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MELDUNG/655: Mormeck muß warten - Wladimir Klitschko fällt krankheitsbedingt aus (SB)



Nierenstein durchkreuzt Titelverteidigung des Weltmeisters

Professioneller Boxsport auf höchstem Niveau zeichnet sich insbesondere in den oberen Limits und namentlich im Schwergewicht durch vergleichsweise wenige Auftritte im Jahr mit ausgiebigen zwischenzeitlichen Trainingsphasen aus. Wenngleich natürlich auch in anderen Disziplinen die Vorbereitung auf den Wettkampf einem Muster aufeinander aufbauender Etappen folgt, gilt das in besonderem Maße beim Boxen. Bildlich gesprochen muß jedesmal in einem aufwendigen Prozeß weit ausgeholt werden, bis wieder die erforderlichen körperlichen Voraussetzungen hergestellt sind. Von organisatorischen und finanziellen Komplikationen ganz abgesehen ist daher eine Kampfabsage insofern ein schwerer Schlag für den Boxer, als die Knochenarbeit der Einstimmung auf diesen Höhepunkt wenn nicht völlig, so doch in hohem Maße vergebens war.

Diese Enttäuschung teilen aktuell auch Wladimir Klitschko und Jean-Marc Mormeck, da der Weltmeister seine für den kommenden Samstag in Düsseldorf geplante Titelverteidigung gegen den Franzosen krankheitsbedingt absagen mußte. Wie sein Manager Bernd Bönte mitteilte, könne man leider nicht umhin, dem Kampf zu verschieben. Wladimir sei außerordentlich enttäuscht, weil er nach sieben Wochen Vorbereitung mit hundert Sparringsrunden gern gekämpft hätte und die Fans nicht enttäuschen wolle. Es gehe ihm jedoch leider nicht gut genug, sagte Bönte auf der offiziellen Pressekonferenz, die damit einen unerwarteten Verlauf nahm. Für das Duell in der Esprit Arena waren bereits 30.000 Karten verkauft worden.

Der 35 Jahre alte Weltmeister der Verbände IBF, WBO und Superchampion der WBA hatte in seinem Trainingslager im österreichischen Going eine Nierenkolik erlitten und mußte sich am vergangenen Samstag kurzfristig einer Operation unterziehen. Dabei wurde in einem 45minütigen endoskopischen Eingriff ein Nierenstein aus der Harnröhre entfernt. In der Folge kam es zu Komplikationen, die auch zur kurzfristigen Absage beim RTL-Jahresrückblick mit Günther Jauch zwang. Nach Angaben von Professor Dr. Peter Albers, dem Chef der urologischen Abteilung an der Universitätsklinik Düsseldorf, der den zweiten Eingriff vornahm, war der Schmerzzustand so katastrophal, wie man ihn sich normalerweise nicht vorstellen könne: "Das ist auf der Schmerzskala ganz, ganz weit oben, weit vor jeder Geburt."

Nachdem Klitschkos Management zunächst noch mitgeteilt hatte, daß der 20. Weltmeisterschaftskampf des Champions trotz des Eingriffs stattfinden könne, bewahrheitete sich diese optimistische Einschätzung nicht. Wie Prof. Albers dazu erklärte, wäre im Falle eines günstigen Verlaufs durchaus möglich gewesen, das Training am nächsten oder übernächsten Tag wieder aufzunehmen. Klitschko habe jedoch Schmerzen gehabt und sich so schlecht gefühlt, daß auch die für Sonntag geplante Übungseinheit gestrichen werden mußte. Als am Abend desselben Tages erneut Schmerzen auftraten, habe man die Entscheidung getroffen, den geplanten Kampf abzusagen. "Er ist jetzt schmerzfrei und hat keine Beschwerden mehr. Allerdings ist er nach zwei operativen Eingriffen innerhalb von 24 Stunden noch sehr geschwächt. Bis Mittwoch erhält er Antibiotika und Schmerzmittel, danach sollte er wieder völlig genesen sein", sagte Albers. Klitschkos Hamburger Vertrauensarzt Bernd-Michael Kabelka befürwortete ebenfalls die Absage, da das Risiko, derart geschwächt und mit einer frisch operierten Niere einen Titelkampf zu bestreiten, unverantwortbar gewesen wäre.

Klitschko selbst stand der Presse nicht zur Verfügung, da er sich noch schonen wollte und in seinem Hotelzimmer geblieben war. Wie es hieß, werde er in den nächsten Tagen zwischen Hotel und Uniklinik pendeln und sich dann im Weihnachtsurlaub weiter erholen. Im Anschluß will sich der Ukrainer wieder ins Trainingslager begeben und auf die Neuauflage vorbereiten.

Seit siebeneinhalb Jahren unbesiegt, hatte Wladimir Klitschko bei seinem letzten Auftritt am 2. Juli in Hamburg den Briten David Haye im Kampf zweier Weltmeister nach Punkten besiegt und ihm damit den Titel der WBA abgenommen. Der Verband erkannte ihm daraufhin den Rang des Superchampions zu. Gegen den 39jährigen Jean-Marc Mormeck hoffte der Ukrainer, den 50. vorzeitigen Sieg seiner seit 1996 dauernden Profikarriere herbeiführen zu können.

Der Herausforderer trug die kurzfristige Absage wohl oder übel mit Fassung. "So ist das Leben", sagte der Franzose. "Ich bedauere das sehr, aber wenn er krank ist, ist er krank. Er wird jetzt erstmal seine Ruhe brauchen." Mormeck soll jedoch seine Chance bekommen, da ein Nachholtermin am 3. März 2012 geplant ist. Demnach ist die Düsseldorfer LTU-Arena für dieses Datum geblockt, die Eintrittskarten behalten ihre Gültigkeit. Um diese Neuansetzung zu realisieren, bedarf es allerdings einer Zustimmung der IBF, da bei diesem Weltverband eigentlich im nächsten Schritt eine Pflichtverteidigung gegen den US-Amerikaner Tony Thompson vorgesehen ist. "Ich gehe aber davon aus, daß die IBF der Verschiebung zustimmt", sagte Bönte.

Vor einem Jahr hatte Klitschko wegen einer Bauchmuskelverletzung ein für den 11. Dezember in Mannheim geplantes Duell mit dem Briten Dereck Chisora absagen müssen. Auch der Nachholtermin 30. April fiel offiziell wegen der Nachwirkungen der Verletzung aus, doch ging man weithin davon aus, daß die zeitliche Nähe zum unterdessen vereinbarten Kampf mit David Haye der eigentliche Grund war. Mormeck bleibt daher kaum etwas anderes übrig, als in die Verschiebung einzuwilligen und zu hoffen, daß Klitschko bis dahin keine attraktivere Option ins Visier nimmt. "Wenn Wladimir vorhat, mich genauso hinzuhalten wie Chisora, dann wird er ein großes Problem mit mir bekommen", warnte Mormeck, ohne näher darauf einzugehen, worin dieses bestehen könnte.

Ganz ohne Spektakel ging die Pressekonferenz in Düsseldorf dann aber doch nicht über die Bühne. Plötzlich tauchte der deutsche Schwergewichtler Manuel Charr auf und polterte ungefragt, er wolle sich mit Vitali Klitschko messen. "Ich bin ein Schalker, ein Ruhrpottler und habe mich von ganz unten nach oben geboxt", bediente der bislang ungeschlagene "Diamond Boy" ein gängiges Klischee, um dann martialisch fortzufahren: "Ich bin ein deutscher Panzer. Mormeck wäre für mich nur ein Sparringspartner. Vitali gehört mir", verkündete Charr, ehe er nach nur zwei Minuten wieder verschwand. Bernd Bönte, dem der 27jährige einen Spielzeugpanzer überreicht hatte, antwortete lakonisch: "Wir wollen keine drittklassigen Schwergewichtsboxer zu Wort kommen lassen."

6. Dezember 2011



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Elektronische Zeitung Schattenblick, ISSN 2190-6963
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