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MELDUNG/351: Tomasz Adamek steigert geschickt seinen Marktwert (SB)



Polnischer Schwergewichtler pokert um einen Titelkampf

Der in New Jersey lebende Pole Tomasz Adamek gehört zu den wenigen verbliebenen Akteuren, denen man zutraut, im von den Klitschkos und mit Abstrichen David Haye dominierten Schwergewicht nach Jahren notorischer Stagnation neue Akzente setzen zu können. Ähnlich wie der Brite kommt der 33jährige aus den leichteren Limits, war er doch bereits Weltmeister im Halbschwer- und Cruisergewicht. Dem Aufstieg in die Königsklasse des Boxens folgten Siege gegen namhafte Kontrahenten wie Andrew Golota, Jason Estrada und Chris Arreola, mit denen Adamek unterstrich, daß er mit wesentlich schwereren Kontrahenten fertig wird.

Mitte August 2010 bekam er es vor fast 11.000 Zuschauern im Prudential Center in Newark mit dem massiven US-Amerikaner Michael Grant zu tun, der zehn Zentimeter größer und 20 Kilo schwerer ist. Der Pole führte den behäbigen Gegner konsequent vor, indem er seine Schnelligkeit nutzte, um in die Halbdistanz vorzustoßen, Kombinationen ins Ziel zu bringen und sich sofort wieder zurückzuziehen. Stets auf der Hut vor den wuchtigen Schlägen Grants, die ihm durchaus gefährlich werden konnten, boxte Adamek einen einstimmigen und deutlichen Punktsieg über zwölf Runden heraus.

Wie nicht anders zu erwarten, handelte man den Ranglistenersten der WBO sofort als Kandidaten, gegen Weltmeister Wladimir Klitschko anzutreten. Im Lager des Polen war man sich jedoch des Risikos eines verfrühten Duells mit dem Ukrainer durchaus bewußt und kündigte an, man wolle zunächst einen oder zwei weitere Aufbaukämpfe bestreiten, bevor es Zeit für den großen Wurf sei. Adamek konnte sich diese Zurückhaltung erlauben, da es um die Konkurrenz schlecht bestellt war. Die Klitschkos hatten das Feld mit ihrer Siegesserie weitgehend leergefegt, so daß der Pole nicht fürchten mußte, durch sein Zögern ins Hintertreffen zu geraten.

Während Gerüchte kursierten, der Sender HBO plane bereits ein spektakuläres Duell zwischen Vitali Klitschko und Tomasz Adamek, das im neuen Jahr im New Yorker Madison Square Garden über die Bühne gehen solle, zog es der Pole vor, im nächsten Schritt kleinere Brötchen zu backen. Er stieg am 9. Dezember in Newark mit Vinny Maddalone in den Ring, der gemessen an seinen vorangegangenen Gegnern als zweite Wahl galt. Wieder profitierte er von seiner Beweglichkeit und einer geschickt eingesetzten Führhand, die Maddalone in Schach hielt. Nach überlegen geführtem Kampf schickte Adamek seinen drei Jahre älteren Kontrahenten in der fünften Runde zu Boden. Der US-Amerikaner kam zwar noch einmal auf die Beine, doch setzte der Pole so energisch nach, daß die Ecke seines Gegners das Handtuch zum Zeichen der Aufgabe warf.

Adamek sicherte sich mit seinem 43. Sieg im 44. Profikampf in den Prudential Centers die internationale Meisterschaft der IBF und den Nordamerika-Gürtel der WBO. Noch wichtiger war natürlich, daß er in dem an überragenden Akteuren so armen Schwergewicht derzeit zu den Besten gehört und als Herausforderer der Klitschkos erste Wahl bleibt.

Daß Klappern zum Geschäft gehört, weiß auch Adamek, und so zeigte er sich nach der Niederlage des standhaften, aber chancenlosen Shannon Briggs gegen Vitali Klitschko bestürzt über das Desaster des Amerikaners. Wie der Pole verkündete, rechne er sich gegen den WBC-Champion gute Chancen aus. Mit Briggs könne man ihn nicht vergleichen, da er nicht nur 25 Kilo leichter, sondern auch wesentlich agiler sei. Bekanntlich habe der Ukrainer mit kleineren und beweglichen Gegnern wie Chris Byrd oder Corrie Sanders beträchtliche Probleme gehabt. "Gegen mich würde Klitschko in drei Runden so müde werden wie gegen Briggs in 36 Runden", trug Adamek dick auf. "Es wäre ein viel schnellerer Kampf, er würde auch eine Menge Energie aufwenden müssen, um sich gegen meine Kombinationen zu verteidigen. Es wäre ein komplett anderer Kampf", brachte sich der Pole erneut ins Gespräch.

Dann wurde es ernst, denn die International Boxing Federation (IBF) beraumte einen Ausscheidungskampf zwischen ihm und Samuel Peter an, dessen Sieger das Vorrecht erhalten soll, Weltmeister Wladimir Klitschko herauszufordern. Adameks Promoter Ziggy Rozalski behauptete öffentlich, der Nigerianer habe völlig überzogene Gagenvorstellungen und verlange die Hälfte der gesamten Einnahmen einschließlich der weltweiten Fernsehgelder. Die Seitenhiebe gegen Peter und dessen Management ließen darauf schließen, daß man im Lager Adameks nicht sonderlich scharf auf diesen Kampf war.

Während die Verhandlungen ins Stocken gerieten, wofür man offiziell unterschiedliche finanzielle Vorstellungen verantwortlich machte, kam das Gerücht in Umlauf, Adamek treibe seine Ansprüche absichtlich hoch, um die Gespräche platzen zu lassen und sich einen anderen Gegner zu suchen. Wie es hieß, zögen die Promoter des Polen Exweltmeister Hasim Rahman vor, weil dieser als die weniger riskante und zugleich lukrativere Wahl eingeschätzt werde.

Allerdings ist kaum anzunehmen, daß die IBF dieses Duell als Eliminator akzeptieren würde. Tragisch wäre das für Adamek aber nicht, da er auch die Rangliste der WBO anführt und auf diesem Weg an Wladimir Klitschko herankommen könnte. Davon abgesehen ist sein Vermarktungspotential unterdessen so gewachsen, daß er auch als Herausforderer für eine freiwillige Titelverteidigung in Frage käme. Bislang hat man im Lager des Polen keinen Fehler gemacht und Tomasz Adamek geschickt in Stellung gebracht. Sein Marktwert ist stetig gestiegen, und sollte es zunächst zum vielbeschworenen Duell der Weltmeister zwischen Wladimir Klitschko und David Haye kommen, würde das dem Polen nicht zum Nachteil gereichen.

3. Januar 2011



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