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MELDUNG/579: Letzte Worte vor dem Breslauer Spektakel (SB)



Tomasz Adamek will erster polnischer Schwergewichtschampion werden

Vitali Klitschko verteidigt am Samstagabend den WBC-Titel im Schwergewicht in Breslau gegen Tomasz Adamek. Mit diesem Kampf um die Weltmeisterschaft vor 42.000 Zuschauern wird das für die Fußballeuropameisterschaft 2012 neu errichtete Stadion eingeweiht. Während für den von Fritz Sdunek trainierten Ukrainer 42 Siege und zwei Niederlagen zu Buche stehen, hat der Herausforderer aus Jersey City, in dessen Ecke Roger Bloodworth stehen wird, 44 Auftritte gewonnen und einen verloren. Wenngleich Klitschko zwölf Zentimeter größer ist und rund 15 Kilo mehr auf die Waage bringt als Adamek, hält sich der frühere Champion im Halbschwer- und Cruisergewicht seine überlegene Beweglichkeit zugute. "Ich bin perfekt vorbereitet, mein Wille ist überaus stark", übt sich der Pole in Zuversicht.

Als WBC-Weltmeister im Halbschwergewicht deklassierte Tomasz Adamek im Jahr 2005 den Berliner Thomas Ulrich, gewann zweimal gegen Paul Briggs, verlor aber gegen Chad Dawson. Er stieg ins Cruisergewicht auf, wo er sich mit einem Sieg gegen O'Neil Bell einen Titelkampf sicherte. Kaum jemand gab ihm eine Chance gegen Steve Cunningham, zumal der Kampf in den USA stattfand, doch der Pole gewann sensationell nach Punkten. Nach zwei erfolgreichen Titelverteidigungen stieg er vor zwei Jahren ins Schwergewicht auf. Dort hat er bislang sechs Kämpfe gewonnen und dabei unter anderem Chris Arreola, Michael Grant und Kevin McBride besiegt. Wie der 34jährige erklärt, habe er keine Zeit mehr für weitere Vorbereitungskämpfe: "Ich will beweisen, daß ein Pole Weltmeister im Schwergewicht werden kann." Dieses Kunststück ist in der Tat noch keinem seiner Landsleute gelungen, da Andrew Golota, der dem Traum am nächsten kam, zweimal scheiterte. Glaubt man polnischen Medienberichten, soll Adamek eine Börse von mehr als 2 Millionen Euro erhalten.

Wie immer zollt Vitali Klitschko dem Herausforderer vor dem Kampf Respekt, wobei kaum zu unterscheiden ist, wo die gebotene Vorsicht endet und die Aufwertung des Gegners zu Werbezwecken beginnt. Er rechne mit einem der schwersten Kämpfe seit Jahren: "Tomasz ist nach meinem Bruder und mir der derzeit beste Schwergewichtsboxer." Ins Schwärmen, was die Qualitäten seines Landsmanns betrifft, gerät Dariusz Michalczewski, der Adamek nach Lennox Lewis für den gefährlichsten Gegner hält, den Vitali Klitschko je hatte: "Er ist schnell, technisch gut und kann hart schlagen."

Wladimir Klitschko hebt vor dem Kampf seines Bruders die Unterschiede zwischen Tomasz Adamek und David Haye hervor. "Ich sage es mal so: Adamek ist nicht schlechter als Haye." Der Pole zolle Vitali Respekt und konzentriere sich auf den Kampf. "Haye war die grausame Version eines Boxers, der mit seinen Aussagen und Aktionen ständig unter die Gürtellinie schlug." Wladimir selbst will im Dezember wieder in den Ring steigen, wofür er noch einen angemessenen Gegner sucht.

Trainer Fritz Sdunek, bei dem Vitali Klitschko vor 15 Jahren die erste Übungseinheit absolvierte, äußert sich begeistert über seinen Schützling: "Ich habe alles in allem bestimmt schon über 150 Boxer trainiert, aber so einen charakterstarken Typen wie Vitali hatte ich noch nie. Für mich ist er ein Jahrhundertmensch." Wie Vitali die "Jungs teilweise boxerisch verarscht, ist schon der Wahnsinn", so Sdunek.

Für Vitali Klitschko kommen nach Adamek als nächste Gegner nur zwei Boxer in Frage, meint der Trainer. Besonders interessant sei David Haye. "Nachdem er gegen Wladimir nur durch seine große Klappe Eindruck hinterlassen hat, könnte er gegen Vitali beweisen, ob er doch ein ganzer Kerl ist", so Fritz Sdunek. "Eine Herausforderung wäre aber auch Nikolai Walujew, der russische Riese. Ich finde es spannend zu erfahren, ob es Vitali als erstem gelingt, Walujew auf die Bretter zu schicken."

Tobias Drews, Boxkommentator des Senders RTL, will eine Überraschung nicht ausschließen und gibt Adamek im Kampf gegen Vitali Klitschko durchaus eine Chance. "Wenn Adamek sich mit Körpertreffern zufriedengibt und ihn seine gute Deckungsarbeit vor der linken Hand Klitschkos schützt, hätte er zumindest das Fundament für eine Überraschung gelegt." Dessen ungeachtet ist Klitschko für Drews der Favorit: "Klarer Punktsieg oder technischer K.o. in Runde elf für Vitali."

Promoter Kalle Sauerland hält die Qualitäten des Herausforderers für überschätzt. Seines Erachtens ist Vitali zu stark für Adamek, weshalb der Kampf in der siebten oder achten Runde enden werde. Da Sauerland den regulären WBA-Weltmeister Alexander Powetkin unter Vertrag hat, zieht er in Zweifel, daß Adamek Nummer drei im Schwergewicht sein soll, obgleich er dort noch nichts erreicht habe. Auch Boxexperte Jean-Marcel Nartz räumt dem Polen allenfalls geringe Chancen ein: Adamek sei von allen Gegnern Klitschkos boxerisch der beste, doch körperlich klar unterlegen.

9. September 2011



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