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MELDUNG/609: Kein Ende in Sicht - Roy Jones erweist sich einen Bärendienst (SB)



Nach drei Niederlagen in Folge noch immer kein Rücktritt

Im Mai reiste der mittlerweile 42 Jahre alte Roy Jones jun. nach Moskau, um sich für eine lukrative Börse mit dem 31jährigen russischen Cruisergewichtler Denis Lebedew zu messen. Der US-Amerikaner erwarb vor langer Zeit den Ruf, der weltbeste Boxer aller Gewichtsklassen zu sein. Im Laufe einer 22 Jahre währenden Profikarriere mußte die Legende zwangsläufig dem körperlichen Verschleiß Tribut zollen, so daß es zur Vermeidung bleibender gesundheitlicher Schäden geboten erscheint, die Handschuhe endgültig an den Nagel zu hängen. Wie viele andere namhafte Boxer vor ihm findet jedoch auch Jones den Absprung nicht, obgleich seine aktuellen Leistungen längst nicht mehr an die seiner besten Tage heranreichen.

Zunächst präsentierte sich Roy Jones in Moskau keineswegs als das Schlachtopfer, das viele Kritiker in ihm gesehen hatten. Er machte anfangs einen guten Eindruck und bot Lebedew geraume Zeit Paroli. Der Lokalmatador stellte sich jedoch mit zunehmender Kampfdauer immer besser auf seinen Gegner ein und machte sich daran, den US-Amerikaner zu überrollen. Jones ließ bei gelegentlichen Kontern seine frühere Gefährlichkeit aufblitzen, doch reichte das bei weitem nicht aus, um den Russen zu beeindrucken. So zeigte der Gast aus Übersee kurz vor Ende der vierten Runde erstmals Wirkung und mußte vom Gong gerettet werden.

Im weiteren Verlauf ließ die Kondition des 42jährigen zu wünschen übrig, worauf es Lebedew des öfteren gelang, den Gegner in den Seilen zu stellen. Wenngleich ein vorzeitiges Ende in der Luft zu liegen schien, überstand Jones diese kritische Phase und ging in der neunten Runde sogar in die Offensive. Nach einer Kombination wirkte der Russe angeschlagen, doch gelang es dem Amerikaner nicht, entscheidend nachzusetzen. In der zehnten und letzten Runde drehte Lebedew noch einmal auf und versetzte seinem Gegner Treffer in Serie, bis der Ringrichter dazwischenging. Wenig später wurde der nun verteidigungsunfähige Jones schwer getroffen und sackte zu Boden.

Damit gewann Denis Lebedew wenige Sekunden vor Ende des auf zehn Runden angesetzten Kampfs durch Knockout und verbesserte seine Bilanz auf 22 Siege sowie eine Niederlage, während für Roy Jones nun 54 gewonnene und acht verlorene Auftritte zu Buche stehen. Bedenklich stimmt insbesondere, daß dies bereits die vierte K.o.-Niederlage des US-Amerikaners war, der offensichtlich nicht mehr an seine frühere Verfassung anknüpfen kann. Der Russe wurde seiner Favoritenrolle gerecht, doch war sein Auftritt längst nicht so überzeugend, wie man dies von ihm erwartet hatte.

Inzwischen verdichten sich die Anzeichen, daß der Auftritt in Moskau keineswegs der letzte für Roy Jones gewesen ist. Obgleich er zuletzt drei Niederlagen in Folge einstecken und sich dabei zweimal vorzeitig geschlagen geben mußte, plant er einen Kampf am 10. Dezember in Atlanta. Mit seinem Landsmann Max Alexander, der 14 Kämpfe gewonnen und bereits fünf verloren hat, wurde diesmal ein leichterer Gegner ausgesucht, der zudem nur eine geringe K.o.-Quote von neun Prozent vorzuweisen hat. Einen schweren Niederschlag hat Jones unter diesen Umständen kaum zu fürchten, doch gilt Alexander immerhin als robuster Boxer, ging er doch 2009 mit Alexander Alexejew über die volle Distanz.

Sollte sich Roy Jones in Atlanta durchsetzen, wie dies angesichts der begrenzten Qualitäten seines Gegners zu erwarten ist, leistete er doch dem Publikum und insbesondere sich selbst einen Bärendienst. Es steht zu befürchten, daß der frühere Weltmeister in vier Gewichtsklassen seine Karriere nicht mit einem leichten Sieg beenden will, sondern einen möglichen Erfolg zum Anlaß nimmt, sich an der Weltspitze für konkurrenzfähig zu halten. Kontrahenten wie Lebedew, die sich den klangvollen Namen des US-Amerikaners zunutze machen, werden sich unvermeidlich einfinden. Man kann Roy Jones nur die Einsicht wünschen, nicht länger einem Phantom nachzujagen.

11. Oktober 2011



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