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MELDUNG/301: Joe Calzaghe dementiert Gerüchte um sein Comeback (SB)



Exweltmeister will definitiv nie wieder boxen

Am 8. November 2008 kam es vor 14.152 Zuschauern im New Yorker Madison Square Garden zu einem Prestigeduell im Halbschwergewicht zwischen dem Waliser Joe Calzaghe und Roy Jones jr. aus den USA. Der 36jährige Calzaghe hatte die beiden Titel im Supermittelgewicht niedergelegt, um zum krönenden Abschluß seiner Karriere einige Duelle im höheren Limit gegen berühmte Gegner in den USA zu bestreiten. Im April 2008 besiegte er Bernard Hopkins knapp nach Punkten und blieb damit in 45 Kämpfen ungeschlagen. Für den drei Jahre älteren Jones, der Champion in vier Gewichtsklassen gewesen war und zeitweise sogar einen Titel im Schwergewicht hielt, standen 52 Siege und vier Niederlagen zu Buche.

In diesem Duell zweier Legenden ging es um Prestige und viel Geld, nicht jedoch um einen Titel, wenn man einmal vom Ehrengürtel des "Ring Magazine" absieht. Das US-amerikanische Boxgeschäft wollte die Wiedergeburt des berühmten Roy Jones feiern, der in den USA so lange unterschätzte Joe Calzaghe hoffte auf einen weiteren und diesmal abschließenden Höhepunkt seiner erfolgreichen Laufbahn.

Zum Auftakt weckte Roy Jones augenblicklich Erinnerungen an frühere Glanzzeiten, als er den Waliser bereits in der ersten Runde mit einem linken Haken und einer krachenden Rechten zu Boden schlug. Calzaghe kam rechtzeitig wieder auf die Beine, doch mußte er sich auch in den folgenden beiden Durchgängen mehrfach schwerer Treffer erwehren, die seine Nehmerqualitäten auf eine harte Probe stellten. Mit zunehmender Kampfdauer bekam Jones jedoch konditionelle Probleme angesichts der ungeheuer hohen Schlagfrequenz des Walisers, die charakteristisch für dessen Kampfesweise war, mit der er jahrelang das Supermittelgewicht beherrscht hatte. Wie schon bei seinem Sieg gegen den früheren Mittelgewichtskönig Bernard Hopkins feuerte er einen Schlaghagel nach dem anderen ab, ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen. In der siebten Runde fügte er seinem Gegner mit einem rechten Haken einen Cut über dem Auge zu, den dieser bis Ende des Kampfes nicht in den Griff bekam. Das brachte den Waliser endgültig auf die Siegerstraße.

Wie beeindruckend Calzaghes Sieg gegen Jones unter dem Strich war, macht nicht zuletzt die Statistik deutlich. Der Waliser hatte am Ende 985 Schläge auf seinem Konto, wovon 344 ihr Ziel fanden. In keinem seiner früheren Kämpfe wurde Jones häufiger getroffen, der selbst nur 475 Schläge ausgeteilt hatte. So war an dem einstimmigem Punktsieg nicht zu rütteln, der mit dreimal 118:109 deutlich zugunsten des Gastes aus Europa ausfiel.

Der enttäuschte US-Amerikaner suchte nach Gründen für seine vierte Niederlage in den letzten sieben Kämpfen: "Als ich ihn in der ersten Runde am Boden hatte, konnte ich mich nicht entscheiden, was ich nun tun sollte. Einerseits wollte ich nachsetzen und dann auch wieder nicht. Ich habe mich dann zu sehr verausgabt und den Faden verloren. Der Knackpunkt war, daß er mir den Cut zugefügt hat. Ich konnte auf dem linken Auge nichts mehr sehen. Ich war schockiert, denn ich hatte noch nie zuvor einen Cut. Seine Schläge waren härter als ich dachte. Ich habe zwar mein Bestes gegeben, aber er war heute einfach besser und hat verdient gewonnen", sagte der "Pensacola Express" und haderte mit seinem Schicksal. "Ich weiß noch nicht, wie es weitergehen wird. Ich habe für diesen Kampf so hart gearbeitet. Ich weiß es einfach nicht."

Calzaghe erklärte nach dem Kampf: "Er hat mich gleich in der ersten Runde mit einem guten Schlag wirklich hart getroffen. Ich habe ihn nicht kommen sehen. Doch ein wahrer Champion muß damit umgehen können und um so stärker zurückkommen. Und das ist mir gelungen. Ich wußte, daß ich mir seinen Respekt für meine Schläge erst erarbeiten mußte. Das habe ich bei Gott getan! Ich habe in diesem Jahr zwei Legenden geschlagen: Bernard Hopkins und Roy Jones. Ich habe das Risiko auf mich genommen und bin zu ihnen in die USA gekommen", sagte Calzaghe nach einer Leistung, auf die er stolz sein konnte.

Der Waliser hatte zuvor angekündigt, dies werde der letzte Kampf seiner Karriere sein, doch relativierte er diese Aussage nach seinem überlegenen Erfolg: "Laßt mich doch erst einmal diesen Sieg genießen, ehe ich an einen anderen Kampf denke. Ich werde nach Hause fliegen und gemeinsam mit meiner Familie darüber nachdenken." Wenige Wochen später teilte Calzaghe dann mit, daß er die Boxhandschuhe endgültig an den Nagel gehängt habe.

Nachdem in jüngerer Zeit immer wieder Gerüchte die Runde gemacht hatten, der Waliser werde möglicherweise in den Ring zurückkehren, hat der mittlerweile 38jährige in einem Interview mit der Nachrichtenseite South Wales Argus allen diesbezüglichen Spekulationen eine klare Absage erteilt. Er werde nie wieder kämpfen, versicherte Calzaghe, zumal Geld nie sein Ziel gewesen sei. Er fühle sich gesegnet, den Sport ohne Folgeschäden verlassen zu haben. Die zehn oder elf Jahre als Champion seien mehr als genug. Außerdem habe er seiner Familie damals versprochen, einen Schlußpunkt zu setzen.

Er habe deutlich gespürt, daß seine Fähigkeiten langsam nachließen. Er sei einfach nicht mehr hungrig gewesen und habe im letzten Kampf Abkürzungen nehmen müssen. Als er von Hopkins und Jones in der ersten Runde niedergeschlagen wurde, sei ihm klar gewesen, daß es höchste Zeit war aufzuhören: "Ich habe diese beiden Legenden zwar besiegt, es war aber ein Zeichen." Die Liebe zum Boxen habe er bereits vor dem Kampf gegen Roy Jones verloren. Der allerletzte Auftritt gegen eine Legende im Madison Square Garden sei der perfekte Abschluß gewesen: "Rechtzeitig aufzuhören, ist in der Boxwelt sehr rar. Wenn ich zurückkäme, hätte ich das Geld zwar auf dem Konto, würde aber verlieren."

9. November 2010



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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