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MELDUNG/600: IBF-Gürtel im Cruisergewicht geht an Yoan Pablo Hernandez (SB)



Steve Cunningham unterliegt nach verletzungsbedingtem Abbruch

Der bei Sauerland Event unter Vertrag stehende und von Ulli Wegner trainierte Kubaner Yoan Pablo Hernandez ist neuer IBF-Weltmeister im Cruisergewicht. Vor 4.300 Zuschauern im restlos gefüllten Jahnsportforum Neubrandenburg setzte er sich gegen den US-Amerikaner Steve Cunningham durch. Der Kampf wurde nach der sechsten Runde abgebrochen, da Hernandez durch unabsichtliche Kopfstöße seines Gegners zwei Rißwunden davongetragen hatte. Auf den Punktzetteln lag der Kubaner zu diesem Zeitpunkt mit 2:1 in Führung (59:54, 58:55, 56:57), weshalb er zum Sieger erklärt wurde. Während der neue Champion damit 25 Kämpfe gewonnen und einen verloren hat, stehen für den entthronten Gast aus den USA jetzt 24 gewonnene und drei verlorene Auftritte zu Buche.

Fast hätte der Kampf bereits in der ersten Runde geendet, da der 35 Jahre alte Titelverteidiger von einem linken Haken auf die Bretter geschickt wurde und größte Mühe hatte, kurz vor dem Auszählen wieder auf die Beine zu kommen. Ringrichter Mickey Vann wäre auch im Falle eines Abbruchs keine Fehlentscheidung anzulasten gewesen, doch zog er es vor, dem US-Amerikaner Gelegenheit zu geben, sich von diesem frühen Volltreffer zu erholen. Nachdem sich Cunningham gerade noch in die Pause gerettet hatte, ging er im zweiten Durchgang vorsichtig zu Werke. Der Kubaner machte zwar die bessere Figur, konnte aber seinem Gegner zunächst keine weiteren Probleme bereiten.

Als die Kontrahenten in der dritten Runde mit dem Kopf voran aufeinander losgingen, zog sich Hernandez eine stark blutende Cutverletzung an der Stirn zu. Der Titelverteidiger gewann nun die Oberhand und wollte seine Überlegenheit im folgenden Durchgang ausbauen, handelte sich dabei aber etliche klare Treffer ein. Die fünfte Runde ging dann wieder an Cunningham, der insbesondere mit Schlägen zum Körper durchkam. Hernandez schien nun nachzulassen, was dem US-Amerikaner offensichtlich Auftrieb gab, den er auch in der sechsten Runde zu seinen Gunsten nutzte. Kurz vor der Pause stießen die beiden erneut mit den Köpfen zusammen, worauf der Kubaner nun auch eine Verletzung an der rechten Augenbraue aufwies. Dies nahm der Ringrichter zum Anlaß, den Ringarzt Professor Dr. Walter Wagner zu Rate zu ziehen. Wie dieser später erklärte, seien beide Augen aufgrund des Blutes so stark beeinträchtigt gewesen, daß der Boxer nicht mehr richtig sehen konnte. In einer solchen Situation müsse man zum Schutze des Boxers abbrechen. Diesen Rat habe er dem Ringrichter gegeben.

Natürlich war Yoan Pablo Hernandez glücklich, sich den Gürtel des Weltmeisters erkämpft zu haben. Wie er im Interview mit der ARD erklärte, habe er lange auf diesen Moment gewartet und freue sich riesig. Er sei für einen Gang über volle zwölf Runden bereit gewesen und habe durchweg in Führung gelegen. Die beiden Kopfstöße hätten die Entscheidung herbeigeführt, da solche Zusammenstöße schlimmer als Schläge seien.

Hingegen zeigte sich Steve Cunningham tief enttäuscht, zumal die Verletzungen des Gegners seines Erachtens nicht schwerwiegend genug waren, um einen Abbruch zu rechtfertigen. Er sprach in der ersten Erregung sogar von einem abgekarteten Spiel und forderte eine Revanche, da er nach wie vor der beste Cruisergewichtler der Welt sei.

Trainer Ulli Wegner lobte die taktische Reife seines Schützlings, der seine Aufgabe bravourös gemeistert habe und ihn sehr stolz mache. Pablo habe seines Erachtens den Kampf klar gewonnen und sei jetzt ganz oben angekommen. Man werde noch sehr viel Freude mit ihm haben. Der Geschäftsführer von Sauerland Event, Chris Meyer, sprach von unvergeßlichen Momenten, wenn man einen neuen Weltmeister feiern könne. Pablo habe jahrelang hart gearbeitet und diesen Sieg verdient. Im nächsten Schritt werde es wohl zu einer Pflichtverteidigung gegen Troy Ross kommen.


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Weiterer Rückschlag für Sebastian Sylvester

Nach der Niederlage gegen den Australier Daniel Geale, der ihn als IBF-Weltmeister im Mittelgewicht entthront hatte, mußte Sebastian Sylvester einen weiteren herben Rückschlag hinnehmen. Der 31 Jahre alte Greifswalder aus dem Sauerland-Boxstall unterlag in Neubrandenburg dem 26jährigen Polen Grzegorz Proksa im Kampf um den vakanten Titel des Europameisters durch eine verletzungsbedingte Aufgabe nach der dritten Runde. Der weiterhin ungeschlagene Pole gewann damit auch seinen 26. Profikampf, Sylvester hat jetzt 34 Siege, fünf Niederlagen sowie ein Unentschieden vorzuweisen.

Der Greifswalder begann verhalten und wollte sich offenbar mit dem Gegner vertraut machen, der jedoch sofort die Initiative übernahm und bereits in der ersten Runde mit diversen Treffern zu überzeugen wußte. Sylvester, der mit der Kampfesweise des Rechtsauslegers nicht zurechtkam, mußte auch im zweiten Durchgang zahlreiche Schläge einstecken. Dabei zog er sich eine Verletzung an der Stirn zu, die stark zu bluten anfing. Die Sicht des Lokalmatadors war daraufhin so stark eingeschränkt, daß der variabel boxende Pole in der dritten Runde fast nach Belieben Treffer plazieren konnte. In der Pause entschlossen sich die Betreuer Sylvesters auf Anraten des Ringarztes, den Kampf zu beenden.

Sebastian Sylvester, der geraume Zeit an der Weltspitze gekämpft hatte und einen erneuten Anlauf auf die Weltmeisterschaft nehmen wollte, steht nun vor der Entscheidung, auf niedrigerem Niveau anzusetzen oder ein Ende seiner Karriere ins Auge zu fassen. Wie er im anschließenden Interview Bilanz zog, habe er keine Probleme damit gehabt, die ersten Runden abzugeben. Man habe geplant, im weiteren Verlauf des Kampfs den Druck zu erhöhen und das Blatt zu wenden. Leider habe ihn die mißliche Verletzung aus dem Konzept gebracht. Ob sich ein weiterer Anlauf für ihn lohne, wisse er noch nicht. Möglicherweise sei er noch immer ein Kandidat für die freiwillige Titelverteidigung eines Weltmeisters. Andererseits sei auch ein rein deutsches Duell nicht auszuschließen.

Grzegorz Proksa bezeichnete Sylvester zwar als Weltklasseboxer, fügte aber hinzu, daß er sich den Kampf gegen ihn schwerer vorgestellt habe. Er selbst sei in Bestform angetreten und danke seinem Team dafür. Boxen sei sein Leben, und er werde sich mit jedem messen, der mit ihm in den Ring zu steigen wage, am liebsten aber mit Felix Sturm.

Trainer Karsten Röwer, der an diesem Tag seinen 49. Geburtstag feierte, räumte ein, daß der Pole einen sehr starken Eindruck gemacht habe und schwer zu treffen gewesen sei. Ein Cutverletzung sei beim Boxen nie auszuschließen, und da die Blutung das Sichtfeld eingeschränkt habe, sei der Abbruch unvermeidlich gewesen. Dieses vorzeitige Ende sei natürlich eine Enttäuschung für ihn selbst, seinen Boxer und die Zuschauer. Sebastian müsse nun in sich gehen und prüfen, ob er sich der Herausforderung noch einmal stellen will. Das werde im Alter nicht einfacher, doch stehe das Publikum nach wie vor hinter ihm.


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Karo Murat wahrt Chance auf einen Titelkampf

Wie schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen im September 2008 lieferten Karo Murat und Gabriel Campillo einander wiederum einen erbitterten Kampf, der diesmal unentschieden endete. Da dem Sieger das Vorrecht winkte, den IBF-Weltmeister im Halbschwergewicht, Tavoris Cloud, herauszufordern, stand viel auf dem Spiel. Nach verhaltenem Beginn schlug der Spanier häufiger, doch konnte Murat die wirksameren Treffer landen. Das Geschehen wogte hin und her, bis Campillo ab der siebten Runde konditionell die Oberhand gewann und das Gesicht des Berliners mit seinen Schlägen zeichnete. Angespornt von Trainer Ulli Wegner legte Murat zum Ende hin noch einmal zu, doch mußte er in der elften Runde eine kritische Situation überstehen. Im letzten Durchgang war es dann der Spanier, der bedenklich schwankte, doch konnte er sich über die Zeit retten.

Das Ergebnis der Punktrichter (115:113, 111:117, 114:114) trug dem insgesamt ausgewogenen Kampfverlauf Rechnung. Der 28 Jahre alte Karo Murat hat damit 24 Kämpfe gewonnen, vier verloren und einen unentschieden beendet, während für den 32jährigen Gabriel Campillo 21 Siege, drei Niederlagen und ein Unentschieden zu Buche stehen. Ungeachtet des Unentschiedens im Neubrandenburger Jahnsportforum ist Murat als amtierender Intercontinentalchampion der IBF nun Pflichtherausforderer des Weltmeisters, mit dem er aller Voraussicht nach Anfang kommenden Jahres in den Ring steigen wird.

2. Oktober 2011



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