fragwürdig wäre.

25. Oktober 2010



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