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MELDUNG/551: Weltverbände diskreditieren ihre eigenen Ranglisten (SB)



Plazierungen entziehen sich zunehmend jeder Plausibilität

Transparenz der Ranglisten gehörte noch nie zu den Tugenden, die bei den konkurrierenden Weltverbänden des professionellen Boxsports an vorderster Stelle standen. Grundsätzlich gibt es diesbezüglich keinen Schlüssel, der eine vollständig nachvollziehbare und unanfechtbare Reihenfolge gewährleisten könnte. Ermessen bis hin zu schierer Willkür ist zwangsläufig Tür und Tor geöffnet, sofern sich die Verbandsführung nicht zum Prinzip macht, die eigene Glaubwürdigkeit durch eine halbwegs akzeptable Verfahrensweise hochzuhalten.

Im Zuge des tendentiellen Niedergangs des Boxens, das insbesondere bei einer jüngeren Generation sportinteressierter Zuschauer gehörig Federn und zunächst dem Wrestling und dann um so mehr dem Ultimate Fighting den Vortritt in der Publikumsgunst lassen mußte, wuchert opportunistische Prinzipienlosigkeit im Kreis der Weltverbände. Erlaubt scheint inzwischen, was der Vermarktung dient, und so verkommen die Ranglisten zusehends zu einer Formalie, die man ganz nach Belieben im einen Fall zur unumstößlichen Richtschnur erklärt und im andern schlichtweg ignoriert.

Die Fiktion einer aussagekräftigen Rangfolge tritt insbesondere dort zu Tage, wo wie im Schwergewicht Stagnation das Feld beherrscht und mangels aufstrebenden Nachwuchses der Altbestand ewig gleicher Namen stets aufs neue umgerührt wird. So führt die WBA in ihrer aktuellen Rangliste Exweltmeister Hasim Rahman auf dem dritten Platz, was in der Tat erstaunlich ist. Der 38jährige US-Amerikaner hat in diesem Jahr nur ein einziges Mal im Ring gestanden und dabei nicht gerade durch exzellente körperliche Verfassung geglänzt. Rahmans letzte fünf Gegner brachten es zusammengerechnet auf 128 Siege, 65 Niederlagen und zwei Unentschieden, so daß er sich statistisch gesehen in jüngerer Zeit mit Kontrahenten weit unterhalb der Weltspitze gemessen hat.

Dennoch hat Hasim Rahman Aussichten auf einen Titelkampf, da die beiden führenden Akteure der Rangliste, Ruslan Tschagajew und Alexander Powetkin, am 27. August in Erfurt um den vakanten Gürtel der WBA kämpfen. Der US-Amerikaner rückt dadurch aller Voraussicht nach an die Spitze der Rangliste vor und wäre damit Pflichtherausforderer des regulären Champions. Demgegenüber wird Robert Helenius, der zu den wenigen erfreulichen Ausnahmen der aktuellen Schwergewichtsszene gehört, lediglich an neunter Stelle der WBA-Rangliste geführt. Zwar hat der Skandinavier aus dem Sauerland-Boxstall wesentlich weniger Kämpfe als Rahman bestritten, dafür aber zuletzt fünf Gegner besiegt, die zusammengenommen 132 Kämpfe gewonnen und nur 15 verloren hatten.

Selbst wenn man die verständliche Neigung berücksichtigt, Helenius allein schon wegen des frischen Windes einen raschen Aufstieg zu wünschen, bleibt doch nüchtern bewertet völlig unverständlich, wieso er derzeit im Vergleich zu Hasim Rahman von der WBA derart unter seinem aktuellen Leistungsvermögen eingestuft wird. Da im Boxsport unmöglich jeder gegen jeden antreten kann und damit der relativ aussagekräftige direkte Vergleich nicht die Regel ist, muß man sich von der Vorstellung verabschieden, daß den Ranglisten jenseits von Verbandspolitik, Diktat der finanzstärksten Sender und Interessen der einflußreichsten Promoter eine unabhängige Qualität zukommt. Das Boxgeschäft ist wie schon der Name sagt ein Wirtschaftszweig, und so wird mit harten Bandagen gekämpft, die sich nur notdürftig mit dem obligatorischen Polster eines sportlichen Regelwerks kaschieren lassen.

11. August 2011



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