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MELDUNG/319: Arthur Abraham sitzt zwischen allen Stühlen (SB)



Zu schwer für das Mittelgewicht, zu klein für das höhere Limit

Arthur Abraham war von Dezember 2005 bis Juli 2009 IBF-Weltmeister im Mittelgewicht (bis 72,574 kg). Da er jedoch vor Kämpfen acht bis neun Kilo abnehmen mußte, geriet die Vorbereitung zunehmend zur Tortur und der Ringauftritt in geschwächtem Zustand zu einem riskanten Unterfangen. Der Aufstieg ins Supermittelgewicht (bis 76,203 kg) bot sich an, wo Kalle Sauerland das Vermarktungskonzept eines Turniers mit sechs namhaften Akteuren dieser Gewichtsklasse entwarf und gemeinsam mit dem US-Sender Showtime realisierte.

Zum Auftakt lief alles nach Wunsch, da Abraham vor heimischem Publikum den alternden US-Amerikaner Jermain Taylor vorzeitig besiegte und dem Turniermodus entsprechend mit drei Punkten die Führung des Teilnehmerfelds übernahm. Der Berliner wurde zu diesem Zeitpunkt noch neben dem Dänen Mikkel Kessler als Favorit gehandelt, und gemeinsam mit dem Briten Carl Froch schien die Phalanx der drei Europäer die US-Amerikaner von vornherein zu Statisten zu degradieren. Für Abraham folgte jedoch eine Niederlage durch Disqualifikation gegen Andre Dirrell, der zum Zeitpunkt des Abbruchs klar nach Punkten geführt hatte. Der erste Rückschlag in der Karriere des Berliners sollte nicht der letzte bleiben, da er nach dem Debakel gegen Carl Froch ernsthaft über seine Zukunft nachdenken muß.

Der 33 Jahre alte Engländer deklassierte ihn vor gut 8.000 Zuschauern in der Hartwall Arena von Helsinki auf eine Weise, die selbst größte Pessimisten nicht für möglich gehalten hätten. Die amerikanischen Punktrichter werteten 120:108, 120:108 und 119:109, womit lediglich einer der drei eine einzige Runde zugunsten des Berliners notiert hatte. Wie Froch nach seinem Sieg berichtete, habe er bald bemerkt, daß von Abraham nichts kam, obwohl er ihm mehr zugetraut hätte. Deshalb sei ihm frühzeitig klar geworden, was für den Sieg zu tun war.

Während sich Froch den vakanten Titel des World Boxing Council (WBC) sowie den leichteren Gegner im Halbfinale des Turniers sicherte, steht der Berliner nach der zweiten Niederlage im dritten Kampf seiner neuen Gewichtsklasse vor einem Scherbenhaufen. Er hat zwar als Vierter der Vorrunde ebenfalls das Halbfinale erreicht, trifft dort aber auf den führenden Andre Ward aus den USA, der noch dazu Heimrecht hat. Abraham will sich "als fairer Sportsmann" dieser Aufgabe stellen, doch ist sein Gegner seit 1998 als Amateur und Profi ungeschlagen, so daß eine weitere Niederlage zu befürchten steht.

Trainer Ulli Wegner hatte seinen Schützling während des Kampfs vergebens angespornt und ihn sogar als feige bezeichnet, um eine Trotzreaktion wachzurufen. Nach dem Desaster forderte er Abraham auf, sich zu hinterfragen, wodurch solche Leistungen zustande kommen. Der 68jährige nahm kein Blatt vor den Mund und erklärte, wenn ein Boxer mit der Klasse Arthur Abrahams sich derart vorführen lasse, müsse etwas grundlegend falsch laufen: "Arthur hatte heute Angst. Er wird nach Gründen suchen - hoffentlich sucht er bei sich. Wir werden uns unter vier Augen unterhalten, wie es weitergehen soll." Dann fügte er immerhin hinzu: "Aber in der Niederlage zeigt sich die Größe."

Für Promoter Wilfried Sauerland war es unfaßbar, warum sich der Berliner so abschlachten ließ: "Kein Aufbäumen, kein Risiko, kein Herz. Er braucht vor allem eine mentale Pause, muß sich darüber klar werden, wohin sein Weg führen soll." Gedanken an einen Rücktritt wies Abraham ebenso von sich wie eine Trennung von Ulli Wegner. Der Trainer räumte ein, daß sein Schützling im Turnier boxerisch limitiert sei, verwahrte sich aber gegen Defätismus: "Was soll so ein Gerede? Abgerechnet wird erst ganz zum Schluß!"

Wie Abraham nach der deprimierenden Niederlage klagte, sei er kein Supermittelgewichtler. Die anderen seien einfach größer und er immer der Kleinste. Deshalb müsse er über eine Rückkehr in seine alte Gewichtsklasse nachdenken. Dort gehörte er lange zu den körperlich stärksten Boxern und konnte seine begrenzten technischen Fähigkeiten durch die Wucht überfallartiger Angriffe kompensieren. Ein Abstieg ins Mittelgewicht würde ihn jedoch mehr denn je mit den Gewichtsproblemen konfrontieren. Er ist zu schwer für dieses Limit, aber zu klein für das Supermittelgewicht, so daß er zwischen allen Stühlen sitzt. Gemeinsam mit seinem Trainer hat er daher eine ausgesprochen harte Nuß zu knacken, wobei man davon ausgehen kann, daß ihm Ulli Wegner zuallererst raten wird, die vielfältigen anderen Aktivitäten und Ablenkungen zurückzufahren, die dem Kerngeschäft Boxen auf der Agenda Arthur Abrahams offenbar den Rang abgelaufen haben.

30. November 2010



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