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MELDUNG/321: Trainer Wegner macht Abrahams Debakel zu schaffen (SB)



Trennung steht nicht zur Debatte

Die katastrophale Niederlage gegen den Briten Carl Froch im Turnier der namhaften Supermittelgewichtler und die desolate Leistung, die Arthur Abraham dabei bot, haben zwangsläufig auch bei seinem langjährigen Trainer Ulli Wegner ihre Spuren hinterlassen. Enttäuscht und verärgert nimmt er kein Blatt vor den Mund, um seinem Schützling die Leviten zu lesen, geht aber zugleich mit sich selber ins Gericht, um möglichen Fehlern auf die Spur zu kommen. Der Kampf sei die größte Enttäuschung seiner Trainerkarriere und es falle ihm nach wie vor sehr schwer, das alles zu verstehen, berichtet er im Interview mit SPOX. Nun müsse er in sich gehen und versuchen, die Niederlage soweit wie möglich wegzudrücken. Ein Anfang der Woche geplantes Gespräch unter vier Augen mit Abraham hat Wegner kurzfristig abgesagt. Er brauche noch ein paar Tage, um mit sich ins reine zu kommen.

Die Vorstellung, er könne den gescheiterten Boxer fallenlassen, weist Ulli Wegner vehement zurück. Als Sven Ottke zu Amateurzeiten bei den Olympischen Spielen gegen den Kubaner Ariel Hernandez völlig von der Rolle war und nichts von dem umsetzen konnte, was man zuvor besprochen hatte, war der Trainer zutiefst erbost. Es wäre ihm jedoch nie in den Sinn gekommen, Ottke im Stich zu lassen. Später führte er ihn bei den Profis zur Weltmeisterschaft im Supermittelgewicht, dessen weltweit führender Akteur der Berliner neben dem Waliser Joe Calzaghe war. Auch Arthur Abraham sei sein Junge. Jetzt, wo er im Dreck liege, könne er doch nicht auf ihn einprügeln. "Ich halte zu ihm", versichert der gegenwärtig erfolgreichste deutsche Trainer nachdrücklich gegenüber dem Berliner "Kurier".

Der am 26. April 1942 in Stettin geborene Ulli Wegner ist seit fast 40 Jahren als Trainer tätig. Er war bei sieben Amateurweltmeisterschften, zwei Olympischen Spielen und diversen Europameisterschaften dabei und hat auch im Profilager bedeutende Erfolge gefeiert. Er führte Torsten May (2001), Oktay Urkal (2000-2005), Marco Huck (2008) und Karo Murat (2008) zur Europameisterschaft. Unter seiner Anleitung brachte es eine ganze Reihe von Boxerinnen und Boxern zur Weltmeisterschaft: Sven Ottke (1998-2004), Markus Beyer (1999-2000) und (2003-2006), Heidi Hartmann (2005-2006), Arthur Abraham (2005-2009), Cecilia Braekhus (seit 2009) und Marco Huck (seit 2009).

Den aus Armenien stammenden und in Deutschland eingebürgerten Arthur Abraham hat Wegner von der ersten Minute im Sauerland-Team an betreut. Seit 2003 kennt er ihn als Boxer und Menschen wie kaum ein anderer und weiß, daß sich sein Schützling nach der Niederlage von Helsinki zutiefst schämt, da er einen ganz anderen Anspruch an sich hat. Die Äußerung unmittelbar nach dem Kampf, Abraham habe "keine Ehre im Leib" und sei eine "Schande" gewesen, führt der Trainer auf seine eigene Enttäuschung zurück. Er habe daran gedacht, was die Fans aus Armenien denken müssen, die ihr Geld und ihre Zeit geopfert haben, um Arthur in Helsinki zu unterstützen, oder wie enttäuscht die deutschen Fans am Fernseher sind, daß sich ihr Favorit im Ring nicht im mindesten gegen die Niederlage aufgebäumt habe.

Überschriften wie jene in der "B.Z." - "Schickt Abraham Wegner in die Wüste?" - treiben dem Trainer die Zornesröte ins Gesicht. Einen Ulli Wegner schicke man nicht die Wüste. Wenn überhaupt, schicke Ulli Wegner andere in die Wüste. Er sei stinksauer und persönlich beleidigt. Soll denn alles falsch sein, was er erreicht habe? "Was sind das für Leute, die etwas Schlechtes über mich erzählen. Wenn sich der Junge freiwillig von mir trennt, wird es der größte Fehler seines Lebens sein!"

Wenngleich Wegner durchaus einräumt, daß sich bei Trainern gewisse Routinen einschleichen können, die dann auch zu Lasten ihrer Boxer gehen, hebt er als seine besondere Qualität hervor, seine Methoden nie stur und um jeden Preis durchsetzen zu wollen. Er schaue auch nach rechts und links, arbeite mit Wissenschaftlern zusammen und versuche, das Training immer weiter zu optimieren. Andernfalls wäre es ihm wohl kaum gelungen, siebenmal in Folge zum Trainer des Jahres in Deutschland gewählt zu werden.

Da Abraham im Unterschied zu Henry Maske, Sven Ottke oder Markus Beyer die Erfahrung fehlt, die man als Amateur bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen sammelt, sei sein taktisches Rüstzeug mangelhaft. Als Trainer könne man auf den Boxer in dieser Hinsicht einwirken, doch was er dann im Ring mache, entziehe sich mitunter dem Zugriff seiner Ecke. Trainiert habe Abraham in den zurückliegenden Wochen gut, und was die Kritik an seinem mitunter luxuriösen Lebenswandel betreffe, müsse man einem Sportler, der viele Jahre für seinen Erfolg gearbeitet hat, auch mal ein bißchen Spaß gönnen. Daß er dabei gelegentlich den Überblick verliert, liege auf der Hand.

Im Alter von 30 Jahren steht Arthur Abraham nach zwei Niederlagen am Scheideweg seiner Karriere, was auch sein Trainer so sieht. Von einer Rückkehr ins Mittelgewicht, wie sie sein Schützling ins Gespräch gebracht hat, will Wegner nichts hören. Arthur wisse nur zu gut, wie schwer es für ihn früher war, das geforderte Gewicht zu erreichen. Anfang 2009 fiel ihm das vor dem Kampf gegen Lajuan Simon so schwer, daß er fast durchgedreht wäre. Das könne man als Trainer schlichtweg nicht verantworten. Davon abgesehen suche man immer nach Ausreden, wenn etwas schiefgelaufen ist. "Aber ich sage klipp und klar: Es geht überhaupt nicht um Gewichtsklassen, sondern nur um die Einstellung im Ring!"

2. Dezember 2010



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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